AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 31/2017

Daten zur Wohlstandsverteilung Wem gehört Deutschland?

Wer profitiert vom Wirtschaftsboom? Die Datenanalyse zeigt: Die Rekordgewinne der Unternehmen kommen vor allem reichen Familienclans zugute - und ausländischen Investoren.

Stadtansicht von Braunschweig
imago

Stadtansicht von Braunschweig

Von


Den deutschen Unternehmen geht es blendend. 2015 haben sie, vom kleinen Händler bis zum Großkonzern, insgesamt knapp sechs Billionen Euro umgesetzt und dabei 177 Milliarden Euro verdient - so viel wie nie zuvor. 2016 dürften Umsatz und Gewinn weiter gestiegen sein. Zumindest die 30 größten börsennotierten Konzerne, die im Leitindex Dax zusammengefasst sind, haben wieder einen Rekord erzielt. Für die gesamte Wirtschaft liegen noch keine Zahlen vor, viele Familienunternehmen veröffentlichen ihre Gewinne spät, manche überhaupt nicht.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 31/2017
Wie wir leben, wie wir denken: Ein Heft über Deutschland

Gut 2100 Euro je Einwohner, vom Säugling bis zum Greis, werfen die deutschen Unternehmen also ab. Doch wer profitiert von dem Boom? Wohin fließen die Gewinne? Ein Blick auf die Eigentümer deutscher Firmen liefert Anhaltspunkte, warum viele Bürger trotz goldgeränderter Konzernbilanzen nicht das Gefühl haben, von dem seit acht Jahren andauernden Aufschwung zu profitieren.

Neun von zehn Firmen gehören mehrheitlich einer oder mehreren Familien. Sie erwirtschaften gut die Hälfte aller Umsätze und beschäftigen fast 60 Prozent der Arbeitnehmer in der privaten Wirtschaft. Natürlich befinden sich vor allem kleine Firmen - der Blumenladen, die Fahrradwerkstatt - in Familienbesitz, aber auch viele Mittelständler, zu denen meist Unternehmen von bis zu 50 Millionen Euro Umsatz gezählt werden. Doch die Gewinne konzentrieren sich auf eine sehr viel geringere Zahl von Großkonzernen.

Egal, ob sie mehrheitlich von Familien oder - was häufiger der Fall ist - anderen Eigentümern kontrolliert werden.

So sind es aufseiten der Familienunternehmen wenige Clans, die das Gros der Gewinne abschöpfen. Besonders eklatant ist das im Handel. Familien wie Schwarz (Lidl), Albrecht (Aldi), Haniel (Metro), Otto (Otto), Herz (Tchibo), Werner (dm) und Roßmann (Rossmann) dominieren die Branche. Milliarden fließen in diesen Boomjahren auch in die Kassen der Auto- und Zuliefererfamilien Piëch, Porsche, Quandt, , Schaeffler Bosch oder Mahle - trotz Dieselskandals.

Die zweite große Firmengruppe in Deutschland sind die mehr als 600 börsennotierten Unternehmen. Der Löwenanteil der Gewinne entfällt hier auf die Mitglieder der Indizes Dax, MDax, SDax und TecDax. Zusammen erwirtschafteten allein diese Unternehmen 2016 gut 77 Milliarden Euro.

Die breite Masse sieht von diesem Geldsegen wenig. Es sind vor allem Großinvestoren, die Anteile der börsennotierten Firmen halten, nur etwa jede siebte Dax-Aktie gehört privaten Haushalten. Und die Investmentfonds, Versicherungen, Staatsfonds und Hedgefonds, die auf den restlichen Anteilen sitzen, kommen nur selten aus Deutschland. Seit 2005 ist der Anteil der Ausländer am Dax von 45 auf 57 Prozent gestiegen. Betrachtet man nur den Streubesitz, lässt also Familien und andere Ankeraktionäre außer Acht, liegt der Anteil sogar bei 83 Prozent. Ähnlich ist die Entwicklung bei den kleineren Konzernen im MDax, SDax und TecDax.

Vor allem die amerikanischen Fondsgiganten Blackrock und Vanguard haben sich in den vergangenen Jahren in deutsche Firmen eingekauft. Sie verwalten mehrere Billionen Dollar, meist kaufen sie nicht gezielt Aktien einzelner Firmen, sondern bilden über verschiedene Fonds ganze Indizes ab. So hält Blackrock für seine Kunden etwa ein Zehntel der Aktien der 30 größten deutschen Konzerne.

Hinter diesen Großinvestoren stehen als Geldgeber häufig amerikanische Pensionsfonds - die Dividenden und Kursgewinne deutscher Unternehmen kommen also Rentnern in Kalifornien oder Texas zugute und nur in überschaubarem Maße deutschen Ruheständlern. Die Deutschen sparen traditionell über Lebensversicherungen oder Festgeld für den Lebensabend, erst zaghaft haben sie zuletzt wieder etwas stärker in Aktien investiert.

Dennoch geht der Aufschwung deutscher Unternehmen nicht gänzlich an der Bevölkerung vorbei, hat er doch in den vergangenen Jahren zu einem erheblichen Stellenaufbau geführt. Auffällig ist dabei, dass Familienunternehmen vor allem im Inland Arbeitsplätze geschaffen haben, börsennotierte Konzerne investieren stärker im Ausland. Die 500 Familienfirmen mit der höchsten Mitarbeiterzahl im Inland steigerten von 2006 bis 2014 die Beschäftigtenzahl um fast 19 Prozent auf 3,2 Millionen. Die Dax-Konzerne haben in der gleichen Zeit die Inlandsbeschäftigung nur um 2 Prozent auf 1,54 Millionen gesteigert. Die Löhne und Gehälter sind in Deutschland jedoch in den vergangenen 15 Jahren deutlich langsamer gestiegen als die Gewinne.

Familienunternehmen in Deutschland

Firma Umsatz (2016 in Mrd. Euro) Gewinn (2016 in Mrd. Euro*) Mitarbeiter Familie/n Branche
1 Volkswagen 217,3 14,6 662.715 Porsche/Piëch Automobilindustrie
2 BMW 94,2 9,4 124.729 Quandt Automobilindustrie
3 Schwarz Gruppe 80,0 k. A. 350.000 Schwarz Handel (Lidl, Kaufland)
4 Aldi (Nord+Süd) 77,0 k.A. 162.579 Albrecht Lebensmitteleinzelhandel
5 Robert Bosch 73,1 3,3 389.281 Bosch Automotive, Consumer-, Industrietechnik
6 Metro 58,4 1,5 226.895 Haniel, Schmidt-Ruthenbeck, Beisheim Handel
7 Continental 40,5 4,3 220.137 Schaeffler Automotive
8 Fresenius Gruppe 29,1 4,3 232.873 Kröner-Fresenius (Stiftung) Medizintechnik
9 Merckle Gruppe 23,4 k. A. 33.422 Merckle Pharmahandel/Maschinenbau
10 Heraeus Holding 21,0 0,2 12.369 Heraeus Edelmetalle, Umwelt, Elektronik
11 Henkel 18,7 2,8 51.350 Henkel und weitere Industrie- und Konsumgüter
12 Bertelsmann Group 17,0 1,8 116.000 Mohn Medien, Dienstleistungen
13 Boehringer Ingelheim 15,9 2,9 45.692 Boehringer, von Baumbach Pharma
14 Merck 15,0 2,5 50.000 Merck Wissenschaft und Technologie
15 Schaeffler 13,3 1,6 86.600 Schaeffler Automotive, Technologie, Industrie
16 Otto 12,5 0,3 49.750 Otto Versandhandel, Finanzdienstleistungen, Logistik
17 Mahle 12,3 0,5 76.632 Mahle (Stiftung) Automotive
18 Dr. August Oetker 12,2 k. A. 30.787 Oetker Nahrungsmittel, Schifffahrt, Hotels, Logistik, IT, Chemie, Bank
19 Würth-Gruppe 11,8 0,6 71.391 Würth Montage- und Befestigungstechnik
20 Marquard & Bahls 11,5 k. A. 8809 Weisser Energieversorgung und -handel
21 Maxingvest 10,5 1 29.078 Herz Handel (Tchibo), Kosmetik (Beiersdorf)
22 dm-drogerie markt 9,7 k. A. 65.500 Werner, Lehmann Drogeriehandel
23 Droege Int. Group 9,2 k. A. k.A. Droege Beratung und Investment
24 Liebherr Gruppe 9,0 k. A. 42.308 Liebherr Industrietechnik, Haushaltsgeräte
25 Freudenberg Gruppe 8,6 1,1 48.010 Freudenberg Haushaltsprodukte, Industrietechnik

*vor Steuern
Quelle: Die Deutsche Wirtschaft, IFF



insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Braveheart Jr. 29.07.2017
1. Umverteilung von unten nach oben ...
... dazu Sozialabgaben auf die Arbeitnehmer abgewälzt. Während der Staat aberwitzige Verpflichtungen eingeht, die am Ende des Tages wieder dem Steuerzahler aufgebürdet werden.
Crom 29.07.2017
2.
Es wird niemand daran gehindert Aktien zu kaufen. Da muss man sich dann auch nicht wundern, wenn Rentner aus den Staaten mehr profitieren.
leo_leonardo 29.07.2017
3. Boom?
Ich verstehe nicht wieso irgendjemand andern Leuten weiss machen möchte das Deutschland einen Wirtschaftsboom erfährt. 1.9% ist nicht schlecht, aber von Boom kann man doch nicht sprechen. Insbesondere wenn man bedenkt wie die Zentralbank mit der Niedrigzins-Politik Investitionen fördert und der schwache Euro in den letzten 3 Jahren die Exporte angetrieben hat. -> Irreführend
quark2@mailinator.com 29.07.2017
4.
Zitat von leo_leonardoIch verstehe nicht wieso irgendjemand andern Leuten weiss machen möchte das Deutschland einen Wirtschaftsboom erfährt. 1.9% ist nicht schlecht, aber von Boom kann man doch nicht sprechen. Insbesondere wenn man bedenkt wie die Zentralbank mit der Niedrigzins-Politik Investitionen fördert und der schwache Euro in den letzten 3 Jahren die Exporte angetrieben hat. -> Irreführend
Exaktamente. Wenn man alle Euro-Länder zum Zeitpunkt der Euro-Einführung auf 100% setzt und sich dann den akkumulierten Zuwachs im Bruttosozialprodukt ansieht, dann kommt DE erst jetzt von unten her an die Kurve der anderen Staaten heran (Ausreißer wie GR mal außen vor). Zu den Ländern mit dem größten Zuwachs wie Irland, ist es aber immer noch ein weiter Weg. Insofern bekomme ich auch immer Krämpfe, wenn ich diese Schönfärberei lese. Wir haben keinen Boom, sondern holen nur mühsam die Entwicklung nach, die andere auf unsere Kosten hatten, weil ihre Kreditzinsen plötzlich rapide fielen.
Crom 29.07.2017
5.
Zitat von quark2@mailinator.comExaktamente. Wenn man alle Euro-Länder zum Zeitpunkt der Euro-Einführung auf 100% setzt und sich dann den akkumulierten Zuwachs im Bruttosozialprodukt ansieht, dann kommt DE erst jetzt von unten her an die Kurve der anderen Staaten heran (Ausreißer wie GR mal außen vor). Zu den Ländern mit dem größten Zuwachs wie Irland, ist es aber immer noch ein weiter Weg. Insofern bekomme ich auch immer Krämpfe, wenn ich diese Schönfärberei lese. Wir haben keinen Boom, sondern holen nur mühsam die Entwicklung nach, die andere auf unsere Kosten hatten, weil ihre Kreditzinsen plötzlich rapide fielen.
Ein Volkswirtschaftler, der Ahnung hat, würde aber nie eine solche Rechnung aufmachen. Das Länder mit geringeren BIP ein größeres Wachstum haben, ist normal, gewünscht und auch sinnvoll. Wie soll denn Irland sonst zum Rest aufschließen?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 31/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.