Der SPIEGEL

Der SPIEGEL

29. Juli 2017, 17:48 Uhr

Daten zur Wohlstandsverteilung

Wem gehört Deutschland?

Von

Wer profitiert vom Wirtschaftsboom? Die Datenanalyse zeigt: Die Rekordgewinne der Unternehmen kommen vor allem reichen Familienclans zugute - und ausländischen Investoren.

Den deutschen Unternehmen geht es blendend. 2015 haben sie, vom kleinen Händler bis zum Großkonzern, insgesamt knapp sechs Billionen Euro umgesetzt und dabei 177 Milliarden Euro verdient - so viel wie nie zuvor. 2016 dürften Umsatz und Gewinn weiter gestiegen sein. Zumindest die 30 größten börsennotierten Konzerne, die im Leitindex Dax zusammengefasst sind, haben wieder einen Rekord erzielt. Für die gesamte Wirtschaft liegen noch keine Zahlen vor, viele Familienunternehmen veröffentlichen ihre Gewinne spät, manche überhaupt nicht.

Gut 2100 Euro je Einwohner, vom Säugling bis zum Greis, werfen die deutschen Unternehmen also ab. Doch wer profitiert von dem Boom? Wohin fließen die Gewinne? Ein Blick auf die Eigentümer deutscher Firmen liefert Anhaltspunkte, warum viele Bürger trotz goldgeränderter Konzernbilanzen nicht das Gefühl haben, von dem seit acht Jahren andauernden Aufschwung zu profitieren.

Neun von zehn Firmen gehören mehrheitlich einer oder mehreren Familien. Sie erwirtschaften gut die Hälfte aller Umsätze und beschäftigen fast 60 Prozent der Arbeitnehmer in der privaten Wirtschaft. Natürlich befinden sich vor allem kleine Firmen - der Blumenladen, die Fahrradwerkstatt - in Familienbesitz, aber auch viele Mittelständler, zu denen meist Unternehmen von bis zu 50 Millionen Euro Umsatz gezählt werden. Doch die Gewinne konzentrieren sich auf eine sehr viel geringere Zahl von Großkonzernen.

Egal, ob sie mehrheitlich von Familien oder - was häufiger der Fall ist - anderen Eigentümern kontrolliert werden.

So sind es aufseiten der Familienunternehmen wenige Clans, die das Gros der Gewinne abschöpfen. Besonders eklatant ist das im Handel. Familien wie Schwarz (Lidl), Albrecht (Aldi), Haniel (Metro), Otto (Otto), Herz (Tchibo), Werner (dm) und Roßmann (Rossmann) dominieren die Branche. Milliarden fließen in diesen Boomjahren auch in die Kassen der Auto- und Zuliefererfamilien Piëch, Porsche, Quandt, , Schaeffler Bosch oder Mahle - trotz Dieselskandals.

Die zweite große Firmengruppe in Deutschland sind die mehr als 600 börsennotierten Unternehmen. Der Löwenanteil der Gewinne entfällt hier auf die Mitglieder der Indizes Dax, MDax, SDax und TecDax. Zusammen erwirtschafteten allein diese Unternehmen 2016 gut 77 Milliarden Euro.

Die breite Masse sieht von diesem Geldsegen wenig. Es sind vor allem Großinvestoren, die Anteile der börsennotierten Firmen halten, nur etwa jede siebte Dax-Aktie gehört privaten Haushalten. Und die Investmentfonds, Versicherungen, Staatsfonds und Hedgefonds, die auf den restlichen Anteilen sitzen, kommen nur selten aus Deutschland. Seit 2005 ist der Anteil der Ausländer am Dax von 45 auf 57 Prozent gestiegen. Betrachtet man nur den Streubesitz, lässt also Familien und andere Ankeraktionäre außer Acht, liegt der Anteil sogar bei 83 Prozent. Ähnlich ist die Entwicklung bei den kleineren Konzernen im MDax, SDax und TecDax.

Vor allem die amerikanischen Fondsgiganten Blackrock und Vanguard haben sich in den vergangenen Jahren in deutsche Firmen eingekauft. Sie verwalten mehrere Billionen Dollar, meist kaufen sie nicht gezielt Aktien einzelner Firmen, sondern bilden über verschiedene Fonds ganze Indizes ab. So hält Blackrock für seine Kunden etwa ein Zehntel der Aktien der 30 größten deutschen Konzerne.

Hinter diesen Großinvestoren stehen als Geldgeber häufig amerikanische Pensionsfonds - die Dividenden und Kursgewinne deutscher Unternehmen kommen also Rentnern in Kalifornien oder Texas zugute und nur in überschaubarem Maße deutschen Ruheständlern. Die Deutschen sparen traditionell über Lebensversicherungen oder Festgeld für den Lebensabend, erst zaghaft haben sie zuletzt wieder etwas stärker in Aktien investiert.

Dennoch geht der Aufschwung deutscher Unternehmen nicht gänzlich an der Bevölkerung vorbei, hat er doch in den vergangenen Jahren zu einem erheblichen Stellenaufbau geführt. Auffällig ist dabei, dass Familienunternehmen vor allem im Inland Arbeitsplätze geschaffen haben, börsennotierte Konzerne investieren stärker im Ausland. Die 500 Familienfirmen mit der höchsten Mitarbeiterzahl im Inland steigerten von 2006 bis 2014 die Beschäftigtenzahl um fast 19 Prozent auf 3,2 Millionen. Die Dax-Konzerne haben in der gleichen Zeit die Inlandsbeschäftigung nur um 2 Prozent auf 1,54 Millionen gesteigert. Die Löhne und Gehälter sind in Deutschland jedoch in den vergangenen 15 Jahren deutlich langsamer gestiegen als die Gewinne.

URL:


© DER SPIEGEL 31/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung