AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 10/2006

Kaczynskis Vorwürfe gegen die Deutschen


Der Deutschland-Besuch des neuen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski in der kommenden Woche verspricht spannend zu werden. In einem Gespräch mit dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL gebrauchte Kaczynski ungewöhnlich bittere Sätze, um sich gegen den Vorwurf zu wehren, Polen wolle künftig in der EU einseitig seine nationalen Interessen in den Vordergrund stellen. Es seien vielmehr die Deutschen, so der Tadel aus Warschau, die ohne Rücksicht auf polnische Interessen eine Gas-Pipeline durch die Ostsee bauten. "Es gibt gar keine ökonomischen Gründe für diese Pipeline. Wir sind Verbündete Deutschlands, gemeinsam in der Nato und der EU - warum also diese Pipeline um die Grenzen Polens herum?", fragt Kaczynski. Seine Gespräche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, "einer sehr sympathischen Frau", seien zu diesem Thema bisher "nicht befriedigend für Polen" verlaufen. Auch Frankreich wirft er vor, das Land forciere unter dem Schlagwort vom "wirtschaftlichen Patriotismus" nationale Alleingänge. Österreich dagegen verzögere aus Eigeninteresse die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Erneut lehnte Kaczynski ein Zentrum gegen die Vertreibung in Berlin ab: "Ich halte dieses Zentrum für einen sehr schlechten Vorschlag." Es würde "in jedem Fall" zu einer "Relativierung" deutscher Schuld führen. Kaczynski räumte ein: "Die Umsiedlungen waren sicher ein tragisches Ereignis" für die Deutschen.



© DER SPIEGEL 10/2006
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