AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2000

Engholm – „Hecht“ oder „Beethoven“?


Die Mutmaßungen über eine Stasi-Tätigkeit des früheren SPD-Vorsitzenden und schleswig-holsteinischen Ex-Ministerpräsidenten Björn Engholm gehen nach einem Bericht des Nachrichten-Magazins DER SPIEGEL möglicherweise auf eine Verwechslung zurück. Der Gauck-Behörde jedenfalls liegen keine Hinweise vor, dass der Sozialdemokrat dem DDR-Ministerium für Staatssicherheit als „Inoffizieller Mitarbeiter“ (IM) „Beethoven“ gedient hat. Statt dessen könnte er – so wie viele westdeutsche DDR-Besucher – als „Kontaktperson“ (KP) unter der Bezeichnung „Hecht“ abgeschöpft worden sein.

Die Zeitschrift „Focus“ hatte vergangene Woche berichtet, Engholm sei Anfang der siebziger Jahre bei der Stasi als „IM für besondere Aufgaben“ geführt worden. Unter der Registriernummer XV/188/71 habe er Ost-Berlin offenbar mit Informationen versorgt.

Zwar findet sich in der so genannten Sira-Datei der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) ein „Beethoven“ mit dieser Nummer. Eine Zuordnung zu Engholm ist der Gauck-Behörde aber laut SPIEGEL nicht möglich. Auch auf Lieferungen von „Beethoven“ ist man bislang nicht gestoßen. Gegen die Version, Engholm sei „Beethoven“ gewesen, spricht zudem, dass „Beethoven“ demjenigen Referat in der HVA zugeordnet war, das die Quellen in den Unionsparteien und nicht die in der SPD betreute.

Des Rätsels Lösung könnte darin bestehen, dass bei den Recherchen zu einer möglichen Stasi-Verstrickung des SPD-Politikers ein Fehler unterlief. Schon vor Jahren waren nach Informationen aus Sicherheitskreisen Mitarbeiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz in den USA beim Abschreiben einzelner Karteikarten aus der Stasi-Klarnamendatei auf Engholm gestoßen. Allerdings sei dieser in den so genannten Rosenholz-Unterlagen, die die CIA hortet, nicht als IM, sondern nur als Kontaktperson „Hecht“ mit der Registriernummer XV/128/71 verzeichnet gewesen. Auffällig ist, dass sich „Hechts“ Nummer also lediglich durch eine einzige Ziffer – eine „2“ statt einer „8“ – von „Beethoven“ unterscheidet.

Nach Einschätzung von Sicherheitsexperten würde das Raster von „Hecht“ auch viel besser als das von „Beethoven“ auf Engholm passen. „Hecht“ wurde erstmals am 3. Februar 1971 durch die HVA-Bezirksverwaltung Schwerin erfasst. Ab 23. Januar 1978 – Engholm war acht Monate zuvor als Bildungs-Staatssekretär in die Bundesregierung eingetreten – habe ihn das für die SPD zuständige Referat in der Berliner HVA-Zentrale bei sich registriert. Vom 28. November 1983 an – der SPD-Mann war gerade Oppositionsführer in Kiel geworden – sei für „Hecht“ eine andere HVA-Abteilung zuständig gewesen. In der wurden als Kontaktpersonen nur westliche Politiker geführt, die die Stasi bei DDR-Reisen beobachtete.

Nach Angaben aus Regierungskreisen soll die Bundesanwaltschaft versuchen, mit US-Hilfe die Wirren um „Beethoven“ und „Hecht“ zu klären.



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