AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2017

Hobbyarchäologen Hurra, ich habe Gold gefunden!

Früher waren Sondengänger als Raubgräber verschrien. Inzwischen aber dürfen sie sogar bei wissenschaftlichen Ausgrabungen helfen. Einigen Hobbyforschern sind dabei spektakuläre Entdeckungen gelungen.

Bei Osnabrück gefundener römischer Denar
Karsten Keune

Bei Osnabrück gefundener römischer Denar

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Kein Ort scheint den Deutschen zu ungemütlich, um sich einen hinter die Binde zu gießen. Sondengänger Karsten Keune, 52, pulte schon Kronkorken aus Kuhwiesen, entdeckte Schnapsfläschchen-Deckel im Nadelwald und befreite rostige Bierdosen sogar aus sumpfigem Untergrund.

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Heft 26/2017
Das vergiftete Erbe des Helmut Kohl

Was ihn nervt: Sein Detektor macht keinen Unterschied zwischen Müll und Schatz. Der empfindliche Apparat reagiert auf neuzeitlichen Besäufnisschrott genauso mit einem Signalton wie auf keltischen Goldschmuck, römische Münzen oder andere historisch bedeutende Hinterlassenschaften, die aus leitfähigem Material bestehen.

Das ständige Gepiepe und Gegrabe hat schon manch einem Schatzsucher die Lust genommen. "Ein guter Sondengänger braucht Durchhaltevermögen und preußische Disziplin", sagt Keune. Mit etwas Glück komme irgendwann dieser "wunderbare, aufregende Moment", in dem man im Untergrund auf einen bedeutenden Fund stößt.

Keune ist das schon häufiger gelungen, zum Beispiel Anfang März, als er mit seiner Sonde Quadratmeter für Quadratmeter eines Laubwaldes bei Kalkriese im Osnabrücker Land ablief.

Dort soll im Jahr 9 nach Christus die legendäre Varusschlacht getobt haben, bei der Germane Arminius und seine Mannen den römischen Eindringlingen eine schwere Niederlage beigebracht haben.

Keunes Sonde gab an diesem Tag unter einer alten Esche mit prächtiger Krone Laut, die ihm vorkam "wie ein alter Götterbaum". Irgendein Objekt war in das Magnetfeld geraten, das von dem Suchgerät in den Boden gelenkt wird. Schon wieder ein Kronkorken? Der Hobbyarchäologe fing mit einer kleinen Handschaufel an, im Erdreich zu graben. Nur rund 20 Zentimeter unter der Oberfläche stieß er auf eine Münze. Nach der Säuberung stellte sie sich als römischer Denar aus dem Jahr 2 vor Christus heraus.

Sondengänger Karsten Kleune (rechts) und Klaus Fehrs (Grabungstechniker)
Norbert Enker/DER SPIEGEL

Sondengänger Karsten Kleune (rechts) und Klaus Fehrs (Grabungstechniker)

Vermutlich hätte es niemand jemals erfahren, wenn Keune das Fundstück einfach behalten hätte. Doch gewissenhaft alarmierte er den zuständigen Archäologen vom Museum Varusschlacht in Kalkriese, mit dem er schon länger eng zusammenarbeitet. Kurz darauf hatte das Forscherteam auf einer Fläche, die kaum größer ist als eine Doppelgarage, mehr als 200 Silbermünzen aus dem Erdreich befreit, etliche davon verziert mit Abbildungen von Kaiser Augustus' Adoptivsöhnen Gaius und Lucius. Gut möglich, dass das Geld aus einem Sparstrumpf stammte, den einer der römischen Soldaten im Kampfgetümmel verloren hatte.

Finanziell hatte Volkswirt Keune wieder einmal nichts von seiner Entdeckung; er arbeitet unentgeltlich, ein Idealist. So oft wie möglich reist er aus seiner Heimatstadt Bonn an, um das Team vom Museum in Kalkriese zu unterstützen. Auch detektiert er zusammen mit anderen Freiwilligen im Auftrag des Landes Rheinland-Pfalz in Trier, wo mutmaßlich noch immer viele Tonnen Römermetall im Erdreich stecken.

Solche Kooperationen zwischen Hobbyausgräbern und Berufsarchäologen sind ein neuer Trend. Früher begegneten Forscher und Behörden den Schatzsuchern meist mit Misstrauen. Die Sondengänger wurden als Raubgräber verunglimpft, die aus finanziellem Interesse ganze Landstriche leer räumten und sich dabei strafbar machten.

Doch in den vergangenen Jahren gab es bei Archäologen und Museen ein Umdenken. In Zeiten knapper Ressourcen erscheint es viel klüger, die Sondengänger als Helfer zu gewinnen. Wie in Kalkriese werden interessierte Laien daher offiziell in die wissenschaftliche Arbeit eingebunden und dadurch auch entkriminalisiert. Das lohnt sich nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht, sondern auch finanziell: Es würde viele Millionen Euro kosten, alle Flächen, die archäologisch von Interesse sein könnten, von staatlichen Mitarbeitern detektieren zu lassen.

Wie sinnvoll solche Kooperationen sind, lässt sich bei Ausgrabungen in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz studieren, wo ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger bei Suchaktionen wertvolle Dienste leisten. Auch im Archäologischen Landesamt von Schleswig-Holstein hat man gute Erfahrungen gemacht. Dort sitzt der zuständige Abteilungsleiter Eicke Siegloff, 43, vor seinem Laptop und erklärt das sogenannte Schleswiger Modell.

Die Regelung schreibt vor, dass Hobbyforscher erst dann auf Schatzsuche gehen dürfen, wenn sie zuvor an einem zweitägigen Kurs teilgenommen und eine Prüfung abgelegt haben.

Rund 260 Freizeitarchäologen haben Siegloff und seine Kollegen bereits ausgebildet, darunter aber bislang nur 12 Frauen. Der Prähistoriker führt das auch darauf zurück, dass der TV-Sender DMAX, der vornehmlich männliche Zuschauer hat, regelmäßig über die Schatzsuche für jedermann berichtet.

Einfache Detektoren sind schon für unter 50 Euro zu haben. Vielen Anfängern fehlt allerdings die nötige Geduld. Schon nach kurzer Zeit entsorgen sie ihre Suchgeräte - weil sie nicht gleich am ersten Wochenende in der näheren Umgebung einen uralten Schatz aufspüren konnten. Dennoch wächst die Zahl der Sondengänger kontinuierlich. Siegloff spricht von einem neuen "Volkssport", den in Deutschland bereits bis zu 20¿000 Menschen ausüben, was die Ausbildung der Hobbyarchäologen umso wichtiger macht.

Wer ohne Vorkenntnisse drauflos detektiert, der neigt dazu, gesetzeswidrig alles einfach aus dem Boden zu reißen, oft sogar unter Zuhilfenahme von grobem Gerät wie Spaten und Hacken. Doch gerade der "Fundkontext" ist für die Forschung häufig wichtiger als das Fundstück selbst.

Wo lag das Artefakt genau? Wie tief steckte es im Boden? Wurde es sauber begraben oder eilig versteckt? All das sind Fragen, deren Beantwortung Forschern dabei helfen, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen.

So wären die Denare aus Kalkriese ohne Kenntnis des Fundortes weit weniger wert gewesen. Im Laufe der Zeit wurden in Deutschland bereits Tausende römische Silbermünzen aus dem Boden geholt, bei Ebay zahlen Sammler für gewöhnlich um die 50 Euro pro Stück. Für Historiker jedoch sind sie unbezahlbar, weil sie Rückschlüsse über den Verlauf der Schlacht und mögliche Fluchtrouten ermöglichen.

Ohne Schulung fällt es vielen Sondengängern schwer, archäologisch Relevantes überhaupt zu erkennen. Manche Bruchstücke von alten Waffen, Zaumzeug oder anderem Alltagskram sind so unscheinbar, dass sie leicht mit neuzeitlichem Metallschrott verwechselt werden. Welcher Laie vermag schon auf Anhieb römische Sandalennägel zu erkennen, anhand derer Archäologen den Marschweg römischer Truppen nachvollziehen können?

Aber auch für die Sondengänger selbst ist die Suche nicht ungefährlich. Vielerorts verbergen sich im Erdreich noch Hinterlassenschaften der beiden Weltkriege. Wer blindgegangene Flakgranaten nicht von harmlosem Müll unterscheiden kann, hat schnell eine Hand weniger. Zur Schleswiger Ausbildung gehört deshalb auch ein Besuch beim Kampfmittelräumdienst.

So oft wie möglich engagiert Siegloff die zertifizierten Sondengänger für große Suchaktionen. So stapften die Freizeitforscher kürzlich mit ihren Detektoren über Wiesen bei Ellingstedt, wo vor einigen Jahren eine Siedlung aus der Wikingerzeit entdeckt wurde.

Tausende archäologische Gegenstände haben Sondengänger in Schleswig-Holstein mittlerweile gemeldet, darunter vier Kessel aus der Bronzezeit, etwa 2800 Jahre alt und etwas größer als Salatschüsseln. Die Gefäße lagen laut Siegloff "auf einem völlig unscheinbaren Acker" bei Norderstapel, auf dem er und seine Berufskollegen ohne besonderen Grund niemals gesucht hätten.

Die Kessel belegen, dass die damaligen Bewohner bereits Fernbeziehungen mit dem Osten unterhielten. Denn die Gefäße wurden in den Karpaten angefertigt, die zu einem großen Teil auf dem Gebiet des heutigen Rumänien und der Slowakei liegen. "Ein Jahrhundertfund", schwärmt Siegloff.

Grabungshelfer in Kalkriese
Friso Gentsch/DPA

Grabungshelfer in Kalkriese

Für großes Aufsehen sorgten auch die Funde Karsten Keunes, der in Kalkriese längst zum Stammteam gehört. Bevor er aktuell die Denare entdeckte, stieß er im vorigen Sommer zusammen mit dem festangestellten Techniker Klaus Fehrs auf acht wertvolle römische Aurei. Unter Liebhabern werden die Goldmünzen mit bis zu 25.000 Euro gehandelt - pro Stück.

Keune durfte keine davon behalten, er kassierte nicht einmal Finderlohn. Stattdessen musste er sogar eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen.

Was sich übertrieben anhört, hat einen ernsten Hintergrund. Wenn die Nachricht über einen Sensationsfund zu früh an die Öffentlichkeit gelangt, bleibt meist zu wenig Zeit für die "Nachsuche". Im schlimmsten Fall machen sich Schatzsucher aus ganz Europa auf den Weg, um im Schutz der Dunkelheit nach weiteren Artefakten zu suchen - zuweilen mit Detektoren ausgerüstet, die als Spazierstöcke getarnt sind.

Noch immer gibt es viele zwielichtige Gestalten in der Szene. Auch deshalb lohnt sich nach Auffassung vieler Archäologen die enge Zusammenarbeit mit den seriösen Hobbyschatzsuchern. Mancherorts hat sich offenbar eine Art Spitzelsystem etabliert: Immer öfter werden die Ämter mit Hinweisen zu verdächtigen Fundstücken versorgt, über die aktuell in Foren debattiert wird. So reichen die Einblicke in die illegale Szene viel weiter als in der Vergangenheit - was auch daran liegen könnte, dass sich auffallend viele ehemalige Polizisten der Sondengängerei verschrieben haben.

Früher kamen die Behörden den Raubgräbern oft nur durch Zufall auf die Spur. Berühmt wurde der Fall jener beiden Sondengänger, die 1999 auf dem Mittelberg in Sachsen-Anhalt nach Nazidevotionalien suchten. Unter einer dünnen Schicht Laub und Humus stießen sie auf die "Himmelsscheibe von Nebra" - eine kosmologische Darstellung auf einer Bronzeplatte, die sie zunächst für einen ausrangierten Eimerdeckel hielten. Die Männer verkauften das rund 3600 Jahre alte Artefakt und andere Gegenstände, die neben der Scheibe vergraben waren, an einen Hehler. Der veräußerte es dann an zwei andere Händler weiter, die den unermesslichen Wert der Artefakte erkannten, aber dumm genug waren, sie ausgerechnet dem zuständigen Landesarchäologen anzubieten.

Niemand weiß genau, wie viele Raubgräber in Deutschland tatsächlich unterwegs sind. Aber Archäologen gehen davon aus, dass ihnen nach wie vor wichtige Artefakte vorenthalten werden. Nach dem Gesetz müssen alle Fundstücke, die archäologisch relevant sein könnten, den Behörden gemeldet und vorgelegt werden. Geschieht das nicht, machen sich die Finder der Unterschlagung schuldig - und können unter Umständen sogar im Gefängnis landen. Andererseits gilt: Was Experten als wissenschaftlich wertlos einstufen, dürfen die Laien behalten.

Hobbyarchäologe Keune ärgert sich über das schlechte Image, das Sondengänger wie er bis heute haben. Noch immer kommt es vor, dass Spaziergänger die Polizei rufen, wenn er unterwegs ist.

Doch auch solche Zwischenfälle vermiesen ihm sein Hobby nicht - genauso wenig wie der Umstand, dass er seine Funde fast immer herausrücken muss. Für ihn ist Sondeln "die pure Entspannung". Er weiß auch, dass es weiterhin viel zu entdecken gibt, auf Jahrzehnte hinaus.

Historiker gehen davon aus, dass sich in Deutschland noch mehrere Tausend Tonnen Gold- und Silberartefakte im Boden verbergen. Gerade erst vor wenigen Tagen hat das Team, dem Keune angehört, schon wieder einen kleinen, aber sehr feinen Fund gemacht. Einstweilen darf Keune nicht sagen, worum es sich handelt und wo genau man fündig wurde: "Ich habe mich zur Verschwiegenheit verpflichtet."

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Oberleerer 25.06.2017
1.
Das Zeug nicht einfach einzukassieren ist zwar gut, aber die Sondler machen den spannenden Teil der Schatzsuche und die Landesämter müssen die ganze Arbeit machen, mit der sie sicherlich kaum noch nachkommen. Einen alten Nagel aus der Erde holen ist in Sekunden erledigt. Aber den Fund dokumentieren und ggf. eine Grabung organisieren und bezahlen und onservieren und einlagern sind wohl 99% mehr Arbeit, freudlos, ruhmlos und zermürbend, ohne die aber kein Wissensgewinn möglich ist. Die Fundstücke sollten nach einer Untersuchung in eine Datenbank eingepflegt und an den Finder zurückgegeben werden. Dieser hätte dann ein offizielles Echtheitszetifikat, aber auch die Verpflichtung, Eingentümerwechsel mitzuteilen und für Forscher bereitzustehen. Das würde die Ämter von der Konservierung und Lagerung entlasten und die Bevölkerung besser einbinden.
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