AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2017

Bruder, Schwester, Erbfeind Warum erben so viele Familien zerstört

260 Milliarden Euro erben die Deutschen in diesem Jahr. Klingt gut, doch in vielen Fällen gibt es Streit. Geht es auch friedlich? Eine Gebrauchsanweisung für Erben und Vererbende.

Urne: "Fahr zur Hölle"
Monika Keiler / DER SPIEGEL

Urne: "Fahr zur Hölle"

Von und Britta Stuff


Als Ina Korn hörte, dass ihr Vater im Sterben lag, fuhr sie nach Sinsheim ins Krankenhaus und setzte sich an sein Bett, als ob nichts gewesen wäre. Seit der Scheidung ihrer Eltern vor mehr als 30 Jahren hatte sie kaum mit ihrem Vater gesprochen. Er war ihr aus dem Weg gegangen, hatte sie verleugnet, ihren Geburtstag vergessen, ihr den Unterhalt verweigert. Nun aber ergriff er ihre Hand. Eine Stunde lang saß Ina Korn am Bett ihres Vaters, dann sagte sie "Auf Wiedersehen, Papa" und fuhr nach Hause. Als sie ihm anderntags eine Suppe vorbeibringen wollte, war er tot.

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Heft 22/2017
Der letzte Wille entzweit Familien - doch es geht auch friedlich. Eine Gebrauchsanweisung

So hätte Ina Korn vielleicht doch noch ihren Frieden mit ihrem Vater gemacht - wäre nicht einige Wochen später ein Brief vom Notar gekommen. Der letzte Wille ihres Vaters sah folgendermaßen aus: Der Sohn aus zweiter Ehe kriegt so viel wie möglich. Ina Korn und die beiden anderen Kinder aus erster Ehe hingegen bekommen nur den Pflichtteil. "Am liebsten wäre es meinem Vater gewesen, uns sogar den vorzuenthalten", sagt Korn, die heute 49 Jahre alt ist. Sie kämpft mit den Tränen, wenn sie darüber spricht.

Etwa 260 Milliarden Euro werden dieses Jahr in Deutschland vererbt, eine märchenhafte Summe. Genug, um rechnerisch die gesamten Sozialausgaben des Bundes zu decken. Um alle deutschen Kindergärten, Schulen und Universitäten zu finanzieren. Um alle 82 Millionen Einwohner Deutschlands zwei Wochen auf Luxuskreuzfahrt in die Karibik zu schicken. An jedem Tag wird hierzulande mehr Geld vererbt, als für Lebensmittel ausgegeben wird, und vermutlich sind diese Zahlen sogar "zu niedrig geschätzt", wie es in einer noch unveröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung heißt.
Das klingt nach einem Segen für die Erbengeneration, immerhin hat in Deutschland fast jeder Dritte schon einmal etwas geerbt. Doch vielen bringt das Erbe auch Unglück. Begünstigte und Zukurzgekommene fallen übereinander her. Familien zerbrechen am Neid. Der letzte Wille vergiftet das Leben der nachfolgenden Generation, was kein Wunder ist, liefert das Testament doch womöglich eine Antwort auf die vielleicht wichtigste Frage, die sich jedes Kind irgendwann stellt: Haben mich meine Eltern geliebt?

Bei jedem sechsten Nachlass kommt es laut einer Allensbach-Studie zum Streit, bei größeren Erbschaften sogar in jedem vierten Fall. Seit Einführung der Fachanwaltschaft für Erbrecht vor zwölf Jahren haben mehr als 1800 Anwälte diesen Titel erworben. Die Zahl der offenen Erbstreitigkeiten vor deutschen Zivilgerichten geht in die Hunderttausende, so schätzen Experten. Und der Bielefelder Fachanwalt und Mediator Stephan Konrad, der sich auf die komplizierten Fälle spezialisiert hat, sagt: "Von hundert Fällen erlebe ich vielleicht zwei, wo einer der Erben sagt: Hier komm, ich verzichte, lass gut sein."

Schon in der Bibel steht das Gleichnis vom verlorenen Sohn, der sein Voraberbe im Ausland verprasst hat und als Bettler zurückkehrt. Sein Vater nimmt ihn voller Freude auf - und erregt damit den Zorn des älteren Bruders. Das Thema Erben zieht sich durch die Weltliteratur, es inspirierte William Shakespeare zu "König Lear", Honoré de Balzac zu "Vater Goriot" und Thomas Mann zu "Buddenbrooks". Alle Erbgeschichten haben eines gemein: Es wird missgönnt, gehasst und gelitten - und es ist unmöglich vorherzusagen, wer am Schluss mit wie viel dasteht.

Fast jeder seiner Mandanten träume davon, dass seine Liebe über seinen Tod hinauswirke, sagt Anwalt Konrad aus Bielefeld. "Seine Erben rühmen seine Großzügigkeit und behalten ihn in dankbarer Erinnerung", so stelle man sich das vor.

Doch Konrad erzählt seinen Mandanten dann eine andere Version der Geschichte. Sie beruht auf seiner jahrelangen Erfahrung und geht so: "Ohne vernünftige Regelung werden sich Ihre Erben an Ihrem noch offenen Grab zerstreiten. Der Streit wird Jahre dauern. Und während die eine Hälfte Sie im Laufe der Zeit vergisst, wird Sie die andere Hälfte zur Hölle wünschen und dafür hassen, was Sie der Nachwelt angetan haben."

Frau Ott und die Asche ihres Vaters

Bei Gabriele Ott war eigentlich alles geregelt. Sie ist ein Einzelkind. Wenn sie zu ihrer Mutter sagte, dass sie gern Geschwister hätte, bekam sie als Antwort: "Sei froh, so gibt es einmal keinen Ärger nach unserem Tod. Du bist Alleinerbin."

Als die Mutter 2012 im Alter von 76 Jahren starb, schien immer noch alles klar. Die Eltern hatten ein "Berliner Testament", das heißt, sie setzten sich gegenseitig bei einem Notar als Alleinerben ein und bestimmten, dass mit dem Tod des zweiten Partners der Schlusserbe ihre Tochter sein solle. Auch dann, wenn der übrig gebliebene Partner noch einmal heiraten sollte.

Familie Ott bei einer Feier Mitte der Sechziger
Monika Keiler / DER SPIEGEL

Familie Ott bei einer Feier Mitte der Sechziger

Das Berliner Testament gilt als sichere Regelung. Grundsätzlich darf der zurückbleibende Partner das Testament weder ändern noch ein neues aufsetzen.

Die Mutter war noch nicht lange tot, da sagte der Vater, dass er nicht allein bleiben wolle. Er meldete sich bei einer Vermittlungsagentur für Senioren an, bekam Telefonnummern von Frauen in seiner Gegend und begann, sie zu treffen.

Im November 2013 lernte der Vater Frau Z. kennen. Frau Z. war schon Anfang achtzig und selbst verwitwet. Eine kleine flinke Frau mit grauem Haar, die noch fit genug war, im Urlaub beim Parasailing mitzumachen.

Frau Z. habe schon beim ersten Treffen wissen wollen, wie viel Geld der Vater eigentlich habe, erzählt Gabriele Ott. Das habe sie nicht misstrauisch gemacht. Wahrscheinlich wolle Frau Z. sichergehen, dass der Vater ihr nicht auf der Tasche liege, dachte Gabriele Ott. Der Vater war selbstständig gewesen und hatte eine Eigentumswohnung im Berliner Westen. Drei Monate nach dem ersten Treffen zog Frau Z. bei ihm ein. "Er war einfach froh, dass sie da war", sagt Ott.

Gabriele Ott stand ihrem Vater sehr nahe, doch nach dem Einzug von Frau Z. nahm der Kontakt schnell ab. Oft ging niemand ans Telefon. Wenn sie spontan vorbeiging, machte keiner auf. Wenn Frau Z. nicht in der Nähe war, rief der Vater heimlich seine Tochter oder seine Schwester an. Erwischte Frau Z. ihn, beschimpfte sie ihn und sagte, dass seine Verwandten ihn eh nur ins Heim stecken wollten, so erzählt es die Tochter. Irgendwann beschwor der Vater die Tochter: "Bitte ruf mich nicht mehr an und komm mich auch nicht mehr besuchen. Frau Z. kümmert sich jetzt um mich."

Gabriele Otts Vater starb am 21. Juli 2016 an Speiseröhrenkrebs. Die Tochter hat ihn im Krankenhaus beim Sterben begleitet. Frau Z. war nicht dabei. Noch am Todestag fuhr Ott zur Wohnung des Vaters, um die nötigen Unterlagen für die Beisetzung abzuholen und Kleidung für die Einäscherung auszusuchen. Frau Z. gab ihr die Unterlagen nicht. Sie verbot ihr, an den Kleiderschrank ihres Vaters zu gehen. Frau Ott solle für die Einäscherung einfach etwas Neues kaufen.

Es folgte etwas, was sich Ott niemals hatte vorstellen können. Der Vater hatte, so erfuhr sie, knapp vier Wochen nach dem ersten Treffen mit Frau Z. zahlreiche Dokumente unterschrieben. Er hatte ihr Vollmachten für die Konten ausgestellt und ihr seine Sterbeversicherung überschrieben. Er hatte ihr lebenslanges Wohnrecht zugesagt und unterschrieben, dass ihr nach seinem Tod alles, was in der Wohnung sei, zustehe. Der Schmuck der Mutter, die alten Fotoalben, die Möbel. Einfach alles.

Am schlimmsten ist für die Tochter eine Unterschrift, von der sie ein paar Tage nach dem Tod des Vaters erfuhr. Ein Bote vom Amtsgericht klingelte. Der Anwalt von Frau Z. hatte bei Gericht eine einstweilige Verfügung beantragt.

Tochter Ott am leeren Grab
Monika Keiler / DER SPIEGEL

Tochter Ott am leeren Grab

Es geht um die Frage, wo der Verstorbene beerdigt wird. Gabriele Ott möchte ihren Vater an der Seite ihrer Mutter bestatten. Frau Z. hingegen will den Verstorbenen bei ihrem früheren Mann beisetzen. So sei es mit Otts Vater abgesprochen gewesen. Und tatsächlich konnte Frau Z. eine vom Vater unterschriebene Einwilligung vorlegen. Das Gericht entschied, dass die Trauerfeier ohne die Beisetzung stattfinden müsse, bis die Totenfürsorge eindeutig geklärt sei.

Das ist nun zehn Monate her. Die Anwältin von Gabriele Ott sagt, diese Unterschriften seien nicht das Papier wert, auf dem sie stünden. Und dennoch, Berliner Testament hin oder her, erst muss ein Gericht klären, was zu tun ist. Auf diesen Termin wartet Ott seither. Frau Z. wohnt noch in der Wohnung. Die Urne des Vaters steht in einem kleinen Raum auf dem Friedhof, für 32 Euro Miete im Monat, unbeerdigt.

Das Gut folgt dem Blut

Der 12. Deutsche Erbrechtstag im Berliner Palace Hotel ist auf den ersten Blick eine nüchterne Angelegenheit. Die meisten Teilnehmer tragen Anzug, man begrüßt einander förmlich mit "Herr Kollege" und diskutiert bei einem Glas Mineralwasser die Erbfolge nach Paragraf 1922 BGB.

Tatsächlich aber werden hier menschliche Abgründe vermessen. Es geht um die Gültigkeit von "Mätressentestamenten", um Samenspenden und ihre Folgen, um Erbschleicherei. Das "Handbuch des Fachanwalts Erbrecht", ein 1780 Seiten dicker Wälzer, warnt bereits auf Seite fünf: "Jeder Erbfall hat seine eigene Geschichte, manchmal eine generationenlange. Erbrecht entfesselt Triebe, Gewalten und Leidenschaften."

Ein Schwerpunkt der Tagung ist die Frage, wie das Erbrecht an die veränderten Lebensweisen der Menschen angepasst werden kann.

Deutsches Erbrecht ist auch Blutrecht. Bei den alten Germanen stand die blutsverwandte Sippe an erster Stelle, Testamente gab es nicht; anders als bei den alten Römern, wo der Erblasser seinen Besitz vergleichsweise freihändig verteilen konnte. Die germanische Tradition lebt bei der gesetzlichen Erbfolge bis heute fort. Sogar der Freibetrag bei der Erbschaftsteuer hängt vom Verwandtschaftsgrad ab: Kinder bekommen bis zu 400.000 Euro steuerfrei, Enkel normalerweise 200.000 Euro, Urenkel 100.000 Euro. Unverheiratete Partner hingegen sind schon ab 20.000 Euro steuerpflichtig. "Etwa 90 Prozent der Paragrafen sind noch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts, als nicht eheliche Kinder Bastarde genannt wurden", sagt der Rechtswissenschaftler Anatol Dutta von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Doch das Leben der Menschen hat sich verändert. In etwa jeder siebten Familie leben inzwischen Kinder aus verschiedenen Elternbeziehungen zusammen. 163.335 Ehen wurden allein 2015 geschieden, 35 Prozent aller Kinder nicht ehelich geboren. Es gibt Kinder aus erster Ehe, zweite Ehefrauen, dritte Ehemänner. Es gibt angeheiratete Kinder und neue Lebenspartner.

Die Menschen werden älter. Sie haben mehr Zeit, sich wieder zu verlieben, sich mit ihren Kindern zu zerstreiten, sie brauchen Pflege und wollen das eine Kind für die Zuwendung im Alter belohnen und ein anderes für die Abwendung bestrafen.

Es gibt mehr Freiheiten und mehr Lebenszeit. Das Leben der Menschen ist komplizierter geworden. "Das Gut folgt dem Blut": Diesen Satz lernen Jurastudenten in der Erbrechtsvorlesung. Doch wie soll das bei neuen Lebensentwürfen funktionieren?

Nach amerikanischem Recht darf der Erblasser weitgehend selbst entscheiden, wer was bekommt. Wer leer ausgeht, hat eben Pech gehabt. Die amerikanische Milliardärin Leona Helmsley hinterließ ihrem Schoßhund Trouble über einen Trust einen Millionenbetrag; das fällt in den USA unter die Testierfreiheit.

In Deutschland hingegen steht allen Söhnen und Töchtern die Hälfte des gesetzlichen Erbteils als sogenannter Pflichtteil zu, ob der Erblasser will oder nicht. So hat es das Bundesverfassungsgericht vor einigen Jahren bestätigt. Alle Kinder müssen bedacht werden, auch die Ungewollten, Undankbaren und Unfähigen. Es muss schon Schlimmes vorgefallen sein, damit der Erblasser einem Blutsverwandten den Pflichtteil entziehen kann. Schlimm ist, wenn das Kind versucht hat, die Eltern umzubringen. Vernachlässigung oder eine Ohrfeige reichen nicht.

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Ob man das gut oder schlecht findet, hängt offenbar stark von der kulturellen Prägung ab. In der Schweiz verlief die Front in der Debatte über den Pflichtteil Anfang des 20. Jahrhunderts entlang der Grenze zwischen den deutschsprachigen und den romanischen Landesteilen, also letztlich zwischen Germanen und Römern. Die Germanen wollten den Pflichtteil erweitern, die Römer wollten ihn begrenzen.

In Deutschland sagen die Verteidiger von Blutrecht und altgermanischer Sitte, dass der Antrieb, den eigenen Kindern etwas zu hinterlassen, ein Grund für den Erfolg der zahlreichen Familienunternehmen im deutschen Mittelstand sei und dass sich viele Kinder auch deshalb so liebevoll um ihre Eltern kümmerten, weil sie hofften, nach deren Tod dafür belohnt zu werden. Es diene außerdem der Gerechtigkeit, wenn alle Nachkommen einen vergleichbaren Anteil am Erbe bekämen und nicht einer alles kriege.

Doch während sich Geld und Wertpapiere leicht und auch gerecht aufteilen lassen, ist das bei Immobilien schon schwieriger. Und ganz kompliziert wird es bei Erinnerungsstücken. Notare sprechen in solchen Fällen von einem "hohen Affektionsinteresse".

In Hamburg stritten vier Geschwister monatelang über die Frage, wer den vom Vater ererbten Verdienstorden einer Wohltätigkeitsorganisation bekommen solle, ein billiges Blechding ohne materiellen Wert. Der beteiligte Anwalt nannte ihn irgendwann nur noch "den Scheißorden". Doch es brauchte ein Mediationsverfahren, bis ein Kompromiss gefunden wurde. Der Orden wechselt nun alle zwei Jahre den Besitzer. Wer von den Geschwistern am längsten lebt, darf ihn behalten.

Eine Notarin aus Süddeutschland vermittelte jahrelang vergebens im Erbstreit zweier Brüder, deren Vater, ein Geschäftsmann, bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Die Brüder, in Trauer vereint, hatten zunächst friedlich das millionenschwere Immobilienvermögen des Vaters unter sich aufgeteilt. Auch bei den Sachwerten waren sie sich einig. Bis schließlich die Spielzeugeisenbahn des Vaters an die Reihe kam.

Der ältere Bruder erhob Anspruch: Er wisse noch genau, wie er einst mit dem Vater begonnen habe, die Bahn im Keller aufzubauen. Der jüngere Bruder hielt gegen: Er könne sich mindestens ebenso genau daran erinnern, wie der Vater und er die Bahn anschließend fertiggebaut hätten. Der Streit um die Eisenbahn dauerte mehrere Jahre. Keiner der Brüder konnte sein millionenschweres Immobilienerbe antreten und genießen, weil ein Kinderspielzeug im Wert von wenigen Tausend Euro jede Einigung verhinderte.

Frau Korn und der Herrscher aus der Gruft

Nicht alle Erben sind von vornherein zerstritten. Es kommt vor, dass sich die Hinterbliebenen eigentlich gern einigen würden, aber es nicht schaffen, weil der Erblasser selbst niedere Absichten verfolgte.

Einige Testamente machen den Erben detailreiche Vorschriften, wie mit dem Vermögen umzugehen sei. Andernfalls werde man enterbt. In anderen Testamenten werden noch einmal Kopfnoten an die Kinder verteilt. Wer etwas getaugt und wer enttäuscht hat. Notar Konrad nennt diese Verblichenen mit dem strafenden letzten Willen die "Herrscher aus der Gruft".

Der Vater von Ina Korn ist so eine finstere Figur, jedenfalls aus Sicht seiner drei Kinder aus erster Ehe. Indem er seinen Sohn aus der zweiten Ehe zum "Alleinerben" ausrief, machte er den anderen dreien noch einmal klar, was er von ihnen hielt: nichts. Sie werde bis an ihr Lebensende daran denken müssen, ein ungeliebtes Kind zweiter Klasse zu sein, sagt Ina Korn, auch wenn sie ihm am Abend vor dem Tod die Hand gehalten habe.

Tochter Korn
Monika Keiler / DER SPIEGEL

Tochter Korn

Sie und die beiden leiblichen Geschwister haben nun Anspruch auf den Pflichtteil. Diesen durchzusetzen ist kompliziert, weil der Alleinerbe ihnen verheimlichen kann, worum es überhaupt geht. Ina Korn weiß, dass ihr Vater einen Tresor im Keller hatte. Doch was war drin? Gold, wie sie vermutet?

Korn hätte auch gern ein Andenken an ihre Großmutter, eine "tolle Frau". Ein Foto würde ihr reichen. Doch wen soll sie fragen? Es gibt keinen Kontakt zur Familie ihres Vaters. Mit ihrem Halbbruder verkehrt sie nur per Anwalt. Korn glaubt, ihr Vater habe das absichtlich gemacht, um seine ungeliebten Kinder zu demütigen.

Anwalt Konrad sagt, er rate seinen Mandanten immer davon ab, über den eigenen Tod hinaus die Familie beherrschen zu wollen. Möchte einer sein Haus nur unter der Maßgabe vererben, dass es im Familienbesitz bleibe und nicht verkauft werden dürfe, sagt Konrad: "Lassen Sie das, es gibt nur Streit, wer drin wohnen muss." Er schlägt auch vor: "Sprechen Sie schon zu Lebzeiten mit Ihren Kindern darüber, wem welches Erinnerungsstück am Herzen liegt, und teilen Sie die Dinge auf." Und kommt ihm jemand mit der Frage, wie das Testament unter Steuerspargesichtspunkten optimiert werden könnte, sagt er: "Sie sparen gar nichts. Sie sind tot."

Einige Mandanten halten sich an seine Ratschläge. Andere nicht. In diesen Fällen lernt Konrad die Erben anschließend vielleicht bei einem Mediationsverfahren kennen. Hier treffen sich alle Beteiligten in einem Raum, um ihren Erbstreit beizulegen.

Damit Mediationen zum Erfolg führen, haben sich einige einfache Regeln bewährt. Alle Beteiligten müssen im Raum anwesend sein, damit niemand das Gefühl hat, hinterrücks betrogen zu werden. Alle Nichtbeteiligten, auch Ehepartner, müssen hingegen den Raum verlassen, damit sie niemanden anstacheln können.

Konrad sagt, er baue dann zunächst ein Negativszenario auf: Was müsste passieren, damit sich die Erben verprügeln? "Im Negativdenken sind Menschen sehr kreativ; die Ideen sprudeln", sagt Konrad, aber so weit wollen es die meisten dann doch nicht kommen lassen.

Erinnerungsstücke wie etwa Fotoalben, Schmuck oder Bücher werden auf den Tisch gelegt; jeder der Beteiligten darf reihum zugreifen. Oder das Los entscheidet. Konrad schreibt die Ergebnisse für alle sichtbar auf einen Flipchart und fotografiert sie ab.

Sein wichtigster Ratschlag an die Erben aber lautet, dass sie nicht verpflichtet seien, den letzten Willen des Erblassers zu erfüllen, wenn dieser nur Streit im Sinn gehabt habe. Er sagt: "Ihr seid nicht gebunden an das, was im Testament steht. Wenn ihr euch alle einig seid, könnt ihr auch für euch eine komplett andere Lösung finden."

Herr Voss und die Charakterfrage

Wenn Deutschlands Puddingkönig Rudolf-August Oetker, drei Ehen, acht Kinder, in der Zeitung las, wie sich die Porsches und Bahlsens mal wieder ums Erbe stritten, ließ er sich nach Angaben seines Biografen Rüdiger Jungbluth den Artikel ausschneiden, kopieren und an seine Sippe verteilen. Das sollte eine Warnung sein, es nach seinem Tod besser zu machen.

Doch vergebens. Kaum lag der Patriarch Anfang 2007 auf dem Bielefelder Johannisfriedhof im Familiengrab, begann unter den Kindern der Streit über die Frage, wer das Sagen haben sollte. Bis heute ringt die Familie um eine gemeinsame Konzernstrategie.

Der britische Ökonom John Maynard Keynes glaubte, dass das Erbschaftsprinzip der Grund dafür sei, dass "die kapitalistische Führungsschicht so schwach und dumm ist". Allzu viele Unternehmen fielen unfähigen Kindern in die Hände, das bekannte Buddenbrooks-Phänomen: Die erste Generation baut auf, die zweite verwaltet, die dritte macht's kaputt. Manchmal geht es auch schneller, etwa bei der Bochumer Textilerbin Britta Steilmann, die bei der Neuausrichtung des vom Vater gegründeten Unternehmens scheiterte.

Rainer Voss aus Frankfurt hat daraus seine Lehre gezogen. Als er 48 Jahre alt wurde, hatte er genug verdient, um nie wieder arbeiten müssen. Er kündigte seinen Job als Investmentbanker und beschloss, fortan nur noch Dinge zu tun, die ihm entweder Spaß machen oder sinnvoll erscheinen. Schuhe und Strümpfe zu tragen gehört eher nicht dazu. Und so empfängt er seine Besucher gern barfuß, aber mit einem Seidenschal.

Ehemaliger Investmentbanker Voss
Monika Keiler / DER SPIEGEL

Ehemaliger Investmentbanker Voss

Als Investmentbanker wollte er sein Geld vermehren. Nun lautet sein Ziel, es wieder auszugeben, und zwar restlos. Mit seinen drei erwachsenen Kindern ist alles besprochen. Sie dürften sich keine Hoffnungen machen, ihn eines Tages zu beerben: "Meine Kinder kriegen nichts."

Nun ist es nicht so, dass sich Voss für einen schlechten Vater hielte. Im Gegenteil. Nachdem er seinen Job gekündigte hatte, schenkte er den Kindern seine volle Aufmerksamkeit, lernte ihre Freunde kennen, ging an den Sprechtagen zu ihren Lehrern. Er bezahlte auch für Auslandsaufenthalte.

Doch Voss ist davon überzeugt, dass es der Entwicklung seiner Kinder geschadet hätte, wären sie mit der Vorstellung aufgewachsen, sich auf dem Reichtum des Vaters auszuruhen zu können. "Erben verdirbt den Charakter, Erben ist ungerecht", sagt er. "Erben ist einer Leistungsgesellschaft unwürdig."

Ökonomen sagen, dass es der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft schade, wenn sich allzu viele Erben auf dem Geld ihrer Eltern ausruhten, wie es heute bereits in Japan zu beobachten ist. Die Ansicht, dass der Wohlstand in jeder Generation neu verdient werden sollte, ist in Deutschland wenig, aber unter Angelsachsen stark verbreitet. Der erzliberale britische Philosoph John Stuart Mill forderte 1848 eine progressive Erbschaftsteuer, denn ein Land der "Müßiggänger, Verschwender, Taugenichtse" werde zurückfallen, was sich im britischen Empire unter Queen Victoria im 19. Jahrhundert ja dann auch eindrucksvoll bestätigte.

Der amerikanische Stahlbaron Andrew Carnegie, vor 100 Jahren einer der reichsten Menschen der Welt, gab einen großen Teil seines Vermögens für öffentliche Bibliotheken, wissenschaftliche Institute, einen Konzertsaal und den Friedenspalast in Den Haag aus, den Sitz des Internationalen Gerichtshofs. Seinen Kindern hingegen hinterließ er den Ratschlag: "Die Eltern, die ihrem Sohn enorme Reichtümer hinterlassen, töten seine Talente und seine Energie und verführen ihn dazu, ein weniger nützliches und weniger wertvolles Leben zu führen, als er es sonst tun könnte."

Mehr als 150 Superreiche haben sich in der Organisation Giving Pledge, auf Deutsch: "Spendenversprechen", zusammengetan, darunter Großinvestor Warren Buffett und Bill Gates. Sie versprechen, den überwiegenden Teil ihres Vermögens für gute Zwecke zu spenden. Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat kurz nach der Geburt seiner Tochter Max öffentlich angekündigt, sich von 99 Prozent seiner Facebook-Anteile zu trennen.

Voss-Kinder 1999

Voss-Kinder 1999

In Deutschland hat der Multimillionär Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm, seine Unternehmensanteile in eine Stiftung eingebracht, damit sie nach seinem Tod nicht an seine Kinder fallen: "Mir ist klar geworden, dass eine Erbschaft für eine Familie auch eine Tragik sein kann, wenn sie das Leben der Erben determiniert und sie nicht mehr ihr eigenes Leben leben."

Und es gibt tatsächlich auch einige Erben, die freiwillig von ihrem Geld abgeben, etwa Ise Bosch aus der berühmten Technikdynastie. "Ich kenne einige Menschen, die geerbt haben und deswegen unter Schuldgefühlen leiden", sagt Bosch, die seit Jahren größere Beträge für Menschenrechts- und Frauenprojekte ausgibt, um ihr Gewissen zu erleichtern.

Die Frage ist, warum die Politik nicht stärker zugreift. Bislang ist Deutschland ein Paradies für jene, die vom Geld ihrer Vorfahren leben. Über 95 Prozent aller Erbschaften sind steuerfrei. Mit etwa sieben Milliarden Euro trug die Erbschaftsteuer im vergangenen Jahr nicht einmal halb so viel zur Staatsfinanzierung bei wie die Tabaksteuer.

Hier wäre viel zu holen. Doch bei den Parteien ist das Thema unbeliebt. Nur die Linke spricht sich durchweg für eine drastische Erhöhung der Erbschaftsteuer aus. Die anderen Parteien halten sich mit Forderungen eher zurück. Das liegt auch daran, dass laut Umfragen sehr viele Deutsche gegen höhere Erbschaftsteuern sind, obwohl sie selbst nur geringe Aussicht auf ein größeres Erbe haben.

Hinzu kommt: Über das Erben zu reden ist für viele ein Tabu, so wie auch kaum jemand über Gehälter spricht. Nur wenige wissen, was der Kollege am Schreibtisch nebenan verdient, geschweige denn, ob er ein Haus vermacht bekommt oder doch nur Schulden. Eine Politik, die den Deutschen ans Geld will, erscheint den Parteien als zu riskant.

Herr Libbertz und der traurige Millionär

Wenn man mit Anwälten für Erbrecht und Notaren spricht, merkt man schnell, dass sie den Glauben daran verloren haben, dass das Erben je einfach werden könnte. Die meisten sagen, dass die Menschen eben so seien, wie sie sind.

Gierig.

Rachsüchtig.

Irrational.

Sie sagen aber auch: Wenn man schon nicht die Menschen ändern kann, könnte man wenigstens die Abläufe vereinfachen. Juristen klagen, dass das Erbrecht stiefmütterlich behandelt werde. Vor Gericht werde man hin und her gereicht wie eine heiße Kartoffel.

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Bislang ist das Nachlassgericht für die Erteilung eines Erbscheins zuständig, andere Bereiche des Amtsgerichts oder das Landgericht für die Zivilklagen. Ein und derselbe Fall kann an beiden Stellen mit großem Aufwand verhandelt werden: Dutzende Zeugen werden einbestellt, vom Schriftsachverständigen, der feststellen muss, ob die Unterschrift echt ist, bis zum Hausarzt, der bezeugen soll, dass der Verstorbene noch nicht dement war, als er das Testament verfasste.

Die Gerichte sind von der Flut an Prozessen überfordert. Statistisch erfasst wird das nicht. Wenn man in den Justizministerien der Bundesländer nachfragt, wie viele Verfahren im Zusammenhang mit Erbstreitigkeiten es gibt, hört man, dass man sämtliche Betrugs-, Unterschlagungs-, Nötigungs- oder Beleidigungsverfahren im Hinblick auf Erbschaftsangelegenheiten händisch auswerten müsste, um auch nur einen Überblick zu bekommen.

Der Bonner Anwalt Andreas Frieser hat Erbrechtsprozesse erlebt, die sich über Jahre hinziehen. Um dessen Herr zu werden, brauchte man ein eigenes Gericht für Erbangelegenheiten. Frieser ist Vorsitzender des Gesetzgebungsausschusses Erbrecht im Deutschen Anwaltverein. Er und viele Kollegen fordern ein "Großes Nachlassgericht", an dem alle Erbangelegenheiten gebündelt verhandelt werden können. "Wir müssen versuchen, die Streitfälle effizienter zu klären", sagt Frieser. "Das Erbrecht ist komplex, die Streitigkeiten nehmen zu. Es ist an der Zeit, dem zu begegnen." Der Vorschlag liegt dem Justizministerium vor, man sei im Gespräch, heißt es.

Nur: Bis es so weit ist, könnte viel Zeit vergehen. Seit Ende der Siebzigerjahre forderten Experten eine Instanz, die für alle Familienfragen zuständig ist. Aber erst 2009 entstand schließlich das sogenannte Große Familiengericht.

Es gibt aber ein paar Dinge, die sofort helfen können.

In der Münchner Maximilianstraße stehen sich die Schaufenster von Gucci und Valentino gegenüber. Der Rechtsanwalt Lutz Libbertz hat hier seit vielen Jahrzehnten seine Kanzlei. Er hat Dieter Bohlen vertreten und den Münchner Modemacher Rudolph Moshammer.

Libbertz hat die verrücktesten Geschichten parat.

Eine handelt von einem der reichsten Männer Münchens. Der Mann hatte seine Frau verlassen und fragte im Spaß Libbertz immer wieder: "Wenn ich die Alte umbringe, kannst du mich dann rausboxen?"

Rechtsanwalt Libbertz
Monika Keiler / DER SPIEGEL

Rechtsanwalt Libbertz

Dieser Multimillionär lief herum wie ein Penner, er trug einen alten Arbeitskittel und abgelaufene Schuhe. Und so wunderten sich die Ärzte auf der Notfallstation, als ein offenbar Obdachloser, der mit einem Herzinfarkt eingeliefert worden war, laut nach einem Notar schrie.

Der Millionär starb im Krankenhaus, bevor er sein Testament hatte ändern können. Die verhasste Frau erbte alles. Libbertz hat die neue Partnerin des Mannes vertreten. Sie ging komplett leer aus.

Libbertz sagt, eigentlich sei alles ganz einfach. Wenn man sich an vier Regeln halte, könne Ärger beim Erben meist vermieden werden.

Regel Nummer eins sei etwas, was er auch dem Millionär geraten hätte: Es muss immer ein aktuelles Testament geben, am besten eins, das beim Notar oder Anwalt erstellt und deponiert wurde. Über das Thema Erben nachzudenken bedeute, sich mit dem eigenen Tod zu befassen. Das falle den Deutschen offenbar schwer. Nur jeder Vierte hinterlässt bislang ein schriftliches Testament.

Nummer zwei: Versuchen Sie gerecht zu sein, benachteiligen Sie niemanden.

Nummer drei: Reden Sie mit allen Beteiligten, auch wenn es wehtut. Es sei immer am besten, wenn alle schon vor dem Todesfall wüssten, was Sache ist.

Die letzte Regel sei erst neu hinzugekommen, sagt Libbertz. In den vergangenen Jahren sei ihm etwas aufgefallen. Die Menschen seien immer komplizierter geworden. Früher habe es ausgereicht, ein anständiger Kerl zu sein. Heute wolle jeder was Besonderes sein, Selbstfindung und Weltreisen, das sei heute Standard.

Libbertz sagt, viele Menschen wollten auch kein normales Testament mehr, sondern ein Manifest, kompliziert, ellenlang. Sie wollten noch mal zeigen, dass sie alles seien, nur nicht 08/15.

Monika Keiler / DER SPIEGEL

Er rät seinen Mandaten zum Gegenteil. "Je einfacher ein Testament, desto weniger anfechtbar ist es", sagt er. Das ist Regel Nummer vier: Alles so schlicht wie möglich halten.

Libbertz zieht die Schublade seines Schreibtischs auf und holt einen Umschlag heraus. Darin, ordentlich gefaltet, ein weißes Blatt Papier, beschriftet mit blauer Tinte.

Testament

Mein Sohn Roman ist mein Erbe.

Frau Kröpfl erhält 30.000 E für langjährige hervorragende Tätigkeit sowie 10% vom Verkaufspreis der Kanzlei.

München, 11. September 2014

Lutz Libbertz

Im Grunde, sagt Libbertz, sei das alles, was man brauche. Ein paar klare Sätze und Ende.



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Seite 1
mettwurstlolli 01.06.2017
1. Das Beste ist
Man erwartet nichts und betrachtet das, was die Eltern oder schwiegereltern zu vererben haben als deren Eigentum, mit dem sie machen können, was sie wollen. Auch, es auf den Kopf zu hauen. Dann kann man nicht enttäuscht werden. Ansonsten bin ich der Meinung, dass die Diskussion um eine höhere Erbschaftssteuer mit sehr ordentlichen Freibeträgen (1 Mio.) viel sinnvoller wäre, als die leidige, steuersystematisch unsinnige und verfassungsrechtlich problematische Diskussion um eine nur mit gigantischem bürokratischen Aufwand zu erhebende Vermögenssteuer. Eine "faire" Erbschaftssteuer kann helfen, Generationengerechtigkeit und soziale Mobilität herzustellen. Die Mehreinnahmen der Erbschaftssteuer sollten in einen Sonderfond Bildung gehen, aus dem Universitäten, Foschung und Entwicklung besser finanziert werden.
max-mustermann 01.06.2017
2.
"Eine Politik, die den Deutschen ans Geld will, erscheint den Parteien als zu riskant." Ich lach mich schlapp, seit Jahren drücken uns unsere Politiker eine nach der anderen Sache aufs Auge die uns (den Bürger) richtig viel Geld kostet aber beim Thema Erben hält mann sich zurück.
isokoo 01.06.2017
3.
Auch als mein Vater verstarb gab es kein Testament und die Familiengeschichte und das Familiengeflecht ist kompliziert mit verschiedenen Staatsbürgerschaften, zwei Ehen, Kindern aus den Ehen daraus ein geistig krankes Kind und in Teilen wenig Kontakt miteinander, Vermögen in zwei Ländern, mit zwei Gerichtsverfahren zu weiteren Immobilien usw usf. Zwar haben wir uns relativ gütlich geeinigt und manches Erbe ist immer noch eine Erbengemeinschaft aber ich habe so viel Zeit in den ersten Jahren mit Organisation und Kommunikation, Hin- und Herreiserei verbracht, dass ich zum einen fast mein Studium geschmissen hatte und mich fast nur noch im Ausland zur Organisation und Verwaltung des Erbes und der Erben kümmerte. Ein Testament hätte es einfacher gemacht. Meine Hauptkritik ist wie im Artikel dargestellt, dass ich fast mein Leben der Verwaltung und Entwicklung der Erbschaft gewidmet hätte. Ich hätte fast das Leben meines Vaters fortgeführt. Mich aus all dem Zurückzunehmen und mit meinem Gewissen/Schuldgefühlen meinem Vater gegenüber​ klar zu kommen, hat viel Kraft und Zeit gekostet und bis heute immer noch nicht ganz erledigt. Ich bin dafür dass das Thema der Erbschaft als eine kulturelle und politische Frage gestellt wird und weniger als eine steuertechnische.
OhMyGosh 01.06.2017
4. Sterben und erben
Dazu kann ich eine kleine Geschichte, sozusagen aus dem Leben gegriffen, beisteuern. Eine sehr liebe Freundin ist mit einer augesprochen schwierigen Tochter „gesegnet“, welche ihre Mutter immer wieder, Fremden wie Freunden gegenüber, herunterputzt und blamiert. Ein besonders gelungenes Beispiel dafür ist ein Besuch bei der Mutter, bei dem die Tochter dieser ihren aktuellen Freund vorstellen will. Die Tochter gibt sich gewohnt lässig-patzig, macht sich über die Mutter (übrigens, wie die Tochter auch, Vollakademikerin) lustig und erwähnt dem jungen Mann gegenüber, das alles werde später ihr gehören. Auf den Einwand der Mutter, das sei ja noch nicht abzusehen, knallt jene ihr unverblümt entgegen, sie könne die Mutter auch jederzeit entmündigen lassen. Die Mutter tut, als ob sie diese Frechheit nicht überhört hätte, dem jungen Mann ist die Situation offensichtlich peinlich. Warum ich diese Begebenheit, deren Zeuge ich war, erwähne? Nun, ich finde, die Mutter hat ihr Bestes für die Göre getan, das Studium großzügig finanziert, die junge Doktorandin mit einem großzügigen Zuschuss bedacht. Die liebe Kleine hat ihre Promotion übrigens nicht abgeschlossen- Differenzen mit der Doktormutter. Ihr Vermögen hat sich meine Freundin hart erarbeitet und ich habe ihr geraten, es zu eigenen Lebzeiten aufzuzehren.
achterhoeker 01.06.2017
5. Beim Erben
sind auch die hinterbliebenen Nachbarn betroffen. Gerade beim Reihenhaus. Die guten alten Leutchen sind gegangen und vererbten die Hütte an den Stiefenkel. Damit wars vorbei. Hund der bis zu 20 mal aus den Haus stürmt und damm anm Gartenzaun nicht vorhandene Menschen anzubellen. Bässe wummern Tag und Nacht, er hört grotesker Weise Titel wie "Ich möchte ein Engel sein" oder deutscher Rap mit geisteskranken Texten. Zur erweiterung der Wohlfuhlzone wurde am anderen Ende des Grundstückes eine Aussenbox installiert. Wenn er Party macht pissen die Besucher an die Nachbargrundstücke und die Kippen kann man dann überall finden. Am Moped des Sohnes wurde der Klang "getunt" und so wird täglich mit entsprechenden Lärm das geprüft. Motor an, Motor aus usw. Regeln? Gibt's nicht, egal ob im Grundstücksvertrag oder in allgemein gültigen Normalitäten. Telefoniert wird grundsätzlich im Freien und Mitrauchen darf man auch. So geht Menschlichkeit 2000 Jahre nach Christus. Hauptsache man kümmert sich um die Menschenrechte in der Türkei oder am Hindukusch.
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