Perspektiven für Afrika Die ewige Safari

Tarzan liebt Jane, und Meryl Streep hat eine Farm: Kinofilme prägen das Afrika-Bild mehr als jede Dokumentation. Während deutsche Fernsehsender noch immer in Kolonialromantik schwelgen, entdeckt Hollywood auch aktuelle politische Themen in Afrika.

Das Erste, was viele Nichtafrikaner von Afrika hören, ist ein Schrei: "Aiiaiiiiaiiiiiaaijaiijaaaaaaau!" Was so viel heißt wie: Raus aus meinem Baumhaus, und Finger weg von meinem Lendenschurz!

Filme aus Afrika

So jaulte Johnny Weissmuller alias Tarzan in zwölf Kinofilmen, und der Ruf des Dschungelherrschers ging um die Welt. Zwar wohnte Tarzan strenggenommen nicht in Afrika, sondern in den MGM-Studios in Hollywood, aber solche Details taten dem Mythos keinen Abbruch. Bis heute gehören die "Tarzan"-Filme aus den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts zum Repertoire der ARD und werden in schöner Regelmäßigkeit wiederholt. Immer neue Zuschauergenerationen werden so mit ein paar ewigen Wahrheiten über Afrika vertraut gemacht: Ich Tarzan, du Jane, und der einzige echte Afrikaner, auf den man sich verlassen kann, ist Cheetah, eine Schimpansendame.



Denn, mal ehrlich, die anderen Eingeborenen taugen nicht mal als Notration: "Er wusste nur, dass er das Fleisch dieses schwarzen Mannes nicht essen mochte. Der jahrtausendealte Instinkt bewahrte ihn", dichtete Tarzan-Erfinder Edgar Rice Burroughs, ehemals Vertreter für Bleistiftspitzer, über seinen Helden.

Auch sonst waren die Tarzan-Romane und -Filme voller zeitgenössischer rassistischer Klischees. "Aber er ist weiß!", verteidigt Jane ihren Helden im ersten Weissmuller-Epos "Tarzan, der Affenmensch" von 1932, als westliche Glücksritter den wortkargen Urwald-König massakrieren wollen. Also müssen lieber ein paar hässliche Wilde dran glauben, die die Überlegenheit des weißen Mannes leichtsinnigerweise in Frage gestellt hatten.

Bis heute wird die Legende vom Lianenturner im Lendenschurz immer wieder neu erfunden. Tarzan wurde zum Lustknaben für die Actrice Bo Derek degradiert ("Tarzan, Herr des Urwalds", 1981), vom späteren "Highlander"-Darsteller Christopher Lambert nachgeäfft ("Greystoke", 1984) und zuletzt vom Disney-Konzern als Zeichentrick- und Computerspielfigur reanimiert. Ein neuer Tarzan-Film ist für das Jahr 2010 angekündigt.

Das Afrika-Bild im Norden dürfte sich dadurch kaum verändern. Seit Jahrzehnten prägen Hollywoods Afrika-Phantasien die Wahrnehmung des Kontinents in Europa und den USA, mehr als jede TV-Dokumentationen, jeder Zeitungsartikel oder gar eigene Anschauung. Denn das Kino liefert einfach die besseren Storys und die schöneren Bilder, keimfrei, mit weißen Helden und folgerichtig meist mit Happy End. Schwarze Schauspieler bekommen in Afrika-Filmen nur selten tragende Rollen; jeder Löwe bringt es auf mehr Großaufnahmen.

Für Hollywood ist Afrika ein Paradies: grandiose Kulisse für Abenteuergeschichten und Melodramen, flexible Projektionsfläche für Träume, Hoffnungen und Ängste. Wenn es Afrika nicht gäbe - die Filmindustrie müsste es erfinden. Und das tut sie manchmal auch.

Das "Casablanca" des gleichnamigen Films aus dem Jahr 1942 zum Beispiel hat es nie gegeben. Regisseur Michael Curtiz, geboren in Budapest, ließ die marokkanische Metropole auf dem Studiogelände von Warner Bros. in Burbank, Kalifornien, errichten. Die Zuschauer störte das wenig, schließlich war die Flüchtlingsromanze ("Ich seh dir in die Augen, Kleines") erkennbar ein Märchen und Authentizität so ziemlich das Letzte, was man erwartete. Zudem scheuten Produzenten teure Auslandsdrehs damals noch mehr als heute. "Casablanca" in Casablanca? Was für eine absurde Idee!

Auch die deutsche Filmindustrie eroberte Afrika zuerst an der Heimatfront. Der Publikumsliebling und Hobbypilot Heinz Rühmann jagte im Auftrag von NS-Propagandaminister Joseph Goebbels noch kurz vor Kriegsende als "Quax in Afrika" schwarze Statisten durch die Studiohallen von Potsdam-Babelsberg. "Die Brüder kenne ich doch, die habe ich schon mal im Berliner Zoo gesehen", verhöhnt Rühmann die vermeintlichen Afrikaner. Nach Kriegsende wurde der Film, eine Fortsetzung der NS-Fliegerkomödie "Quax, der Bruchpilot" (1941), von den Alliierten verboten. Erst 1953 kam "Quax in Afrika" in die deutschen Kinos.

Dort liefen mittlerweile auch Filme, die tatsächlich in Afrika entstanden waren. Denn nach Ende des Zweiten Weltkriegs wagten sich Hollywoods Filmteams in die Wildnis, oft angeführt von Kriegsveteranen wie John Ford oder John Huston. "Casablanca"-Star Humphrey Bogart etwa kam auf diese Weise doch noch zu einer gutbezahlten Afrika-Reise: Er drehte 1951 in Uganda die Abenteuerkomödie "African Queen".

Der lange verschmähte Kontinent empfing die Expedition aus Hollywood standesgemäß: Giftige Schlangen, Malaria-Mücken und anderes aggressives Getier bedrohten die Crew; immer wieder streckten Infektionskrankheiten Techniker und Schauspieler nieder, Bogarts Filmpartnerin Katharine Hepburn erkrankte gar an Amöbenruhr. Nur Bogart selbst und Regisseur Huston blieben gesund. "Immer, wenn eine Fliege Huston oder mich biss", prahlte der Schauspieler, "fiel sie tot zu Boden." Ihre unverwüstliche Konstitution verdankten die beiden angeblich einer speziellen Afrika-Diät: "Bloß Bohnen, Büchsenspargel und schottischen Whisky" hätten sie zu sich genommen, behauptete Bogart später.

Huston infizierte sich in Afrika dafür mit einem Virus, das dort auch schon andere Herrenmenschen wie Ernest Hemingway befallen hatte: dem Jagdfieber. Komplette Drehtage fielen aus, weil der exzentrische Regisseur lieber auf die Pirsch gehen wollte. Der Drehbuchautor Peter Viertel, der für Huston arbeitete, rächte sich für diese Missachtung zwei Jahre später mit dem Roman "Weißer Jäger, schwarzes Herz", einer kaum verschlüsselten literarischen Reportage vom "African Queen"-Set, in der er Huston als blutgeilen Despoten schilderte. Erst 1990, drei Jahre nach dessen Tod, traute sich ein anderer großer Regisseur, Clint Eastwood, an die Verfilmung von Viertels Buch.

Doch zu diesem Zeitpunkt waren die Film-Machos längst vertrieben worden von ihrem Abenteuerspielplatz Afrika. Stattdessen eroberte eine selbstbewusste Frau die Savanne: Oscar-Preisträgerin Meryl Streep. "Ich hatte eine Farm in Afrika", nölt ihre deutsche Synchronstimme am Anfang des Kolonialspektakels "Jenseits von Afrika", der 1985 gedrehten Verfilmung von Tania Blixens Bestseller, und Millionen überwiegend weibliche Kinozuschauer in aller Welt seufzten begeistert auf.

Was für ein Schicksal! Meryl Streep spielt die dänische Autorin, die 1914 nach Ostafrika ausgewandert war. Im Film herrscht sie über eine 2500 Hektar große Kaffeeplantage und einen Stamm einheimischer Kikuju. Auch Massai-Krieger lassen sich gelegentlich blicken. "Diese Gedrungenheit" der Kerle wirke "wie eine Kriegserklärung an die ganze Welt, außer an das Weib", schwärmte Blixen in ihren Roman-Erinnerungen, erschienen 1937. Vor allem die "Halsmuskeln schwellen in einer auffallend drohenden Weise wie der Nacken einer wütenden Kobra, eines Leoparden oder eines kämpfenden Stieres".

Insbesondere solche Tiervergleiche sollten Blixen später den Vorwurf des Rassismus eintragen. Der kenianische Schriftsteller Ngugi wa Thiong'o etwa hält "Jenseits von Afrika" für eines der gefährlichsten Bücher, die je über Afrika geschrieben wurden, "weil es seinen Rassismus überzeugend als Liebe ausgibt".

Tatsächlich bleiben den Afrikanern im Buch wie im Film nur dekorative Statistenrollen; die Hauptpersonen sind selbstverständlich Weiße. So muss Blixen neben den üblichen Scherereien mit Eingeborenen und wilden Tieren einen untreuen Ehemann ertragen, der sie zum Dank für ihre Geduld mit Syphilis ansteckt. Trost spendet ein englischer Liebhaber namens Denys Finch Hatton, im Film gespielt von Hollywoods Alt-Sonnyboy Robert Redford. Er wäscht Frau Blixen - Inbegriff naturnaher Romantik! - unter freiem Himmel die Haare und nimmt sie in seinem Propellerflugzeug zur Safari mit. Zum Picknick im Busch bringt er ein Grammofon mit, auf dass Mozarts Klarinettenkonzert auch dort von der Überlegenheit europäischer Hochkultur tönen kann.

"Dieses Land gehört uns nicht, wir sind nur Durchreisende", sagt Redford im Film. Im Drehbuch schlug sich diese Erkenntnis kaum nieder, dafür bei den Studio-Logistikern: Für die Dreharbeiten mussten Löwen aus Kalifornien importiert werden, da ein kenianisches Gesetz den Einsatz einheimischer Tiere verbot. Doch der Aufwand machte sich bezahlt: "Jenseits von Afrika" (Regie: Sydney Pollack) wurde mit sieben Oscars ausgezeichnet und dient bis heute als Blaupause für viele neue Afrika-Filme.

Besonders deutsche Filmemacher lassen sich noch immer gern von "Jenseits von Afrika" inspirieren, für Kinofilme wie "Die weiße Massai", meist jedoch im Auftrag der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Wie beim großen Vorbild Hollywood dient die Savanne dabei als Kulisse für Liebesdramen, die auch schlichte Gemüter nicht überfordern und deshalb zur besten Sendezeit laufen dürfen.

Die Angebote in diesem "Kolonialwarenladen der Sehnsüchte" ("Süddeutsche Zeitung") unterliegen allerdings einer gewissen Verwechslungsgefahr. Das muss kein Nachteil sein. Wem "Mein Traum von Afrika" (ARD) mit Jutta Speidel gefallen hat, guckt vielleicht auch "Das Traumhotel - Afrika" (ebenfalls ARD) mit Christian Kohlund oder "Momella - Eine Farm in Afrika" mit Christine Neubauer (ZDF). Fans von "Eine Liebe in Afrika" (ARD) mit Heiner Lauterbach schalten auch den ZDF-Dreiteiler "Afrika, mon amour" ein, in dem Iris Berben, dem frankophilen Titel zum Trotz, einem Schotten verfällt.

Beliebt sind auch Metaphern aus der Kardiologie: "Mein Herz in Afrika" mit Tanja Wedhorn oder "Afrika, wohin mein Herz mich trägt" mit Sophie Schütt (beide ZDF) ergründen gleichermaßen den Schwarzen Kontinent wie das Innenleben der Heldinnen. Produktionen wie "Kein Himmel über Afrika" mit Veronica Ferres oder "Der weiße Afrikaner" mit Tim Bergmann (beide ARD) lassen dagegen dezente Sozialkritik vermuten.

Tatsächlich ähneln sich die Plots der meisten dieser (sämtlich in den letzten vier Jahren produzierten) Fernsehfilme: Weißer Mann/weiße Frau reist nach schwerem Schicksalsschlag zur Sinnsuche nach Afrika und findet in einem Buschkrankenhaus, einem Hotel oder auf einer Farm neues Glück (ebenfalls weiß). Früher oder später taucht ein abgelegter Liebhaber oder übellauniger Verwandter aus Deutschland auf, was das Happy End beträchtlich hinauszögert. Häufig ist einer der Beteiligten Pilot - wie Heinz Rühmann alias Quax oder Tania Blixens Denys -, so dass sich ohne allzu große dramaturgische Verrenkungen elegische Luftaufnahmen einbauen lassen. Eingeborene Löwen, Elefanten und Menschen (letztere gern in Stammestracht) dienen als Staffage.

Bei unbedarften Zuschauern könnte so der Eindruck entstehen, das größte Problem Afrikas sei die Überbevölkerung mit deutschen Schauspielern. Denn allein in Südafrika "werden heute mehr deutsche Filme produziert als irgendwo sonst außerhalb Deutschlands", hat das "Handelsblatt" errechnet.

Selbst ZDF-Oberförster Christian Wolff mochte nicht unter deutschen Eichen in den überfälligen Ruhestand gehen. Seine letzte Episode von "Forsthaus Falkenau" (Titel: "Entscheidung in der Savanne") drehte er am Kap der Guten Hoffnung. "Die Diskrepanz zwischen der afrikanischen Wirklichkeit" und den "auf afrikanischen Schauplätzen spielenden fiktiven Geschichten könnte nicht größer sein", rügt Gunter Péus, ehemaliger Afrika-Korrespondent des ZDF.

Es geht aber auch anders. Ausgerechnet die Märchenfabrik Hollywood und ihre Epigonen machen seit einigen Jahren vor, dass Unterhaltungsfilme nicht zwangsläufig so flach wie die Savanne sein müssen.

Die Themen liefern oft Afrikas gewalttätige Geschichte oder aktuelle politische Konflikte. "Hotel Ruanda" (2004) zum Beispiel erzählt die (wahre) Geschichte des Hotelmanagers Paul Rusesabagina aus Kigali, der während des Völkermords in seiner Heimat im Jahr 1994 fast 1200 Landsleute vor dem Mob rettete. Die Hauptrolle übernahm der schwarze Hollywood-Star Don Cheadle ("Ocean's Eleven"); Weiße spielen in diesem Film, wie bei den wirklichen Ereignissen, nur Nebenrollen: Nick Nolte etwa als Kommandeur der Uno-Friedenstruppe, die dem Genozid tatenlos zusieht.

Andere neue Kinofilme zeigen,

  • wie westliche Pharmakonzerne in Afrika illegale Medikamententests durchführen ("Der ewige Gärtner", 2005),
  • wie Ugandas Dikatator Idi Amin seine Landsleute abschlachtete und gleichzeitig für den Westen den Clown machte ("Der letzte König von Schottland", 2006) und
  • wie Nelson Mandela während der Apartheid in Südafrika seinen Gefängniswärtern trotzte ("Goodbye Bafana", 2007).

Der Berliner "Tagesspiegel" erkennt bereits den "Trend, Afrika als Schauplatz des fortgesetzten Schreckens zu entdecken". Und natürlich regt sich auch prompt Kritik am glamourösen Elendstourismus: Auch vermeintlich zeitkritische Filme bedienten letztlich nur Klischees, bloß andere als "Tarzan" oder "Jenseits von Afrika", heißt es. Afrika sei "vielleicht nicht der passende Ort für die moralische Erlösung dämlicher Europäer", grantelte das US-Magazin "The New Yorker".

Doch diese Polemik greift zu kurz. Tatsächlich muss man dankbar sein für jeden Film, der Afrika nicht bloß als Kulisse für spätkoloniale Lustspiele missbraucht. Denn anders als hauptberuflichen Weltverbesserern gelingt es Hollywoods Marketingmacht, Afrika und seine Probleme im globalen Kampf um die Aufmerksamkeit des lethargischen Publikums auf die Tagesordnung zu setzen. Erst durch Leonardo DiCaprio und sein Action-Spektakel "Blood Diamond" zum Beispiel machte im vergangenen Jahr das schmutzige Geschäft mit sogenannten Blutdiamanten aus Afrikas Krisengebieten weltweit Schlagzeilen.

Für Hollywood ist dies, 75 Jahre nach Johnny Weissmullers erstem Tarzan-Schrei, ein echter Fortschritt - und für Afrika erst recht.