AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2017

Aussteigertraum Mein Leben im Van

Unsere Autorin war nie der Campertyp. Doch dann verbrachte sie einen herrlichen Sommer in einem alten Wohnmobil - und stellt sich seither vor, wie es wäre, einfach nicht mehr nach Hause zu kommen.

Ein Campertraum: Wandern in den Alpen, Schnorcheln in Kroatien, Schlemmen in Italien
REUTERS

Ein Campertraum: Wandern in den Alpen, Schnorcheln in Kroatien, Schlemmen in Italien

Von


Seit mein Urlaub vor ein paar Wochen zu Ende gegangen ist, fällt es mir schwer, mich wieder mit dem Alltag anzufreunden. Das liegt vor allem daran, dass ich jeden Tag an meinem Sehnsuchtsort entlanglaufen muss: an einem unmöglichen Gefährt, 5,5 Meter lang. Es parkt traurig und überdimensioniert in meiner Straße, statt seiner Bestimmung nachzugehen und mit mir Europa zu bereisen.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 42/2017
SPIEGEL-Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Das Gefährt ist mein Wohnmobil. Es stammt aus dem Jahr 1989, es sieht aus wie ein Kühlschrank aus der Zeit, als Helmut Kohl noch Kanzler und ich im Kindergarten war. Wenn man den Motor anlässt, klingt er wie ein Trecker und stößt eine politisch nicht korrekte Dieselwolke aus. Manche Menschen fangen dann an zu husten. Ich aber atme den Geruch von Freiheit ein.

Schon der Anblick des Wohnmobils lässt mich liebevolle Gedanken an Autobahnen und Raststätten entwickeln, an Meerblick, erste Reihe, und an Berge, unverstellt. Und dann ist da das Gefühl, dass ich möglicherweise etwas falsch mache im Leben. Denn seit einiger Zeit weiß ich: Statt morgens ins Büro zu laufen, könnte ich auch einfach ein Hashtag-Leben führen.

Thilo Rothacker für den SPIEGEL

Menschen, die Hashtag-Leben führen, kommen einfach nicht mehr nach Hause. Sie reisen durch die Welt in alten Bullis und Wohnmobilen. Sie machen Fotos von sich vor oder in ihren Bullis und Wohnmobilen. Sie posten diese Bilder auf Instagram, und immer schreiben sie einen Hashtag dazu: #vanlife. Ein Leben im Van. Sie fahren und posten einfach weiter. Und - das ist das Faszinierendste an der Sache - sie verdienen dabei manchmal auch noch Geld.

Man kann sich durch Instagram scrollen und dieses #vanlife beobachten. Man sieht dann ansehnliche Hipster, Mittdreißiger mit Bart, junge Frauen im Bikini, den Laptop auf dem Schoß, die durch Kalifornien rollen oder durch Oregon, die in Montenegro haltmachen oder am Nordkap. Sie haben Lichterketten an Bord, Surfbretter, Espressokocher. Gemeinsam beschauen sie den Sonnenuntergang, die Brandung, die Berge, den Sternenhimmel, und alles liegt auf diesen Bildern unter einem verträumten Filter. Manchmal holen sie ihren Rechner raus und erledigen schnell einen Job, als Grafikdesigner, Webdesigner, Schreiber. Manchmal halten diese Menschen aber auch einfach ein Produkt in die Kamera, einen besonderen Kaffee, eine Outdoorflasche, und ein Unternehmen überweist ihnen Geld dafür. Dann sind die #vanlife-Menschen auch noch Influencer.

Die Instagram-Camper und die, die gern welche wären, werden immer mehr, auch das kann man im Internet bestaunen. Es ist eine Bewegung geworden, bedeutsam genug, dass das US-Magazin "The New Yorker" ihr einen langen Artikel widmete. #vanlife sei eine neue Social-Media-Bewegung von Bohemiens, heißt es darin. Ein neumodisches Aussteigerverhalten junger Menschen, die die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen und den Arbeitsplatz einfach mit in die Welt hinausnehmen.

Ich war eigentlich nie so der Campertyp, ich dachte beim Campen an vergilbte Polster, Bierbäuche, zerkratztes Plastikgeschirr, Satellitenschüsseln. Das Gegenteil von Freiheit. Stattdessen liebte ich Flugreisen, wollte möglichst oft weit weg, ich dachte, nur in der Ferne könnte ich die Geschwindigkeit aus meinem Leben nehmen.

Aber im Sommer vor zwei Jahren überraschte ich mich selbst, da schafften mein Mann und ich uns über Ebay-Kleinanzeigen ebendieses schöne, alte Wohnmobil an, das jetzt in unserer Straße steht. Wir lackierten die Schränke weiß, hängten graue Vorhänge auf, dazu eine bunte Wimpelkette für unseren Sohn.

Im ersten Sommer holten wir noch die ADAC-Karte hervor und überlegten uns eine Route durch die Niederlande, Belgien und Frankreich, immer die Küste entlang. Im zweiten Jahr fuhren wir durch Italien, die Karte holten wir nur noch selten hervor, und in diesem Jahr wurde die Zielbeschreibung immer vager. In diesem Jahr hieß sie einfach: Süden. Wir nennen es "flowen", kein Ziel haben, keinen Zeitplan, einfach gucken, wohin es uns treibt. Wahrscheinlich ist das schon Teil des Zaubers: Größer könnte der Unterschied zum Alltag nicht sein.

Der andere Teil hat mit dem Tacho zu tun. Denn es fährt langsam, das Mobil, sehr langsam. Es entsteht eine Art Zwangsentschleunigung. Dritter Gang in den Kasseler Bergen, in den Alpen runter auf zwei. Spitzengeschwindigkeit 110 km/h, Durchschnitt 80, schätze ich.

Wir wanderten in Österreich, schnorchelten in Kroatien, aßen Pasta in Italien, paddelten in der Schweiz, und ich dachte zwischendurch immer mal, so könnte ich leben, vielleicht muss ich ein Influencer werden.

Doch als ich meine Yogamatte neben dem Mobil ausrollte, stellte ich mir vor, wie es wäre, wenn ich jetzt ein Foto davon posten müsste. Ich müsste meine Haare ordnen, mir überlegen, ob die Hose zum Hemd passt und das Hemd zur Yogamatte und die Yogamatte zum Hintergrund. Und das Schlimmste: Ich müsste online sein. Da wäre meine ganze Entspannung wieder dahin. Wir posteten nichts. Und fuhren irgendwann zurück nach Hause.

Kürzlich waren wir für ein Wochenende an der Ostsee. Es war kalt und stürmte, und wir wurden so oft nass, dass uns die Wechselkleider ausgingen. Als wir frierend und zerzaust auf engstem Raum ausharrten, fragte ich mich, was ich zu posten hätte: nasse Socken, mehr fiel mir nicht ein.

Wahrscheinlich war dies genau der Realitäts-Check, den ich brauchte. Ich tauge nicht zum Influencer, ich bin Schönwettercamper und glücklich, wenn es keine Internetverbindung gibt dabei. Wir brachen ab und fuhren nach Hause. Dort war es angenehm trocken und schön.



© DER SPIEGEL 42/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.