AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2017

Sommer 2017 Spielt das Wetter verrückt - oder wir? 

Alle regen sich über den miesen Sommer auf. Zu Recht?

DER SPIEGEL

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"Wieso spielt der Sommer so verrückt?"
"Ist dieses Wechsel-Wetter noch normal?"
"Wird's nie wieder richtig Sommer?"

Das sind drei Schlagzeilen aus den vergangenen Wochen. Gegenfrage: Wann hat das Reden übers Wetter, früher die beiläufigste Sache der Welt, latent zu nerven begonnen?

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Heft 35/2017
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Ein gewisser Unterton hat sich eingeschlichen. Immer schon gab das Wetter Anlass zum Jammern - aber da ging es um die Launen des Schicksals, wie es eben so spielt. Heute dagegen genügen ein paar regnerische Wochen, und der Verdacht auf einen Systemdefekt macht die Runde: "So was ist doch nicht normal."

Nicht zufällig erinnert das an den Reklamationston enttäuschter Kunden, die erwägen, einen Verbraucheranwalt einzuschalten.

Der deutsche Wetternörgler erwartet heute einen "richtigen" Sommer. Aber wie kommt er darauf? Den richtigen Sommer hat es so gut wie nie gegeben. Hin und wieder kam einer dem Idealbild eine Zeit lang recht nahe. Aber der reguläre Sommer ist, unserer Klimazone entsprechend: feucht, gemäßigt, wechselhaft.

So wie in diesem Jahr.

Der Sommer 2017 war bislang insgesamt nass und warm. Im Juli schien die Sonne durchschnittlich 195 Stunden - damit fehlten zum Mittelwert von 212 Stunden nur acht Prozent. Regen gab es dafür reichlich: Mit rund 130 Litern pro Quadratmeter fiel das gut Anderthalbfache der üblichen Monatsmenge.

Doch damit schafft es dieser Juli nicht einmal ins Spitzentrio der Regenrekorde.

Im Juli 1954 zum Beispiel kamen 166,7 Liter vom Himmel.

Freilich war das Wetter diesmal besonders ungerecht übers Land verteilt: Die Südhälfte bekam reichlich Sonne ab, für den Norden und Osten gab es dafür Wasser im Überfluss.

Doch auch in Hamburg lag die Temperatur mit 17,3 Grad Celsius leicht über dem langjährigen Mittelwert von 17 Grad. Und trotz des vielen Regens war der Himmel nicht durchgehend grau: Immerhin waren den Hamburgern 180 (statt 201) Sonnenstunden beschieden.

Selbst in Berlin, wo am lautesten lamentiert wurde, fiel der Juli eher warm aus. Mit 210 Sonnenstunden lag er nur knapp unterm langjährigen Mittel (von 224 Stunden). Allerdings erfüllte der Regen sein Monatssoll von 53 Litern pro Quadratmeter fast dreifach. Obendrein war am denkwürdigen 29. Juni bereits eine kleine Sintflut von knapp 200 Litern binnen 24 Stunden niedergegangen.

Das ist zweifellos extrem. Und wenn der Planet sich weiter erwärmt, sagen Klimaforscher, könnten sich solche Extreme häufen - warme Luft nimmt eben mehr Feuchtigkeit auf. Übers Jahr wäre deshalb öfter mit Starkregen zu rechnen.

Gerade im Sommer jedoch lässt sich ein solcher Trend bislang nicht nachweisen. Juni und Juli sind in unserem launenhaften Klima von jeher die regenreichsten Monate. Da konnte es auch früher schon richtig nass werden.

Statistisch gesehen, blieb dieser Sommer also weitgehend im Rahmen. Beim Publikum fiel er dennoch durch. Er fühlte sich einfach nicht "richtig" an. Aber der Sommer, wie er zu sein hätte, ist ein Phantombild. Wo kommt es her? Was hat sich geändert?

Zuallererst die Mobilität. Millionen Touristen haben sich eingeschworen auf Flugziele mit Schönwettergarantie. Jedes Jahr schwärmen sie aus nach Florida, nach Dubai oder wenigstens, wie seit den Sechzigern, nach Italien. In den Siebzigern wurde, dank günstiger Flüge, auch das sonnendurchglühte Spanien mitsamt seinen Inseln dem Massentourismus einverleibt. Allein dorthin reisen inzwischen jährlich an die sechseinhalb Millionen Deutsche.

Am Ende aber müssen sie alle wieder zurück - zum Tief "Alfred" und den anderen Verdrießlichkeiten der gemäßigten Klimazone. Wer es nicht anders kannte, mochte den heimischen Sommer lieben, aber einem Heimkehrer aus der weltumspannenden Brutzelzone muss er beschämend provinziell, ja geradezu rückständig vorkommen - wie ein armer Verwandter des ewigen Prachtwetters anderswo.

So entstand wohl ein Gewohnheitsrecht auf Dauersonne, importiert wie die Südfrüchte aus Spanien oder die Kokosnüsse von der Elfenbeinküste. Längst erwarten wir auch im hiesigen Alltag die Verfügbarkeit des weltweit im Überfluss vorhandenen Urlaubsklimas.

Dass stabile Schönwetterlagen im Sommer hier immer schon selten waren, zählt da nicht mehr viel. Heute gilt das eher als Wettbewerbsschwäche, wie langsames Internet. Daher wohl auch die neue Pampigkeit im Ton. Für die Sonnenverwöhnten ist das Wetter, könnte man sagen, zum Gewährleistungsfall geworden: Es entspricht nicht der vom Hersteller geschuldeten Qualität.

Das ist nicht nur eine Frage persönlicher Gewohnheiten. Der Tourismus importiert auch das viel bewunderte Lebensgefühl der besuchten Paradiese: diese südländische Leichtigkeit, das Leben unter freiem Himmel - viele Urlauber wollen die Urlaubskultur nun auch zu Hause haben.

Im deutschen Kuddelmuddelklima wird deshalb, so gut es eben geht, mediterranes Flair nachgestellt. Die Mode der Außenküchen gehört ebenso dazu wie die allgemeine Grillpflicht von April bis Oktober.

Das Selbstbild des modernen Menschen ist nicht komplett ohne die Beteuerung, er könne gar nicht genug Sonne kriegen. Es wird auch gewahrt an den Tagen, da die Hitze mal wirklich unerträglich wird - jederzeit abzulesen an der Mittagsgastronomie deutscher Innenstädte: Tapfer schwitzend verzehren die Leute draußen ihr Essen, dem Straßenlärm zum Trotz, während drinnen im herrlich kühlen Dämmer kaum ein Tisch besetzt ist.

Der deutsche Alltag hat sich, keine Frage, zu fortwährender Urlaubslockerheit bekehrt. Verlässlicher Sonnenschein ist seitdem eine zentrale Ressource.

Früher haben die Leute vom Wetter gar nicht so viel mitbekommen. Wer nicht draußen arbeiten musste, führte die meiste Zeit ein Stubenhockerleben - perfekt angepasst an die gemäßigte Klimazone. Nur wenige Gaststätten kamen damals auf die Idee, Stühle und Tische nach draußen zu stellen.

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Die Menschen liebten den Sommer, aber nicht die Sonne. Viele Parks und alte Gärten erzählen noch von einer ausgereiften Schattenkultur: überall Bäume, Büsche, Lauben. Heute setzt sich als Idealbild des Vorgartens der voll exponierte Rasen mit Sichtschutz und Sonnendeck durch - ein Stück Costa Brava im Reihenhausformat.

Kein Wunder also, dass sich auch die Vorstellung vom "normalen" Wetter erheblich gewandelt hat. Falls uns der Zufall mal einen perfekten Standardsommer aus lauter statistischen Mittelwerten schenken sollte: Die Leute würden maulen. Denn dieser Sommer fiele erstaunlich bescheiden aus, keineswegs durchgehend brutzelwarm und insgesamt ziemlich wetterwendisch. Mit einem Wort: ein "Schaukelsommer".

Nur denkt der Mensch nicht statistisch. Was er will, ist gar nicht der normale Sommer, sondern der typische. Den gibt es aber so wenig wie den typischen Löwen, der unentwegt hinter Antilopen herprescht. Reale Löwen sind Langweiler, die gern mal 20 Stunden am Tag faul herumliegen. Auch der typische Sommer ist - wie der typisch verschneite Winter - in der Realität eher die Ausnahme. Umso bildmächtiger beherrscht er die allgemeine Vorstellung: ein Stereotyp.

Einige Ausnahmesommer seit der Jahrtausendwende, besonders in den Jahren 2003 und 2015, haben dieses vereinfachte Wunschdenken bestärkt. Zugleich aber nährten sie im Sonnenanbeter das schlechte Gewissen des Klimasünders.

Mit der globalen Erwärmung ist das Wettergeschehen in die von Menschen verantwortete Sphäre eingewandert. Es ist unser Produkt geworden. Deshalb hat das Reden darüber seine Beiläufigkeit verloren. Die Anspannung von Tatbeteiligten klingt darin an. In jedem Wolkenbruch suchen wir nach Vorzeichen und tieferer Bedeutung: Wird es künftig mehr davon geben oder weniger? Ist das noch Wetter oder schon Katastrophe?

Diese Unsicherheit ist vorläufig nicht auflösbar. Ein Einzelereignis für sich allein bedeutet nichts. Nur im statistischen Gesamtbild, im Rückblick über längere Zeitreihen, wird aus vielen Einzelfällen ein Trend. Also irgendwann in der Zukunft.

In der Zwischenzeit gedeiht eine fatalistische Mitnahmementalität: Wenn das Wetter schon erwärmungsbedingt "verrücktspielt", soll es uns wenigstens herrliche Brutzelsommer bescheren, so wie es sie früher mal gab - angeblich.

Die Gedächtnisforschung weiß es besser: Unsere Erinnerung ist kein Film. Vom Vergangenen bewahrt sie vor allem die Höhepunkte - vom Urlaub den famosen Abend an der Bar über der Steilküste, nicht die faden Tage am schmutzigen Strand. Und von den Sommern die einsame Pracht der Hochdruckwetterlagen - und nicht die vorherrschende Allerweltswitterung davor und danach.

Die allergrößten Sommer liegen gemeinhin am weitesten zurück, irgendwo in der Kindheit. Ein Blick in die Wetterstatistiken jener Tage würde zeigen, wie oft wir damals in Wahrheit wochenlanges Mistwetter mit Malbüchern oder einem Autoquartett überstehen mussten.

Die Erinnerung schert sich wenig um Statistik, sie formt stimmige Geschichten. Mit fortschreitendem Abstand werden diese Geschichten in der Regel immer schöner - so entsteht die große Selbsterzählung von der Seligkeit endloser Sommertage.

Und je älter wir werden, desto weniger kann die wechselhafte Gegenwart mit den idealisierten Erinnerungen mithalten.

Nein, es wird, so gesehen, nie wieder richtig Sommer.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
ruhepuls 30.08.2017
1. Je nach dem wo man wohnt...
Ich wohne im Südwesten - und bei uns war das ein warmer und eher trockener Sommer. Ab und an mal ein Gewitter und ein paar kühle Tage. Ansonsten aber ein "Super-Sommer"...
rainerwäscher 30.08.2017
2.
Der Sommer war o.k. Ich brauchte weder heizen noch eine Klimaanlage. Mehr erwarte ich nicht.
Stefan_G 30.08.2017
3. zu #1
Dem kann ich zustimmen, der Juni war recht warm, der Juli war durchschnittlich, der August ist wieder eher zu warm, siehe http://www.wetterkontor.de/de/wetter/deutschland/monatswerte-temperatur.asp?y=2017&m=8 Dieses Jahr haben wir übrigens den (auch im Südwesten) seltenen Fall, dass keiner der 3 Sommermonate durch kühle Witterung auszeichnet.
eurosinga 30.08.2017
4. Regional unterschiedlich
Zitat von ruhepulsIch wohne im Südwesten - und bei uns war das ein warmer und eher trockener Sommer. Ab und an mal ein Gewitter und ein paar kühle Tage. Ansonsten aber ein "Super-Sommer"...
Ja, das stimmt. Bei uns hier am Oberrhein war es während der letzten Monate sicher deutlich zu trocken, zum Glück jedoch nicht so trocken wie so manches Jahr davor. Temperaturmäßig hatten wir in der zweiten Maihälfte bereits einige Tage über 30 Grad, die Monate Juni, Juli und August sowieso häufiger. Wenn man die Wetterkarte heranzieht: Wir sind die Gegend unten links, wo es immer orange oder rot ist. Aber so wie es aussieht, ist heute der letzte heiße Tag für dieses Jahr, ab morgen wird es deutlich kühler. Lieber Herbst, Du bist willkommen.
witsbolt 30.08.2017
5. Genialer Sommer....
Bei uns in Rhein-Main hat es auch mal geregnet, aber es gab auch viel Sonne. Das Beste an diesem Sommer im Vergleich zu den letzten Jahren war aber - der Mangel an Schwüle! Das was einen die letzten Sommer echt verleidet hat, schwül, schwül und nochmals schwül - war diesen Sommer nicht existent. Also wirklich erholsam, hätte nix dagegen wenn es nächstes Jahr in ähnliche Richtung geht. Will ich Schwüle zieh ich an den Amazonas....;-)
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