AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2017

In der Jugendpsychiatrie "Zahlreiche Kinder leiden Nöte, die vermeidbar wären"

Essstörungen, Ängste, Gewalttätigkeit: Die Jungen und Mädchen in der Leipziger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sind hilfsbedürftig. Ihr Ziel: zurückzukehren in einen Alltag.

Oberarzt Döhnert mit Patientin im Park der Universitätsklinik in Leipzig
DER SPIEGEL

Oberarzt Döhnert mit Patientin im Park der Universitätsklinik in Leipzig

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Auf den letzten freien Stuhl im Kreis lässt sich Lara fallen. Die 16-Jährige trägt ein Handtuch um den Kopf, sie kommt zu spät, nur zwei Minuten, doch der Arzt weist auf die Uhr. Im Leben dieser Kinder ist so viel durcheinandergeraten, dass auch die unerschütterlichen Abläufe ihnen Halt bieten sollen.

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Heft 44/2017
Forscher entschlüsseln, wie Persönlichkeit und Intelligenz entstehen

7.15 Uhr Frühstück, anschließend die Morgenrunde, zwischendurch Vesper, dann Hörspiele zum Abend, Honigmilch zur Nacht, und jetzt, wie vor jedem Wochenende, das Treffen am Freitagnachmittag. Rituale und Struktur, Tischdienste und Blumendienste. Darin eingebettet Therapien - und die Hoffnung, dass die Kinder sich bald selbstständig im Leben halten werden.

Das Handtuch, orangefarben, leuchtet grell. "War duschen", nuschelt Lara und rollt sich auf dem Stuhl zusammen. Neben ihr Thomas, der im Gesicht schon Flaum, aber noch die Haut eines Kindes hat. Dann Henny, die an den Füßen Pantoffeln mit lustigen Plastikkulleraugen trägt und ein paarmal sterben wollte. Lisa, mager, sie kam erst vor zwei Tagen. Karla, die sich selbst verletzt. Und Freddy mitsamt seiner Wut und Kraft.

Elf Jungen und Mädchen leben auf der Jugend 1, einer von fünf Stationen in der Leipziger Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Teenager teilen den Alltag mit Ärzten, Psychologen, Erziehern, Therapeuten, Krankenschwestern und Kliniklehrern; es ist ein Zuhause auf Zeit, meist für Monate, manchmal für Jahre. Alle tragen andere Namen, als hier zu lesen sind, auch manches Detail ist verfremdet. Niemand soll sie wiedererkennen, die Krankheit lässt ihnen ohnehin kaum Privatheit. Doch sie haben ihre Geschichten erzählt, weil sich darin die Nöte vieler Kinder wiederfinden.

"Die Patienten sind vollständig", sagt Henny, die zurzeit als Gruppensprecherin eingeteilt ist. "Wir können nun von unseren Zielen und Plänen für das Wochenende berichten." Klara hastet durch ihren Satz: "Ich werde die Tage bei meiner Familie verbringen und versuchen, mich nicht zu ritzen." Lisa wird versuchen, Probleme anzusprechen, Freddy will nicht ausrasten. Und Lara will daran glauben, dass sie schafft, was sie sich vornimmt.

Jugendliche im Arbeitszimmer: Nichts soll hier die Sinne reizen
SVEN DOERING / DER SPIEGEL

Jugendliche im Arbeitszimmer: Nichts soll hier die Sinne reizen

Als Justus an der Reihe ist, nickt ihm die Psychologin zu. Der Junge hat in der Stationsküche gerade einen Kuchen gebacken, den ersten seines Lebens. Am Abend zuvor hatte er die anderen im Freizeitraum noch um sein Lieblingslied gebeten: "Ich will neue Wege wagen, Zähne in das Leben schlagen", Musik von den Sportfreunden Stiller. Nun wird es ernst.

"Ich möchte mich bei allen bedanken", sagt der 17-Jährige. "Ich nehme mit, dass Menschen mich mögen können und ich mich mit meinen Ängsten nicht zurückziehen muss. Und dass man keine Gewalt braucht, um eine Meinung zu vertreten. Meine Traurigkeit werde ich hoffentlich ambulant noch los. Ich wünsche allen, die hier bleiben, Glück."

Knapp 50 Mädchen und Jungen beherbergt die Klinik in Leipzig. Die 12- bis 18-Jährigen wohnen in zwei Jugendstationen; in den beiden Kinderstationen sind auch Säuglinge untergebracht, die an Fütterstörungen, frühen Essstörungen, leiden. Die Tagesklinik steht Patienten ab fünf Jahren offen. Wie in allen Kinder- und Jugendpsychiatrien sind die Wartelisten lang.

Zwanzig Prozent der Jungen und Mädchen in Deutschland gelten nach Studien des Robert-Koch-Instituts als emotional belastet oder verhaltensauffällig. Nicht alle sind krank; manchen hilft es, wenn die Eltern den Erziehungsstil ändern, andere führt der regelmäßige Termin bei einem Therapeuten aus dem Durcheinander. In vielen Fällen ist grenzwertiges Verhalten nur eine Spielart normaler kindlicher Entwicklung.

Und doch hat sich die Lage zugespitzt: Die Zahl der Jungen und Mädchen, die in einer psychiatrischen Klinik Hilfe suchen, steigt. Fast die Hälfte sind Notfallpatienten, zunehmend solche, die sich selbst verletzen oder den Tod für einen Ausweg halten. Auch die anderen sind meist so beeinträchtigt, dass sie umfassende Therapien benötigen: Essstörungen, Ängste, Schulvermeidung oder Störung des Sozialverhaltens heißen die typischen Befunde in den fast 150 Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Und aggressiver Impulsdurchbruch, ein anderes Wort für Gewalttätigkeit.

Ihre Patienten, so sehen es die Ärzte, quälen sich auf eine ungesunde Weise mit Entwicklungsaufgaben, die jedes Kind zu bewältigen hat. Anders als im Programm der Menschwerdung vorgesehen, gelingt es ihnen nicht, anderen zu vertrauen, Bindungen einzugehen, ein Gefühl für die eigene Identität zu entwickeln und selbstständig zu werden. Es sind, das ist die Annahme, seelische Konflikte, die den normalen Verlauf verhindern. Das unerwünschte Verhalten ist Ausdruck kindlicher Not.

Natürlich, sagt Kai von Klitzing, fänden sich unter seinen Patienten auch solche mit klassischen Diagnosen wie Schizophrenie, Wahn oder schweren Depressionen. "Aber zahlreiche leiden Nöte, die ein Spiegel unserer Gesellschaft sind - und die vermeidbar wären." Klitzing ist keiner, der poltert. Wie alle im Team verzichtet der Klinikdirektor auf weiße Kittel und andere Symbole von Autorität. Die Gesten wirken zurückhaltend, die Worte bedacht. Umso schärfer klingt seine Kritik.

"Unsere Gesellschaft behält oft nur oberflächlich im Blick, wie es Kindern geht", sagt er. "Häufig kommen zu uns Jungen und Mädchen mit Defiziten, die jahrelang sichtbar waren, ohne dass jemand reagiert hätte. Erst wenn ein Kind stört, weil es nicht mehr funktioniert, wacht die Umgebung auf. Allerdings hat sich sein Leid dann längst verfestigt - und wir können häufig nur noch daran herumflicken."

Spielzueg für Therapiegespräche: ZahlreicheKinder leiden Nöte, die vermeidbar wären
SVEN DOERING / DER SPIEGEL

Spielzueg für Therapiegespräche: ZahlreicheKinder leiden Nöte, die vermeidbar wären

Große Runde im Arztzimmer der Tagesklinik. Die kommenden neunzig Minuten erinnern an Detektivarbeit. Jeder Einzelne im Team wird vortragen, was er in der vergangenen Woche bei der Arbeit mit den Patienten beobachtet hat. In der Gesamtschau, so hoffen die Kollegen, lasse sich besser entschlüsseln, was den Kindern fehlt und helfen könnte.

"Justin", sagt eine Stationsärztin, "ist neu bei uns, zehn Jahre alt, wir sind noch mitten in der Diagnostik. Der Vater schildert ihn als überaus ängstlich, aber auch aggressiv. Der Mann ist arbeitslos, die Mutter hat die Familie verlassen, zu ihr besteht kein Kontakt mehr. Beides belastet den Jungen sehr. Jetzt steht die Wahl einer weiterführenden Schule an, aber Justin nimmt seit acht Wochen nicht mehr am Unterricht teil. Er sagt, er fühle sich gemobbt. Zu uns ist er mit dem Verdacht auf ADHS gekommen. Ich erlebe den Jungen als extrem angespannt."

Der Erzieher schaltet sich ein, ein durchtrainierter Mann mit Tattoos und Tunnelohrring. "Justin haut tatsächlich manchmal um sich", sagt er. "Aber wenn wir rätseln oder vorlesen, hält er lange durch. Mir sind keine Probleme mit Aufmerksamkeit und Konzentration aufgefallen."

Beim Klettern sei es ähnlich, bemerkt die Physiotherapeutin. Da versinke der Junge regelrecht in seiner Aufgabe. Sie habe das Thema Sport im Elterngespräch bereits angesprochen, wirft die Psychologin ein. Sie findet, Justin könne ein Hobby gebrauchen. "Aber der Vater ist zurückhaltend. Er meint, er sei schon jetzt so oft allein." Der leitende Oberarzt Mirko Döhnert seufzt. "Klingt nach Trennungsängsten des Vaters", sagt er. "Ohne Arbeit, ohne Partnerin, und das Kind füllt die Leere. Nur dass es selbst Unterstützung gebrauchen könnte, fällt keinem auf." Viele Patienten bringen ähnliche Geschichten mit: Den Alltag bestimmt das Drama der Erwachsenen, nicht das der Kinder.

Justins Diagnose wird frühestens in zwei Wochen feststehen. Doch schon jetzt überlegt die Runde, ob der Junge einen Schulbegleiter zur Seite gestellt bekommen sollte. Das Risiko, dass er irgendwann überhaupt nicht mehr zur Schule gehe, sei groß, urteilen die Kollegen.

Etwa 25 Prozent der Patienten in der Leipziger Klinik verweigern den Unterricht. Wie in Justins Fall sind es oft die Väter oder Mütter, die ihre Kinder unbewusst zu Hause festhalten, weil sie fürchten, sie könnten ihnen entwachsen. Andere Eltern wählen eine Schule aus, die mehr Intelligenz verlangt, als ihr Kind mitbringt - und wenn es spürt, dass es nicht mithalten kann, bleibt es mit Versagensängsten und ständigem Unwohlsein daheim. Oft entschuldigen Eltern ihre Töchter und Söhne dann monatelang, häufig mithilfe ärztlicher Atteste. Doch unter den Patienten sind auch zahlreiche Jungen und Mädchen, die andauernd unentschuldigt im Unterricht fehlen, ohne dass Lehrer oder Behörden die Schulpflicht einfordern. Am Vortag haben die Ärzte eine 15-Jährige aufgenommen, die seit drei Jahren nur sporadisch zur Schule geht. Eine andere kam auf über fünfhundert Fehltage.

Dabei ist die gesamte weitere Entwicklung der Kinder in Gefahr. Viele verlieren den Kontakt zur Wirklichkeit, wenn sie sich dem Unterricht entziehen. Sie vereinsamen, sie fürchten sich vor Herausforderungen und fremden Menschen, sie werden internetsüchtig. Oft gehören spätestens dann Depressionen, selbstverletzendes Verhalten, Todesgedanken oder manchmal Amokfantasien zu ihrem Leben. Ähnliche Muster gelten für Verhaltensstörungen, Magersucht oder leichte Depressionen: Werden sie schnell behandelt, bilden sie sich in vielen Fällen zurück. Dauern sie aber an, führt die Rückkehr in den Alltag, wenn überhaupt, über lange, beschwerliche Wege.

"Justin nimmt die Angebote gut an", sagt die Ergotherapeutin. Sie hat in der vergangenen Woche an vier Tagen mit ihm gebastelt, luftige Gebilde aus Wollfäden, wie die Indianer sie aufhängen, um schlechte Träume einzufangen. Dreimal war er bei der Physiotherapeutin, wo er an der Kletterwand spüren konnte, dass es mit überlegten Schritten und eigener Kraft tatsächlich bergauf gehen kann. Im Zimmer der Stationsärztin hat er nachgespielt, was er nicht erzählen kann, am Ende saßen dort ein Vater, eine Mutter und ein Kind aus Lego um den Puppenhaustisch. Die dicht gedrängten Termine sollen vergangene Erlebnisse korrigieren; die Kinder sollen merken, dass sich das Leben gestalten lässt und ihnen Menschen verlässlich zur Seite stehen. Meist vergehen Wochen, bis die Patienten den neuen Erfahrungen trauen, und Monate, bis sie ihr Verhalten ändern.

Wenn sie wieder in der Klinikschule lernen, wenn sie schließlich in eine reguläre Schule zurückkehren, kann es gut ausgehen. Aber die Kollegen haben oft erlebt, dass Klassenlehrer einen Rückkehrer allenfalls beiläufig begrüßten. Manchmal verweisen Rektoren einen Patienten zwischenzeitlich der Schule, weil im Kollegium oder in den Elternräten Unmut über das schwierige Kind gärt. Der Runde im Arztzimmer zeigt sich jedes Mal die Kehrseite: Tief gekränkt fallen Kinder in ihr altes Verhalten zurück und sind zudem überzeugt, dass alle Mühe sinnlos ist.

Da zementiere der Staat mit seinen Behörden und Mitarbeitern die seelische Not von Kindern, urteilt der Klinikdirektor. Das sei vielleicht die größte Katastrophe dieser Jungen und Mädchen - denn so bestätige sich das zerstörerische Gefühl, dass die Welt keinen Platz für sie bereithalte, immer wieder von Neuem.

Fünf bis zehn Patienten finden in jedem Jahr nicht einmal eine Unterkunft außerhalb der Klinikmauern. Es sind chronisch kranke Mädchen und Jungen, die Stimmen hören oder an anderen Wahnvorstellungen leiden, die sich tiefe Wunden zufügen, mit andauernder Magersucht kämpfen oder wiederholt versucht haben, sich das Leben zu nehmen. In ihre überforderten Familien können sie nicht zurückkehren. Und die Träger der Jugendhilfe, die betreute Wohngemeinschaften betreiben, sind auf solche Kinder häufig nicht eingerichtet.

Ella war so eine Patientin, die Kollegen sprechen noch immer von ihr. Sie war in großer Not in der Jugendstation aufgenommen worden, sie hatte sich zum wiederholten Mal so tief geritzt, dass sie fast verblutet wäre. Nach einem halben Jahr hätte sie entlassen werden können, der Schulabschluss war ihr Ziel. Doch als der Mitarbeiter des Jugendamtes nach einem Platz in einer Wohngemeinschaft suchte, kamen von den Trägern nur Absagen. Die Behörde übernahm schließlich die Kosten, damit Ella wenigstens in der Klinik bleiben konnte - und als sich der Aufenthalt jährte und ihr noch immer jede Perspektive fehlte, versuchte sie erneut, sich das Leben zu nehmen.

Klinikleiter Kitzling
SVEN DOERING / DER SPIEGEL

Klinikleiter Kitzling

Die Kollegen in Leipzig haben oft aufgelistet, was solche Kinder brauchen: Normalität. Therapeutisch geschulte Betreuer. Eine enge Anbindung an eine psychiatrische Klinik. Die Zeit, auch das steht in den Arztbriefen, läuft gegen die Jungen und Mädchen: Andauernde schwere Verhaltensstörungen bedeuten hohe Risiken für Obdachlosigkeit, Kriminalität und Arbeitslosigkeit. Regelmäßig tagen runde Tische, in denen die Kollegen mit Behördenmitarbeitern, Jugendhilfeträgern und Lehrern über die Zukunft der Patienten beraten. Häufig verstreichen Wochen, bis alle Kalender abgeglichen sind. Und immer wieder, so klagt der leitende Oberarzt, zögerten Sachbearbeiter Termine bis zur Volljährigkeit eines Kindes hinaus, weil dann ein anderes Amt zuständig ist.

Manchmal stehen spätabends ehemalige Patienten auf den Stationsfluren. Sie leben nun auf der Straße und erinnern sich daran, dass dieser Ort ihnen einmal Hilfe bot. Und wollen sie nicht wieder gehen, muss irgendwann der Sicherheitsdienst einschreiten - weil sie der Jugendhilfe, auch der Jugendpsychiatrie, entwachsen sind.

Im Schwesternzimmer der Jugend 1 schiebt Lisa einen Zettel über den Tisch. In dem noch kindlichen Gesicht blitzt die Zahnspange. Lisa lacht.

Seit 74 Tagen hält sie durch: jede Woche viele Hundert Gramm mehr; drei Monate zuvor, als sich Justus in der Runde am Freitagnachmittag verabschiedete, litt die 15-Jährige noch unter lebensgefährlichem Untergewicht. "Zehn Kilo insgesamt!", sagt die Krankenschwester und spreizt zwei Finger zum Siegeszeichen. Dann heftet sie den Zettel in die Akte. Alle magersüchtigen Patienten unterschreiben jede Woche eine solche Übereinkunft: Jedes zusätzliche Pfund bringt Freiheiten, jeder Vertragsbruch Einbußen: Sollte die Waage in sieben Tagen weniger anzeigen als vereinbart, muss Lisa auf lange Nachmittagsausgänge oder Joggingrunden erst einmal verzichten.

Anfangs sollte sie vor allem ruhen, doch allein den Gedanken, sie könne dadurch Gewicht zulegen, hielt sie kaum aus. Sie legte wassergetränkte Lappen auf den Heizkörper im Zimmer, damit die Temperatur sank und ihr Körper mehr Energie verbrauchte. Sie beschwerte die Unterwäsche am Wiegetag mit Schmuck, sie trank literweise Wasser. Sie fühlte sich gemaßregelt, auch von den achtsamen Blicken bei den Mahlzeiten, sie hasste die Genussgruppe, in der sie Freude am Geschmack wiederfinden sollte. Sie war genervt von den Urinkontrollen, den strikten Regeln: Verlässt ein Patient die Station, muss er sich in den Ordner eintragen. Der Gebrauch von Handys ist untersagt. Eigene elektronische Geräte sind aus Sicherheitsgründen nicht gestattet. Ein Leihföhn liegt im Schwesternzimmer aus.

Am schlimmsten aber fand Lisa, dass sie wusste, sie würde diese Hilfe brauchen. Dabei erschien ihr Leben lange problemlos: eine geordnete Kindheit, keine besonderen Vorkommnisse. Doch wie in einem Lehrbuch über Anorexie hatte die Pubertät sie in Selbstzweifel und Selbsthass gestürzt, die sie mit Hunger zu bezwingen glaubte. Sie habe beweisen wollen, dass sie die Kontrolle behalte und die Beste bleibe, meint sie, die Beste im Nichtessen.

Wie viele Anorexiepatienten kannte sich Lisa aus mit Ehrgeiz und Erfolg; es sind oft disziplinierte Mädchen mit guten Zeugnissen und studierten Eltern, sie spielen in Orchestern, sie treiben Sport. Dass sie an einer Krankheit leiden, die alle Organe, auch das Herz und das Gehirn, angreift, nehmen ihre Angehörigen häufig lange nicht wahr. Schlanke Töchter passen zum Weltbild; dass die Mädchen längst eine Grenze überschritten haben, missachten Familien manchmal noch, wenn Mahlzeiten in ersten Kämpfen münden. Wie es ihrem Erziehungsstil entspricht, setzen sie auf Einsicht - und auf das absehbare Ende der Pubertät. Und wenn sie sich schließlich fragen, warum es gerade ihre Kinder trifft, obwohl doch alle Jungen und Mädchen quälende Fragen an das Leben haben, finden sie meist keine befriedigende Antwort.

Glück ist im Spiel, wie bei allen psychiatrischen Krankheiten - eine Mischung aus genetisch bedingter Verwundbarkeit und den Umständen des Alltags. Sicher ist, dass mangelnde Fürsorge, Misshandlungen, Verluste, schwere Krankheiten oder eine unsichere Bindung an Mutter und Vater ein Kind hochgradig verletzbar werden lassen.

Auch der Umbau des Körpers und der Psyche in der Pubertät birgt eine Gefahr; das Risiko erhöht sich durch zusätzliche Belastungen: Mobbing, hoher Leistungsdruck, das rastlose Tempo der digitalisierten Welt, die pausenlosen Vergleiche in sozialen Netzwerken, die jeden Makel offenbaren. Familien leben vereinzelt, es fehlen Großfamilien, Nachbarschaften, Vereine. Wenn sich Eltern trennen oder arbeitslos werden, lastet der Druck häufig ungefiltert auf den Kindern. Stiege die Haltefähigkeit der Gesellschaft, wären viele Jungen und Mädchen wohl nicht krank, meinen Psychiater. Doch gleichzeitig kommt nicht jeder, dem viel Gutes widerfährt, heil durch das Leben. Und selbst tadellose Eltern können auf den Weg ihres Kindes nur bedingt Einfluss nehmen.

Braucht es allerdings die Hilfe eines Psychiaters, ist das Verhalten der Väter und Mütter ausschlaggebend. Chefarztvisite. Kai von Klitzing steht am Bett der zwölfjährigen Alix. Das Mädchen dreht den Kopf zur Wand, am Fußende lehnt die Mutter. An der Wand hängt eine Kinderzeichnung, eine rosafarbene Giraffe. Auch an den Füßen trägt Alix Rosa, zwei Paar Socken, sie ist so dünn, dass sie meistens friert. Mit acht Jahren erkrankte sie an Anorexie, untypisch früh.

"Hallo Alix", sagt der Arzt, dann wendet er sich mit freundlicher Bestimmtheit an die Mutter: "Prima, dass Sie da sind. Es hat sich ja alles ganz gut entwickelt. Aber nun müssen wir gemeinsam überlegen, wie wir weiterkommen." Nur knapp ein Kilo fehlt Alix bis zur Entlassung, anschließend soll ihr Gewicht wöchentlich kontrolliert werden. Aber weil sie den Essensplan seit Tagen nicht einhält, fließt wieder zusätzlich künstliche Nahrung über eine Sonde in ihren Körper.

Zeichnungen von Patienten: Herzzerreißende Botschaften
SVEN DOERING / DER SPIEGEL

Zeichnungen von Patienten: Herzzerreißende Botschaften

Die Mutter knetet die Hände, als der Chefarzt ihr erklärt, dass er die Tochter in diesem Zustand nicht nach Hause schicken möchte. "Das Kind war in einer besseren Verfassung, als es eingeliefert wurde", stößt sie heraus. "Alix war ein sehr lebenslustiges Mädchen. Jetzt klagt sie ständig über Bauchschmerzen wegen der Sonde."

"Nach unseren Informationen war sie lebensbedrohlich erkrankt", sagt der Arzt. Er klingt nach wie vor zugewandt.

"Sie war ein lebenslustiges Kind, das nicht gern aß", antwortet die Mutter.

"Eines, das sich zu Tode hungern wollte", entgegnet der Arzt ruhig. "Das bringe ich nicht ganz mit dem Wort lebenslustig in Übereinstimmung."

"Das würde ich anders sehen."

Klitzing schweigt.

"Es ist Alix natürlich auch unangenehm, vor allen Leuten den Vorwurf zu hören, dass sie sich zu Tode hungern wollte", setzt die Mutter nach. Sie kreuzt die Arme vor dem Körper.

"Das ist kein Vorwurf", sagt der Arzt. "Das ist die Wirklichkeit. Die Kinder müssen wissen, dass es um Leben und Tod geht. Mit zehn Jahren können sie das verstehen."

Als sich das Team nach der Visite bespricht, wirkt die Stationsärztin gereizt. "Die Mutter steht die ganze Zeit schon nicht hinter der Behandlung", sagt sie. "Will sie, dass ihr Kind verhungert?" Klitzing hebt beschwichtigend die Hand, dann referiert er für die auszubildenden Mediziner in der Runde ein paar Grundannahmen seiner Disziplin:

Eltern fühlen sich oft mitschuldig an der Krankheit ihrer Kinder. Da der Gedanke ihnen unerträglich ist, weisen sie anderen die Verantwortung zu. Häufig misstrauen sie der Hilfe Fremder ohnehin, weil sie meinen, ihr Kind so gut zu kennen wie kein anderer. Und obwohl Patienten am besten geholfen ist, wenn sich die Verhaltensmuster der ganzen Familie neu justieren, scheuen viele Mütter und Väter davor zurück, die eigene Einstellung und Biografie zu überdenken. Die meisten Elterngruppen in Kinder- und Jugendpsychiatrien sind schlecht besucht. "So ist die Lage", sagt der Psychiater. "Aber das ändert nichts an unserer Aufgabe, die Mutter in eine gemeinsame Sorge einzubinden."

Dann rät er, die Sonde erst einmal zu entfernen. "Selbst wenn wir sie später wieder legen und die Prozedur unangenehm ist: Solange die Familie den Eindruck hat, hier würde gegen sie gekämpft, kommt das Mädchen nicht weiter."

In der Tagesklinik versammelt sich einmal mehr eine Runde im Kreis. Wie an jedem Dienstagnachmittag treffen sich die Patienten zur Gruppentherapie. Ein neuer Anlauf Richtung Alltag.

"Die Zeit gehört euch", sagt die Stationsärztin Anna Maria Kudla. Acht Patienten, die jüngste 13, der älteste 18 Jahre alt, durch das gekippte Fenster dringen Vogelgezwitscher und der ferne Lärm einer Baustelle. Einige Meter vom Stuhlkreis entfernt sitzen eine Praktikantin und die Journalistin. Zwei Regeln gelten für alle: Kein Detail, das einem Kind zuzuordnen wäre, dringt nach draußen. Und was immer passiert: Die stillen Beobachterinnen im Außenkreis reagieren nicht.

Am Tag zuvor hatten einige Patienten noch im Einzelgespräch bei der Ärztin gesessen; sie hatte einem Mädchen aufgetragen, Strategien auszuprobieren, um sich gegenüber anderen besser abzugrenzen. Ein 17-Jähriger soll versuchen, in größeren Runden seine Meinung zu behaupten. Beide hätten jetzt Gelegenheit: Gruppentherapien bieten ein geschütztes Forum, im besten Fall finden sich dort außerdem hilfreiche Vorbilder. Der richtige Kommentar aus den Reihen der Peergroup kann manchmal mehr bewirken als die Worte Erwachsener. Das ist die Hoffnung.

Schweigen.

"Gibt es vom letzten Mal etwas nachzubesprechen?", fragt Kudla schließlich.

"Da ging es ja darum, wie wir die Nähe anderer ertragen", entgegnet ein Mädchen. "Eigentlich ging es um Vertrauen", sagt eine andere. Daraufhin zeigt ihre Sitznachbarin auf den Außenkreis: "Könnte ich euch alle mal fragen, wer die beiden da sind?" Der Ton klingt herausfordernd.

"Das wissen wir doch", sagt ein Junge. "Wir sind ja alle informiert worden, dass sie zuhören, und haben zugestimmt. Du doch auch." Die Patientin schleudert ihren Stuhl in den Außenkreis und läuft aus dem Zimmer. Der Junge steht auf und trägt den Stuhl zurück. "Fühlt sich sonst so komisch an", murmelt er.

Schweigen. "Es geht ja offenbar auch dieses Mal wieder um Vertrauen", sagt leise die erste Rednerin. "Wir müssen darauf vertrauen, dass andere sich nicht über uns lustig machen, wenn sie mitkriegen, was mit uns los ist. Das ist genau das Problem, mit dem wir in der Schule und überhaupt im Leben klarkommen müssen."

Plötzlich scheinen die Sätze zu fliegen. Um Ängste und Scham geht es darin, um Nähe und Einsamkeit, zwischendurch öffnet sich die Tür, und das aufgebrachte Mädchen rutscht zurück auf seinen Stuhl.

"Vielleicht ist es besser, wenn man den Leuten mitteilt, dass man sehr kontaktscheu ist", sagt da gerade ein Junge. "Ich habe gestern in der neuen Schule genau diese Erfahrung gemacht. Es ist mir wirklich schwergefallen, nicht einfach nur der schüchterne Typ zu sein. Aber in der Pause saß ich nicht allein da."

Nach einer Stunde blickt Kudla auf die Uhr. Zeit für den üblichen Abschluss. Reihum soll jeder benennen, wie er sich fühlt. Das Ritual hilft auch den Therapeuten, die Wirkung der Diskussion einzuschätzen.

"Ich fühle mich relativ fröhlich."

"Und ich fühle mich ruhig."

"Fragend."

"Unverstanden."

"Ich bin sehr müde, weil der Tag anstrengend war", sagt der Letzte. "Aber ich bin auch glücklich. Trotzdem ist eine Traurigkeit dabei. Und wenn Sie jetzt fragen, welches Gefühl überwiegt, dann ist es gerade noch das Glück. Ich glaube, ich habe eben etwas verstanden."

Seit ein paar Tagen lassen sich die Türen auf der Jugendstation nur noch mit dem Summer aus dem Schwesternzimmer öffnen. Auf dem Flur leben nun auch drei Patienten mit Beschluss. So sagen sie hier, wenn Richter die Freiheit eines Kindes begrenzen, weil es sich oder andere gefährdet.

Zwei Mädchen, ein Junge. Das Risiko ist dieses Mal so hoch, dass jeder einzeln in einem Zimmer betreut wird. Rund um die Uhr wacht eine Schwester am Bett; auch im Time-out-Raum, dem Auszeitzimmer, wo die Wände weich und fensterlos sind, liegt ein Patient. Nichts soll hier die Sinne reizen, nur eine Öffnung in der Tür gewährt einen Blick nach draußen. Zum Bett gehören Fixiergurte auf der Höhe von Armen, Beinen, Brust, Kopf und Hüfte.

Vor einigen Wochen hat sich ein Patient beim Ausgang das Leben genommen, es war der erste Tote für diese Klinik seit langer Zeit. Suizide regen Nachahmer an, überall, aber auf einem Flur wie diesem belasten sie das Zusammenleben noch einmal mehr.

Es sei ein zittriger Balanceakt, sagt eine Stationsschwester, sie wirkt angespannt. "Wir wollen den Kindern vermitteln, dass sie alle Fantasien mit uns besprechen können. Aber gleichzeitig dürfen wir ihnen kein Gespräch überstülpen, das solche Gedanken anstoßen könnte." Erst am Vorabend wurde schon wieder eine Notfallpatientin eingeliefert; die 17-Jährige war von der Schule heimgekommen und hatte, nach sieben Jahren in Deutschland, den Abschiebebescheid für ihre Familie vorgefunden. "Lieber Tod als Heimat", sagt das Mädchen auch noch an diesem Vormittag.

Die Unruhe unter den Jugendlichen wächst. An der Morgenrunde nimmt nun noch ein Psychologe teil, einige Patienten baten sofort um ein Gespräch. Manche verhalten sich wieder destruktiver, die magersüchtigen verweigern das Essen, die depressiven den Kontakt. Und ein paar Mädchen, die längst Strategien entwickelt hatten, um sich nicht mehr selbst zu verletzen, ritzen wieder. "Sie knabbern sonst an einer Chilischote, um sich zu entlasten", sagt die Schwester. "Oder sie kneten einen Ball in der Hosentasche, solche Dinge. Aber nun bestärken sie sich in ihrer negativen Haltung. Und uns fehlt im Moment die Zeit, uns um alle gleichermaßen zu kümmern."

Das Bereitschaftstelefon klingelt; eine Kollegin, die bei einem der Patienten wacht, muss die Toilette aufsuchen. Die Schwester organisiert eine Pausenvertretung, dann fährt sie fort: "Die eigentliche Botschaft dieser Tage ist ja herzzerreißend", sagt sie leise. "Die Kinder gieren nach Aufmerksamkeit. Manche legen es regelrecht darauf an, ebenfalls einzeln betreut zu werden. Es bringt mit sich, was sie am meisten vermissen: Nähe, Wärme und Verständnis."

Einige Jungen und Mädchen, sagt sie, wollten gar nicht mehr hier weg.



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