Der SPIEGEL

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31. Mai 2017, 05:14 Uhr

Digitalisierung

Wie Bauen in Deutschland längst billiger, schneller und nervenschonender sein könnte

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Wer in Deutschland ein Haus baut, hat gute Chancen, wahnsinnig zu werden: Oft dauert es länger und ist teurer als vorgesehen, denn viele Handwerker arbeiten wie vor 50 Jahren. Geht es besser? Ja!

Jedes Auto ist ein Unikat. Aus Tausenden Teilen fertigen Arbeiter und Roboter binnen Stunden ein Fahrzeug wie kein anderes. Sie verbauen Komponenten, die rechtzeitig in der richtigen Menge am rechten Ort sind: kein Hexenwerk, sondern das Ergebnis ausgeklügelter Softwaresysteme. Der Kunde kann sich sicher sein, dass er sein Wunschauto bekommt, zum vereinbarten Termin und Preis.

Auch ein Haus ist ein Unikat. Der Bauherr wäre allerdings hochgradig naiv, wenn er erwartete, dass das Resultat exakt seinen Vorstellungen entspricht. Erst recht, was Zeitplan und Budget angeht. Denn geplant und gebaut wird in Deutschland oft noch wie vor 50 Jahren: mit Senkblei und Zollstock, nach Augenmaß und auf Zuruf. Irgendetwas läuft immer schief.

Und treibt den Häuslebauer dem Wahnsinn entgegen.

Zwei Branchen, zwei Welten: Während die deutsche Autoindustrie die Fertigung stetig weiter automatisiert und ihre Zulieferer gewohnt sind, "just in time" zu liefern, ist in großen Teilen der Baubranche die Zeit stehen geblieben. Kein anderer relevanter Wirtschaftszweig in Deutschland ist digital so abgehängt, manche Protagonisten weigern sich regelrecht, ihre Potenziale auszuschöpfen.

Doch wie geht es anders?

In den vergangenen zehn Jahren hat die Produktivität am Bau um gerade 4 Prozent zugelegt. Im verarbeitenden Gewerbe insgesamt ist sie mit 34 Prozent rund achtmal so schnell gewachsen. "Wir hinken weit hinterher", sagt Christoph Gröner, Gründer und Vorstandschef der Berliner CG-Gruppe.

Gröner ist ein Schwergewicht der Immobilienbranche. Schon mit 16 Jahren hatte er auf dem Bau gejobbt, dann Maschinenbau studiert; im Vordiplom aber beschloss er, sich ganz dem Geschäft mit Gebäuden zu widmen. Heute, mit 49, ist Gröner nach eigenen Angaben Deutschlands größter Projektentwickler, rund 1,3 Millionen Quadratmeter Wohnungen und Gewerbeflächen hat sein Unternehmen in Arbeit. "Ich will auch in fünf Jahren noch dabei sein", sagt er.

Deshalb krempelt er sein Unternehmen um, bis zum kommenden Jahr will Gröner es auf digital getrimmt haben. Und er fordert dasselbe von allen, denen er Aufträge gibt, vom Tiefbauer bis zum Fliesenleger. Nur wer sich auf die Anforderungen digital vernetzten Planens und Bauens einlasse, könne mit ihm im Geschäft bleiben, sagt er. "Wir werden nicht mehr auf der Baustelle mit dem Statiker diskutieren, wo eine Wasserleitung hinsoll."

Nur wenige Akteure in der Immobilienbranche gehen ähnlich offensiv vor. Die meisten starten, wenn überhaupt, mit einiger Verspätung ins digitale Zeitalter. Der Umsetzungsgrad sei "vielfach noch sehr gering", stellt die Unternehmensberatung Roland Berger fest. In vielen Bauunternehmen seien "weiterhin vor allem Papier, Telefone und Faxgeräte in Gebrauch", wundern sich die Berater.

Der Rückstand ist umso erstaunlicher, als computergestütztes Bauen in anderen Ländern erprobt ist, vor allem in Skandinavien, und dort deutliche Effizienzgewinne nachweisbar sind. Manager Gröner schätzt, dass ein Projekt statt in 18 in 12 Monaten fertig sein und bis zu einem Viertel weniger kosten könnte, wenn "Building Information Modeling", kurz: BIM, auch in Deutschland zum Standard würde. BIM bedeutet für das Immobiliengewerbe ungefähr dasselbe wie Industrie 4.0 für Maschinen- und Fahrzeugbau: die digitale Vernetzung von Menschen, Anlagen und Produkten.

Wer mit BIM baut, baut quasi doppelt: Zunächst entwirft der Planer ein dreidimensionales Modell des Objekts am Rechner, und zwar im Detail. Er beschreibt nicht bloß eine Fliese für das Badezimmer, sondern definiert das Produkt und seine Eigenschaften, die Maße, den Preis, die Bestellung, den Liefertermin und zum Teil sogar den Ablauf der Montage.

Auf alle Daten haben die Beteiligten Zugriff, wenn es Korrekturen gibt, am Zeitplan beispielsweise, können sich alle Gewerke darauf einstellen. Erst wenn sie auf ihrem Tablet überall grüne Häkchen sehen, beginnt das reale Bauen und werden die Platten verlegt.

Auf diese Weise soll, Simsalabim, das typische Chaos am Bau vermieden werden, zumindest aber verringert: wenn zum Beispiel der Fliesenleger die falschen Platten mitbringt oder wenn er gar nicht erst ins Bad gelangt, weil dort gerade der Elektriker Anschlüsse legt oder weil der Estrich noch feucht ist. Die üblichen Abstimmungsdefizite eben, die ein Projekt verzögern und es teuer machen. Und die Bauen in eine Sisyphusaufgabe verwandeln.

Nur knapp ein Drittel seiner Zeit, haben Studien ergeben, verbringt ein Bauarbeiter mit Mauern, Malern oder Verputzen. Den Rest verschwendet er mit der Suche nach Material und Gerät oder mit Aufräumen, Umräumen und Transportieren.

Mit BIM gebe es weniger Leerlauf, so lautet das Versprechen, Millionenflops wie die Elbphilharmonie oder der BER-Flughafen wären damit womöglich zu vermeiden gewesen. In jedem Fall hat die Digitalisierung das Potenzial, Bauen zu verbilligen und zu beschleunigen - und letztlich mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, der vor allem in den Metropolen rar ist.

Bislang schob die Bauwirtschaft die Verantwortung für die Wohnungsnot gern ab: an die Behörden, die mit immer schärferen Anforderungen ans Energiesparen oder an den Brandschutz die Kosten in die Höhe trieben; oder an die Eigentümer, die auf steigende Preise für ihre Grundstücke spekulierten. Doch offensichtlich hat die Branche selbst die prekäre Lage mitverschuldet, weil sie es versäumt hat, sich zu modernisieren. Aber warum?

Aufschluss darüber gab vor zwei Wochen der "BIM-Anwendertag" in Mainz, gut 500 Fachleute tauschten sich im Kurfürstlichen Schloss über die Feinheiten digitalen Bauens aus. Auf 60-Zoll-Monitoren präsentierten Softwarefirmen 3-D-Modelle, bunte Abbilder aus dem komplexen Innenleben von Bauvorhaben, ein Gewirr von Rohren, Trägern, Wänden, Schächten, das per Mausklick Schicht für Schicht zu entblättern ist.

"Und was passiert, wenn ich nachträglich einen Durchbruch brauche?", fragte ein Architekt am Demostand. Es ist ein typisches Problem am Bau, eine potenzielle Fehlerquelle, denn jede Planänderung löst eine Vielzahl ungeahnter Effekte aus, sie können die Statik betreffen oder den Verlauf von Leitungen. Dem Architekten wurde darauf vorgeführt, wie er ein Loch in die virtuelle Betonwand schneidet und für ihn sichtbar wird, wo Kollisionen drohen.

Solche BIM-Modelle sind nicht nur dreidimensional angelegt. Mit dem Faktor Zeit kommt eine vierte Dimension dazu, mit der die Dauer der Arbeiten kalkuliert wird, und mit den Kosten wird eine fünfte ins Spiel gebracht. Manche Modelle beziehen sogar eine sechste Dimension ein: die Folgeausgaben, die das Gebäude über den Lebenszyklus hinweg verursachen wird, für Wartung oder für Energie.

In Mainz trafen sich überwiegend Architekten und Ingenieure - deutlich in der Minderheit waren die Handwerker. Viele Gewerke bewegen sich bei der Digitalisierung noch auf dem Level 1.0, wie eine Umfrage unter gut 500 Betrieben im Auftrag des Zentralverbands des Deutschen Handwerks und der Digitalvereinigung Bitkom belegt. Demnach ist das Problembewusstsein zwar vorhanden: 71 Prozent der Befragten betrachten sich eher als Nachzügler, 23 Prozent sehen durch die Digitalisierung sogar ihre Existenz gefährdet. Und dennoch ziehen bemerkenswert wenige die Konsequenz daraus: Nur 4 Prozent bauen mit BIM.

Jens Bille von der Universität Hannover versucht, die digitale Idee in die Betriebe zu tragen. Bille arbeitet an einem handwerkstechnischen Institut, oft aber ist er unterwegs in Deutschland und spricht vor Mitgliedern von Innungen und Kammern. Manchmal fühle er sich, sagt Bille, als ob er gegen eine Wand rede.

Allerdings stehen auch einige Architekten, für die rechnergestütztes Entwerfen gang und gäbe ist, dem BIM-Ansatz zuweilen skeptisch gegenüber. Sie beklagen, dass die Methode ihnen mehr Arbeit beschert. Manche haben vielleicht auch nur Bammel vor BIM, weil sich auf Papier Planungsfehler besser kaschieren lassen - digitale Modelle dokumentieren sie gnadenlos.

Der digitale Rückstand hierzulande ist freilich auch der kleinteiligen Struktur der Baubranche geschuldet. Es fehlen nationale Champions wie in der Autoindustrie, Unternehmen also, die mit ihrer Strahlkraft andere mitziehen. In Skandinavien oder Großbritannien gibt es solche Systemführer, dort nimmt die Bauindustrie einen größeren Stellenwert ein, und sie ist mit der Digitalisierung weiter - allerdings auch, weil die Politik klare Vorgaben formuliert hat.

Dänemark schreibt für alle öffentlichen Vorhaben mit einem Volumen von mehr als 670.000 Euro die BIM-Methode vor, Norwegen für jedes staatliche Projekt. Großbritannien hat 2011 eigens eine BIM-Taskforce eingerichtet. In Deutschland dagegen mangelt es an politischem Nachdruck.

Das Bundesbauministerium hat zu Jahresbeginn einen Runderlass mit wachsweichen Formulierungen herausgeschickt. Darin bittet Berlin die Länderbehörden lediglich zu prüfen, ob sich ein Projekt für den Einsatz von BIM eignet, und das auch nur bei Vorhaben von mehr als fünf Millionen Euro. Verbindlicher ist da der Stufenplan, den das Verkehrsministerium aufgestellt hat. Spätestens 2020 soll BIM zumindest in den Infrastrukturprojekten des Bundes zur Anwendung kommen, darunter fallen vor allem Vorhaben der Deutschen Bahn wie der Rheintaltunnel Rastatt.

"Der Erlass des Verkehrsministeriums hat Schwung gebracht", sagt der Münchner BIM-Fachmann Rasso Steinmann. Mehr und mehr Akteure nehmen nach Meinung des Bauinformatikprofessors das Thema inzwischen ernst. Ihnen bleibt allerdings noch viel zu tun. Die Vorstellung eines Bauarbeiters mit Tablet in der Hand wirkt heute noch einigermaßen fremd. Und die Hochkonjunktur, die das Gewerbe gegenwärtig beflügelt, mag für tief greifende Veränderungen nicht gerade förderlich sein.

Als in Großbritannien der Immobilienmarkt Ende des vorigen Jahrzehnts zusammenbrach, suchten Wirtschaft und Politik nach Wegen, den Sektor aufzupäppeln, und investierten massiv in die Digitalisierung.

Deutschlands Baubranche dagegen hat seit Jahren keine echte Krise mehr erlebt. "Jeder, der bis drei zählen kann", verdiene derzeit Geld, sagt Projektentwickler Gröner. In gewisser Hinsicht sei dies bedauerlich: "Es ist kein Leidensdruck da."

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