AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2017

Was Abgeordnete 2017 erlebt haben "Das Ausmaß der Zerstörungswut, die Aggression, war neu"

Beschimpft, bedroht, die Hand gebrochen - sechs Bundestagsabgeordnete ziehen Bilanz, was das Jahr 2017 für sie persönlich gebracht hat.

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Das Jahr 2017 war voller Wendungen und Extreme, es war ein Jahr, in dem die Kanzlerin erst als unbesiegbar galt und dann eine Niederlage erlitt, auch wenn sie ihr Amt vorerst noch behalten darf. Es war das Jahr, in dem ein SPD-Kanzlerkandidat aufstieg und verglühte, das Jahr, in dem eine rechtspopulistische Partei den Einzug in den Bundestag schaffte und Deutschland unter dem Hashtag #MeToo über Sexismus stritt.

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Heft 52/2017
Was Christentum und Islam verbindet und trennt

DER SPIEGEL hat kurz vor Weihnachten mit sechs Abgeordneten gesprochen, sie auf Reisen begleitet oder auf dem Weg nach Hause. Was bleibt von 2017? Was bringt 2018?

Gordon Welters/DER SPIEGEL

Anke Domscheit-Berg, 49, nimmt den Regionalzug von Berlin ins brandenburgische Fürstenberg. Dort, direkt am Bahnhof, wohnt sie in einer Villa, gemeinsam mit ihrem Mann, ihrem Sohn und den Katern Gustav und Herr Schmitt. Domscheit-Berg war in der IT-Branche und bei den Piraten. Ihre Weihnachtssterne sind nicht aus Stroh, sie kommen aus dem 3-D-Drucker. Seit Oktober sitzt sie im Bundestag, als parteilose Abgeordnete in der Fraktion der Linken.

SPIEGEL: Frau Domscheit-Berg, wie gefällt Ihnen das neue Leben als Abgeordnete?

Domscheit-Berg: Es ist sehr anstrengend, mit viel Chaos, viel Arbeit, auch vielen neuen Regeln. Ich wurde von Saaldienern angesprochen, weil ein Bonbonpapier vor mir lag, meine Jacke über der Stuhllehne hing oder ich Wasser trinken wollte - das ist alles verboten im Plenum. Herr Schäuble schrieb sogar an die Abgeordneten, dass Twittern unerwünscht sei. Das fand ich bizarr.

SPIEGEL: Als Sie Ihre Kandidatur für die Linke bekannt gaben, schlug Ihnen eine Welle des Hasses entgegen. Wird man als Frau in der Politik auf besondere Weise angegriffen?

Domscheit-Berg: Ich habe als Politikerin immer wieder sexistische Beschimpfungen erlebt. Bei den Piraten bezeichnete man mich als "minderbemittelte, unterfickte Hässlette". Diese Leute verfolgen mich zum Teil bis heute - ohne dass es für sie Konsequenzen hätte. Besonders viel Hass gab es von rechts, wenn ich mich zu Flüchtlingsthemen öffentlich äußerte. Ich erhielt zig Seiten Hassnachrichten. "Nigger" sollten mich "totficken", hieß es in einer Nachricht.

SPIEGEL: Ist Sexismus bei jungen Computernerds besonders schlimm, oder erleben Sie so etwas jetzt auch im Bundestag?

Domscheit-Berg: Ich kenne sexistisches Verhalten auch von etablierten Politikern,zum Beispiel aus Talkshows. Da wird man dann etwa "Mädchen" genannt. Das ist natürlich viel subtiler. Im Plenum sitze ich so, dass ich direkt auf die AfD und die FDP blicken muss, also auf Fraktionen mit sehr geringem Frauenanteil. Das ist ein Männermeer in schwarzen Anzügen. Diese Optik macht mich fertig.

SPIEGEL: Eines der großen Themen des Jahres war die #MeToo-Debatte.

Domscheit-Berg: Für mich ist das sehr emotional. Bei #Aufschrei war ich selbst noch aktiv, da ging es ja eher um Alltagssexismus. Diesmal habe ich nur einen einzigen Tweet abgesetzt. Mehr konnte ich nicht. Es wurden zu viele negative Erinnerungen an meine eigenen Erfahrungen sexueller Gewalt getriggert. Zugleich schöpfte ich die Hoffnung, dass mit dieser Debatte der Durchbruch kommen würde. Dass es nach einem tiefgehenden und schmerzhaften Prozess, einem Fegefeuer, in dem auch Köpfe rollen, tatsächlich einen kulturellen Wandel geben und die Gesellschaft zu einem neuen Frieden finden könnte.

SPIEGEL: Sehen Sie diesen Durchbruch?

Domscheit-Berg: In Deutschland sieht es so aus, als würde alles verebben. Aber solange der Umbruch anderswo fortlebt, ist es nicht vorbei. Ich wünsche mir, dass Frauen aller demokratischen Parteien sich zusammentun und gleichzeitig auch Namen veröffentlichen. So lässt sich der Vorwurf der "Nestbeschmutzerin" abwehren, und der Fokus verschiebt sich von der einzelnen Partei auf ein strukturelles Problem.

SPIEGEL: Warum ist denn bisher in Deutschland so wenig passiert?

Domscheit-Berg: Das Victim-Blaming ist in Deutschland extrem ausgeprägt. Die Frau, die etwas sagt, bezahlt am Ende. Die Angst steckt in allen. Auch ich habe geschwiegen, als ich noch in der Wirtschaft tätig war und mich ein hochrangiger Kunde durch den Hotelflur verfolgte und gegen meine Zimmertür hämmernd Einlass begehrte. Wenn alle schweigen, funktioniert gesellschaftlicher Wandel nicht. Wir brauchen Namen, und wir brauchen Konsequenzen für die Täter wie in den USA.

Melanie Amann/DER SPIEGEL

Kay Gottschalk, 52, steigt mit einem schwarzen Rollkoffer in den ICE nach Düsseldorf, aber er kann den Koffer nicht ohne Hilfe in der Ablage verstauen: Leute von der Antifa haben dem AfD-Bundestagsabgeordneten das Handgelenk gebrochen. Sein rechter Arm steckt noch bis Silvester in einer Schiene. Gottschalk, Diplom-Kaufmann und früher Manager bei einer Versicherung, fährt in den Wahlkreis zu einer Weihnachtsfeier.

Dass es eine Frau war, die ihm das Handgelenk gebrochen hatte, merkte Kay Gottschalk erst später. "Ich dachte, so kann nur ein Kerl zuschlagen." Der AfD-Politiker war Anfang Dezember mit Parteifreunden zu Fuß unterwegs zum Bundesparteitag in Hannover, als sich ihnen plötzlich ein Trupp schwarz gekleideter junger Menschen in den Weg stellte. "Wie eine schwarze Gardine standen die vor uns", erinnert sich Gottschalk.

Ein Wort ("Fuck AfD!") gab das andere ("Haut ab!"), es begann ein Handgemenge. Ein Mann packte Gottschalk am Arm. Ein anderer, der sich später als Frau entpuppte, wollte Gottschalk die Aktenmappe entreißen. Die Angreiferin bog seinen Daumen um, drosch mit aller Kraft auf sein rechtes Handgelenk ein. "Abrissfraktur und Dislokation des Processus styloideus radii", lautete später der Befund des Arztes.

Das Wahljahr 2017 hat Gottschalks Leben umgekrempelt: Bislang war er Hinterbänkler in der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte, seit dem 24. September ist er Berufspolitiker in Berlin. Der Angriff von Hannover bedeutete einen Bruch. Man kann sagen, dass Gottschalk sich radikalisiert hat.

Zwar überschütten ihn Parteifreunde mit Anteilnahme. Doch für Gottschalks Geschmack fühlen die Medien und die "Altparteien" viel zu wenig mit ihm. "Ich war schon ein bisschen enttäuscht über das Desinteresse", sagt er. Der Bürgermeister von Altena, ein CDU-Politiker, der sich für Flüchtlinge eingesetzt hatte und daraufhin mit einem Messer angegriffen worden ist, war eine Topmeldung in der "Tagesschau", Gottschalks Handgelenk nur eine Fußnote in der Parteitagsberichterstattung.

"Mir geht es nicht darum, im Rampenlicht zu stehen. Aber warum regt sich niemand über Gewalt gegen uns auf?" Nur ein einziger CDU-Politiker habe ihm im Plenum gute Genesung gewünscht.

Gottschalk trägt Hornbrille und Seitenscheitel. Er wirkt wie einer, dem man eine Versicherung abkaufen würde. Tatsächlich saß er lange im Management eines Versicherungskonzerns in Hamburg und dürfte einer der wenigen AfD-Politiker sein, die sich mit dem Bundestagsmandat finanziell verschlechtern. Gottschalk lebt allein, Weihnachten feiert er mit den Eltern, bei Würstchen und Kartoffelsalat.

Seine Parteifreunde kannten ihn als bescheidenen Organisator im Hintergrund, er galt als Gemäßigter im gemäßigten AfD-Flügel. Aber in Hannover, nach dem Angriff, trat ein neuer Gottschalk auf. Einer, der auf die "verschissene EU" schimpfte und sagte, die "arbeitende Bevölkerung" in Deutschland müsse "die Drecksarbeit" machen, "während die linksliberalen Medien und die Kartellparteien auf dem Sonnendeck" säßen. Er sprach wie ein Radikaler.

Hat ihn der Angriff verändert?

"Nein", winkt Gottschalk ab, das habe nichts damit zu tun. "Man darf in der Politik nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen." Natürlich meine er das alles nicht wörtlich. "Sie kennen das Geschäft doch."

Gottschalks letzter politischer Termin vor Weihnachten fand in Erfurt stand, ein Bürgerdialog mit Björn Höcke, dem Rechtsaußen der AfD. Ein zentrales Thema: Gewalt von links.

Eigentlich soll Höcke aus der Partei geworfen werden, ein entsprechendes Verfahren läuft gerade. Warum zeigt sich Gottschalk mit einem Mann, der die Flüchtlingspolitik Merkels mit Völkermord vergleicht? Gottschalk wiegt den Kopf.

"Auf die Dauer wird die AfD nur stark sein, wenn wir alle unsere Strömungen vereinen."

Gordon Welters/DER SPIEGEL

Aydan Özoguz, 50, Staatsministerin für Integration, nimmt Platz im ICE 1512 von Berlin nach Hamburg. Es ist Donnerstagmittag, 13.42 Uhr. Die Strecke ist für sie zu einem zweiten Zuhause geworden, häufig fährt sie morgens hin und abends zurück. In Hamburg hat sie eine Tochter, die sie nur im Notfall über Nacht allein lässt. Im Wahlkampf sagte der AfD-Politiker Alexander Gauland, man solle Özoguz, die in Deutschland geboren wurde, in Anatolien "entsorgen".

SPIEGEL: Frau Özoguz, seit Oktober sitzen Sie der AfD im Bundestag gegenüber. Wie fühlt sich das an?

Özoguz: Total bedrückend. Ich habe mich immer gern mit Kolleginnen und Kollegen im Bundestag gestritten, vor allem mit denen von der CSU. Da sind auch Leute dabei, die ich mittlerweile persönlich sehr mag. Das ist bei der AfD unmöglich. Deren Haltung ist: Du bist keine richtige Deutsche und deshalb ein Mensch zweiter Klasse.

SPIEGEL: Haben Sie Gauland auf seinen Satz, man solle Sie in Anatolien entsorgen, jemals angesprochen?

Özoguz: Nein. Der sitzt im Plenum jetzt immer vor mir, aber reden muss ich mit dem nicht. Es ist ja nicht so, dass man über so einen Satz eine sachliche Debatte führen kann. Das war schlicht und einfach Hetze. Solche Angriffe von der AfD gab es vorher schon, und sie gehen immer weiter, auch wenn es nur wenige mitbekommen. Aber ich stelle fest: Schaden konnte er mir nicht.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Özoguz: Ich habe damals gleich gemerkt: Jetzt ist irgendwas anders. Am Tag nach Gaulands Hetze bin ich aus dem Haus gegangen. Gleich an der ersten Ampel drehten sich zwei Männer um und grüßten sehr freundlich: "Ah, hallo, Frau Özoguz." Ich erlebe das häufig seitdem. Menschen, die ich gar nicht kenne, bezeugen mir ihre Solidarität auf der Straße. Ich denke nicht, dass das von Herrn Gauland beabsichtigt war.

SPIEGEL: Freuen Sie sich über die Prominenz?

Özoguz: Auf die Hetze hätte ich verzichten können. Aber manche Reaktionen waren wunderbar, machen Mut. Aus fast allen Parteien habe ich Solidarität erfahren. Die Kanzlerin wies damals gleich auf ihrer Sommerpressekonferenz diese Angriffe zurück, wofür ich mich per SMS bei ihr bedankte. Sie schrieb mir dann sehr nett zurück. Ich bekam auch von der Jungen Union aus dem Eichsfeld einen bemerkenswerten Brief. Das hat mir gezeigt: Ich bin nicht allein. Herr Gauland und die AfD pusten sich sehr auf, sind aber eine klare Minderheit in diesem Land.

SPIEGEL: Schauen Sie sich auch an, was auf Facebook und Twitter über Sie geschrieben wird?

Özoguz: Klar. Mein Facebook-Profil quillt immer noch über. Da schreiben dann die einen: "Wann bist Du denn endlich weg!" und die anderen: "Du bist ja immer noch da". Mich freut es, wenn die merken, dass die Sache mit dem "Entsorgen" bei der Bundestagswahl schon nicht funktioniert hat - im Gegenteil.

SPIEGEL: Können Sie die Pöbeleien einfach so wegstecken?

Özoguz: Wenn es sehr heftig wird, mache ich einen Screenshot und leite das an die Polizei zur Anzeige weiter. Es gab mal jemanden, der schrieb, man müsste mich mit heißem Öl übergießen und mir die Haut abziehen. Die Polizei meinte, man könne gegen den Nutzer nichts machen, weil er im Konjunktiv geschrieben hatte.

SPIEGEL: Gauland hatte Sie im Sommer wegen Ihres Satzes angegriffen, es gebe keine "spezifisch deutsche Kultur" jenseits der Sprache. Würden Sie diese steile These heute wiederholen?

Özoguz: Der Satz ist aus einem Gastbeitrag, der in sich stimmig ist. Das Problem ist, dass kaum einer den ganzen Text kennt. Ich wollte ja eine Diskussion über die Leitkultur auslösen. Aber nun weiß ich, dass jeder einzelne Satz im Zweifel aus dem Zusammenhang gerissen wird. Daher hätte ich auch an dieser Stelle im Text "spezifisch deutsche Leitkultur" schreiben müssen. Das hätte man nicht so leicht verdrehen können. Kurz nach dem Erscheinen meines Textes sprach mich eine Frau im Kaufhaus an. Sie war sehr nett und sagte, sie habe mich schon gewählt, frage sich aber, warum ich glaubte, die Deutschen hätten keine Kultur. Das beschäftigt mich natürlich. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass man mir ernsthaft unterstellen würde, ich wollte die deutsche Kultur verleugnen. Ich bin doch selbst mit ihr aufgewachsen.

Gordon Welters/DER SPIEGEL

Marco Wanderwitz, 42, ist CDU-Abgeordneter aus dem Erzgebirge. Die AfD wurde bei der Bundestagswahl in Sachsen zur stärksten Partei.

Das Jahr 2017 war das anstrengendste und intensivste, seitdem ich mich politisch engagiere. Ich habe noch nie einen so hasserfüllten Wahlkampf, eine derartige Spaltung der Gesellschaft erlebt. Auf den Marktplätzen haben uns AfD-Anhänger angeschrien und als "Volksverräter" beschimpft. An manchen Haustüren hat man mir Prügel angedroht. Man konnte greifen, dass der Firnis der Zivilisation dünn ist, im Osten dünner als im Westen.

Dabei hatte das Jahr politisch erfreulich begonnen. Mit einem so klaren Sieg der CDU bei der Landtagswahl im Saarland hatte ich nicht gerechnet. Ich konnte mir den "Schulz-Effekt" zwar nicht erklären, habe aber den Umfragen durchaus geglaubt, die Union und SPD im Bund seinerzeit gleichauf sahen. Nach den Erfolgen im Saarland, in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein war klar, dass dieser Effekt verpufft war - wenn es ihn denn jemals tatsächlich gegeben hat.

Nachdem das Rennen um die vorderen Plätze entschieden war, konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die Frage, wer von den Kleinen nun Dritter wird. Es war eine verbissene Auseinandersetzung. In meinem Wahlkreis zwischen Chemnitz und Zwickau ist die AfD nicht so stark wie in Ostsachsen. Aber auch bei uns ging es heftig zu.

Ich hatte noch nie so viele zerstörte Plakate in meinem Wahlkreis. Ein Großflächenplakat mussten wir in vier Wochen zehnmal erneuern. In meinen früheren Wahlkämpfen gab es auch hin und wieder Beschädigungen. Aber das Ausmaß der Zerstörungswut, die Aggression, war neu. Das gibt es so erst, seitdem die AfD aufgetaucht ist. Bei manchen sind wirklich alle Hemmungen gefallen.

Die AfD in Sachsen ist dabei keine konservative, sondern eine hart rechtsradikale Partei. In meinem Wahlkreis gibt es zum Beispiel den Verein Heimattreue Niederdorf, gute Wahlkämpfer der AfD, dessen Vorsitzender vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die haben in Miniatur den "Pegida-Galgen" für die Kanzlerin und Sigmar Gabriel verkauft. So etwas macht mich fassungslos. Eine größere Zahl von Mitmenschen findet das aber leider offenbar normal - oder sogar gut. Oder sie duckt sich weg.

Trotz alledem habe ich nicht damit gerechnet, dass die Bundestagswahl in Sachsen so ausgeht, wie sie ausgegangen ist. Ich habe mich am Wahlabend natürlich zunächst gefreut, dass ich meinen Wahlkreis wieder deutlich gewinnen konnte. Dann habe ich die Ergebnisse mancher Kollegen mitbekommen: Ein erfahrener und beliebter Politiker wie Michael Kretschmer hat seinen Wahlkreis Görlitz an die AfD verloren? Ich konnte das nicht glauben. Nach und nach trudelten die Ergebnisse ein, bis dann feststand, dass die AfD in Sachsen, wenn auch hauchdünn, gar stärkste Partei geworden ist. Puh!

Klar, während des Wahlkampfs habe ich manchmal gedacht: Was für ein bescheidener Tag! Du hörst morgens als Erstes, wie viele Plakate über Nacht wieder zerstört worden sind. Dann beschimpft dich einer am Wahlstand als "Schädling". Und der AfD-Gegenkandidat hängt Plakate mit dem Spruch "Alles für Deutschland" auf - und wusste dann hinterher natürlich wieder nicht, dass das ein alter SA-Spruch ist. Aber man weiß in solchen Momenten eben auch, dass es sich lohnt, für unsere Demokratie zu kämpfen.

Ann-Katrin Müller/DER SPIEGEL

Annalena Baerbock, 37, saß im Sondierungsteam der Grünen für Jamaika. 2018 will sie Grünenchefin werden.

Kurz vor der Abfahrt meldet sich Baerbocks Mitarbeiter. Baerbock stecke noch in einer Sitzung, sagt er. Ob man einen Zug später nehmen könne? Baerbock wohnt in Potsdam und pendelt mit dem Regionalzug.

Sie schaffe nie den Zug, den sie eigentlich nehmen wolle, erzählt Baerbock, als sie am Bahnsteig eintrifft. Ihren Töchtern sage sie deswegen schon gar nicht mehr, wann sie genau nach Hause komme. Jamaika sei "schuld", auch heute, die 14-köpfige Truppe der Grünen hat die Sondierungen zum Ende des Jahres Revue passieren lassen.

Baerbock ist gerade 37 geworden, verheiratet, ihre Töchter sind erst zwei und sechs Jahre alt. Sie hat deshalb lange überlegt, ob sie auf dem Parteitag im Januar für die Wahl der Parteichefin antreten soll.

Sie wisse, wie schwer es sein werde, beidem gerecht zu werden, sagt Baerbock. "Es geht hier nicht nur um mich, sondern auch um meine Kinder, meinen Mann." Der Wahlkampf sei schon sehr stressig gewesen, vor allem, weil ihre Tochter gerade eingeschult worden war. Und in den Wochen der Sondierung habe sie es nicht immer nach Hause geschafft. Da habe ihre Ältere oft gefragt, ob es denn nun mal endlich eine Regierung gebe oder ob sie schon wieder zur "Chefin von Deutschland" müsse.

Warum sie nun dennoch kandidiert?

"Ich wollte mich einfach nicht damit abfinden, dass man sagt, mit kleinen Kindern geht es nicht."

Sie hofft, dass sich Dinge ändern, wenn sie Parteichefin wird. Zum Beispiel, dass sich die beiden Vorsitzenden neben all dem Stress, den es ohnehin schon gibt, besser absprechen. Dann wäre es auch möglich, zu Hause zu bleiben, wenn mal ein Kind krank ist.

Baerbock weiß, dass sie ihrem Mann mehr zumuten muss. Sie selbst wird noch weniger schlafen. Schließlich will sie auch nächstes Jahr wieder den Adventskalender basteln. Und wenn es, wie dieses Jahr, wieder mitten in der Nacht ist.

Christoph Schult/DER SPIEGEL

Wolfgang Kubicki, 65, war 22 Jahre lang Fraktionschef der FDP im Landtag von Schleswig-Holstein, seit Oktober ist er Vizepräsident des Bundestages. Kubicki sagt gern, was er denkt. Kürzlich ließ er durchblicken, dass er sich durchaus vorstellen könne, mit Union und Grünen noch mal über Jamaika zu verhandeln. Daraufhin ließ FDP-Chef Christian Lindner das Parteipräsidium einen Beschluss fassen, der das für diese Legislaturperiode kategorisch ausschließt. Aber ausgeschlossen - was heißt das derzeit schon? Am Donnerstag machte eine Meldung die Runde, Lindner könne sich Jamaika durchaus vorstellen - sollte es Neuwahlen geben.

ICE 801, Fahrt von Kiel nach Berlin, Wolfgang Kubicki hat im Speisewagen Platz genommen, er bestellt eine kleine Flasche Grauburgunder, da nähert sich ein junger Mann seinem Tisch.

"Herr Kubicki, ich bin ein ganz großer Fan der FDP, kann ich ein Selfie mit Ihnen machen?"

Kubicki (gönnerhaft): "Aber sicher."

Ein paar Minuten später: "Hallo, Herr Kubicki, mein Großvater war als Student in derselben Studentenverbindung wie Sie, kann ich ein Foto mit Ihnen machen?" Kubicki (überrascht): "Klar."

"Ist schon interessant, was sich die Leute ausdenken, um mit mir ein Foto zu bekommen", sagt Kubicki, als der junge Mann sich getrollt hat. "Ich war nie in einer Verbindung."

Es könnte alles so schön sein für Kubicki, der neue Ruhm, die Talkshows, der Sitz im Bundestag, wäre da nicht jener nieselige 20. November, als Christian Lindner nicht nur Jamaika platzen ließ, sondern auch Kubickis Traum vom Ministeramt. Während Lindner in jener unseligen Nacht sein Nein begründete, stand Kubicki rechts hinter dem Chef und starrte ins Nichts.

Es ist kein Geheimnis, dass Kubicki gern regiert hätte. Am Donnerstag vergangener Woche verabschiedete er sich mit einer emotionalen Rede aus dem Kieler Landtag. Er sprach davon, wie gut das Bündnis mit CDU und Grünen in Schleswig-Holstein funktioniere, und versprach, in Berlin "trotz aller Widrigkeiten nachzuholen, was bisher nicht gelungen ist". Sein Freund Robert Habeck von den Grünen wolle schließlich auch nach Berlin wechseln. Da könne aus Jamaika "ja doch noch was werden".

Das kann man als Scherz auffassen. Muss es aber nicht.

Sind Sie enttäuscht, Herr Kubicki?

"Die Enttäuschung hält sich in Grenzen, aber während der Verhandlungen wächst die Lust." Kubicki gefiel sich immer in der Rolle als bekannter Anwalt. Jetzt ist er Vizepräsident des Bundestages. Auf die ganz großen Mandate muss er nun aus Zeitgründen verzichten. Lohnt sich das für einen Job, der im Wesentlichen darin besteht, anderen Abgeordneten das Wort zu erteilen? "Ich verstehe, dass du enttäuscht bist", hat seine Frau gesagt, "aber für unsere Urlaubsplanung ist es besser."

Neulich traf er Sigmar Gabriel, die beiden kennen sich seit Jahren. Warum die FDP denn ausgestiegen sei, wollte Gabriel wissen. "Wir haben Jamaika scheitern lassen, damit du Außenminister bleiben kannst", scherzte Kubicki.

"Du wärst auch ein guter Außenminister geworden", entgegnete Gabriel.

Kubicki widersprach nicht.



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