AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

Demografie Wenn das Wachstum schwindet, gerät unser Wohlstand in Gefahr

Der Forscher Reiner Klingholz warnt davor, dass eine stagnierende Wirtschaft das Sozialsystem sprengen wird - und den Staat unvorbereitet trifft.

Bürger bei CSU-Wahlkampfveranstaltung: "Wir werden die Folgen der Wachstumsschwäche bald deutlich zu spüren bekommen"
Hermann Bredehorst / DER SPIEGEL

Bürger bei CSU-Wahlkampfveranstaltung: "Wir werden die Folgen der Wachstumsschwäche bald deutlich zu spüren bekommen"

Ein Interview von und


Reiner Klingholz

Reiner Klingholz

Reiner Klingholz gehört der Babyboomer-Generation an, über die er selbst forscht: Geboren 1953 in Ludwigshafen, nähert er sich dem Rentenalter. Wie sich die Altersversorgung und das Sozialsystem finanzieren lassen, wenn das Wirtschaftswachstum schwindet, ist eine zentrale Frage, mit der sich Klingholz und sein Team beschäftigen, dazu haben sie gerade eine neue Studie vorgelegt. Seit 2003 leitet Klingholz das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, einen einflussreichen Thinktank in der Hauptstadt.


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Heft 44/2017
Forscher entschlüsseln, wie Persönlichkeit und Intelligenz entstehen

SPIEGEL: Herr Klingholz, Sie sagen, dass die Zeit der hohen Wachstumsraten vorbei sei. Wäre das so schlimm?

Klingholz: Unser gesamtes System ist darauf angelegt, dass die Wirtschaft wächst. Nur so können wir die Sozialkassen, den Ausbau der Infrastruktur und die Schulden finanzieren. Solange die Wirtschaft wächst und die Steuern fließen, stören uns die steigenden Ausgaben dafür nicht weiter. Wenn das Wachstum aber schwindet, gerät unser Wohlstand in Gefahr. Dann verschärfen sich die Verteilungskämpfe.

SPIEGEL: Schon in den Siebzigerjahren warnten Wissenschaftler vor dem Ende des Wachstums. Warum soll es jetzt, mehr als 40 Jahre später, so weit sein?

Klingholz: Diese alten Warnungen waren ökologisch begründet und wurden nicht wirklich erhört. Was wir jetzt erleben, ist ein strukturell bedingter Rückgang, der seit Langem andauert. Seit dem Wirtschaftswunder in den Fünfzigerjahren schwächt sich das Wachstum im Zehnjahresmittel tendenziell ab. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir zu den hohen Raten der Vergangenheit zurückkehren. Die goldene Zeit des "Immer mehr" ist vorbei, Weniger, Stagnation oder gar Schrumpfen wird zur neuen Normalität.

SPIEGEL: Dafür geht es aber Deutschland gerade ziemlich gut. In den vergangenen fünf Jahren ist die Volkswirtschaft real um sieben Prozent gewachsen. Manche Branchen, etwa die Bauwirtschaft, können sich vor Aufträgen kaum retten.

Klingholz: Im Moment profitieren wir von einer denkbar günstigen Konstellation. Die meisten Babyboomer sind noch erwerbstätig, zahlen Steuern und Sozialbeiträge. Aber jetzt endet die Phase, in der wir eine demografische Dividende einfahren konnten, die geburtenstarken Jahrgänge verabschieden sich in den Ruhestand. Um das Jahr 2030 sind die Jahrgänge, die in Rente gehen, doppelt so stark wie die Jahrgänge, die ihr Erwerbsleben beginnen werden. Das bedeutet eine Zeitenwende. Dann sind wir doppelt herausgefordert: Die Alterung der Gesellschaft trifft auf ein rückläufiges Wachstum.

SPIEGEL: In den Neunzigerjahren sind bereits Millionen Bürger vorzeitig in Rente gegangen, und dennoch ist das System nicht kollabiert.

Klingholz: Vergessen Sie nicht die Rentenreformen seitdem. Heute gehen die Empfänger später in den Ruhestand, sie erhalten weniger Leistungen, und trotzdem werden auf künftige Einzahler zusätzliche Lasten zukommen.

SPIEGEL: Rentner tragen mit ihrem Konsum doch auch zum Wachstum bei.

Klingholz: Aber das macht bei Weitem nicht wett, was an Produktivkraft verloren geht. Schauen Sie sich Japan an. Dort schrumpft die Zahl der Menschen im Erwerbsalter bereits massiv. Die Rentner bleiben notgedrungen länger beschäftigt und müssen an ihr Erspartes ran. Was dort geschieht, gleicht demografischem Harakiri. Die Japaner ziehen alle Register, um die Schwäche ihrer Wirtschaft zu überwinden, sie versuchen sie mit kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen anzukurbeln. Das Ergebnis sind wachsende Schulden bei sehr mäßigem Wachstum.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Kann denn Deutschland einen solchen Verlauf noch abwenden?

Klingholz: Wir sind in einer viel günstigeren Position. In Deutschland sind mehr Frauen erwerbstätig, und Zuwanderung spielt anders als in Japan eine wichtige Rolle. Aber dennoch werden wir die Folgen der Wachstumsschwäche bald deutlich zu spüren bekommen.

SPIEGEL: Wenn die Deutschen produktiver arbeiteten, also mehr Ertrag bei gleichem Aufwand erzielten, könnte doch die Wachstumslücke geschlossen werden?

Klingholz: Theoretisch ja. Diese Strategie haben wir lange Zeit verfolgt, deshalb konnten wir uns die Frühverrentung leisten. Das Problem ist, dass die Produktivität immer langsamer wächst, ähnlich wie die Wirtschaft. Die Zeit der großen Erfindungen ist vorbei.

SPIEGEL: Meinen Sie das ernsthaft? Die Entwicklung des Internets war doch bahnbrechend.

Klingholz: Aber sie schlägt sich in den Produktivitätskurven in erstaunlich geringem Maße nieder. Der Nobelpreisträger Robert Solow bemerkte schon vor 30 Jahren, man könne überall das Computerzeitalter sehen - nur nicht in der Produktivitätsstatistik. Wir haben zwar das Gefühl, von Innovationen förmlich überrollt zu werden, doch in Wahrheit sind es nur winzige Schritte. Von der Sense zum Mähdrescher: Das war ein gewaltiger Sprung. Wenn heute ein Mähdrescher GPS-gesteuert über den Acker fährt, bedeutet dies zwar einen gewissen Fortschritt, aber keineswegs eine Revolution.

SPIEGEL: In anderen Sektoren der Wirtschaft, etwa den Dienstleistungen, steht die Digitalisierung am Anfang. Da könnte sie noch rationalisierende Kraft entfalten.

Klingholz: Mag sein. Aber ich kann nicht erkennen, dass zum Beispiel in der Pflege ein Produktivitätssprung bevorsteht. Dort lassen sich viele Tätigkeiten nur direkt vom Menschen erledigen und kaum automatisieren.

SPIEGEL: Immerhin lässt sich der allgemeinen Wachstumsschwäche auch etwas Positives abgewinnen: Wer weniger produziert, schont die Umwelt.

Klingholz: Das stimmt im Prinzip. Wir wirtschaften weit über die Tragfähigkeit unserer Ökosysteme hinaus, das müssen wir ändern. Allerdings sollte uns auch bewusst sein: Wenn wir weniger arbeiten, herstellen und konsumieren, fallen Millionen Arbeitsplätze weg, Staat und Sozialkassen verlieren an Einnahmen. Ob wir unter diesen Bedingungen ökologischer wirtschaften, ob wir genügend in Alternativen für die fossilen Brennstoffe investieren können oder stattdessen mehr billige Braunkohle verheizen, ist alles andere als sicher.

SPIEGEL: Kann eine Volkswirtschaft nicht auch im Einklang mit der Natur wachsen?

Klingholz: Bisher ist es nicht gelungen, Wachstum vom Ressourcenverbrauch vollkommen zu entkoppeln. Das liegt am sogenannten Reboundeffekt: Die Waschmaschinen sind deutlich sparsamer als früher, aber dafür waschen wir heute viel häufiger. Auf diese Weise machen wir bisher jede Energieersparnis zunichte. Oder nehmen Sie Autos: Die Motoren sind zwar effizienter als früher, dafür sind die Fahrzeuge heute erheblich schwerer.

SPIEGEL: Lässt sich der Reboundeffekt überwinden?

Klingholz: Das wird schwerfallen. Es gehört zu den Grundprinzipien der Wirtschaft, Dinge effizienter zu machen und dadurch Kosten zu sparen. So werden die Produkte billiger und letztlich mehr davon gekauft.

SPIEGEL: Der Gesetzgeber könnte eingreifen und den Verbrauch von Ressourcen höher besteuern.

Klingholz: Davor scheut das Parlament zurück. Es fürchtet, dass dann der Konsum darunter leidet und das Wachstum noch weiter zurückgeht.

SPIEGEL: Was kann die Politik also tun, um die Gesellschaft von den Zwängen des Wachstums zu befreien?

Klingholz: Sie muss erst mal akzeptieren, dass die klassischen Instrumente der Konjunkturpolitik, mit denen sie bislang auf eine Wachstumsschwäche reagierte, nicht mehr funktionieren. Dieser Erkenntnis verweigern sich die meisten Politiker. Alle hoffen bloß, dass es irgendwie gut geht. Sie schrecken vor der ungeheuren Aufgabe zurück, die Industriegesellschaft umzubauen. Wir müssen uns von der Abhängigkeit vom Wachstum lösen.

SPIEGEL: Können Unternehmen, die nicht wachsen, überhaupt überleben?

Klingholz: Zumindest kleinere, inhabergeführte Betriebe sind weniger in den Zwängen gefangen. Der Bäcker von nebenan kommt auch zurecht, wenn er Jahr für Jahr den gleichen Umsatz und Gewinn erwirtschaftet. Der stellt seine Kunden zufrieden und muss nicht unbedingt wachsen.

SPIEGEL: Wirklich nicht? Dieser Bäcker wird auch feststellen, dass der Strom teurer wird, dass die Mitarbeiter höhere Löhne verlangen, dass ein neuer Ofen mehr kostet als der alte. Also muss er mehr leisten.

Klingholz: Er muss sich allerdings nicht in derselben Weise am Markt behaupten wie zum Beispiel Aktiengesellschaften, die immer nach Möglichkeiten suchen, den Gewinn zu maximieren. Die Aktionäre erwarten jedes Jahr, dass ihnen eine angemessene Rendite ausgeschüttet wird.

SPIEGEL: Wie kann sich dann ein gesellschaftliches System finanzieren, das nicht auf Wachstum fußt?

Klingholz: Der Staat müsste sich neue Einnahmequellen erschließen. Er könnte die Ökosteuern weiter ausbauen oder Dividenden und andere Kapitalerträge höher besteuern. Aber die Politik muss auch an die Rente ran: Wenn die Menschen ständig älter werden, kann man den künftigen Rentenbeginn nicht bei 67 Jahren be-lassen.

SPIEGEL: Sie plädieren für die Rente mit 70?

Klingholz: Wenn die Menschen länger leben, sollte sich der Gewinn an Lebenszeit anteilig auf Arbeit und Rente verteilen. Das heißt, mit jedem hinzugewonnenen Jahr verzögert sich der Renteneintritt automatisch um acht Monate. Wenn man sich darauf einigte, ließe sich das Thema "Rente" aus der politischen Debatte und dem Wahlkampf heraushalten.

SPIEGEL: Warum hat sich die Politik noch nicht auf einen solchen Mechanismus verständigt?

Klingholz: Die großen Volksparteien agieren in vorauseilendem Gehorsam gegenüber älteren Wählern. Aber vielleicht sind die Bürger ja schlauer, als die Politik vermutet. Wenn man ihnen das Dilemma erklären würde, in dem wir gefangen sind, wären sie vermutlich bereit, das Problem anzupacken. Es ist ja auch keine Revolution ausgebrochen, als die Bundesregierung die Rente mit 67 eingeführt hat.



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