AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2017

Geldautomaten-Sprenger Mit einem Rums war alles weg

"Geld her, oder ich schieße!" - so ging Bankraub früher. Heute sprengen die Täter Geldautomaten, erbeuten Hunderttausende Euro und rasen der Polizei einfach davon.

Gesprengter Geldautomat in Leverkusen: Es dauert nur wenige Minuten
Uwe Miserius

Gesprengter Geldautomat in Leverkusen: Es dauert nur wenige Minuten

Von


Die Fahndung läuft seit vier Minuten, als ein Coupé am Streifenwagen Arnold 15/41 vorbeischießt. Der Kommissar und der Oberkommissar nehmen die Verfolgung auf der Autobahn 3 auf. Doch schon nach zwei Kilometern haben sie den Audi RS5 verloren, mit weit mehr als 200 Stundenkilometern ist er ihnen davongefahren. Entnervt geben sie auf. Mal wieder.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 23/2017
 

Die Polizisten kennen das schon: Sie kommen nicht hinterher, wenn die Täter den nächsten Geldautomaten gesprengt haben und in ihren schnellen Autos flüchten.

Einmal haben die Verbrecher sogar einen Polizeihubschrauber abgehängt, der mit einer Spitzengeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern einfach zu langsam für den getunten Fluchtwagen war.

Weil die Diebe für ihre rasanten Touren hochmotorisierte Karossen aus Ingolstadt bevorzugen, haben Boulevardzeitungen sie "Audi-Bande" getauft. Einer vertraulichen Analyse des Düsseldorfer Landeskriminalamts zufolge operieren die Kriminellen "in wechselnder Zusammensetzung" in NRW und Niedersachsen. Häufig flüchten sie mit Vollgas in die Niederlande, die Staatsmacht war lange machtlos.

Im Dezember jedoch gelang es der Kölner Polizei, zwei mutmaßliche Automatensprenger zu fassen. Neben kriminalistischem Geschick half dabei - wie so oft - Kommissar Zufall.

Die beiden Niederländer Khalid T., 31, und Karim C., 22, werden sich demnächst vor dem Landgericht Köln unter anderem wegen gewerbs- und bandenmäßigen Diebstahls verantworten müssen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vier erfolgreiche Sprengungen und zwei Versuche vor, insgesamt haben die Täter mehr als 570.000 Euro erbeutet.

Während die Zahl klassischer Banküberfälle seit Jahren sinkt, knallt es in den Banken immer häufiger außerhalb der Geschäftszeiten. Im vorigen Jahr registrierte das Bundeskriminalamt 318 erfolgreiche und versuchte Sprengungen von Geldautomaten; rund doppelt so viele wie im Vorjahr, mehr als zehnmal so viele wie noch im Jahr 2005. In den Niederlanden haben die Unternehmen auf die moderne Form des Bankraubs reagiert und sichern nun ihre Automaten besser ab.

Die Täter schlagen vorwiegend nachts zu. Die Profis unter ihnen schrauben die Automaten auf, leiten ein Gasgemisch ein, zünden es mit einem elektrischen Impuls, greifen sich die Geldkassetten und verschwinden. Das Ganze dauert nur wenige Minuten. Neben diesen Experten, die zumeist von den Niederlanden aus agieren, sind mittlerweile viele lokal operierende Kleinkriminelle am Werk. Sie versuchen, die Methode zu kopieren, machen aber wenig Beute und nur viel kaputt. Khalid T. und Karim C. zählen zu den Profis, davon gehen die Ermittler fest aus.

Die beiden Männer wissen genau, was sie tun, nachdem sie am 21. Dezember um 3.54 Uhr die Sparda-Bank im rheinischen Düren betreten haben. Bekleidet mit Regenanzügen und Sturmhauben, wecken sie einen Obdachlosen, der im Vorraum schläft. Sie bedeuten Detlef B. zu verschwinden. Als er nicht schnell genug reagiert, fasst einer der beiden Täter ihn am Fuß und schleift ihn nach draußen.

Von dort kann B. beobachten, wie es weitergeht: Ein Täter trägt Gasflasche samt Schlauch in die Bank. Kurz darauf gibt es einen lauten Knall - rums, schon sind die Männer und mit ihnen 165.000 Euro weg. Mit einer schweren schwarzen Tasche unter dem Arm spurten sie zu ihrem Audi. Was die beiden nicht ahnen: Die Kölner Polizei hat sie schon seit längerer Zeit im Visier. Eine knappe halbe Stunde später nehmen Zivilfahnder Khalid T. und Karim C. in Frechen fest. Der Audi, so stellen die Beamten fest, ist vor Monaten in den Niederlanden gestohlen worden.

Der Durchbruch in dem Fall gelang den Fahndern der Ermittlungsgruppe "Rush" zwei Monate zuvor, kurz nachdem das Duo auf der A3 mit knapp 180.000 Euro Beute an der Streife vorbeigezischt war. Die Täter parkten damals ihren Audi in einem Garagenkomplex im Kölner Stadtteil Finkenberg. Offenbar fürchteten sie, der Fahndungsring könne sich schließen und der Fluchtweg versperrt sein. Sie steuerten das verdächtige Auto deshalb in eine offen stehende Garage in der Stresemannstraße und verschwanden.

Nur wenige Stunden später kam die Besitzerin der Garage 332 zurück und bemerkte den Audi. Sie rief den Hausmeister an, der die Polizei, und die klemmte einen Peilsender unter den Sportwagen. In der nächsten Nacht bemerkten die Beamten dann, wie der Audi abgeholt wurde. Unbekannte brachten das Auto in eine Garage im nahe gelegenen Frechen.

Diesen Unterschlupf beobachteten die Ermittler fortan. Den Stellplatz hatte Sezer G., 27, ein halbes Jahr zuvor für 80 Euro pro Monat angemietet. Der Angestellte eines Fachmarkts für Kinderartikel wohnt noch bei seiner Mutter, gilt den Ermittlern aber als Logistiker der Automatensprenger. Obwohl einiges gegen ihn spricht, wurde er nicht angeklagt. Ihm konnte nicht nachgewiesen werden, dass er von den Diebeszügen wusste oder von ihnen profitiert hat.

Die Taten des Zweimannkommandos sind hingegen dank Video- und GPS-Überwachung des Audis und der Garage gut dokumentiert. Insgesamt dreimal rückte das Duo unter den Augen der Beamten aus, um Automaten in Bonn, Köln und Düren zu attackieren. "Eine wichtige Frage für den Prozess wird daher sein: Wieso sah die Polizei trotz Totalüberwachung so lange untätig zu?", sagt der Kölner Strafverteidiger Ingmar Rosentreter, der Karim C. vertritt.

Fluchtfahrzeuge im Polizeipräsidium Köln: Mit Vollgas in die Niederlande
Henning Kaiser/ DPA

Fluchtfahrzeuge im Polizeipräsidium Köln: Mit Vollgas in die Niederlande

Fast immer traf es Filialen der Sparda-Bank. Mindestens einmal rasten die Diebe dabei erneut den Streifenwagen davon. Als Khalid T. und Karim C. von ihrer letzten Beutetour nach Frechen zurückkehrten, griffen die Beamten endlich zu. Im Kofferraum fanden sie neben Gasflaschen und Kanistern die schwarze Reisetasche mit der Beute.

Die Kriminalakte des Langzeitarbeitslosen Khalid T. umfasst 15 Seiten und reicht von Diebstahl über Fahrerflucht, häusliche Gewalt, Waffenhandel und Erpressung bis hin zur Einfuhr von 1,1 Kilogramm Marihuana nach Deutschland vor einigen Jahren. Das polizeilich dokumentierte Vorleben von Karim C. füllt 9 Seiten, vor allem mit Diebstählen, Einbrüchen, Überfällen.

Obschon C. in einer Obdachlosenunterkunft im niederländischen Leiden gemeldet ist und T. Sozialhilfe bezog, mietete das Duo für seine "Dienstreisen" nach Deutschland gern einen Mercedes-AMG C63 an, für 250 Euro pro Tag plus 1000 Euro Kaution. In Frechen stiegen die beiden dann vor jedem Coup auf den Audi um, den sie mit frisch gestohlenen Nummernschildern ausstatteten.

Auch bei der Kommunikation gaben sich die mutmaßlichen Täter einige Mühe, nicht entdeckt zu werden. Die Beamten fanden bei ihnen Blackberrys. Die Geräte, die ohnehin ein hohes Maß an Verschlüsselung garantieren, waren mit speziellen SIM-Karten ausgerüstet, die für die Polizei kaum zu überwachen sind.

Woher die Geldautomatensprenger ihr Know-how hatten, wer sie womöglich ausstattete oder anleitete und wer vielleicht von den Sprengungen profitierte, liegt im Dunkeln. Die Angeklagten schweigen. Ihnen drohen einige Jahre Haft - jedoch wohl weitaus weniger, als wenn sie Banken auf klassische Art überfallen hätten.



insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ted211 06.06.2017
1. Farbliche Markierung
Warum werden die Geldscheine beim Sprengen der Automaten nicht farblich markiert? Dann hätte der Spuk ein jähes Ende.
Oberleerer 06.06.2017
2.
Das wirft viele Fragen auf. Wie kann man unentdeckt auf der Autobahn flüchten? Gibt es keine Telefone? Wenn die jedes Wochenende einen Automaten gesprengt haben sind das 250 in 5 Jahren. Wenn die von der Bildfläche verschwinden, ist der Spuk vermutlich schon vorbei.. Wie lange waren die denn für Raub, Körperverletzung, Diebstahl ... im Bau, wenn die mit 22 und 31 schon wieder auf freiem Fuß sind? Wenn man im Internet das falsche Video anklickt, steht eine Hundertschaft im Raum, bei Gewaltverbrechern wird niemand hellhörig, wenn die mit einem AMG herumkurven?
Michael1964 06.06.2017
3. Wirklich grob fahrlässig.
Gleiche Meinung wie der erste Kommentator. Entweder farbliche Markierung oder Abätzung durch Säure würde dem Spuk ein schnelles Ende bereiten. Ich verstehe auch nicht die mangelhafte Fähigkeit, diese "schnellen Fluchtautos" mit Hilfe von Satelliten zu verfolgen. Ich unterstelle, hier wird mit fadenscheinigen Argumenten entweder an den Mitteln oder den Befugnissen der Polizei gespart. "Hilflosigkeit" darf einem Staat niemals passieren.
adal_ 06.06.2017
4. Geldautomaten kann man besser schützen
Warum fuhren die holländischen Täter zum Automatensprengen immer nach Deutschland? Ganz einfach: Seit 2012 gibt es eine Richtlinie (http://www.aachener-zeitung.de/lokales/region/geldautomaten-sprengungen-wie-die-banken-sich-schuetzen-koennten-1.1232143) zur Sicherung von Geldautomaten, an die sich die Holländer halten, die meisten deutschen Banken aber nicht.
genugistgenug 06.06.2017
5. Aufkleber auf Automaten 'Einleitung von Gas ist gefährlich'
So ein Aufkleber prangt seit einiger Zeit auf den Geldautomaten der Spass(r)kasse in deutsch und englisch. Vielleicht kommen noch andere Fremdsprachen dazu, am besten noch beleuchtet.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 23/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.