AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2004

Deutsche Energieversorger kaufen 137 Millionen Jod-Pillen für Anwohner von Kernkraftwerken


Die deutschen Energieversorger haben 137 Millionen Kaliumjodid-Tabletten beim österreichischen Pharmaunternehmen Lannacher bestellt, um die Bevölkerung nach einem Terroranschlag auf ein Atomkraftwerk oder nach einem schweren Störfall vor radioaktiver Strahlung zu schützen. Die unter Federführung des Bundesumweltministeriums für 2,8 Millionen Euro gekauften Pillen sollen im Herbst geliefert werden. Rechtzeitig eingenommen, sättigen sie die Schilddrüse mit Jod und verhindern, dass das Organ nach einem GAU verseuchtes Jod aus der radioaktiven Wolke aufnehmen kann. Schon bisher hatten die Länder deshalb in kleineren Mengen Jod-Tabletten gelagert, deren Zahl und Dosierung nach neueren Erkenntnissen allerdings nicht mehr ausreichend erschien. Nun wird der Bund sieben Zentrallager für Pillen aufbauen, aus denen die Bevölkerung im Umkreis von 25 bis 100 Kilometern nach einem GAU versorgt würde.

Der Großteil der Tabletten wird den Ländern übergeben, um die in ihre Zuständigkeit fallende Versorgung im Umkreis von 25 Kilometern rund um die 13 deutschen Atomkraftwerke sicherzustellen. Streit gibt es allerdings um die Frage, ob erstmals Tabletten vorab an die Bürger verteilt werden sollen. Während Schleswig-Holstein zumindest alle Anwohner im Zehn-Kilometer- und Hessen im Fünf-Kilometer-Radius versorgen wird, lehnt Bayern solch ein Verfahren ab. Auch Niedersachsen wird die Tabletten vermutlich nicht verteilen; Baden-Württemberg, das fünfte Land mit einem Kernkraftwerk-Standort, hat sich noch nicht entschieden. Hintergrund der bayerischen Weigerung ist offiziell die Befürchtung, dass zahlreiche Anwohner ihre Tabletten bei einem GAU nicht mehr wiederfinden würden. Außerdem fürchten Bayern und Niedersachsen, die Verteilung von Pillen für einen GAU könnten in Zeiten des globalen Terrorismus eine Panik in der Bevölkerung auslösen.



© DER SPIEGEL 3/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.