AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 50/2017

Schulversagen Was hinter der Leseschwäche deutscher Schüler steckt

Fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen, so eine Studie - aber was ist der Grund? Bildungsforscher liefern Antworten.

Grundschüler in Frankfurt am Main
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Grundschüler in Frankfurt am Main

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Es war eine Enttäuschung mit Ansage: Fast ein Fünftel aller Kinder verlässt die Grundschule, ohne richtig lesen zu können. Die Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) reihen sich ein in bildungspolitische Hiobsbotschaften der vergangenen Monate. Erst im Oktober attestierte das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen den Viertklässlern in Deutschland deutliche Schwächen in Mathematik und Rechtschreibung.

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Heft 50/2017
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Da ist es ein schwacher Trost, dass die Besten im Vergleich zur Vorgängerstudie 2011 ein bisschen besser geworden sind. Diesmal erreichten 11 Prozent der Schüler die höchste Kompetenzstufe, zuvor waren es 9,5. Doch die Schere hat sich weiter geöffnet. In kaum einem anderen Land liegen die Leistungen von Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familien so weit auseinander.

Den Hinweis auf die "Herausforderungen durch eine zunehmend heterogene Schülerschaft" lieferten die Verantwortlichen gleich mit. Tatsächlich ist die Zusammensetzung an den Schulen bunter geworden, das schlägt sich nun eben in Testergebnissen nieder. Die Inklusion führt dazu, dass mehr Schüler, die besonderen Förderbedarf haben, an den Tests teilnehmen. Und es steigt der Anteil derjenigen Schüler, die zu Hause kein Deutsch sprechen, was im Durchschnitt mit schlechteren Testergebnissen einhergeht. Kinder mit Migrationshintergrund hinken hinterher.

Der einfachsten aller Erklärungen aber - mehr Flüchtlinge gleich schlechtere Ergebnisse - treten die Organisatoren der Iglu-Studie entgegen. Denn die Tests fanden bereits im Frühjahr 2016 statt, als die meisten Flüchtlingskinder noch gar nicht am normalen Unterricht und damit auch nicht an der Studie teilnehmen konnten.

Gleichzeitig warnen Experten davor, das Merkmal "Migration" zu überschätzen. "Die Gruppe in sich ist zu heterogen", sagt Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache. Neben dem unterschiedlichen Bildungsstand der Familien sei auch entscheidend, wie lange und welche Schule Kinder im Ausland besucht hätten. "Migrationshintergrund allein sagt nicht viel aus." Bundesweite verbindliche Regelungen, wie Leseförderung aussehen sollte, existieren nicht. Der Bildungsföderalismus will es so. Doch es gibt Positivbeispiele. Hamburg etwa, einer der wenigen Aufsteiger in nationalen Bildungsvergleichen, setzt seit einigen Jahren auf verbindliche Sprachtests für Vierjährige und, falls nötig, auf Sprachunterricht schon im Kindergartenalter. Daneben arbeitet die Hansestadt mit einer Reihe verschiedener Förderkonzepte, die Schulen passend zur jeweiligen Schülerschaft ausarbeiten müssen. Die Wirksamkeit dieser Programme wird regelmäßig überprüft - eine Ausnahme in Deutschland.

"Kontinuierliches Messen und Testen ist viel zu selten Grundlage für solche Programme", sagt Susanne Eisenmann, Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und Schulministerin in Baden-Württemberg. "Wissenschaftlich basiertes und evaluiertes Implementieren von Förderprogrammen muss künftig eine zentrale Rolle spielen." Keine neue Erkenntnis, auch nicht für die KMK, doch passiert ist in den vergangenen Jahren wenig.

Empirische Forschung dazu, wie gut Schüler lesen, ist eine junge Disziplin in Deutschland, die Studienlage dünn. Im Jahr 2012 rief das Bundesbildungsministerium das Programm "Bildung durch Sprache und Schrift" ins Leben, eine hochkarätig besetzte Forschergruppe, die neue Konzepte entwickeln und bestehende auswerten sollte. Das allerdings braucht Zeit. "All diese Programme zu evaluieren ist aufwendig und teuer", sagt Becker-Mrotzek, Mitglied des Konsortiums.

Dennoch habe die Wissenschaft einige wichtige Erkenntnisse gewonnen. So bringe es relativ wenig, Texte in der Klasse reihum vorzulesen, bewährt habe sich hingegen das sogenannte Lesetandem: Je ein starker und ein schwacher Schüler lesen im Team, wobei der bessere den schwächeren unterstützt und dabei auch selbst lernt.

Nur: Was Bildungsforscher sonst noch als wirkungsvoll betrachten, kommt bei den Lehrern oft nicht an. "Viele Lehrkräfte wissen nicht, wie gute Leseförderung für unterschiedliche Schülergruppen geht", sagt Professorin Nele McElvany, Direktorin des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der Technischen Universität Dortmund. Das liege an mangelnder Fortbildung, aber auch daran, dass immer häufiger Quereinsteiger oder fachfremde Lehrkräfte unterrichteten. "Außerdem wird dem Lesen nicht genügend Raum gegeben", moniert McElvany.

Pro Schultag erleben Deutschlands Viertklässler im Schnitt eine halbe Stunde Leseunterricht - und damit deutlich weniger als fast alle anderen weltweit. Ein guter Ort zum Vorlesen und Nachlesen könnte die Ganztagsschule sein. Außerhalb des Unterrichts, in den Nachmittagsstunden, könnten Kinder allein oder im Team trainieren, je nach Leistungsstand mit passenden Texten.

"Ganztagsschulen können besonders gute Chancen für wirksame Leseförderung bieten", sagt KMK-Präsidentin Eisenmann. Allerdings stehe und falle der Erfolg mit der Mitwirkung der Eltern. "Auch sehr gute Schulen können und sollen das Elternhaus nicht ersetzen."



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