Mediziner kritisiert "reine Willkür" bei Organvergabe


Am Mittwoch endete der erste Prozess gegen einen Transplantationsmediziner nach Bekanntwerden des Organvergabeskandals 2012. Für Bruno Meiser, 52, Leiter des Transplantationszentrums am Uniklinikum München-Großhadern und Präsident der Zentralen Organvergabestelle Eurotransplant, sind die systemischen Missstände noch lange nicht beseitigt.

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Heft 20/2015
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SPIEGEL: Herr Meiser, ein Göttinger Transplantationsmediziner hat Daten manipuliert, um seine Patienten auf der Warteliste nach oben zu befördern. Nun wurde er vom Landgericht freigesprochen. Ein gerechtes Urteil?

Meiser: Es ist ein rechtsstaatliches Urteil, das akzeptiert werden muss. Wenngleich innerhalb der Ärzteschaft die Meinung herrscht, dass diese Manipulationen hätten geahndet werden müssen, allein wegen der Signalwirkung nach außen. Aber zum damaligen Zeitpunkt waren sie halt noch nicht strafbar. Das ist bedauerlich, aber nicht zu ändern.

SPIEGEL: Drohen dem freigesprochenen Mediziner jetzt berufsrechtliche Konsequenzen?

Meiser: Die zuständige Approbationsbehörde wird prüfen müssen, ob sich aus dem Handeln eine Unwürdigkeit oder Unzuverlässigkeit ergibt. Das ist Voraussetzung für einen Entzug der Genehmigung, als Arzt zu arbeiten. Ich kann mir unabhängig davon allerdings nicht vorstellen, dass er noch einmal an einem deutschen Transplantationszentrum einen Job finden wird.

SPIEGEL: Was hat sich in den vergangenen Jahren bei der Transplantationsmedizin geändert?

Meiser: Das Fälschen von medizinischen Patientendaten wird nun mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe geahndet. Darüber hinaus entscheidet nicht mehr ein Arzt allein, ob ein Patient auf die Warteliste für ein Organ gesetzt wird. Das macht nun ein interdisziplinäres Team nach dem Mehraugenprinzip. Außerdem werden alle Transplantationszentren regelmäßig kontrolliert.

SPIEGEL: Wo sehen Sie noch Reformbedarf?

Meiser: Die ärztliche Selbstverwaltung sollte weiter für die Regeln der Transplantationsmedizin und deren Kontrolle verantwortlich bleiben, da nur dort die notwendige Expertise existiert. Die entsprechenden Gremien müssen aber aus meiner Sicht dringend professionalisiert und weiterentwickelt werden. Es gibt bislang zum Beispiel keine Verfahrensordnung für die Kontrollen der Zentren. Die Auswahl der jeweiligen Prüfer muss transparent erfolgen, Prüfung und Bewertung müssen entkoppelt werden, das können nicht dieselben Personen sein so wie bislang.

SPIEGEL: Müssen auch die Richtlinien für die Organvergabe überarbeitet werden?

Meiser: Das Verfahren ist in Deutschland viel zu langwierig. Die Stiftung Eurotransplant, die für die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern zuständig ist, hat in den vergangenen fünf Jahren mehr als 50 medizinische Empfehlungen ausgesprochen, wie die Vergaberichtlinien weiterentwickelt werden sollten. In sieben Ländern wurden diese akzeptiert. Nur in Deutschland nicht. Da es ein einheitliches Vorgehen geben sollte, müssen als Konsequenz alle Staaten weiterhin mit den alten Regeln arbeiten.

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