AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 3/2004

Kwasniewski besorgt über Spannungen im deutsch-polnischen Verhältnis


Nach dem Scheitern des Gipfels von Brüssel macht sich Polens Staatspräsident Aleksander Kwasniewski Sorgen um Spannungen zwischen den Nachbarn Deutschland und Polen. Ein Kompromiss in der strittigen Frage, wie künftig im EU-Rat abgestimmt werden soll, setze, so Kwasniewski in einem Gespräch mit dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL, "mehr Vertrauen zueinander" voraus: "Das ist der Schlüssel. Dann kann es auch Kompromisse geben." Auf die Frage, wo er denn eine Kompromissmöglichkeit sähe, antwortete der Staatschef, es würde "den Polen keine größeren Probleme bereiten", wenn nach dem Nizza-System "die Stimmen für Deutschland einfach erhöht" würden. Der Vertrag von Nizza, an dem Polen festhält, spricht Deutschland mit seinen 82,5 Millionen Einwohnern 29 Stimmen zu, Polen mit 38,7 Millionen Bürgern fast gleich viel, nämlich 27 Stimmen. Gleichzeitig schränkt Kwasniewski aber ein, dass eine Erhöhung des deutschen Stimmengewichts "in Frankreich und Großbritannien Konflikte hervorrufen" könnte.

Unverständnis zeigte der Präsident gegenüber der deutschen Erwartungshaltung, die Polen hätten dankbar dafür zu sein, dass Deutschland einen frühen Beitritt zur EU befürwortet habe. Natürlich seien sie dankbar für die Unterstützung, sagte Kwasniewski, aber er sei auch überzeugt, die Deutschen wüssten zu schätzen, "dass wir den Kampf gegen den Kommunismus begonnen" und damit einen Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet haben. Sein Resümee: "Deutsche, die ein historisches Bewusstsein haben, können nicht ausschließlich Dankbarkeit verlangen." Zwar sei er sich sicher, dass beide Länder einen Kompromiss finden werden, insgesamt, so der Staatschef, seien die Zeiten im deutsch-polnischen Verhältnis aber schwieriger geworden: "Die Fronten haben sich verhärtet."



© DER SPIEGEL 3/2004
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