Staatsanwalt will Anklage gegen Richter erheben - der Jurist soll Prüfungslösungen verkauft haben


Der Skandal um verkaufte Jura-Klausuren in Niedersachsen ist offenbar größer als bisher angenommen. Bereits im Jahr 2012 sind im niedersächsischen Justizprüfungsamt Unregelmäßigkeiten bei Prüfungen aufgefallen. Schon damals bestand in sieben Fällen der Verdacht, Referendare könnten Zugang zu Prüfaufgaben und Lösungen erhalten haben. Erst in diesem Frühjahr war ein verdächtiger Referatsleiter der Behörde in Celle verhaftet worden. In den kommenden Tagen will nun die Staatsanwaltschaft im niedersächsischen Verden Anklage gegen den Richter Jörg L. wegen Bestechlichkeit erheben. In einem polizeilichen Ermittlungsbericht sind 13 ehemalige Referendare aufgeführt, denen L. Unterlagen angeboten haben soll. Sieben weitere Fälle werden noch geprüft. Der Richter soll bis zu 20.000 Euro für seine Hilfe verlangt haben. Auch gegen einen Hamburger Repetitor wird in diesem Zusammenhang ermittelt. Die Fahnder sind sich sicher, dass zumindest in einem Fall tatsächlich 4000 Euro geflossen sind; nicht ausschließen wollen sie außerdem, dass Jörg L. sich auch mit sexuellen Leistungen hat bezahlen lassen. "Sonderprüfteams" des niedersächsischen Justizministerium suchen derweil weiterhin nach Auffälligkeiten in den Klausuren von rund 2000 Absolventen, die seit 2011 ihre Examen abgelegt haben. Da Klausuren regelmäßig unter den Bundesländern ausgetauscht werden, könnten auch andere Länder von dem Skandal betroffen sein. Jörg L. war nach einer spektakulären Flucht in einem Mailänder Hotel festgenommen worden. Er wartet nun in der Justizvollzugsanstalt Bremen auf seinen Prozess, der voraussichtlich im Dezember beginnen wird.



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