Der SPIEGEL

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15. August 2017, 03:57 Uhr

Ursula von der Leyen

Ministerin für Amtsverteidigung

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Ursula von der Leyens Beziehung zu ihrer Truppe ist zerrüttet. In der Bundeswehr hoffen viele auf den Abgang der Befehlshaberin. Doch die Ministerin kämpft um ihren Job. Hat sie eine Chance?

Im Dom von Fritzlar, im Mittelgang, steht am Donnerstag vor einer Woche eine kleine Frau in Schwarz und sucht Halt. Sie lehnt sich unauffällig an eine Kirchenbank. Die Verteidigungsministerin ist krank, sie hat sich in Afrika etwas eingefangen. Seit Tagen kann sie kaum etwas essen, sie hat mehrere Kilo abgenommen, aber sie kann es sich jetzt nicht leisten, Schwäche zu zeigen.

Ursula von der Leyen blickt auf die beiden Särge, die mit schwarz-rot-goldenen Fahnen bedeckt sind. Sie hört das leise Schluchzen. Sie sieht die Ehrenwache, die grünen Helme auf den Särgen, das schwarze Samtbrett mit den Orden. Sie beobachtet die Angehörigen, die nach vorn getreten sind, um Abschied zu nehmen von den beiden Soldaten, die vor zwei Wochen mit ihrem Kampfhubschrauber in Mali abgestürzt waren.

Vor wenigen Monaten noch hatte sich von der Leyen mit den Vorstandschefs großer Konzerne verglichen, wenn sie die Bedeutung ihres Amts beschreiben wollte. Als wäre die Verteidigungsministerin eine Art Chief Executive Officer der Bundeswehr.

Es war gerade dieser kalte Blick auf die Truppe, den ihr in der Bundeswehr viele übel nahmen. Soldaten verstehen sich nicht als Angestellte eines x-beliebigen Konzerns. Sie arbeiten nicht, sie dienen. Und sie erwarten von ihrer Ministerin, dass sie versteht, was die Bundeswehr ausmacht. Von der Leyen gab ihnen nicht dieses Gefühl.

Vorstandschefs stehen nicht hinter Särgen, die mit schwarz-rot-goldenen Fahnen bedeckt sind.

Die Ministerin ist in den vergangenen Wochen angegriffen worden wie nie zuvor in ihrer politischen Karriere. Aus Misstrauen und Fremdeln ist offene Ablehnung geworden.

Die Frau in Schwarz muss nun zeigen, dass sie etwas gelernt hat. Sie muss die richtigen Worte finden, Mitgefühl ausdrücken, die Kluft überwinden, die sie von ihrer Truppe trennt.

Es ist, sagt von der Leyen in einem dpa-Interview, der "schwerste Moment für mich nicht nur als Verteidigungsministerin, sondern in meiner gesamten Zeit als Ministerin über die letzten 14 Jahre". In ihrer Trauerrede im Dom von Fritzlar spricht sie in der ersten Person Plural: "Wir erweisen ihnen die letzte Ehre. Wir - die Bundeswehr, die fest an der Seite der Hinterbliebenen steht."


Im Video: "Da hab ich erst mal gegoogelt"
Ursula von der Leyen ist konservativ und modern, diszipliniert und unberechenbar, weltläufig und heimatverbunden. Ihre Karriere in Zitaten.

Plötzlich geht ihr das "Wir" über die Lippen, das sie vor drei Monaten bei ihrem verhängnisvollen ZDF-Interview peinlichst vermieden hatte. "Die Bundeswehr hat ein Haltungsproblem", erklärte sie damals, als hätte sie mit den Streitkräften nichts zu tun, "und sie hat offensichtlich eine Führungsschwäche auf verschiedenen Ebenen."

Manchmal reicht ein einziger Satz, um politische Karrieren zu zerstören.

Über von der Leyens Zukunft ist das Urteil allerdings noch nicht gefällt. Erst nach der Bundestagswahl am 24. September wird sich entscheiden, ob eine Frau Verteidigungsministerin bleiben kann, deren Verhältnis zur Truppe zerrüttet ist.

Wie eine Fremde läuft sie durch die Menge und sucht vergeblich Anschluss.

Selten in der Geschichte der Bundeswehr waren die Streitkräfte einer Rebellion gegen die Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt so nahe. Es ist ein Ringen der Militärs gegen die politische Führung und der Kampf einer immer noch männlich dominierten Truppe gegen die Frau, die als mögliche Nachfolgerin von Kanzlerin Angela Merkel gehandelt wird.

An der Frage, ob von der Leyen Verteidigungsministerin bleibt, könnte sich auch entscheiden, ob das in der Verfassung verankerte Primat des Politischen gegenüber den Streitkräften noch gilt. Und es ist der Kampf einer Frau, die ihr Amt behalten muss, wenn sie sich ihre Chance auf das Kanzleramt bewahren will.

Spätestens seit dem Sommerempfang des Wehrbeauftragten dürfte sich die Ministerin keine Illusionen mehr über ihr Standing bei den Soldaten machen.

Ende Juni hat Hans-Peter Bartels in die Kuppel des Berliner Reichstags geladen. Es ist warm, die Parlamentsferien stehen bevor, viele hohe Offiziere sind gekommen. Der Bundestagspräsident redet, der Wehrbeauftragte, die Verteidigungsministerin.

Dann tritt der Chef des Bundeswehrverbands ans Mikrofon.

André Wüstner ist ein geübter Redner, doch jetzt ist er nervös, seine Stimme ist belegt. Die politische und militärische Führung, sagt er, habe "Schaden genommen", und damit auch "die Bundeswehr als Ganzes". Dann greift er die Ministerin frontal an.

Der Schaden, sagt Wüstner, sei eingetreten durch einen "unerfahrenen Sprengmeister". Der habe eine Lawinengefahr entschärfen wollen und stehe nun "nach der öffentlichen kontrollierten Sprengung vor einer verschütteten Bundeswehr". Und so geht es weiter. Sechs Minuten lang.

Bei seinem eigenen parlamentarischen Abend zwei Tage zuvor hatte Wüstner noch eine verbindliche Ansprache gehalten. Doch seine Verbandsmitglieder waren nicht zufrieden. Sie wollten, dass die Soldatengewerkschaft endlich klare Kante zeigt. Nun hat Wüstner geliefert. Die Soldaten klatschen.

Direkt vor ihm steht die Ministerin, versteinert. Nach seiner Rede geht sie zu ihm. "Herr Wüstner", sagt sie, "das war eine Kampfansage."

Die Offiziere stecken die Köpfe zusammen und tuscheln in kleinen Gruppen über die Rede, keiner von ihnen geht auf von der Leyen zu. Wie eine Fremde läuft sie durch die Menge, sucht vergeblich Anschluss. Schließlich steht sie mit einigen Journalisten zusammen.

Sie gibt sich aufgekratzt und munter, hält es aber auch hier nicht lange aus. Am Nachbartisch entdeckt sie mehrere junge Frauen in Uniform. Es sind Gleichstellungsbeauftragte der Bundeswehr, also freundliches Terrain für die Ministerin. Mit ihnen verbringt sie den Rest des Abends.

Wüstner hat die Kampfansage der Ministerin zugesetzt. Blass und angespannt sieht er auf sein Handy: eine SMS nach der anderen, die ihm zu seiner Rede gratuliert. Angeblich sind auch viele von CDU-Abgeordneten dabei. Ein Admiral kommt vorbei und klopft ihm auf die Schulter. "Super Rede!", sagt er, aber Wüstner fällt das Lächeln schwer.

Zwei Tage später lässt von der Leyen ihren Staatssekretär einen dreiseitigen Brief an Wüstner schreiben - eine scharfe Zurechtweisung. Das Schreiben wird im Intranet der Bundeswehr veröffentlicht.

Der Empfang beim Wehrbeauftragten markiert den Tiefpunkt der Beziehung der Ministerin zu ihrer Truppe. Wut und Enttäuschung über die politische Führung werden intern geäußert, aber auch in Onlineforen oder anonym gegenüber Journalisten. Nicht jede Kritik ist tatsächlich mehrheitsfähig, belastbare Umfragen gibt es nicht.

Aber alles deutet darauf hin, dass der Ärger tief sitzt. Vor den Affären des Frühjahrs war von der Leyen nur eine unbequeme Ministerin, die vielleicht mehr als ihre Vorgänger mit der Truppe fremdelte. Jetzt ist sie in den Augen vieler Soldaten und Offiziere eine Chefin, die sich, als es ernst wurde, in die Büsche schlug, um ihre eigene Haut zu retten.

Gespräche mit Offizieren, die der Spiegel in Kasernen der Bundeswehr führt, laufen in diesem Sommer oft nach folgendem Muster ab:

"Wie geht's?"
"Beschissen!"
"Hier bei Ihnen?"
"Nee, hier ist alles okay."
"Aber?"
"Berlin. Eine Katastrophe, was die da machen."

Dann beugt sich der Offizier vor, senkt verschwörerisch die Stimme und stellt die Frage, die ihn und seine Kameraden am meisten umtreibt: "Im September ist die Uschi doch weg, oder?"

Er könnte sich irren.

Die Ministerin hat sich inzwischen eine Erzählung zurechtgelegt, um ihr schlechtes Verhältnis zur Truppe zu erklären: Sie selbst ist darin die furchtlose Modernisiererin, die die überfälligen Reformen anpackt, um die Bundeswehr in die Zukunft zu führen. Ihr entgegen stehen die Ewiggestrigen, die verknöcherten Traditionsbewahrer, die Blockierer, die aber in Teilen der Truppe den Ton angeben.

Sie sei, so die Erzählung, vor knapp vier Jahren angetreten, die Bundeswehr zu modernisieren. Eine Reihe wichtiger Reformschritte sind auf den Weg gebracht worden: im Rüstungsbereich, beim Haushalt, beim Personal. Das fand die Truppe gut, selbst wenn die Prozesse so langwierig sind, dass die positiven Folgen der Reformen noch nicht überall spürbar sind.

Jetzt geht es darum, die Bundeswehr als modernen Arbeitgeber für alle Bereiche der Gesellschaft zu öffnen. Nur dann, glaubt von der Leyen, werden die Streitkräfte im immer schärfer werdenden Wettbewerb um junge Menschen mithalten können.

Doch Gender-Workshops, mehr Frauen, Schwule, Zuwanderer, Kitaplätze - damit können die Traditionalisten nichts anfangen. Nun nutzen sie die Fehler der Ministerin im Umgang mit den Affären der vergangenen Monate, um ihren Modernisierungskurs zu diskreditieren.

Spät hat sie erkannt, dass Soldaten anders ticken als die Mitarbeiter eines Dax-Konzerns.

Von der Leyens Sicht der Dinge erklärt aber bestenfalls einen Teil des Konflikts. In Wahrheit hat sich die CDU-Frau viel zu lange als Vorstandschefin einer Art Bundeswehr AG gesehen. Spät, wahrscheinlich erst in den letzten Wochen, hat sie erkannt, dass Soldaten anders ticken als die Mitarbeiter eines Dax-Konzerns. Wer von seinen Leuten erwartet, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen, muss mehr bieten als Schwangerenuniformen und Flachbildschirme in den Kasernen. Er muss sich einlassen auf ein Wertesystem, in dem so altmodische Kategorien wie Mut, Tapferkeit, Ehre und Opferbereitschaft zählen. Vor allem aber Loyalität.

Als im Januar die Mobbing- und Misshandlungsvorwürfe in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf bekannt wurden und später die Anschlagspläne des Illkircher Oberleutnants Franco A., verfolgte die Truppe mit wachsender Empörung, wie von der Leyen jenen politischen Reflexen gehorchte, die in ihrer Karriere bis dahin immer funktioniert hatten.

Sie versuchte, schneller zu sein als die Medien, um mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit vor die Welle der Empörung zu kommen. Sie inszenierte sich als entschlossene Aufklärerin und redete die Vorfälle eher groß als klein. Und sie rückte in ihrem fatalen ZDF-Interview von der Truppe ab, um sich selbst in Sicherheit zu bringen. Seither gilt sie als Chefin, die bereit ist, andere über die Klinge springen zu lassen, wenn es für sie selbst eng wird. Ihre Soldaten bekamen das Gefühl, die politische Führung betrachte Loyalität als Einbahnstraße.

Vertrauen, das einmal zerstört ist, lässt sich nur schwer wieder aufbauen. Immer wieder hat sich von der Leyen in den vergangenen Monaten für ihren Satz entschuldigt, aber das Vertrauen ist nicht zurückgekommen.

Viele in der Truppe setzen darauf, dass nach den Wahlen ein neuer Ressortchef im Berliner Bendlerblock einziehen wird. Kräftig angeheizt wird diese Erwartung von Sozialdemokraten wie Fraktionschef Thomas Oppermann, der von der Leyen kurzerhand zur "schlechtesten Verteidigungsministerin seit der deutschen Einheit" ernannt hat.

Aber ob die Ministerin im Amt bleibt, entscheiden die Wähler und der neue Regierungschef. Vieles spricht dafür, dass die alte Kanzlerin nach dem 24. September auch die neue sein wird.

Und Angela Merkel blickt, wenn man ihren Vertrauten glauben darf, deutlich wohlwollender auf ihre Ministerin als die Sozialdemokraten, der Chef des Bundeswehrverbandes und große Teile der Truppe.

Die Kanzlerin folgt von der Leyens Version der Geschichte, sie sieht sie als Modernisiererin, die eine harte Auseinandersetzung gegen die Traditionalisten führt, den Kampf einer Frau gegen eine Männerbastion. Und da rappelt es eben manchmal. Merkel weiß, dass von der Leyen in den vergangenen Monaten Fehler gemacht hat, aber sie hält sie nach wie vor für unverzichtbar als Verteidigungsministerin.

Deutschland wird in seiner Außen-und Sicherheitspolitik in Zukunft immer aktiver auftreten müssen. Dafür braucht die Regierung eine moderne und einsatzfähige Bundeswehr. Tatsächlich aber sind die Streitkräfte nach Jahrzehnten des Sparens rückständig, veraltet und nur beschränkt einsatzfähig. Für Merkel verfügt nur von der Leyen über die notwendige Härte und Rücksichtslosigkeit, um die Modernisierung der Bundeswehr voranzutreiben.

Der Widerstand in der Truppe irritiert sie nicht. So sensibel sie sonst auf jede politische Veränderung reagiert, sowenig ist sie bereit, auf Druck von außen zu reagieren. Da wird sie stur. "In einer solchen Situation die Befehlshaberin auszutauschen wäre politisches Harakiri", sagt ein Vertrauter der Kanzlerin. Sosehr man der Bundeswehr auch verbunden sei - man dürfe nicht zulassen, dass die Truppe sich ihren Chef selbst aussuche. Am Primat der Politik soll auf keinen Fall gerüttelt werden.

Aber auch als Parteivorsitzende hat Merkel ein Interesse daran, dass von der Leyen nicht weiter beschädigt wird. Die Frau aus Niedersachsen hat die CDU zwar immer vernachlässigt, sie ist eine Einzelkämpferin, die sich nie bemühte, ein Netzwerk von politischen Unterstützern aufzubauen. In der Fraktion ist sie unbeliebt bis verhasst, aber gleichzeitig gibt es in der Union keinen Politiker, der im Wahlkampf so oft gebucht wird wie die Verteidigungsministerin.

Von der Leyen ist neben Merkel und Wolfgang Schäuble das bekannteste Gesicht der CDU. Sie ist uneingeschränkt talkshowtauglich, gegenüber der Kanzlerin loyal und steht für die Öffnung der Partei in die Mitte, die Merkel der CDU aufgezwungen hat. In Merkels Augen ist von der Leyen eine mögliche Nachfolgerin, die ihr politisches Erbe bewahren würde.

Von der Leyen selbst beteuert bei jeder Gelegenheit, dass sie gern Verteidigungsministerin bliebe. "Die Truppe hat verdient, dass ich beharrlich für ihre Modernisierung werbe", hat sie gerade erst gesagt und dabei verschwiegen, dass große Teile der Truppe glauben, sie hätten etwas anderes verdient als diese Ministerin.

Ihre Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder glaubt, dass die Reform einer Großorganisation wie der Bundeswehr mindestens sieben Jahre dauern wird. Dann sei es häufig besser, wenn ein anderes Gesicht die Modernisierung vollende. Suder hat Erfahrung mit diesen Prozessen. Als McKinsey-Beraterin begleitete sie den Umbau der Bundesanstalt für Arbeit.

Von der Leyen will weiterführen, was sie angefangen hat. Andere attraktive Posten sind für sie ohnehin nicht in Sicht. Es gibt nur drei andere Ministerämter, die sie ohne Gesichtsverlust übernehmen könnte: Finanzen, Wirtschaft oder das Auswärtige Amt.

Doch das Finanzministerium ist blockiert. Wolfgang Schäuble will bleiben, und weder die Fraktion noch die Kanzlerin werden ihn aus dem Amt vertreiben. Schon vor vier Jahren war die Union bereit, dem Koalitionspartner SPD für das Finanzministerium einen hohen Preis zu zahlen.

Das wäre diesmal nicht anders. Bleibt Schäuble, würde das Wirtschaftsministerium wohl dem Koalitionspartner zufallen. So war es meistens. Und sichert sich die Union mit Finanzen den wichtigsten Kabinettsposten, wird der kleinere Partner mit dem Außenministerium den prestigereichsten für sich beanspruchen. Am Ende bliebe für von der Leyen nur das Verteidigungsministerium.

Und so ist sie nun an eine Truppe gekettet, die sie nicht mehr will, und an ein Amt, in dem das Risiko des Scheiterns von Jahr zu Jahr steigt. Von ihren 16 Vorgängern hat kein einziger zwei volle Legislaturperioden geschafft.

Scheitert von der Leyen, ist ihre politische Karriere vermutlich beendet. Hält sie durch, stehen ihr viele Karriereoptionen offen: ein Wechsel zur EU-Kommission nach Brüssel etwa, die in gut zwei Jahren neu besetzt wird. Oder der höchste Preis: das Kanzleramt.

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