Ungarische Professorin "Was bringt Talent, wenn die Universitäten nicht mehr frei sind?"

Die rechtskonservative Regierung von Viktor Orbán will Forschungsinstitute in Ungarn stärker kontrollieren. Eine Wissenschaftlerin erklärt, warum sie um die akademische Freiheit fürchtet.

Studierende in Budapest protestieren für Wissenschaftsfreiheit
Attila Kisbenedek/ AFP/ Getty Images

Studierende in Budapest protestieren für Wissenschaftsfreiheit

Ein Interview von Christopher Piltz


Im Dezember 2018 gab die Central European University bekannt, Budapest zu verlassen und nach Wien zu ziehen. Die neuesten Pläne der Politik: die renommierte Akademie der Wissenschaft stärker zu kontrollieren. Die Forschungsinstitute sollen fortan einem Gremium unterstellt sein, das mehrheitlich vom Premierminister bestimmt wird - dem rechtskonservativen Viktor Orbán. Éva Judit Kovács ist seit 17 Jahren Professorin für Soziologie. Sie lehrt an der ELTE Universität und ist Forschungsleiterin am Zentrum für Sozialwissenschaften der ungarischen Akademie der Wissenschaft.

UNI SPIEGEL: Frau Kovács, haben Sie das Gefühl, noch frei forschen und lehren zu können?

Kovacs: Eigentlich ja, ich werde bisher von niemandem kontrolliert. Das Problem ist nur: Meine Ergebnisse interessieren kaum noch jemanden im Land. Es gibt immer weniger freie Medien, die unsere Studien aufgreifen und darüber diskutieren. Vor einigen Jahren haben Fernsehen und Tageszeitungen noch regelmäßig über Ergebnisse der Sozialforschung berichtet. Das hat sich stark geändert. Speziell Studien zu Themen wie Migration oder Fremdenfeindlichkeit werden in der Öffentlichkeit kaum mehr behandelt.

UNI SPIEGEL: Im vergangenen Herbst wurde dem Studiengang "Gender Studies" die Zulassung entzogen.

Kovacs: Das war rein symbolisch. In dem Fach waren nur etwa ein Dutzend Studierende eingeschrieben. Der Lehrstuhl hatte keinen großen Einfluss. Der Regierung ging es nur darum, ihr konservatives Bild von Familie und Geschlecht beizubehalten. Die Lehren der "Gender Studies" passen da nicht.

UNI SPIEGEL: Kürzlich hielten Sie in Regensburg einen Vortrag über die bedrohte Freiheit der Wissenschaft in Ungarn. Sie sprachen dort von einem Putsch der Regierung. Was meinen Sie damit?

Kovacs: Vor einem Jahr gab es einen ersten Gesetzesentwurf der Regierung. Er sah vor, die Akademie der Wissenschaft neu zu organisieren. Unter anderem sollte sie die Autonomie über ihr Budget verlieren, zudem sollte mehr Einfluss auf die Forschungseinrichtungen genommen werden. Als der Akademie-Präsident diese Pläne vorgelegt bekam, ließ man ihm 54 Minuten Bedenkzeit, um darauf zu reagieren. In einer Demokratie erwarte ich, dass solche Entscheidungen ausgiebig debattiert werden.

UNI SPIEGEL 4/2019
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UNI SPIEGEL: In den vergangenen Monaten gingen Tausende Menschen in Ungarn auf die Straße, um für eine freie Wissenschaft zu demonstrieren. Welchen Erfolg haben die Proteste?

Kovacs: Wir spüren gerade viel Solidarität, nicht nur im Land, auch international. Aber ich bin skeptisch, wie lange sie anhält. Die Unterstützung aus dem Ausland kommt bisher überwiegend aus dem Wissenschaftsbetrieb: Die Leibniz-Gemeinschaft hat protestiert, die Max-Planck-Gesellschaft ebenfalls, auch viele andere wissenschaftliche Einrichtungen engagieren sich. Aber wir brauchen mehr Druck auf die Regierung von europäischen politischen Akteuren. Sonst wird die akademische Freiheit in Ungarn bald völlig abgebaut sein.

UNI SPIEGEL: Sie klingen resigniert.

Kovacs: Es gibt viele talentierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Ungarn. Aber was bringt Talent, wenn die Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht mehr frei sind? Viele überlegen deshalb, das Land zu verlassen. Ich gebe ein Doktoranden-Seminar, dort kommt das Thema ständig auf. Für viele Forscher ist das die einzige Möglichkeit, ihre Fähigkeiten voll zu entfalten.

Anmerkung: Die Angaben zur Person von Eva Kovacs haben wir korrigiert.



insgesamt 9 Beiträge
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quark2@mailinator.com 03.08.2019
1.
Die akademische Freiheit ist weg, seit die Finanzierung der Unis von Firmen abhängt und seit die Lehrkräfte ihrer Posten nicht mehr sicher sind. Schließlich kann man ja nicht einfach an die Uni im Nachbardorf gehen, wenn man in der Hauptstadt wegen einer unliebsamen Meinung seinen Vertrag nicht verlängert bekommt. Diese finanzielle Kandarre ist wesentlich invasiver als etwaige Gesetze. Und sie betrifft nicht nur Ungarn.
hannibalanteportas 04.08.2019
2. Ich habe Zweifel,
wie frei die Universitäten je waren. Sicherlich gibt es Fächer, die unter einem weniger großen Einfluss von Außen stehen. Soweit ich das noch aus Studienzeiten erinnere, ist der bio-med. Sektor sehr stark mit entsprechenden Unternehmen verwoben. Und die geisteswissenschaftlichen Fächer sind auch seit jeher bestimmten Strömungen unterworfen. Ich habe es selbst miterlebt, wie ein alter Professor unsanft nach seiner Emeritierung "hinauskomplimentiert" wurden. Nach der Emeritierung können Profs immer noch ihre Lehrbefugnis ausüben oder Doktorand*innen betreuen. Dem haben sie immer mehr Mittel und Leute gestrichen. Seine Art, bestimmte Lehrinhalte zu lehren war der neuen Sichtweise in unserem Fach ein Dorn im Auge. Am Ende hatte er einen Halbtags-HiWi und ein Mini-Büro im Keller. Irgendwann hat er aufgegeben, hat aber zumindest weiter geprüft. Geld und Ideologie sind große Faktoren. Der Staat sollte nicht auch noch in der Art mitmischen. Und es sollten die erwähnten Einflüsse auch angegangen werden.
brathbrandt 04.08.2019
3. Wir sollten ganz still sein.
Wenn ein Staat über 30 Lehrstühle für "Genderforschung" hat, aber nur einen einizigen für Demographie: Glaubt jemand ernsthaft, dass das nichts mit politisch-strukturellen Eingriffen zu tun hat?
pink15 04.08.2019
4. Frei?
Bei uns in Deutschland sieht es nicht besser aus mit der "Freiheit der Forschung und Lehre". Ein wissenschaftliches Prekariat hangelt sich von Projektvertrag zu Projektvertrag, ohne realistische Hoffnung auf eine Festanstellung. Wie frei ist man bei solchen Arbeitsverträgen? Und dann haben wir noch den unheilvollen Einfluss der Bertelsmann- Stiftung, die die Universitäten fest im Griff hat.
Brubeck 04.08.2019
5. Gegen die Soros-Universität* hat die nichts?
Dort wird dogmatischer Neoliberalismus gepredigt. Gelehrt kann man ja nicht sagen. Zumindest in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Central European University mit Sitz in New York, der CEU Business School mit Sitz in Budapest, jetzt Wien. Grauenhafte Gehirnwäsche, was dort mit den Studenten geschieht. Von Freiheit und offener Diskussion kann doch überhaupt keine Rede sein. Dressiert werden ausschliesslich Raubtiere für´s Hamsterrad.
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