AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2003

Sterbehilfe -Skandal Angehörige belasten Krebsärztin

Hat die Langenhagener Krebsärztin Mechthild Bach tatsächlich 76 Patienten mit Morphium umgebracht? Sie selber sagt, sie habe das Medikamt nur zur Schmerzlinderung eingesetzt und nur mit Zustimmung der Todkranken gehandelt. Eine Angehörige widerspricht jetzt öffentlich.


Schmerztherapie bei Todkranken: Grenzen bisher ungeklärt
DPA

Schmerztherapie bei Todkranken: Grenzen bisher ungeklärt

Der Fall ist nur einer von 76 Todesfällen aus den vergangenen zwei Jahren, die seit einigen Wochen von der Staatsanwaltschaft Hannover untersucht werden. Die Fahnder versuchen herauszufinden, was genau zu den Todesfällen in der Klinik führte, in der die Ärztin arbeitete.

Der Verdacht führt die Ermittler an einen ethischen und strafrechtlichen Grenzbereich - die Sterbehilfe. Noch immer ist die Frage, wie weit Ärzte bei Todkranken gehen dürfen, deren Leben nur noch Leiden ist, nicht eindeutig beantwortet. Aber die Ermittler müssen jetzt auch einem anderen Verdacht nachgehen: Hat die Ärztin auch Patienten sterben lassen, die weder sterben wollten noch bald sterben mussten?

Bei den neuen Widersprüchen geht es um einen Todesfall aus dem Jahr 2001. Die Aussage einer Hinterbliebenen stellt die Glaubwürdigkeit der Medizinerin erneut in Frage. Beatrix Diedler, Tochter der am 30. Mai 2001 gestorbenen Christa Dudel aus Langenhagen, widersprach Bachs Behauptung, der Verzicht auf eine intensivmedizinische Behandlung sei mit ihr abgesprochen gewesen. "Mit mir oder meinen Brüdern hat darüber kein Arzt gesprochen, wir kennen Frau Dr. Bach nicht einmal", sagte Diedler dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL.

Diedler ist die einzige Tochter Dudels, die am 27. Mai 2001 mit Verdacht auf eine Gürtelrose auf die Belegstation von Dr. Bach in der Langenhagener Paracelsus-Klinik gekommen war. Obwohl stark übergewichtig, hatte die 63-Jährige in den Jahren zuvor weder über Krankheiten geklagt, noch war sie bei einem Hausarzt regelmäßig in Behandlung. Nachdem sich am zweiten Tag in der Paracelsus-Klinik Wasser in der Lunge gebildet hatte und ein lebensbedrohlicher Zustand eingetreten war, entschied sich Dr. Bach gegen eine Verlegung in ein Krankenhaus mit Intensivstation und gab stattdessen zwei Ampullen Morphium. Diese führten nach Einschätzung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen (MDK) in Niedersachsen zum Tode.

Die Entscheidung, die Patientin nach der rapiden Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes nicht mehr auf eine Intensivstation zu verlegen, sei mit dem Einverständnis der Tochter erfolgt, begründete Dr. Bach bislang ihr Vorgehen. Diedler sagte nun: "Keiner von uns wusste, was meiner Mutter gegeben wurde, keiner von uns hat zu irgendetwas seine Zustimmung gegeben." Nach Ansicht des MDK ist die generelle Prognose von Patienten dieses Alters und dieses Krankheitsbildes eigentlich noch "äußerst günstig".

Die Ärztin sagte in der Vergangenheit immer wieder, es sei ihr bei den Behandlungen mit Morphium nur um Schmerzlinderung gegangen. Das Verwaltungsgericht Hannover, das vor zwei Wochen den sofortigen Entzug ihrer Approbation bestätigte, hielt sich dagegen an ein Gutachten, das der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) in Niedersachsen vorgelegt hat. In einem der Fälle, die der MDK sich zufällig herausgepickt hatte, kamen die Mediziner zu dem vom Gericht zitierten Schluss: "Hier sprechen gewichtige Anhaltspunkte für schwere Diagnose- und Therapiefehler, die die Patientin wohl erst in den lebensbedrohlichen Zustand brachten."



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