Vier Professoren reden Klartext Ihr Studenten nervt!

Unpünktlich, unvorbereitet, unwissend - Studenten können die Pest sein, wenn man sich von ihnen seit Jahren die gleichen Ausreden anhören muss. Vier Professoren ziehen vom Leder.

Studenten im Hörsaal (Archiv)
DPA

Studenten im Hörsaal (Archiv)

Von Peter Neitzsch und Uli Oesterle (Illustrationen)


Mehr Mut zum Widerspruch, bitte!

"Mich stört, wenn Studenten nicht zu ihrer Meinung stehen, sondern nur das erzählen, was ich vermeintlich hören will. Das passiert zum Beispiel auf unseren Exkursionen, wo doch eigentlich der Blick für die Umgebung geschärft werden soll. Wenn dann nur Dinge kommen, die wir schon besprochen haben, macht mich das wahnsinnig. Die Geländegeologie lebt von Beobachtungen, etwa wenn wir uns fossile Riffe ansehen. Das ist wie im Krimi: Man hat eine Leiche und versucht, den Tathergang zu rekonstruieren. Dafür ist es unbedingt notwendig, selbst zu denken und Dinge zu hinterfragen. Doch das passiert leider immer seltener.

Auch in der Vorlesung habe ich oft das Gefühl: Da wurde auswendig gelernt und abgespult. Die verschulten Bachelorstudiengänge fördern diese passive Lernhaltung.

Von meinen Studenten wünsche ich mir mehr Mut zum Widerspruch. Sie sollten weniger stromlinienförmig sein und auch das Leben neben der Uni nicht vergessen.

Dennoch liebe ich die Lehre. Besonders diesen Heureka-Moment des Verstehens, wenn den Studierenden plötzlich klar wird, warum sie gerade dieses Fach studieren, und die Begeisterung geweckt ist. Das macht mich glücklich."

 Prof. Dr. Hildegard Westphal erforscht Umweltveränderungen anhand der Ablagerungen der Küstenmeere. Die Geologin ist Direktorin des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenökologie in Bremen . Gemeinsam mit anderen Hochschullehrern hat sie den "Campus-Knigge" herausgegeben - eine augenzwinkernde Einführung in die akademische Begriffswelt
Tristan Vankann

Prof. Dr. Hildegard Westphal erforscht Umweltveränderungen anhand der Ablagerungen der Küstenmeere. Die Geologin ist Direktorin des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenökologie in Bremen . Gemeinsam mit anderen Hochschullehrern hat sie den "Campus-Knigge" herausgegeben - eine augenzwinkernde Einführung in die akademische Begriffswelt


Helikoptereltern und vermeintliche Hochbegabte

"Manche Studenten halten sich für hochbegabte Halbgötter. Das liegt wohl an der Inflation guter Noten beim Abitur. Auf der Universität sind die Zensuren dann anfangs durchweg schlecht. Das hält diesen Studententypus aber nicht davon ab, sich für ein Hochbegabtenstipendium zu bewerben - mit einem Anschreiben voller Rechtschreibfehler und falscher Zeichensetzung. Oft bitten mich die Studenten dann um ein Gutachten, aber ich kann ja schlecht lügen. Durch Nachhaken merke ich dann: Die glauben selbst, was sie schreiben, und halten sich wirklich für hochbegabt!

Die Eltern sind da leider keinen Deut besser. Das ist ein ganz neuer Trend: Plötzlich sitzen Mütter und Väter in meiner Sprechstunde oder intervenieren per Telefon. Das Studium ist zum Familienprojekt geworden, selbst wenn das Kind bereits 21 ist. Einmal hatte jemand eine Hausarbeit verbockt und nur drei Punkte dafür bekommen - also gerade noch bestanden. Plötzlich rief der Vater an, selbst Jurist, und wollte die Note diskutieren. Das habe ich aus Höflichkeit sogar gemacht. Am Ergebnis hat sich natürlich nichts geändert.

Viele Studenten verkennen auch, dass eine E-Mail im Grunde ein elektronischer Brief ist, und missachten konsequent alle Rechtschreibregeln und formalen Anforderungen. Dass sie Höflichkeitsfloskeln wie "Mit freundlichen Grüßen" nutzen, ist die ganz große Ausnahme. Viele Mails sind einfach nur hingeschludert und strotzen vor Smileys. Die Sprache ist wahlweise zu kumpelhaft oder im Kommandoton, wenn der Verfasser eine Extrawurst verlangt. Er bittet nicht etwa darum, dass eine Hausarbeit früher korrigiert wird, sondern er fordert es ein, mit Fristsetzung!"

 Der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Hoeren lehrt an der Universität Münster Informations- und Medienrecht. Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer war Hoeren mehr als zehn Jahre lang Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf

Der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Thomas Hoeren lehrt an der Universität Münster Informations- und Medienrecht. Neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer war Hoeren mehr als zehn Jahre lang Richter am Oberlandesgericht Düsseldorf


Kommt pünktlich!

"Unpünktlichkeit ist unter Studenten eine weitverbreitete Unsitte. Kommen und Gehen während der Vorlesung finde ich absolut unangebracht. Schließlich ist das kein Fernsehprogramm, wo man eben mal wegzappen kann. Dieses Verhalten ist gegenüber Dozenten und Kommilitonen gleichermaßen unhöflich. Wer im Hörsaal ist, sollte auch durchhalten.

Allerdings habe ich auch die Erfahrung gemacht: Wenn ich anfangs klare Spielregeln aufstelle, dann halten sich deutlich mehr daran. Deshalb gibt es zu Beginn jedes Semesters eine fünfminütige Standpauke. Dann wissen alle, was ich von ihnen erwarte.

Natürlich hat jeder in der Vorlesung Handy und Laptop dabei. Das zu bekämpfen wäre weltfremd. Ein Problem ist aber, dass viele Studenten ihre Mails trotz ihrer zahlreichen Kommunikationsmittel nicht richtig lesen. Ich erlebe oft, dass etwa die Anmeldung zum Seminar einfach untergeht. Chats und Messenger haben dagegen alle im Blick. Aber ich möchte mit meinen Studenten nicht über WhatsApp kommunizieren.

Grundsätzlich muss ich die Studenten aber auch mal loben: Viele bringen erstaunliche fachliche und soziale Kompetenzen mit. Es ist beeindruckend, wie versiert und weltläufig etwa die studentischen Vertreter in einer Berufungskommission sind."

 Der Medieninformatiker Prof. Dr. Oliver Vornberger ist Direktor des Instituts für Informatik an der Universität Osnabrück und befasst sich unter anderem mit den Themen Computergrafik, Web-Publishing und E-Learning. Um seine Studenten besser zu verstehen, geht er mit ihnen wandern, organisiert Grillabende und veranstaltet eine Weihnachtsfeier

Der Medieninformatiker Prof. Dr. Oliver Vornberger ist Direktor des Instituts für Informatik an der Universität Osnabrück und befasst sich unter anderem mit den Themen Computergrafik, Web-Publishing und E-Learning. Um seine Studenten besser zu verstehen, geht er mit ihnen wandern, organisiert Grillabende und veranstaltet eine Weihnachtsfeier


Eine Zumutung, dieses Studium!

"Ich habe das Gefühl, dass sich viele Studenten überhaupt nicht für ihr Fach interessieren. Manche empfinden das Studium geradezu als Zumutung. Da wird bereits über ein Lesepensum von 30 Seiten pro Woche gestöhnt.

Es ist normal geworden, dass Studenten erst gar nicht in Vorlesungen oder Seminaren erscheinen, weil die Anwesenheitspflicht abgeschafft wurde. Aber wer ernsthaft studiert, nimmt auch aktiv an Seminaren teil - und schneidet folgerichtig sehr viel besser in den Prüfungen ab.

Die Standardausrede für verspätet abgegebene Hausarbeiten und nicht gelesene Texte ist die: Man habe ja noch andere Fächer und deshalb nicht die Zeit gehabt. Das ist absolut lächerlich, eine Ausrede für Schlendrian. Was fehlt, ist auch die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene intellektuelle Entwicklung zu tragen und ernsthaft am akademischen Diskurs teilzunehmen. In meiner Studienzeit war es Mode, politisch zu sein. Das ist heute nicht mehr so. Aber wer gar kein Interesse an politischen Debatten hat, ist in einem politikwissenschaftlichen Studium fehl am Platz."

 Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner J. Patzelt lehrt "Politische Systeme und Systemvergleich" an der TU Dresden . Ob in Vorlesungen, in Talkshows oder auf seinem Blog bezieht Patzelt zu aktuellen politischen Debatten Stellung - unter anderem zur Pegida-Bewegung

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner J. Patzelt lehrt "Politische Systeme und Systemvergleich" an der TU Dresden . Ob in Vorlesungen, in Talkshows oder auf seinem Blog bezieht Patzelt zu aktuellen politischen Debatten Stellung - unter anderem zur Pegida-Bewegung

Hol Dir den gedruckten UNI SPIEGEL!


insgesamt 141 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
unzensierbar 03.11.2016
1.
Und am Ende kann man doch all diese Dinge mehr oder weniger auf dasselbe Problem zurückführen. Studien und eigentlich unser gesamtes Bildungssystem und unsere Lebensart sind darauf ausgerichtet, möglichst produktiv zu arbeiten und so dem Arbeitgeber möglichst viel Profit verschaffen. Man darf nicht mehr studieren was man will, sonst bekommt man einfach keinen Job mehr. Man muss das studieren, was der Arbeitgeber will. Da würde ich mich natürlich auch nicht begeistert reinsetzen, sondern einfach meine Zeit absitzen und das Studium bestehen. Erst wurde die Arbeit entfremdet und jetzt leiden wir auch noch unter einer Entfremdung der Bildung.
was-zum-teufel... 03.11.2016
2. Der Rechtswissenschaftler weiß nicht mal...,
dass man erst mit vier Punkten in Jura "gerade so eben" noch bestanden hat. Gerade in Jura ist die Lehre sehr oft Müll. Den Professoren merkt man so oft an, dass sie keine Lust haben und die Lehre nur als Last empfinden. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich bin selbst Jurist.
wolfi7777 03.11.2016
3. Mit machen ist alles!
Mein Studium ist zwar schon einige Jahrzehnte her, aber ich kann mich noch an manches gut erinnern. Ich habe schnell gemerkt, dass die meisten Dozenten darauf reagieren, wenn man aktiv mit macht und mitdenkt. Meine Lieblingsstory aus einer Mathe-Vorlesung: Der Dozent "versuchte" einen recht rechenaufwendigen Beweis - aber die Formeln entwickelten sich irgendwie nicht so wie erwartet, anstatt kürzen zu können, wurde alles komplizierter. Als er dann mal ein paar Schritte zurück trat um das Kuddelmuddel zu betrachten, erlaubte ich mir eine schüchterne Zwischenfrage: Herr Professor, fehlt da in der dritten Zeile von oben nicht bei dem einen Ausdruck der Faktor 2? Er schaute mich verblüfft an, ging zur Tafel zurück, korrigierte in Windeseile und voilá - alles löste sich zur Zufriedenheit auf ... Seitdem hatte ich bei ihm einen Stein im Brett. :)
benchok 03.11.2016
4. Ü30
Ich bin Mitte 30 und studiere berufsbegleitend. Viele der Ansichten teile ich. Gerade das Thema Unpünktlichkeit und Handy nimmt unverschämte Formen an. Auch habe ich den Eindruck, dass viele Studenten kein echtes Interesse haben an dem was sie tun. Kritisches Hinterfragen fehlt. Natürlich hab ich mit Berufs- und Lebenserfahrung andere Ansichten als die Jüngeren. Bei vielen kann ich einfach nur den Kopf schütteln; "wie haben die es hierhin geschafft?", denke ich dann. Zum Glück gibt es auch Ausnahmen, die in ihren jungen Jahren soviel Ideen haben und das Gewohnte in Frage stellen- ein Lichtblick. Leider ist die Qualität der Lehrenden ebenso breit gefächert. Der eine kann es halt, der andere nicht. Auch Profs sollten ihre Lehrmethoden aus der Nachkriegszeit überdenken und anpassen: adopt, adapt, improve...;) YiT
aberdasistdoch 03.11.2016
5. Ich bin Teil der Ursache
Ich bin Lehrer an einer niedersächsischen Gesamtschule. Es ist doch alles sogar noch viel schlimmer! Wer heute kein Einserabitur macht, hat entweder die Abschlussklausur geschwänzt oder war so clever, nach der 10. Klasse eine anständige Ausbildung anzufangen. Ich will hier nicht anfangen mit "Die Schüler werden von Jahr zu Jahr dümmer und unhöflicher", da mir die ganz Schlauen hier gleich die Sokrates-Zitate um die Ohren werfen werden. Daher formuliere ich es so: Anderswo auf der Welt werden die Schüler immer schneller immer schlauer und zeigen dabei gute Umgangsformen und interkulturelles Wissen. Der Chinese, doch eh nur damit beschäftigt ist, jeden Tag unsere anständige deutsche Wertarbeit zu kopieren, hat uns in Wahrheit doch schon überholt. Unser Land wird von einigen wenigen getragen, die bereit sind, Leistungen zu erbringen. Der Rest pimmelt - unter anderem in Medienstudiengängen - vor sich hin und überlegt, wie er durch Click-Bait-Artikel 'ne schnelle Mark machen kann. Das Traurige ist - glaubt es oder nicht - das ist so gewollt. Ich weiß es, ich bin Teil des Systems und merke langsam, dass ich niemals Teil einer Lösung sein werden, da sich niemand für Lösungen interessiert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© UNI SPIEGEL 5/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.