Holocaust Wie Kohl antisemitische Vorurteile verbreitete

Saßen in der Regierung Kohl Antisemiten? Ein Historiker hat Dokumente der Zeit ausgewertet - und findet brisante Aussagen.

Das Holocaust-Gedenkmuseum in Washington wird von Berliner Politikern häufig besucht. Zahlreiche Minister und Bundestagsabgeordnete waren bereits dort; zuletzt lief Familienministerin Manuela Schwesig an den Glasvitrinen mit den Dokumenten vorbei, die die Ermordung der rund sechs Millionen Juden im Nationalsozialismus belegen.

So viel deutsche Wertschätzung bekam der Erinnerungsbau anfangs nicht. In der Gründungsphase des 1993 eröffneten Museums fürchtete der damalige Kanzler Helmut Kohl, eine derart prominente öffentliche Erinnerung an den Judenmord könnte das deutsche Ansehen in der Welt beschädigen. "Wenn eine ganze Schülergeneration aufwächst und deutsch als Synonym für Holocaust empfindet, dann ist das eine fürchterliche Sache", sagte er im Bundesvorstand der CDU.

Rund ein Jahrzehnt lang, von seinem Amtsantritt 1982 bis 1993, versuchte der Kanzler vergebens, Einfluss auf die Gestaltung des Museums zu nehmen. Es sollte, so sein Ziel, neben dem Grauen auch die guten Deutschen zeigen: den Widerstand, die stillen Helfer, die Nachkriegsdemokraten, die Wiedergutmachung leisteten.

Nun hat der Jenaer Historiker Jacob S. Eder in einer preisgekrönten Doktorarbeit Kohls damalige Geschichtspolitik zum Holocaust analysiert. Eder kommt zu einem brisanten Befund: 40 Jahre nach Kriegsende waren antisemitische Vorurteile und Klischees unter CDU-Politikern und konservativen hohen Beamten der Bundesregierung verbreitet. Selbst der Kanzler war nach Eders Recherchen nicht frei davon.

Der Historiker hat in Akten des Kanzleramts und des Auswärtigen Amts recherchiert, die Berichte Kohls im CDU-Bundesvorstand ausgewertet und Nachlässe von CDU-Politikern durchgesehen. Immer wieder stieß er auf antisemitische Stereotype.

Etwa jenes über die angebliche Macht "der Juden", die in den USA Zeitung, Fernsehen und Radio oder sogar das Weiße Haus steuerten. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Petersen warnte 1985 in einem Schreiben an den CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Alfred Dregger, die deutsch-amerikanischen Beziehungen würden "wirksam vergiftet werden", falls es nicht gelänge, "die einflussreichen Juden in Amerika zu befriedigen oder mindestens zu neutralisieren". Petersen glaubte, der "jüdische Einfluss" auf die amerikanischen Massenmedien sei "nicht zu überschätzen".

Auch der antisemitische Standardvorwurf, Juden würden den Holocaust für politische Zwecke instrumentalisieren, taucht häufig auf. So erzählte Kohl 1983 vor Parteifreunden, "führende Juden" in den USA wollten mit dem Gedenken an den Judenmord "einen moralischen Hebel ansetzen, um der amerikanischen Öffentlichkeit fortdauernd zu sagen, ihr müsst Israel auf Gedeih und Verderb unterstützen".

Eder wirft Kohl und seinem Umfeld einen "sekundären Antisemitismus" vor. So bezeichnen Experten jenen Antisemitismus, der sich aus dem Wunsch speist, mit den Verbrechen der Nazizeit nicht mehr konfrontiert zu werden, und im Wiederaufleben alter Vorurteile mündet.

Es ist ein harter Vorwurf, denn die Regierung Kohl setzte die israelfreundliche Außenpolitik der Vorgänger fort. Handelt es sich bei den Fundstellen also um folgenlose Entgleisungen einer Generation, die im "Dritten Reich" aufgewachsen war und der es daher nur an sprachlicher Sensibilität mangelte? Die antisemitischen Muster sind jedenfalls unübersehbar. Da setzte der Bonner Botschafter in Washington, Peter Hermes, die Formulierung von der Einmaligkeit des Holocaust in Anführungsstriche, offenbar um sich davon zu distanzieren. Hermes' Nachfolger auf dem Botschafterposten, Günther van Well, schimpfte in Berichten an das Auswärtige Amt auf die "Holocaust-Eiferer" - gemeint waren Überlebende der Schoah - und schwadronierte über den Einfluss "jüdischen Geldes" im US-Wahlkampf. Und Kohl nannte den aus einer rumänischen Familie stammenden, ehemaligen Auschwitz-Häftling und späteren Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel abschätzig den "Herrn Wiesel, der aus Auschwitz kam".

Dass der Kanzler sich öffentlich wie intern von den NS-Verbrechen klar distanzierte, verschweigt Historiker Eder nicht. Allerdings vermittelte der CDU-Vorsitzende häufig auch den Eindruck, die Täter seien eine kleine Gruppe und die meisten Deutschen selbst Opfer gewesen.

Dahinter stand politisches Kalkül. Die Nazizeit machten ihm "das Regieren in den auswärtigen Beziehungen ungewöhnlich schwer", klagte Kohl. Er wollte die positiven Traditionen der deutschen Historie herausstellen und erklärte die Geschichtspolitik zur Chefsache.

Als Kohl 1982 vom Projekt eines Holocaust-Museums in Washington erfuhr, war er besorgt. Noch in seinen Erinnerungen aus dem Jahr 2005 schreibt er von "den amerikanischen Juden", die das Museum gebaut hätten. Dabei geht die staatliche Einrichtung auf US-Präsident Jimmy Carter zurück.

Frontalopposition gegen das Museum schloss Kohl aus, "das wäre tödlich", erklärte er. Stattdessen beauftragte er den CDU-Abgeordneten Petersen (verstorben 2005), auf den Gründungsrat des Museums einzuwirken. Der Unionsmann sollte eigenen Angaben zufolge "die innere Linie des Museums von der deutsch-jüdischen Geschichte ausweiten auf die Verbrechen, die der Mensch den Menschen anzutun in der Lage war in diesem Jahrhundert".

Petersen hatte eine "Nationalpolitische Erziehungsanstalt" besucht, also eine NS-Eliteschule, und war als junger Mann begeisterter Nazi gewesen. Nach eigener Aussage bedauerte er diese Vergangenheit zutiefst. Es fiel ihm jedoch offenbar schwer, sich von den Denkmustern seiner Jugend zu lösen.

Im Gegenzug für den gewünschten Bonner Einfluss bot er dem Gründungsrat Ausstellungsstücke und Hilfe beim Zugang zu deutschen Archiven an. Zudem warb er bei Bundestagskollegen, sie sollten die Nominierung Wiesels für den Friedensnobelpreis fördern. So könne man in der Museumsfrage die "führenden amerikanischen Juden auf unsere Seite bekommen". 1986 unterstützten 83 Parlamentarier Wiesels Nominierung. Wie viele von ihnen Petersens Kalkül kannten, ist nicht bekannt. Wiesel erhielt den Preis.

Mehrere Gesprächspartner aus dem Gründungsrat hätten ihm versichert, berichtet Eder, dass Kohls Abgesandter sogar mit einem zweistelligen Millionenbetrag gelockt habe. Der Historiker präsentiert einen Vermerk aus der Staatskanzlei im damals CDU-regierten Hessen vom 8. Juni 1989. Danach hatte ein Beamter dem Direktor des American Jewish Committee "eine deutsche Unterstützung" für das Museum angeboten.

Am Ende lehnte der Gründungsrat Geld aus dem Ausland grundsätzlich ab.

Mit der Eröffnung des Museums stellte die Bundesregierung ihre Bemühungen schließlich ein. Aus "Gründen der Selbstachtung", wie ein Kohl-Berater notierte.