AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 15/2012

Heimat Was ein Schweizer im Ausland vermisst

Alphorn-Wettbewerb in der Schweiz: Welche Heimat meinen wir eigentlich?
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Alphorn-Wettbewerb in der Schweiz: Welche Heimat meinen wir eigentlich?

2. Teil: Welche Heimat meinen wir eigentlich, wenn wir Heimat sagen?


Wenn ich die Schweiz besuche, spüre ich, dass sich etwas verändert hat, seit ich das Land 2004 verlassen habe. Hinter der Fassade gärt eine Angst. Vor der Zukunft, um den Wohlstand, um das Geld auf dem Bankkonto, vor den Deutschen und der "Massenzuwanderung". Diese Angst zu spüren macht mir die Schweiz fremd. Die Bilder aus dem SBB-Spot erzeugen dagegen das behütete Gefühl, das mir meine Kindheit in der Schweiz gab, die Gewissheit, dass einem nichts passieren kann.

Die Heimat wird derzeit ja auch sonst unablässig inszeniert und von innen bespiegelt, es ist, als ob alle sie ein letztes Mal festhalten wollten: Man braucht sich nur die unzähligen Buchdeckel anzusehen, von denen das Schweizerkreuz prangt, Sendungen wie "SF bi de Lüt" oder Filme wie "Sennentuntschi". Oder die urbanen Hipster, die alle das Jassen entdeckt haben.

Das Ende der linken Schweiz-Kritik

Heimat war in der Schweiz nie ein problematisches Wort. Der Schweizer mag seine Heimat oder liebt sie gar, ob er Christoph Blocher oder Jean Ziegler heißt, die Frage war immer nur, auf welche Weise. Blocher erfand in den neunziger Jahren den Kampfbegriff "heimatmüde", um seine Gegner zu desavouieren. Ziegler ist der letzte verbliebene Schweiz-Kritiker.

In meiner Jugend gab es noch eine ganze Reihe von ihnen, im linken Lager, sie sind aus der Mode gekommen. Das Ende der linken Schweiz-Kritik fällt interessanterweise mit dem Erscheinen des Berichts der Bergier-Kommission zusammen, die auf Druck des Auslands die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg untersuchte. Wenn die Schweiz von außen angegriffen wird, sei es von amerikanischen Anwälten oder einem polternden Peer Steinbrück, rücken alle zusammen.

Es gibt noch ein Video, das mich in den vergangenen Wochen rührte: In einem amateurhaften Wahlspot der FDP Reinach waren Politiker zu sehen, die im Chor sangen: "Gäll du wählsch mi, gäll du willsch mi, mir sind FDP". Das war alles. Natürlich fällt es leicht, sich über Provinzialität lustig zu machen. Aber mir schien bemerkenswert, dass sich in diesem Werk genau das postpolitische Gefühl ausdrückt, das die Schweizer Politik jenseits der lauten SVP auszeichnet: Es geht uns gut, lasst uns nicht über die Wirklichkeit reden. Wählt uns, wir sagen euch aber nicht, warum.

In Wahrheit wissen wir Schweizer seit 20 Jahren, dass es nicht weitergehen wird wie bisher. Es begann mit der Auseinandersetzung über nachrichtenlose Vermögen, es folgten die bilateralen Abkommen mit der EU, die Angriffe auf das Bankgeheimnis. Wenn ich den politischen Diskurs der vergangenen 20 Jahre zusammenfassen soll, würde ich ihn beschreiben als einzigen Streit um das richtige Bild von der Heimat und darum, wie man sie bewahren kann. Christoph Blocher und die SVP haben diese Debatte gewonnen. Nicht, weil alle Schweizer ihre Vorstellungen teilen, sondern weil die SVP ihre defensive Sicht, dass die Heimat von außen bedroht sei, dem ganzen Land aufgezwungen hat. Die Angst vor dem Verlust der Heimat bewegt viele Schweizer tief. Sie gehört nicht einem politischen Lager allein. Sie hat das Land dazu getrieben, den EWR-Beitritt abzulehnen, aber auch der Alpeninitiative und dem Verbot von Zweitwohnungen zuzustimmen. Vor diesem Hintergrund muss man auch die Annahme der Minarett-Initiative sehen und das Verbot von Hochdeutsch in Zürcher Kindergärten.

In Deutschland zum Schweiz-Erklärer geworden

Ich bin in Deutschland zum Schweiz-Erklärer geworden. Wenn ich mich aus der Ferne mit ihr auseinandersetzte, habe ich oft von ihr geschwärmt, aber ich bin auch oft an ihr verzweifelt. Was ist das für ein Land, dessen Politik nur aus Rückzugsgefechten besteht? Noch ein Abkommen zur Aufweichung des Bankgeheimnisses, wieder 10.000 Steuerflüchtlinge an Amerika verraten. Es ist ein Land, das immer noch einen Schritt rückwärts macht, in dem aber niemand eine Idee für die Zukunft hat. Die Frage, über die niemand spricht, lautet: Wird die Schweiz, wenn das Bankgeheimnis eines Tages ganz verschwunden sein wird, immer noch so reich sein?

Als ich nach Deutschland kam, versuchte ich, von der Schweiz zu erzählen, wie ich sie kenne. Von der wahren Schweiz. Von dieser großen Vorstadt zwischen St. Gallen und Lausanne, die Stiller Has in "Walliselle" besingen, vom helvetischen Mittelland in seiner melancholischen Banalität, vom Aargau und vom Shoppyland. Aber natürlich interessierte das niemanden.

Welche Heimat meinen wir eigentlich, wenn wir Heimat sagen?

Die Kunst-Schweiz im SBB-Werbespot rührt mich an, weil sie mich an etwas erinnert, dessen Untergang ich selbst befürchte. Aber wenn ich ehrlich bin mit mir selbst, weiß ich, dass es nicht diese Nostalgie-Schweiz ist, von der ich mir für die Zukunft am meisten verspreche.

Ich bin groß geworden in der Nähe von Olten, zwischen Jurahügeln, Schnellstraßen und Geleisen. Die Alpen liegen von da aus weit am anderen Ende des Nebelmeeres, das wir an Herbstwochenenden von der Belchenflue aus überblickten. In dieser Vorstadt-Schweiz, in der die meisten von uns leben, sah eine junge Schweizerin schon vor 20 Jahren nicht mehr unbedingt aus wie die junge blonde Frau im SBB-Spot, weil sie womöglich kroatische, arabische oder thailändische Wurzeln hatte. Die Schweiz war schon in meiner Jugend multikulturell, heute liegt der Ausländeranteil bei über 22 Prozent. Das ist die wirkliche Schweiz, nicht der SVP-Puurezmorge.

Das ist die Welt, aus der ein Rapper wie Baba Uslender stammt, ein Albaner aus Luzern, der in seinem "Baustellsong" auf YouTube in gebrochenem Schwyzerdütsch zu Handörgeli rappt, ein bitterironischer Song, der vom Streit zwischen einem Italiener und einem Albaner auf einer Baustelle handelt.

Dieses Video treibt mir nicht die Tränen in die Augen. Aber ich weiß, dass es mehr mit der echten Schweiz zu tun hat. Ich würde Baba Uslender am liebsten bitten, den SBB-Werbespot zu remixen. Das ergäbe ein realistisches Bild der S-Bahn-Schweiz, in der es schon lange nicht mehr idyllisch zugeht, die aber voller Energie steckt, in der es manchmal eng ist und dreckig. Sie hat eine Kraft, die größer ist als die Nostalgie. Das ist die Heimat, die ich vermisse.



insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
sgritheall 13.04.2012
1. Schweiz, amerikanisch
Das köstliche am Werbefilmchen der SBB ist ja, dass in amerikanischer Sprache "gesungen" wird. Man macht auf "schweizerisch", schämt sich aber, dies in einer in der Schweiz gesprochenen Sprachen zu tun. Dasselbe Dilemma zeigt sich im neuerdings gern gebrauchten Wort "Swissness". Man möchte schweizerisch sein, aber am liebsten als der 51. Staat der USA.
schwaderlapp 13.04.2012
2. In der Tat
Zitat von sysopREUTERSDie Schweizer sehnen sich in einer ungemütlichen Welt nach der heilen Heimat. http://www.spiegel.de/0,1518,827200,00.html
Hervorragend geschriebene Beobachtung. Abseits der Heimatgefühle beobachte ich als Deutscher in der Schweiz, der in dieser Zeit den umgekehrten Weg gemacht hat, dieselben Phänomene verschiedener Parallelwelten zur Wirklichkeit in der Schweiz. Der Artikel kann und will nicht allumfassend sein, aber beschreibt ebenso treffend die politische Entwicklung und Stimmung im Lande. Man darf auf die Zukunft gespannt sein...
walsi911 13.04.2012
3. Danke
Zitat von sysopREUTERSDie Schweizer sehnen sich in einer ungemütlichen Welt nach der heilen Heimat. http://www.spiegel.de/0,1518,827200,00.html
Sehr trefflich beschrieben. Punktlandung
surselva-29 13.04.2012
4.
Sehr schöner, populistischer Beitrag! Da halte ich doch mal dagegen: vielleicht brauchen die Schweizer gar keine Steuern zu hinterziehen, da in ihrem Land (im Gegensatz zu dem unsrigen) ein weitgehend gerechtes und transparentes Steuersystem herrscht.
caraillogazzo 13.04.2012
5. Schade!
Zitat von sysopREUTERSDie Schweizer sehnen sich in einer ungemütlichen Welt nach der heilen Heimat. http://www.spiegel.de/0,1518,827200,00.html
Nach einem eigentlich sinnigen Beginn (SBB-Spot), artet der Beitrag - wie bei von Rohr üblich - in ein SVP-Bashing aus. Tatsächlich haben wir unser aktuelles "Insel der Glückselilgen"-Dasein Blocher zu verdanken. Nur jene können über 4000 Franken Mindestlohn diskutieren, die ihr Geld nicht nach Griechenland und Spanien tragen müssen. Dies zu zugeben, braucht aber ein wenig Grösse. Jenseits des Schreiber von Rohr, bedeutet für viele Schweizerinnen und Schweizer Heimat deshalb auch und vorab Mit- und Selbstbestimmung.
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