AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2017

Zehn Probleme, zehn Ideen Wie Schule endlich besser wird

Die Zukunft des Landes wird in den Klassenzimmern entschieden. Was schiefläuft - und wie es besser geht.

Schüler mit iPad im niedersächsischen Schneverdingen: Deutschland kann sich schlechte Schulen nicht leisten
Lemrich / DER SPIEGEL

Schüler mit iPad im niedersächsischen Schneverdingen: Deutschland kann sich schlechte Schulen nicht leisten


Von Lukas Eberle, Jan Friedmann, Veronika Hackenbroch, Maria-Mercedes Hering, Lars-Thorben Niggehoff, Miriam Olbrisch und Markus Verbeet

In den vergangenen Wochen und Monaten haben Politiker, von rechts wie von links, wieder viel über Kitas, Schulen und Hochschulen geredet. Das Thema war ein Wahlkampfschlager, auch diesmal, die Parteien überboten einander: Bildung, mehr Bildung, noch mehr Bildung.

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Heft 39/2017
Zehn Wege für Bildung und Erziehung - Wie Schule endlich gelingt

Das war auch Wahlkampfgetöse, selbstverständlich, aber deshalb nicht falsch. Ein Land wie Deutschland kann sich schlechte Schulen nicht leisten. Wenige Rohstoffe und wenige Kinder, hoher Lebensstandard und hohe Ansprüche - das kann nur zusammenpassen, wenn's in den Klassenzimmern bestens läuft. Fit für die Zukunft sind wir nur dann, wenn es auch unsere Schulen sind.

Ein reiches Land wie Deutschland muss sich fragen, ob es alles dafür tut, dass alle Jugendliche einen Schulabschluss erwerben. Dass alle Lehrer gute Arbeit machen können. Dass alle Behinderten die bestmögliche Bildung erhalten. Dass alle Kinder auch dann gut gefördert werden, wenn die Eltern dazu nicht fähig oder bereit sind. Dass Lehrer und Schüler sich in den Schulen wohlfühlen, weil die gut ausgestattet und in gutem Zustand sind. Dass Schule allen Beteiligten - Schülern, Lehrern, auch Eltern - Freude macht.

Der SPIEGEL benennt zehn große Probleme und zeigt an jeweils einem Beispiel, wie es besser laufen kann.

I. Digitalisierung

Ein Dauerthema in vielen Familien: der richtige Umgang mit dem Handy. Wenn Eltern darauf hoffen, dass ihre Kinder in der Schule lernen, wie sich das Daddelgerät auch sinnvoll nutzen lässt, werden sie oft enttäuscht. Ein Computerraum findet sich zwar an vielen Schulen, aber im Unterricht sind Computer und Tablets oft Fremdkörper, Smartphones in den allermeisten Fällen sogar verboten. Eines der beliebtesten technischen Geräte an deutschen Schulen ist noch immer: der Overheadprojektor.

In Sachen Medienkompetenz sind deutsche Schüler denn auch allenfalls Mittelmaß. Zu diesem Ergebnis kam die International Computer and Information Literacy Study (ICILS) im Jahr 2014, eine internationale Untersuchung unter Achtklässlern. Heißt: Schüler können zwar sehr gut WhatsApp-Nachrichten schreiben, hübsche Fotos bei Instagram hochladen und sich Wissen für Referate zusammengoogeln, aber kompetenter Umgang mit digitalen Medien ist das noch nicht.

Die Lage sei "ernüchternd", konstatierte die Bertelsmann Stiftung gut eine Woche vor der Wahl. "Die große Mehrheit der Lehrkräfte nimmt die Digitalisierung vor allem als zusätzliche Herausforderung wahr, nur ein kleiner Teil der Lehrerinnen und Lehrer schöpft das didaktische Potenzial digitaler Medien voll aus." Es fehle an Konzepten, Weiterbildung, Ausstattung. An den Schülern liege es nicht, die empfänden "beispielsweise Lernvideos als ein besonders geeignetes Instrument, um sich Wissen anzueignen".

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) hatte vor rund einem Jahr einen fünf Milliarden schweren Digitalpakt angekündigt. Damit sollen Schulen mit Geräten und flächendeckendem WLAN ausgestattet werden. Passiert ist aber noch nichts: Woher das Geld kommt und wie es genau fließt, muss noch ausgehandelt werden - nach der Wahl.

Ein Handyverbot? Tobias Weigelt schüttelt energisch den Kopf. Das gibt es an seiner Schule nicht. Im Gegenteil: Wer ohne Tablet, Laptop oder Smartphone zum Unterricht erscheint, muss sich schleunigst eines der Ersatzgeräte holen, die an der Schule für solche Fälle bereitliegen.

Schüler in der Europaschule in Bremen
Lemrich/ DER SPIEGEL

Schüler in der Europaschule in Bremen

Weigelt leitet die Europaschule im Bremer Stadtteil Utbremen, eine berufliche Schule mit den Schwerpunkten Wirtschaft, Fremdsprachen, Naturwissenschaften, Informatik. Die Schule arbeitet, wie das gesamte Bundesland Bremen, mit der Lernplattform "itslearning". Lehrer hinterlegen dort Lernmaterialien für ihre Klassen, laden Erklärvideos hoch, posten die Hausaufgaben. Fällt ein Lehrer aus, kann sein Vertreter auf die Materialien zugreifen.

Die Schüler laden ihre Lösungen hoch, schauen Vertretungspläne an und chatten gelegentlich mit ihren Lehrern, wenn sie Fragen haben. "Das hat den Alltag ungemein erleichtert", sagt Schulleiter Weigelt. Außerdem lernten die Jugendlichen so, dass Tablets und Smartphones nicht nur zum Spielen da seien, "sondern Arbeitsgeräte", wie Weigelt es ausdrückt.

"Take out your smartphones", fordert Englischlehrerin Sarah Felsmann ihre 24 Schüler auf. Gerade haben die Jugendlichen einen Text gelesen. Nun möchte Felsmann überprüfen, ob alle verstanden haben, worum es geht. Auf einem Bildschirm an der Wand öffnet Felsmann eine Quizsoftware, die erste Frage erscheint.

War die gerade gelesene Geschichte...
a) eine Novelle?
b) eine Kurzgeschichte?
c) ein Gedicht?
d) ein Zeitungsartikel?

Schüler in der Europaschule in Bremen "Take out your smartphones"
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Schüler in der Europaschule in Bremen "Take out your smartphones"

Hektisch tippen alle auf ihren Geräten. Wer ist der Schnellste mit der richtigen Antwort? "Ha, ich bin Fünfter!", verkündet Timo, 17, zufrieden. 15 Fragen hat Felsmann vorbereitet, nach jeder Runde wird ein Zwischenstand angezeigt. Die Ersten erheben sich von ihren Plätzen wie Fußballfans in einer spannenden Spielphase, im Stehen tippt es sich anscheinend schneller. Am Ende werden die drei Sieger gekürt. Was im Wettbewerbseifer schon fast untergeht: Alle haben den Stoff anscheinend gut verstanden. Felsmann ist zufrieden und beginnt, die Hausaufgaben zu erklären, die sie schon hochgeladen hat.

Verführt es nicht zum Spielen oder WhatsApp-Schreiben, wenn das Handy auf dem Tisch liegt? "Ehrlich gesagt: Dafür habe ich gar keine Zeit", sagt Timos Sitznachbar Elias, 15. "Ich bin im Unterricht ja die ganze Zeit beschäftigt." Wer schneller mit einer Aufgabe fertig ist, erhält übers Smartphone oder Tablet zusätzlichen Lernstoff. "So entsteht kein Leerlauf", sagt Lehrerin Felsmann. Und noch einen Vorteil sieht die Pädagogin: "In den Pausen entsteht im Lehrerzimmer kein Stau mehr am Kopierer."

II. Ganztagsschule

Immer mehr Kinder bleiben auch nachmittags in der Schule. Die übernimmt damit auch Aufgaben der Erziehung, die früher Eltern vorbehalten waren. "Der Ausbau der Ganztagsschulen ist in den vergangenen zehn Jahren weit vorangeschritten", konstatierte eine groß angelegte Studie mehrerer Forschungsinstitute 2015, "mittlerweile wird in der amtlichen Statistik mehr als jede zweite Schule in Deutschland als Ganztagsschule geführt, und an diesen Schulen nimmt im Durchschnitt die Hälfte der Schülerinnen und Schüler am Ganztagsbetrieb teil".

Die Politik fördert den Ausbau, weil Eltern ihn sich wünschen. Union, SPD und Grüne versprechen in ihren Wahlprogrammen, einen Rechtsanspruch für Grundschüler einzuführen. Doch an den meisten Grundschulen sind Vormittag und Nachmittag noch nicht richtig verzahnt. Während die Lehrer vormittags ihr Pensum durchziehen, kommen nachmittags Sozialpädagogen oder Honorarkräfte in die Schule, um die Kinder zu betreuen oder sie bei den Hausaufgaben zu beaufsichtigen. Zwischen den beiden Blöcken rückt noch der Caterer an und gibt das Mittagessen aus.

An weiterführenden Schulen ist die Lage nicht besser, die Unterschiede sind enorm. Für zusätzliche Angebote fehlt häufig das entsprechende Personal, passende Räume oder einfach nur der Wille der Pädagogen vor Ort: Viele Lehrer möchten nachmittags zu Hause sein, zumeist steht ihnen an ihrer Schule auch kein eigener Arbeitsplatz zur Verfügung.

Unter diesen Bedingungen kann die Ganztagsschule das große Versprechen auf mehr Chancengerechtigkeit nicht einlösen. Und auch die gewünschten Lernerfolge bleiben bisher aus. Erhebungen konnten keine Leistungsunterschiede zwischen Ganztags- und Halbtagsschülern feststellen.

"Man kann zu jeder Tageszeit Deutsch oder Mathematik lernen", sagt Schulleiter Ruben Herzberg. "Man kann aber auch zu jeder Tageszeit musizieren oder Sport treiben." Seine Klosterschule in Hamburg ist schon seit einem Vierteljahrhundert ein Ganztagsgymnasium. An vier Tagen sind die rund tausend Schüler bis mindestens 16 Uhr in der Schule - aber nicht nur zum Lernen.

Wichtig sei, so Herzberg, dass sich Phasen der Konzentration mit Phasen der Entspannung, Gruppen- oder Stillarbeit abwechselten. Das ist die sogenannte Rhythmisierung, an der so viele Schulen mit Nachmittagsbetreuung scheitern. Die Klosterschule setzt auf eine frühe Mittagspause: Sie beginnt schon um 11.30 Uhr und dauert bis 12.50 Uhr. "Da wird aber nicht nur Schlange gestanden und das Essen heruntergeschlungen", sagt Herzberg. Die Angebote der aktiven Mittagspause beinhalteten zum Beispiel Schach, Tischtennis, Volleyball, Tanz oder Theater. Für Schüler, die sich zurückziehen wollen, gibt es eine Bibliothek.

Für die Lehrer endet der Arbeitstag der Schule nicht mit dem Vormittag, sie sind auch nachmittags da. Meist sind es die Klassenlehrer, die die Kinder bei der Stillarbeit, der "Studienzeit", begleiten, denn sie kennen ihre Schülerinnen und Schüler am besten. Die Studienzeiten sind über den Tag verteilt. "Ich bin überzeugt, dass es einer guten Ganztagsschule am ehesten gelingen kann, eine große Ungerechtigkeit des deutschen Schulsystems aufzuheben", sagt Herzberg, "nämlich dass der Schulerfolg stark von der sozialen Herkunft abhängt."

Schüler in der Gesamtschule in Köln-Holweide "Inklusion ist harte Arbeit"
Joanna Nottebrock

Schüler in der Gesamtschule in Köln-Holweide "Inklusion ist harte Arbeit"

III. Chancengleichheit

Jedes Kind in Deutschland hat alle Chancen; keines hat Vorteile, nur weil seine Eltern eine bessere Bildung genossen haben, und keines Nachteile, wenn seine Eltern sich nicht kümmern können oder wollen. Dafür sorgt die Schule.

So weit die Illusion. Die Realität ist eine andere: Die PISA-Studie lehrte im Jahr 2001 die Bundesrepublik, dass in keinem anderen Staat der Erfolg so eng ans Elternhaus gekoppelt war wie in Deutschland. Selbst ein so kundiger Bildungsforscher wie Jürgen Baumert bekannte hinterher, dass ihn überrascht habe, "wie eng in Deutschland der schulische Erfolg von der sozialen und ethnischen Herkunft abhängt". Niemand habe vorhergesehen, dass Deutschland im Vergleich so ungünstig dastehen würde.

Koordinatorin Klostermann
Joanna Nottebrock

Koordinatorin Klostermann

Zeig mir deine Eltern, und ich sage dir, welche Schule du besuchen und wie gut du dort abschneiden wirst - das gilt heute erfreulicherweise weniger als früher. Das Problem ist schon deshalb etwas weniger drängend, weil ungleich mehr Schüler eines Jahrgangs aufs Gymnasium und auch an eine Hochschule gehen. Doch der aktuelle Bildungsbericht hält auch fest: "Die Frage der sozialen Selektivität bleibt nach wie vor aktuell", so war dort im vorigen Jahr zu lesen, sie sei "unbestritten, hinreichend belegt und bleibt als eine der dringlichsten Herausforderungen bestehen".

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Unternehmensberatung McKinsey zählten es in einer Studie kürzlich vor: Von 100 Kindern, deren Vater oder Mutter studiert hat, gehen 74 ebenfalls an eine Hochschule, erwerben 63 einen Bachelorabschluss, machen 45 noch einen Master - und am Ende 10 einen Doktortitel. Wenn kein Elternteil studiert hat, sieht es ganz anders aus: 21 von 100 Kindern studieren, 15 machen einen Bachelor-, 8 einen Masterabschluss. Und genau ein Kind schafft eine Promotion.

Was früh versäumt wird, lässt sich später kaum noch aufholen. Deshalb ist es wichtig, die Kinder früh und individuell zu fördern, die Eltern aufzuklären und einzubinden, die Erzieher und Lehrer fortzubilden und in die Pflicht zu nehmen - und am Ende ehrlich zu bleiben. Die Schule kann nicht alle Unterschiede wettmachen oder das Elternhaus ganz ersetzen. Aber noch mehr dazu beitragen, dass alle gute Startchancen haben, das könnten vor allem Kitas und Grundschulen schon.

Mira Stepec, 33, aus Bochum: "Ich bin seit November 2015 Talentscout an der Ruhr-Universität hier in Bochum. Das Programm nennt sich NRW Talentscouting und richtet sich vor allem an Schüler, die nicht aus Akademikerfamilien stammen. Wir wollen Informationslücken schließen. Die Förderung beginnt in der Oberstufe oder schon in der zehnten Klasse und geht über das Abitur hinaus, ich begleite die ehemaligen Schüler auch im Studium.

An verschiedenen Schulen mit Oberstufen berate ich einmal im Monat Schüler ergebnisoffen zu typischen Anliegen, zum Beispiel dem Hochschulangebot, dem Ablauf oder der Finanzierung eines Studiums. Eine klassische Frage ist: ,Ich weiß nicht, was ich machen soll - was gibt es denn? Und was passt zu mir?' Auf den Schülern lastet ein großer Druck, eine Entscheidung über die Zukunft zu fällen. Wir wollen den Druck aus den Überlegungen herausnehmen und klarmachen, dass es nicht die eine Entscheidung gibt, sondern in den meisten Fällen verschiedene Wege in einen Beruf führen.

Zuerst einmal müssen wir herausfinden, welche Interessen die Schüler haben, denn im Studium werden sie sich lange damit beschäftigen. Häufig müssen wir ihr Spezialgebiet erst noch entdecken. Dabei sprechen sie ihre Ängste aus: Traue ich mir ein Studium zu? Und kann ich mir das leisten? Wir sprechen auch über das BAföG und Studienkredite oder Jobs.

Es wäre super, wenn alle Schulen ein ähnliches Programm hätten. Viele Talentscouts sagen selbst, dass sie früher so eine Beratung auch gebraucht hätten. Wir nehmen uns Zeit für jeden und bauen eine persönliche Beziehung auf. Es geht nicht nur um Fachinfos - auch manche persönlichen Probleme und der familiäre Hintergrund spielen dabei eine Rolle. Denn wir stellen nicht zuallererst die Leistung in den Vordergrund, sondern betrachten sie im Kontext: Wenn wir Talente suchen, müssen wir fragen, was die Schüler sonst so machen, ob sie ein Ehrenamt ausüben, Geschwister oder Familienangehörige mitbetreuen. In ihnen steckt so viel Potenzial, das sich vielleicht nicht in den Noten zeigt."

IV. Inklusion

Alle Kinder, egal ob mit Einschränkungen oder ohne, sollen gemeinsam lernen können - das ist die Idee. Die Vereinten Nationen haben es so in der Behindertenrechtskonvention festgelegt, Deutschland hat sie 2009 ratifiziert.

Wer beim Stichwort Inklusion an einen Jungen im Rollstuhl oder an ein Mädchen mit Blindenstock denkt, vergisst möglicherweise einen bedeutenden Teil: Die größte Gruppe aller Inklusionsschüler in Deutschland stellen, mit knapp 40 Prozent, Kinder mit Lernbehinderung (Förderschwerpunkt Lernen). Bei rund einer halben Million Schüler in Deutschland, das entspricht gut sieben Prozent, wurde ein Förderbedarf festgestellt. Rund ein Drittel dieser Kinder besucht mittlerweile eine Regelschule - und es werden von Jahr zu Jahr mehr.

Auch wenn es durchs Dach regnet, kann ein charismatischer und kompetenter Lehrer viel bewegen.

Wie gut es klappt, hängt vom Einzelfall, vom Schüler, von der Schule, den Lehrern, den Eltern, dem Umfeld ab. Es gibt zahlreiche Geschichten von Kindern, die gut in der Regelschule zurechtkommen, die gute Noten schreiben, die Freunde finden. Es gibt aber auch die anderen. Die in der Klassengemeinschaft nicht so recht Anschluss finden. Die in ihrer Sonderrolle gefangen sind, die traurig und frustriert sind, weil sie im Unterricht nicht mitkommen, im äußersten Fall sogar massiv stören, weil sie zu auffälligem Verhalten neigen.

Viele Lehrer fühlen sich alleingelassen, klagen über mangelnde Unterstützung und sehen in der Inklusion vor allem ein verstecktes Sparprogramm ihrer Kultusminister: Die Förderschulen werden geschlossen, die Aufgaben den anderen Schulen aufgehalst, ohne diese angemessen auszustatten. In Bremen, Hessen und Nordrhein-Westfalen verfassten Eltern, Lehrer und Gewerkschaften Brandbriefe an das zuständige Schulministerium. Sie klagten über zu viel Unruhe in den Klassen, über Überforderung, zu schlechte Ausstattung mit Räumen und Materialien, fehlende Lehrkräfte und Betreuer. So wie Inklusion umgesetzt werde, lautete der Tenor, richte sie mehr Schaden an, als sie nütze.

Joanna Nottebrock

Illusionen machen sie sich hier nicht, vielleicht klappt es deshalb besser als anderswo. An der Gesamtschule in Köln-Holweide ist niemand so naiv zu glauben, dass die nicht behinderten Schüler die Behinderten schon irgendwie von selbst integrieren. "Inklusion ist harte Arbeit", sagt Britta Klostermann, Koordinatorin für den Gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nichtbehinderten. Rund 200 der 1900 Schüler haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Sie werden mit viel Überlegung auf die Tischgruppen verteilt, damit das gemeinsame Lernen klappt.

Deutschstunde, neunte Klasse, es geht um "Romeo und Julia". Manche Kinder arbeiten mit der anspruchsvollen Schlegel-Ausgabe des Dramas, die meisten mit der Schülerausgabe, einige mit der Kinderausgabe. Trotzdem lösen alle gemeinsam die Aufgabe, die die Lehrerin ihnen gestellt hat: Sie sollen in ihren Tischgruppen darüber diskutieren, wie Romeo sich fühlt, nachdem er Julias Cousin Tybalt umgebracht hat.

Die Schule ist gut ausgestattet: Rückzugsräume, eine Lehrküche, eine große Therapieabteilung sowie erfolgreiche Berufsberatung. Die Seele des Ganzen bilden die Teams aus Fachlehrern und Sonderpädagogen, die für jeweils drei der neun Parallelklassen zuständig sind, und das von der fünften bis zur zehnten Klasse durchgängig. Langfristige, vertrauensvolle Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern sind die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen, das gilt für alle Schüler. Die Gesamtschule, ein riesiger Betonkomplex, ist auch bei Eltern beliebt, deren Kinder keine besondere Förderung brauchen: Die Wartelisten für einen Platz an dieser Schule sind lang.

V. Lehrerausbildung

Auf wen oder was kommt es in erster Linie an, wenn Kinder etwas lernen sollen? Den Lehrer oder die Lehrerin! Das ist die Kernbotschaft der berühmten Meta-Studie des neuseeländischen Wissenschaftlers John Hattie mit dem Titel "Visible Learning", der wohl einflussreichsten Publikation über gelungenen Schulbetrieb aus den vergangenen Jahren. Will heißen: Auch wenn es durchs Dach regnet oder 40 Schüler in einer Klasse sitzen, kann eine charismatische und kompetente Lehrerpersönlichkeit viel bewegen. Doch anstatt den eigentlichen Unterricht in den Blickpunkt zu nehmen, diskutiert die Bildungspolitik viel über Strukturen: Soll das Gymnasium acht oder neun Jahre dauern, ist das dreigliedrige Bildungssystem gerecht oder ungerecht?

Bund und Länder haben zwar eine Qualitätsoffensive Lehrerbildung ausgerufen, für die das Bundesbildungsministerium bis 2023 eine halbe Milliarde Euro investieren wird. Das Kernproblem aber bleibt: Auf ihre verantwortungsvolle Aufgabe werden die Lehrer oft unzureichend vorbereitet, ihr Studium unterscheidet sich nicht groß von dem der Nichtpädagogen. Dabei ist die Aufgabe eines Lehrers so viel mehr als nur Wissensvermittlung, gerade bei schwierigen Schülern geht es manchmal eher um elementare Erziehung als um höhere Bildung.

Da die Bundesländer und die einzelnen Hochschulen für das Lehramtsstudium zuständig sind, gibt es keine einheitlichen Standards für die Lehrerausbildung. Während beispielsweise in Bayern Lehrer ihr Studium mit einem Staatsexamen abschließen, ist es in anderen Bundesländern ein Master of Education. An das Studium schließt sich eine Phase an, die viele angehende Lehrerinnen und Lehrer als Praxisschock empfinden: Während des Referendariats sehen sie sich zum ersten Mal intensiv mit dem Schulalltag konfrontiert.

Das kann den Studentinnen und Studenten an der TU München nicht passieren. Dort durfte der Bildungsforscher Manfred Prenzel ein Lehramtsstudium konzipieren, das beides ist: wissenschaftlich und praxisnah. "Bislang vermittelte das Studium nicht zielstrebig das, was Lehrer für ihren Beruf brauchen", sagt Prenzel. "Die Lehrer liefen an der Universität irgendwie mit."

In München genießt die School of Education den Status einer Fakultät: Die Pädagogen sind gleichberechtigt mit selbstbewussten Ingenieuren oder Medizinern, sie haben an der Universität eine akademische Heimat. Die School of Education verfügt über das Promotions- und Habilitationsrecht und kann entsprechend Lehramtsstudierende weiterqualifizieren. Die Studieninhalte sind stärker auf den künftigen Lehrerberuf ausgerichtet als bei den gängigen Curricula an anderen Universitäten. "Es ist zum Beispiel so, dass ein künftiger Physiklehrer nicht unbedingt vertieft theoretische Physik studieren muss", erklärt Prenzel. Entscheidend sei, dass er Grundlagen der Physik durchdrungen habe und kompetent vermitteln könne.

Schon vom ersten Semester an kommen die angehenden Lehrerinnen und Lehrer der TU an Partnergymnasien in Kontakt mit dem Schulbetrieb. Während des Bachelorstudiums verbringen sie 40 Tage an den Schulen. Wichtig sei eine gute Beratung, manchmal auch dahingehend, sich auf eine andere Tätigkeit vorzubereiten, so Prenzel. "Nicht jeder ist geeignet für den Lehrerberuf."

Syrer Fansa (M.)
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Syrer Fansa (M.)

VI. Flüchtlinge

Gibt es nicht, weiß man nicht, steht noch nicht fest: Wie es um die Integration von geflüchteten Kindern ins deutsche Schulsystem steht, lässt sich kaum beantworten.

Keine Frage, es ist eine Mammutaufgabe, Hunderttausende Kinder und Jugendliche einzuschulen, die kein oder kaum Deutsch sprechen, die monate-, wenn nicht sogar jahrelang keine Schule besucht haben und auf der Flucht womöglich Traumatisches erlebt haben. Wie viele es genau sind, darüber gibt es kaum Informationen. Und wann die Kinder überhaupt in die Schule müssen, ist in jedem Bundesland anders geregelt.

Während sie in Hamburg sofort eingeschult werden sollen, greift in Baden-Württemberg die Schulpflicht erst nach sechs Monaten. Ähnlich divers ist, wie die Flüchtlinge unterrichtet werden: in separaten Vorbereitungsklassen oder in Regelklassen mit und ohne zusätzlichen Sprachunterricht. Welches Modell am besten funktioniert, darüber gibt es noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Rektor Taghi-Khani in der Gesamtschule Schneverdingen: Viele kleine Bausteine
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Rektor Taghi-Khani in der Gesamtschule Schneverdingen: Viele kleine Bausteine

Verlässliche Tests, um den Lernstand von Kindern zu überprüfen, die kein Deutsch sprechen, gibt es kaum. So besteht die Gefahr, dass die Kinder in einer Schulform landen, die nicht ihren Fähigkeiten entspricht.

Vor einer Gruppe fremder Menschen zu sprechen, macht Adel Fansa nichts aus. Er strafft die Schultern und erzählt: von seiner Flucht aus Syrien, von der Ankunft im niedersächsischen Schneverdingen und davon, wie es war, ohne den Vater reisen zu müssen und in Deutschland auf ihn zu warten. Dann erzählt er, dass er vor Kurzem mit seinen Mitschülern auf dem Heideblütenfest im Ort war. "Das hat Spaß gemacht."

Adel Fansa, 16 Jahre alt, ist einer von 54 geflüchteten Kindern und Jugendlichen, die seit dem Frühjahr 2015 an der Kooperativen Gesamtschule aufgenommen wurden. Sie sind stolz hier auf Adel, der Chemieunterricht liebt, in zwei Jahren Abitur machen und dann Medizin studieren möchte. Dass Adels Ankunft in Deutschland so gut gelang, ist keine Selbstverständlichkeit. Doch die Kooperative Gesamtschule in Schneverdingen, einem Ort mit einer Migrantenquote von gerade einmal sechs Prozent, bekommt die Integration von Geflüchteten besonders gut hin und wurde dafür ausgezeichnet.

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Es sind viele kleine Bausteine, die ein funktionierendes Gesamtkonzept ergeben. Zum Beispiel die QR-Codes, die an verschiedenen Stellen im Gebäude hängen. Scannt man sie mit dem Handy, erscheinen Erklärfilmchen auf Arabisch, Farsi, Russisch und anderen Sprachen. Der Schüler erfährt, wie der Vertretungsplan funktioniert oder wie man Essen in der Mensa bestellt.

"Ein Smartphone haben eh fast alle in der Tasche", sagt Schulleiter Mani Taghi-Khani, dessen Vater vor vielen Jahren aus Iran eingewandert ist. Da ist das Verkehrstraining mit der Polizei, in dem die neuen Schüler lernen, wie man sich auf den Straßen sicher bewegt, zu Fuß oder als Radfahrer. Und da sind die Stundenpläne, die für jedes Kind eigens zusammengestellt werden. "Das Wichtigste", sagt der Schulleiter, "ist aber, die Eltern mitzunehmen."

Es erscheint fast folgerichtig, dass das dreckige Schulklo zum Thema im Wahlkampf wurde.

Erscheint ein Schüler nicht regelmäßig zum Unterricht, stattet Integrationskoordinatorin Anke Renken der Familie einen Besuch ab, manchmal auch in Begleitung eines Dolmetschers. Die Schule lädt Geflüchtete regelmäßig zum Elterncafé mit einem Anschreiben in sechs Sprachen. Taghi-Khani erzählt von Vätern, die zwar kaum ein Wort Deutsch sprachen, beim Rundgang durch die Schule dann aber jeden Schüler im Werkraum per Handschlag begrüßten, und von Müttern mit Kopftuch, die in der Hauswirtschaftsklasse neugierig in die Kochtöpfe lugten.

"Es ist wichtig, dass die Eltern wissen, wie Schule hier funktioniert", so Taghi-Khani. "Damit die Kinder ankommen können, müssen wir das Vertrauen der Eltern gewinnen."

VII. Schulessen

3,05 Euro kostet ein Schulessen an weiterführenden Schulen in Deutschland im Schnitt. Dafür erhalten die Schüler neben einer warmen Mahlzeit meist noch einen Nachtisch und ein Getränk. Pommesbude, Bäckerei und der Kiosk um die Ecke können da kaum mithalten - trotzdem wagt sich weniger als ein Drittel der Schüler an weiterführenden Schulen in die Mensa, das ergab eine Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg vor zwei Jahren.


Im Video: Schulküchen - Bis alle satt sind
Gesundes und frisches Essen in der Schule? Gibt es! Sogar selbst gekocht von den Schülerinnen und Schülern. Lehrerin Silvia Krämer erzählt, wie es zur Schulküche kam und was die Schüler dabei lernen.

Lemrich

Das liege, glauben die Wissenschaftler, unter anderem an der Qualität des Essens. Es gibt zwar den "Qualitätsstandard für die Schulverpflegung", formuliert von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Täglich frisches Obst und Gemüse, zweimal pro Woche Fleisch, einmal Seefisch: So sollte Schulspeisung idealerweise aussehen. Verpflichtend sind diese Vorgaben allerdings nicht, eher eine gut gemeinte Empfehlung.

Schüler in der Mittelschule in Mömbris
Lemrich/ DER SPIEGEL

Schüler in der Mittelschule in Mömbris

Die Realität sieht denn auch anders aus. In einer Studie gab nur ein kleiner Teil der Schulleiter an, den Qualitätsstandard zu beachten. Fast zwei Drittel aller Schulen beziehen das Mittagessen von externen Zulieferern, von denen die meisten mit der "Cook&Hold"-Methode arbeiten: Das Essen wird am frühen Morgen in Großküchen gekocht, an die Schulen ausgeliefert und dort über Stunden warm gehalten.

Das Essen ist sicherlich nicht das größte Problem der deutschen Schulen. Aber ein bezeichnendes: Warum ist es uns nicht mehr wert, die Kinder auch in der Schule zu verköstigen? Und warum nehmen wir es hin, dass Qualitätsstandards missachtet werden?

Wer kocht, bestimmt, was auf den Tisch kommt: An der Mittelschule am Glasberg im unterfränkischen Mömbris sind es die Schüler. Vor 15 Jahren gründeten zwei Lehrerinnen mit einer Gruppe Schüler das Bistro "eat and more".

Jeden Tag um 11.30 Uhr bindet sich ein anderes achtköpfiges Bistroteam Schürzen um, dann wird gebacken, gebraten, gekocht. Silvia Krämer, eine der beiden Gründerinnen, beaufsichtigt, gibt Tipps und greift ein, wenn doch einmal etwas schiefgeht. "Ab der siebten Klasse gibt es bei uns Kochunterricht, da lernen die Kinder die Grundlagen", sagt Krämer. Für Achtklässler ist der Bistrodienst Pflicht, alle anderen helfen freiwillig. Wer ein ganzes Schuljahr durchhält, bekommt ein Zertifikat. Jeder Schüler ist einmal in der Woche dran. Um 13 Uhr muss alles fertig sein, dann erscheinen die hungrigen Mitschüler.

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60 Gerichte umfasst das Repertoire: Klassiker wie Nudeln mit Tomatensoße, aber auch Aufwendiges wie Gulasch und Ratatouille. "Ein irres Geschnippel", seufzt Krämer. Das Gemüse stammt von einem örtlichen Biolieferanten, die restlichen Zutaten kauft Lehrerin Krämer eigenhändig im Supermarkt. Den Einkaufszettel schreiben die Schüler.

2,50 Euro kostet ein Mittagessen, inklusive Salat und Nachtisch. Die Köche selbst zahlen 1,50 Euro. So ein Preis ist möglich, weil keine zusätzlichen Personalkosten anfallen: Die Jugendlichen kochen, spülen im Anschluss das Geschirr und räumen auf. Krämer und ihre Kollegin, die das Projekt betreuen, unterrichten ohnehin an der Schule. Die Kosten für Strom und Wasser trägt die Stadt, die Küchengeräte bezahlte die Schule mit Gewinnen aus dem Bistro.

VIII. Gebäude

Versiffte Toiletten, verrottete Turnhallen, verschimmelte Klassenzimmer: Immer wieder gibt es Klagen über marode Schulen. Mal streichen dann die Eltern die Wände, mal putzen die Schüler die Flure, oft arrangieren sich alle mit dem Zustand.

Die Kommunen kommen mancherorts einfach nicht hinterher. Nach einer Schätzung des Deutschen Instituts für Urbanistik von 2014 fehlen bundesweit rund 34 Milliarden Euro, um Schulen zu sanieren und auszubauen. Da klingt es wie ein schlechter Witz, dass Bund und Länder groß verkündeten, ganze 3,5 Milliarden Euro für marode Schulen ausgeben zu wollen. Und da erscheint es, so traurig es ist, fast schon folgerichtig, dass das dreckige Schulklo sogar zum Thema im Bundestagswahlkampf werden konnte: Die SPD begründete ihr Versprechen eines Investitionsprogramms unter anderem mit dem Zustand der Toiletten, auch andere Parteien kündigten Investitionen in die Bildungsbauten an.

Wenn alle Schulen nur sauber und halbwegs ordentlich wären, dann wäre das ein guter erster Schritt. Der zweite: Die Schulen so zu gestalten, dass die Schüler dort gern und gut lernen. Manches klingt so einfach - wenn es zu laut ist, sinkt die Leistung, das ist längst bekannt, wird aber viel zu selten bei der Gestaltung der Räume berücksichtigt. Der Erziehungswissenschaftler Christian Rittelmeyer von der Universität Göttingen zeigte in einer Studie, für die er mehrere Hundert Schüler befragt hatte: Wird das Gebäude positiv bewertet, kommt es seltener zu Vandalismus und Krankheitsausfällen. Kalte, abweisende und trostlose Räume dagegen beeinflussten die Stimmung der Schüler und schließlich ihre Leistungen.

Die Schulen wirken viel zu oft noch wie eine Bildungsanstalt, nicht wie ein moderner Ort für modernen Unterricht. Lange Flure, starre Wände, schlechte Luft, wenig Licht. Moderne Büros gerade in den Branchen, in denen es auf Kreativität und Konzentration ankommt, sind so viel schöner. Warum eigentlich?

Mitten in Bochum, im Stadtteil Wiemelhausen, sind zwei Raumschiffe gelandet. Blaue und rote Ringe schimmern an ihren Außenwänden, an einer Stelle gehen sie ineinander über. Innendrin: alles weiß, alles hell, geschwungene Linien unter der Kuppel. Willkommen im Neuen Gymnasium Bochum.

Das Berliner Architektenbüro Hascher Jehle hat es entworfen, seit fünf Jahren lernen hier die Schüler. Der "überdachte Schulhof" im kleineren Ring hat bewegliche Wände, so kann man ihn mit Aula und Mensa verbinden. "Dadurch eignet er sich für verschiedenste Nutzungen", sagt Architekt Sebastian Jehle. Auch für die Fach- und Klassenräume gilt: möglichst flexibel. Manche Tische sind dreieckig und lassen sich zu einem großen runden Tisch zusammenfügen. Die Gänge sind geschwungen, rechte Winkel werden vermieden. "Wir wollten zum Flanieren einladen", erklärt Jehle. Für den Aufenthaltsbereich entwarfen die Architekten schwarz-weiße "Donuts": luftgefüllte Sitzreifen, auf denen bis zu neun Schüler an einem runden Tisch zusammenfinden. Wer lieber allein ist, kann sich an eine "Kommunikationsinsel" zurückziehen und dort in Ruhe am Computer arbeiten.

Wichtig sei das Tageslicht, sagt der Architekt: "Es wird immer über Energieeinsparung gesprochen, nie aber über die Qualitätseinbußen, die mit den mehrfach beschichteten Sonnen- und Wärmeschutzgläsern einhergehen." Auch das ist hier kein Problem: Das Dach der Schule lässt besonders viel Licht durch.

IX. Lehrermangel

Strenge Lehrer, faule Lehrer, mitreißende Lehrer, überforderte Lehrer? Als nach den Sommerferien der Unterricht begann, hieß es an vielen Schulen: zu wenige Lehrer. In Nordrhein-Westfalen blieben mehr als 2000 Stellen frei. Mangel gibt es fast überall, vor allem Grundschulen fehlt es an Kräften. Und wenn nichts passiert, wird das Problem in den nächsten Jahren eher größer als kleiner. Die Zahl der Schüler dürfte aus vielerlei Gründen steigen: mehr Geburten, mehr Flüchtlinge, dazu in manchen Bundesländern die Rückkehr von G8 zu G9 und überall der Ausbau des Ganztagsangebots und der Inklusion.

Die Länder behelfen sich mit Notlösungen. Bremen setzt Lehramtsstudenten schon vor dem Zweiten Staatsexamen als Vertretung ein, Brandenburg will vielleicht Lehrer aus Polen engagieren, mehrere Länder setzen auf Seiteneinsteiger oder schicken Gymnasiallehrer an Grundschulen.

"Wir müssen jetzt ganz schnell umsteuern: Planstellen schaffen, die Lehrerwerbung verstärken, Pädagogen nachqualifizieren", forderte der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands Heinz-Peter Meidinger. "Wenn das nicht passiert, gibt es für die Länder drei Stellschrauben: größere Klassen, höhere Lehrerarbeitszeiten, weniger Unterricht."

Alexander Reich ist Gymnasiallehrer. Eigentlich jedenfalls, denn seit sieben Monaten ist er an einer Grundschule in Berlin angestellt. "Meine Fächerkombination ist Geschichte und Deutsch", sagt er, "da ist der Bedarf am Gymnasium leider gering."

Die Berliner Senatsverwaltung aber machte ihm ein Angebot: eine unbefristete Stelle an der Grundschule, aber ein Studienratsgehalt wie an einem Gymnasium. "Ich bin sehr froh, dass ich mich so entschieden habe", sagt er heute. Die Arbeit mit den Kindern mache ihm Spaß.

In Nordrhein-Westfalen wird den Lehrern zugesichert, dass sie nach zwei Jahren Dienst in der Grundschule eine Stelle an einem Gymnasium bekommen. Oder sie werden pro forma dort angestellt, aber erst einmal abgeordnet. Perfekt dafür ausgebildet sind sie nicht, das Studium unterscheidet sich von dem der Grundschulpädagogen. Umso wichtiger ist es, dass die Kollegen die Neuen unterstützen. "Hier in Berlin gibt es dazu eine Art Mentorenprogramm", erzählt Reich. "Die erfahrenen Grundschullehrer halfen mir, mich zurechtzufinden, und anfangs bekam ich sogar eine Mentorin zur Seite gestellt." Ohne solche Hilfe könne die Eingewöhnung schwer werden.

Nicht jeder findet sich so gut zurecht. Kleinere Kinder zu unterrichten ist mitnichten einfacher, die pädagogischen Anforderungen sind an einer Grundschule größer oder jedenfalls ganz andere.

In Berlin hat die Landesregierung reagiert und macht bei Neueinstellungen, was Lehrergewerkschaften seit Langem fordern: die Bezahlung der Lehrer an den verschiedenen Schultypen schrittweise anzugleichen. So soll die Wertschätzung für den Beruf des Grundschullehrers gesteigert werden. Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sagt: "Es kann nicht sein, dass Kollegen in der Öffentlichkeit sagen: Ich bin nur Grundschullehrer."

X. Problemschüler

G8 oder G9, Master oder Diplom, zu viele Akademiker oder zu wenige - darüber wird viel und heftig gestritten. In all den Glaubenskriegen ums Gymnasium und die Universität geraten allerdings jene Schüler schnell aus dem Blick, für die solche Fragen überhaupt keine Bedeutung haben. Weil es ihnen nicht gelingt, grundlegende Fähigkeiten und auch nur irgendeinen Abschluss zu erwerben. Und die von ihren Eltern so wenig Erziehung genossen haben, dass Lehrer fast nur scheitern können.

In der letzten PISA-Studie kamen 16 Prozent der 15-Jährigen nicht über das unterste Niveau hinaus. Das heißt: "Sie können mit einfachen Texten umgehen, die ihnen in Inhalt und Form vertraut sind", und "nur relativ offensichtliche Verbindungen zwischen dem Gelesenen und allgemein bekanntem Alltagswissen" herstellen - mehr nicht. Wie man so in einer Wissensgesellschaft bestehen soll, weiß niemand.

Wenn früher eine Problemgruppe beschrieben wurde, die weit unter ihren Möglichkeiten blieb, dann war es die katholische Arbeitertochter vom Land - mit dieser Formulierung hatte der Soziologe Ralf Dahrendorf die mehrfache Benachteiligung beschrieben. Heute ist es der Migrantensohn aus der Großstadt, der überdurchschnittlich häufig durchs Raster fällt. Unter den Schulabbrechern finden sich mehr als doppelt so viele ausländische Schüler wie einheimische. In Berlin und Nordrhein-Westfalen macht etwa jeder sechste ausländische Schüler keinen Abschluss, in Sachsen sogar mehr als jeder vierte.

Als Angela Merkel, auch damals schon Kanzlerin, im Jahr 2008 die "Bildungsrepublik" ausrief, nannte sie konkrete Ziele: Es sollten nur noch halb so viele Schüler wie zuvor ohne Abschluss abgehen und nur noch halb so viele junge Erwachsene ohne Berufsausbildung bleiben. Die Quoten sind gesunken, die Ziele aber offenbar noch nicht erreicht. Aktuelle Zahlen liegen für das Jahr 2015 vor: 5,9 Prozent der Jugendlichen in den allgemeinbildenden Schulen machten keinen Abschluss, und 12,9 Prozent der 20- bis 29-Jährigen blieben ohne Ausbildung.

Mit einem Brief der kommissarischen Schulleiterin an den Berliner Senat fing es an: "Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber. Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen. Werden Schüler/innen zur Rede gestellt, schützen sie sich gegenseitig. Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden. Laut Aussage eines Schülers gilt es als besondere Anerkennung im Kiez, wenn aus einer Schule möglichst viele negative Schlagzeilen in der Presse erscheinen."

Die Rütli-Hauptschule in Neukölln war, elfeinhalb Jahre ist es her, die Schule des Schreckens. Heute ist alles anders. Nach dem Brandbrief, nach der "Stunde null", habe die Frage im Raum gestanden, wie die Bildungspolitik auf die Lebens- und Lernwirklichkeit der jungen, größtenteils arabisch- oder türkischstämmigen Jugendlichen reagieren kann, sagt Cordula Heckmann, die heutige Schulleiterin. Die Antwort: sehr viel Aufmerksamkeit, Wille, Unterstützung.

Die Schule wurde zur Gemeinschaftsschule, führte den gebundenen Ganztagsunterricht ein und ermöglichte alle Schulabschlüsse, vier Abiturjahrgänge gibt es bereits. In Kooperation mit der Volkshochschule können die Schüler zusätzlich muttersprachliche, zertifizierte Arabisch- und Türkisch-Kurse belegen, ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Musikangeboten - "weg von Buch und Bank", wie die Schulleiterin sagt. Auch die Eltern sind wichtig: Sie müssen begreifen, dass die Schulbildung bedeutsam ist und sie als Erziehungspartner unersetzlich sind.

Damit ist die Veränderung nicht abgeschlossen. Während auf dem Campus Rütli weitergebaut wird, Werkstätten, Stadtteilzentrum, Klassenzimmer eingerichtet werden sollen, ändert sich auch die Schülerschaft allmählich. Die Schule profitiert davon, dass der Kiez sich wandelt. Der Großteil der rund 850 Schüler hat immer noch einen Migrationshintergrund, doch durch die Gentrifizierung des Stadtteils wird die Schülerschaft weiter durchmischt, sagt Heckmann: "Die Schülerschaft bewegt sich zwischen halal und vegan."

Das ist die Botschaft, die von der Rütli-Schule ausgeht, wo einige Lehrer sich einst nur mit Handy in bestimmte Klassen trauten, um schnell Hilfe rufen zu können: Es ist teuer und aufwendig, es braucht viel guten Willen und auch ein wenig Zeit, aber dann kann's klappen.


Animation: Wie gut sind Deutschlands Schulen?
Wie stehen deutsche Schüler in Naturwissenschaften und Leseverständnis international da? Wie gut sind die Schulen finanziert? Und arbeiten deutsche Lehrer zu viel?

Arne Kulf / Der Spiegel


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