AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2007

Hyperaktive Kinder im Pillenrausch


Der Verbrauch des Betäubungsmittels Methylphenidat, das zumeist hyperaktiven Grundschülern verabreicht wird, hat sich abermals dramatisch erhöht. Das geht aus der neuesten, noch unveröffentlichten Statistik des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte hervor: Wurden 1993 noch 34 Kilogramm verbraucht, waren es im Vorjahr 1221 Kilogramm – eine Steigerung um 3591 Prozent. Methylphenidat ist ein Psychopharmakon und in Produkten wie Ritalin, Medikinet oder Concerta enthalten. Es wird zunehmend Kindern verschrieben, denen Ärzte die umstrittene Diagnose "Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom" (ADS und auch ADHS) bescheinigen. Annette Streeck-Fischer, Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Niedersächsischen Landeskrankenhaus Tiefenbrunn, warnt: "Etliche Kinder werden sechs bis acht Jahre lang mit Methylphenidat behandelt und erhalten niemals eine psychotherapeutische Begleittherapie." In den vergangenen Jahren sind weitere Methylphenidat-Produkte auf den Markt gekommen. Die Pillenschwemme geht offenbar auf systematisches Marketing unter Kinderärzten zurück. Der aktuelle "Arzneiverordnungs-Report" warnt "vor der Verordnung überhöhter Dosen sowie laxer Indikationsstellung". Aufklärungsbedürftig seien "häufiger aufgetretene optische Halluzinationen, plötzliche Todesfälle und nicht-tödliche kardiovaskuläre Ereignisse".



© DER SPIEGEL 22/2007
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