AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2017

Muslimische Migranten Warum Juden in Deutschland wieder Angst haben

Juden in Deutschland bekommen vermehrt den Hass muslimischer Migranten zu spüren. Besonders krass geht es offenbar an Schulen zu.

Chanukkafest vor dem Brandenburger Tor: "Es ist ein mulmiges Gefühl"
Emmanuele Contini / imago/ ZUMA Press

Chanukkafest vor dem Brandenburger Tor: "Es ist ein mulmiges Gefühl"


Von Laura Backes, Matthias Bartsch, Jan Fleischhauer, Janita Hämäläinen, Frank Hornig, Fidelius Schmid, Thies Schnack, Andreas Wassermann und Wolf Wiedmann-Schmidt

Der Berliner Hauptbahnhof funkelt in diesen Tagen festlich. Die Fassade ist mit Tausenden Lichtlein geschmückt, ein adventlicher Kranz hängt über dem Portal, ein Weihnachtsbaum erstrahlt. Es ist eine merkwürdige Kulisse für Wut und Hass.

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Heft 51/2017
Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird

Mehrere Hundert Menschen haben sich am Dienstagnachmittag hier versammelt, sie rufen Parolen gegen Israel, sie protestieren gegen Donald Trump, der Jerusalem als Hauptstadt der Israelis anerkannt hat. Eine junge Frau erklärt, was sie davon hält. "Jerusalem ist nicht die Hauptstadt von Israel", sagt sie. "Die Hauptstadt von Israel ist die Hölle."

SPIEGEL-Reporter lassen eine Kamera laufen. Die Demonstrantin schaut mit offenem, sympathischem Blick ins Objektiv, manchmal streicht sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht oder schiebt die Kapuze mit dem Fellkragen zurück. Eine selbstbewusste Berlinerin, ihr Pass ist deutsch, "aber mein Herz, mein Boden, mein Blut, das ist alles Palästina", sagt sie. In ihrem Land gebe es keinen Platz mehr zum Leben, keine Luft zum Atmen, wegen Israel.

Findet sie es in Ordnung, wenn israelische Flaggen verbrannt werden?

"Mir ist es langsam so was von scheißegal", sagt sie. "Adolf Hitler, es tut mir leid, er hat das Richtige getan zu den Juden. Die Juden haben es nicht anders verdient. Was die uns alles antun. Die töten unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Brüder. Da hat man kein Mitleid mehr mit den Israelis. Die müssten alle vernichtet werden von Adolf Hitler."

Es ist etwas ins Rutschen geraten. Wer sich in jüdischen Gemeinden umhört, trifft auf ein Gefühl der Unsicherheit und der Bedrohung. Viele Mitglieder berichten, dass sie sich sorgen, ob der Staat sie noch ausreichend gegen Übergriffe schützen könne.

Antisemitische Ausfälle gegen jüdische Einrichtungen hat es immer gegeben. Wohl keine jüdische Schule und kein jüdischer Kindergarten, vor denen nicht ein Wachmann steht. Wer Gemeindehäuser betreten will, muss durch eine Sicherheitsschleuse. Nun verstärkt sich das Gefühl, auch auf der Straße vorsichtig sein zu müssen, wenn man als Jude zu erkennen ist. Und es sind nicht mehr nur Neonazis und Rechtsextreme, vor denen sich jüdische Bürger besonders fürchten. Es sind junge Männer aus arabischen oder türkischen Familien, die als Gefahr gesehen werden.

Der muslimische Judenhass ist ein schwieriges Thema. Wenn von Antisemitismus die Rede ist, dann ist in der Regel das rechte Milieu gemeint. Die Vorurteile und Abneigungen dort sind bekannt. Die Bilder aus Berlin haben nun ins Bewusstsein gehoben, dass es auch unter Migranten Probleme gibt, die sich nicht durch Zureden aus der Welt schaffen lassen.

Menachem Mendel Gurewitz, 43, ist Rabbiner in Offenbach am Main, in der Stadt trägt er selbstbewusst die Kippa auf dem Kopf. Es vergehe kaum eine Woche, in der er selbst oder einer seiner Söhne nicht beleidigt oder belästigt würden, sagt er. Mal sei es ein leise dahingezischtes "Jude", mal ein laut gebrülltes "Scheißjude", manchmal auch ein demonstratives Ausspucken vor ihm auf der Straße.

Er habe keine Angst vor solchen Anfeindungen, sagt der Rabbiner. Aber anderen Mitgliedern seiner Gemeinde, insbesondere den jungen, rate er davon ab, auf der Straße als Jude erkennbar zu sein.

Gurewitz lebt seit fast 20 Jahren in Offenbach, wo mehr als 60 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund haben. Es gefalle ihm sehr, dass so viele Nationen, Kulturen und Religionen in der Stadt gut miteinander leben könnten, sagt er. Aber es gehöre auch zur Wahrheit, dass es vor allem unter Einwanderern mit arabischem oder nordafrikanischem Hintergrund nicht wenige gebe, die Juden immer noch als "Teufel" betrachteten, als Ursache allen Übels auf der Welt.

"Das haben sie so von ihren Eltern oder Großeltern gelernt", sagt Gurewitz. "Und wir haben es in Deutschland leider immer noch nicht geschafft, diese Leute aufzuklären, ihnen Toleranz gegenüber anderen Religionen und Minderheiten beizubringen."

Bundesweit begehen jüdische Gemeinden in diesen Tagen mit Liedern, Gebeten und Geschenken Chanukka, ein eigentlich fröhliches Lichterfest.

Im Winter 2017 jedoch ist vieles anders als sonst. Die jüdische Gemeinde Mülheim/Ruhr-Oberhausen-Duisburg hat ihre Feier auf einem öffentlichen Platz am vergangenen Mittwoch kurzfristig abgesagt - wegen Sicherheitsbedenken. "Es ist ein mulmiges Gefühl, sicherlich einer der Tiefpunkte unserer Nachkriegsgeschichte", heißt es in der Gemeinde.

Auch in Berlin hat sich die Lage verschärft. Der Pariser Platz ist hermetisch abgeriegelt, Polizisten kontrollieren alle Zugänge, als Rabbiner Yehuda Teichtal am Dienstag vor dem Brandenburger Tor das Lichterfest eröffnet. Es gibt Musik, es wird getanzt, die Kerzen am Chanukka-Leuchter werden entzündet. Teichtal leitet die Zeremonie seit 13 Jahren - diese Woche war es zum ersten Mal eine Feier wie im Hochsicherheitstrakt. Wenige Tage zuvor hatten Demonstranten an derselben Stelle "Tod den Juden" skandiert.

Israelfeindliche Demonstranten in Berlin: "Adolf Hitler hat das Richtige getan"
Björn Kietzmann / action press

Israelfeindliche Demonstranten in Berlin: "Adolf Hitler hat das Richtige getan"

Am vergangenen Mittwoch sitzt Teichtal in seinem Büro im jüdischen Bildungszentrum Chabad. Er wischt mit dem Finger über den Bildschirm seines Smartphones, dann stoppt er bei zwei Fotos. Das eine ist vom Dienstag und bunt, die leuchtende Menora vor dem Brandenburger Tor. Das andere ist acht Jahrzehnte alt und schwarzweiß. Es zeigt SA-Männer, die mit Fackeln durchs Tor marschieren.

Der Rabbiner ist vor 21 Jahren aus New York nach Berlin gezogen, inzwischen hat er einen deutschen Pass. Eigentlich fühlt er sich wohl hier. "Deutschland ist heute ein weltoffenes und tolerantes Land", sagt Teichtal, "und das muss es auch bleiben." Dazu gehöre aber, dass Konsens darüber bestehe, die "Erinnerung an die Schoa wachzuhalten". Und das gelte für die Deutschen genauso wie für Zuwanderer und Flüchtlinge.

Am selben Tag, an dem Teichtal vor dem Brandenburger Tor feierte und Demonstranten am Hauptbahnhof das Ende Israels forderten, trafen sich im Kanzleramt die Chefs der deutschen Sicherheitsbehörden. Auf der Tagesordnung: die aktuelle antisemitsche Hetze auf deutschen Straßen, die die Regierung mit Entsetzen beobachtet. Aber wie verbreitet ist der Judenhass? Handelt es sich um ein Alltagsphänomen oder um Reaktionen auf Nachrichten aus dem Nahostkonflikt?

Die Zahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland schwankt zwischen 1200 und 1800 pro Jahr. Etwa 90 Prozent davon werden Rechtsextremen zugerechnet.

Experten kritisieren jedoch seit Längerem, dass die Zahlen aus dem Bundesinnenministerium kein umfassendes Bild des Antisemitismus in Deutschland zeichnen. "Die Dunkelziffer ist vermutlich wahnsinnig hoch", sagt Beate Küpper vom Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus, dem wohl wichtigsten Gremium zum Thema. "Selbst schwere Übergriffe werden oft nicht gemeldet, weil die Opfer sich scheuen, zur Polizei zu gehen."

Es gibt dazu nur wenige Studien, aber zumindest Hinweise, dass der Antisemitismus unter Migranten wohl unterschätzt wurde. In einer Befragung für den Expertenkreis berichteten Juden, dass bei Beleidigungen und körperlichen Übergriffen die Täter ihrer Einschätzung nach meistens Muslime gewesen seien. Dass die offizielle Kriminalstatistik nur an der Oberfläche kratzt, zeigt auch die Arbeit der Recherche- und Informationsstelle Rias. Sie dokumentiert alle antisemitischen Vorfälle in Berlin und kommt allein dort auf weit mehr als 900 seit Anfang 2016.

Natürlich fällt die große Mehrheit der Muslime in Deutschland nicht durch aggressiven Antisemitismus auf. Viele kritisieren die Gewalt auf den Straßen. Fest steht aber auch: Immer wenn der Nahostkonflikt eskaliert, entladen sich antisemitische Ressentiments unter arabischstämmigen Muslimen in Deutschland. So war es zuletzt 2014, als Israel als Reaktion auf Raketen aus dem Gazastreifen Luftangriffe flog - und in Deutschland Demonstranten riefen: "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus, und kämpf allein."

Die Antisemitismusforscherin Ann-Christin Wegener sieht in den Hassdemos jener Tage einen Dammbruch. "Und jetzt dreht sich die Spirale offenbar weiter." Für den hessischen Verfassungsschutz hat sie gerade eine Analyse vorgelegt, für die sie fast 7000 Einträge auf Facebook und YouTube aus den vergangenen sieben Jahren ausgewertet hatte.

Die klassischen rechten Antisemiten mit ihren Stereotypen vom gierigen, weltbeherrschenden Juden waren nach wie vor stark vertreten, nicht selten von Anhängern der AfD. Doch zuletzt nahmen vor allem Kommentare muslimischer Antisemiten zu. Das Fazit der Verfassungsschützerin: "Wir müssen beides gleichermaßen bekämpfen: den Antisemitismus unter Rechten und den unter Muslimen."

"Viele Juden trauen sich nicht mehr, sich zu erkennen zu geben, weil sie Angst haben", sagt der Thüringer Verfassungsschutzchef Stephan J. Kramer. Er war jahrelang Generalsekretär des Zentralrats der Juden. Bis heute erhält er Post von Antisemiten, sie beschimpften ihn als "Erfüllungsgehilfen der US-Geheimdienste" und "Vertreter des Weltjudentums", berichtet er. "Der Antisemitismus tritt immer enthemmter zutage: Er ist nicht mehr nur salonfähig, sondern auch straßenfähig."

Besonders krass geht es offenbar an Schulen zu. "Du Jude" sei dort ein weit verbreitetes Schimpfwort, heißt es im aktuellen Bericht des Expertenkreises Antisemitismus für den Bundestag. Eine jüdische Mutter berichtete den Forschern, dass ihrer 15-jährigen Tochter ein Zettel in die Schultasche gesteckt worden sei: "Du dreckige Jüdin! Magst du Zyklon B?"

Die Anfeindungen haben in den vergangenen zwei Jahren anscheinend besonders zugenommen. "Wir erleben das immer wieder: Kaum sagt ein Schüler, dass er Jude ist, wird er beleidigt", so Schalwa Chemsuraschwili, der stellvertretende Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Essen. "Und die Lehrer stehen tatenlos daneben." Auch die Klassenkameraden hielten sich zurück. "Dass einer eingreift und sich auf die Seite der jüdischen Schüler stellt, ist die große Ausnahme", sagt Chemsuraschwili. Die Konsequenz: Viele jüdische Schüler würden inzwischen die Schule wechseln und sich in der neuen Klasse nicht mehr zu ihrer Religion bekennen.

Andere melden sich lieber direkt auf dem jüdischen Albert-Einstein-Gymnasium in Düsseldorf an. Die 2016 gegründete Schule war eigentlich nicht als Rückzugsort gedacht. "Als wir vor fünf Jahren mit den Planungen begonnen haben, spielte das Thema Gewalt oder Mobbing an öffentlichen Schulen gar keine Rolle in unseren Überlegungen", sagt Michael Szentei-Heise, der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf.

Jahrzehntelang haben die Verbrechen der Deutschen in der NS-Zeit und insbesondere der Holocaust im Schulunterricht eine bedeutende Rolle gespielt. Der Antisemitismus ist dadurch nicht verschwunden, aber er war offenbar so weit eingehegt, dass rund 200.000 jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und zuletzt auch aus Israel in Deutschland eine neue Heimat suchten und fanden.

Israelfeindliche Demonstrantin in Berlin
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Israelfeindliche Demonstrantin in Berlin

Doch die alten Modelle der Vergangenheitsbewältigung und der Erziehung wirken heute nicht mehr so wie früher. Es braucht neue Ansätze in der Bildungspolitik. Ein solcher ist der "Geschichtomat", ihn unterstützt das Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden. In Projektwochen machen sich Schüler auf die Suche nach jüdischer Kultur. Sie interviewen Zeitzeugen, drehen Filme, schreiben Texte.

"Die meisten Schüler wissen fast nichts über Juden und sind zumindest anfangs auch nicht besonders interessiert", sagt Projektleiterin Carmen Smiatacz, 30. Mehr als die Schlagworte Holocaust, KZ und Auschwitz falle den meisten zum Thema nicht ein. Offenen Antisemitismus habe bislang niemand geäußert, aber in ungefähr jeder zweiten Klasse behaupte früher oder später jemand, dass "die ja alle reich" seien. Ein Schüler habe sogar mal gesagt: "Wenn die immer verfolgt werden, dann muss doch was dran sein."

Wie Smiatacz mit solchen Ressentiments umgeht? Sie zeigt dann Statistiken über Einkommen, Berufe und Bildungsgrad der früheren jüdischen Bevölkerung. Und erklärt den Kindern ganz ausführlich, was Antisemitismus bedeutet und woher die Diskriminierung von Juden kommt.

Als der Berliner Rapper Ben Salomo im vergangenen Jahr sein Album "Es gibt nur einen" veröffentlichte, war die Hip-Hop-Szene gespalten. Manche bewunderten ihn, andere forderten ihn auf, die Provokationen zu lassen. Was sich Ben Salomo erlaubt hatte? Er rappt in seinen Liedern über seine Erfahrungen als Israeli und Jude in Deutschland.

Ben Salomo heißt eigentlich Jonathan Kalmanovich. Der 40-Jährige ist in Deutschland aufgewachsen, seine Familie zog von Israel nach Berlin, als er vier Jahre alt war. Dass Leute ihn nicht mögen, weil er Jude ist, erlebte er zum ersten Mal in der Pubertät. Damals spielte er jeden Tag mit denselben Kindern aus der Nachbarschaft, Deutschen, Arabern, Türken. Die Herkunft war egal, bis ihn eines Tages einer fragte: "Was bist du?" Und Kalmanovich antwortete: "Ich bin aus Israel."

Danach habe sich das Verhältnis zu seinen Freunden komplett verändert, so erzählt er es heute. Er sei plötzlich beschimpft worden, es habe körperliche Auseinandersetzungen gegeben. Auch in der Schule hätten sich Gruppen zusammengeschlossen und ihn als "Juden" beschimpft.

In seiner Jugend sei es für Juden in Deutschland schon schlimm gewesen, findet er, aber "heute ist es noch viel schlimmer". Die uralten Lügen von den Juden als geheime Herrscher über die Banken oder gleich die ganze Welt seien präsenter als vor 30 Jahren. Kürzlich habe ihn jemand auf der Straße zuerst um ein Foto gebeten, ein Fan offenbar, und dann gefragt, ob es stimme, dass Juden in Deutschland keine Steuern zahlen würden.

Selbst erfolgreiche Rapper würden in ihren Texten auf antisemitische Stereotypen zurückgreifen, da reiche ja schon ein Schlagwort wie "Rothschild". "So werden die jugendlichen Fans von klein auf manipuliert und stehen dem Judentum und Israel nicht mehr neutral gegenüber", glaubt Kalmanovich. "Da wundert es mich nicht, wenn irgendwelche Jugendlichen zehn Jahre später am Brandenburger Tor jüdische Symbole verbrennen."

Und nun? Politiker überschlugen sich, den Antisemitismus der vergangenen Tage in die Schranken zu weisen. "Der Staat muss mit allen Mitteln des Rechtsstaates dagegen einschreiten", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel. "Wir dulden Antisemitismus nicht, nirgends", twitterte die grüne Parteivorsitzende Simone Peter.

In Wahrheit verdecken die energischen Worte nur eine große Hilflosigkeit. Es ist ja nicht das erste Mal, dass muslimische Jugendliche ihrem Hass auf alles, was jüdisch ist, freien Lauf lassen. Beim sogenannten Quds-Tag kommt es jedes Jahr zu vergleichbaren Szenen, nur dass diese nicht die Nachrichtensender erreichen. Die Öffentlichkeit nimmt bloß gelegentlich Notiz, so wie vor drei Jahren, als Demonstranten den Kurfürstendamm hinunterzogen und "Juden ins Gas" skandierten. Auch damals war die Empörung groß. Die Politiker erklärten, dass man Antisemitismus nicht dulden werde.

Vielleicht braucht es neben besseren Bildungsangeboten eine stärkere Ächtung antisemitischer Umtriebe. Die Tabuisierung gesellschaftlich unerwünschter Verhaltensweisen verhindert nicht, dass Menschen rassistisch oder antisemitisch denken, aber sie kann verhindern, dass sie offen zutage treten.

Ein anderer Weg wären strengere Strafen, eine Gesetzesverschärfung macht es seit 2015 möglich. Wie in den USA können nun auch in Deutschland "Hate Crimes" - also Taten, die den Hass auf Minderheiten als Ursache haben - konsequenter verfolgt und härter belangt werden.

In Offenbach hat Rabbiner Gurewitz einen anderen Ansatz versucht. Vor vier Jahren hatten ihn Jugendliche in einem Einkaufszentrum antisemitisch beschimpft und geschubst. Passanten ignorierten den Vorfall, manche kicherten sogar, berichtete Gurewitz. Die Sicherheitsleute des Zentrums stellten sich auf die Seite der Provokateure und verlangten, dass Gurewitz Beweisaufnahmen auf seinem Handy lösche.

Als sich die Staatsanwaltschaft nach Medienberichten einschaltete, verzichtete Gurewitz auf eine Anzeige. Stattdessen lud er die Jugendlichen in die Synagoge ein, erzählte ihnen von seinem Glauben. "Sie waren ganz überrascht und haben gesagt: Da gibt es ja vieles, was wir auch in unserem Glauben haben." Am Ende haben sie sich bei dem Rabbiner entschuldigt. Es sei ein gutes Gespräch gewesen, erinnert sich Gurewitz. Es gebe ihm die Hoffnung, dass es nicht ewig so weitergehen müsse mit dem Antisemitismus in Deutschland.


Dieser Artikel wurde nachträglich korrigiert: Am jüdischen Lichterfest werden nicht die Kerzen an der Menora entzündet, sondern am Chanukka-Leuchter. Ein solcher war auch vor dem Brandenburger Tor aufgestellt.


Im Video: "Mein Blut ist Palästina!" - Wer sind die Menschen, die an den pro-palästinensischen Demonstrationen in Berlin teilnehmen? Ein Video-Team von SPIEGEL ONLINE hat nachgefragt.



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