Neuer Skandal beim Pharmariesen Sanofi-Aventis


Der Pharmariese Sanofi-Aventis hat seit zehn Jahren im Auftrag zahlreicher Pharmaunternehmen angeblich Kreuzfahrtschiffe in aller Welt beliefert. Die Arzneimittel kamen nach Recherchen des SPIEGEL jedoch nicht auf den Schiffen an, sondern landeten womöglich über den Graumarkt in deutschen Apotheken.

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Pharmaunternehmen wie Pfizer, Janssen-Cilag, Lilly, BoehringerIngelheim, AstraZeneca, Merck und andere lieferten bis ins Jahr 2011 jeden Monat große Mengen rezeptpflichtiger Arzneien mit 50 Prozent Rabatt an Sanofi-Aventis. Sanofi wiederum versicherte, die Medikamente ins Ausland zu schaffen, um damit mehr als 150 Kreuzfahrtschiffe in aller Welt auszustatten. Zu diesem Zweck lieferte Sanofi die Medikamente an die Firma Carnival Enterprise S.A. Diese Firma ist jedoch nicht verbunden mit dem größten Kreuzfahrtkonzern der Welt, der Carnival Corporation. Stattdessen handelt es sich bei Carnival Enterprise um eine Briefkastenfirma mit Sitz in Panama, die von dem deutschen Teamchef der Motorrennstalls MC Racing, Harald Böttner, geleitet wird.

An ihn lieferte Sanofi-Aventis in den vergangenen Jahren Medikamente im Wert von mehr als 200 Millionen Euro. Die angebliche belieferten Kreuzfahrtschiffen verschiedener Reedereien haben dem SPIEGEL auf Anfrage jedoch mitgeteilt, keinerlei Geschäftsbeziehung mit dem angeblichen Schiffsausrüster Carnival Enterprise in Panama zu unterhalten und niemals Arzneimittel von dieser Firma bezogen zu haben.

Sanofi-Geschäftsführer Martin Siewert lehnte es mit Blick auf laufende staatsanwaltschaftliche Ermittlungen ab, Fragen zu dem Fall zu beantworten. Auch Carnival-Enterprise-Präsident Böttner beantwortete die an ihn gestellten Fragen nicht, da es sich "größtenteils" um "Geschäftsgeheimnisse" handle.

Aufgebaut wurde das Geschäft der angeblichen Schiffsbelieferung von Böttners Vorgänger Siegfried Pulgrabia, einem in Venezuela lebenden Geschäftsmann, der im Jahr 2009 so viel Geld an die FDP gespendet hat wie kein anderer aus dem Ausland. Pulgrabia hatte das Geschäft 2001 eingefädelt mit dem damaligen Sanofi-Cheflobbyisten Erich Dambacher, der bis vor kurzem jeden Monat 85.000 Euro Honorar von Carnival Enterprise erhielt. Dambacher teilt über seinen Anwalt mit, dass er und die Pharmafirmen offenbar getäuscht wurden. In einem ähnlich gelagerten Fall, der fingierten Belieferung von Hilfsorganisationen, ermittelt die Staatsanwaltschaft seit mehr als einem Jahr gegen Dambacher und Manager von Sanofi-Aventis wegen Bestechung und Bestechlichkeit.



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