Ortstermin Tüchtig auf alt getrimmt

Das Stammschloss der Hohenzollern auf der Schwäbischen Alb - ein Touristen-Magnet
Von Hans-Ulrich Stoldt

Jetzt kommen auch die Chinesen. Viele sind es noch nicht, aber der Markt ist ja da: "1,3 Milliarden Menschen", freut sich Verwalter Joachim Alisch in Erwartung zahlreicher Gäste aus dem Reich der Mitte. Denn Chinesen, die Europa in fünf Tagen machen, schauen meist auch bei ihm vorbei, auf der Burg Hohenzollern im Schwabenland.

Das Stammhaus der preußischen Kaiser, Könige und anderer Durchlauchten ist eine touristische Attraktion, die in Fernost speziell beworben wird - schließlich reisen mehr als ein Drittel der jährlich rund 300.000 Besucher aus Asien an.



Sie alle wollen die märchenhafte Burg am Rande der Schwäbischen Alb erleben, die in 855 Meter Höhe auf einem Bergkegel thront. Mit zahlreichen Türmen, Zinnen und Wehranlagen versehen, leuchtet der Bau schon aus weiter Entfernung den Reisenden entgegen, manch einem mag er als Fata Morgana erscheinen - so unwirklich erhebt sich die Festung aus der Landschaft von umgebenden Wäldern und Feldern.

Sagenumwoben wirkt die Burg, dabei steht sie noch gar nicht so lange dort. Zwar gab es zwei Vorläufer auf dem Berg, aber das gegenwärtige Schloss wurde (bis auf eine 1461 gebaute Kapelle) erst Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet, dabei allerdings tüchtig auf alt getrimmt - neugotisch war damals modern.

So entstand eine Phantasie-Burg ähnlich Neuschwanstein im Allgäu, wo sich der gemütskranke Ludwig II. von Bayern wenig später ein eklektisches Denkmal setzen ließ.

Doch die Hohenzollern wollten mit ihrem Burgbau nicht nur architektonisch ein Zeichen setzten, sondern auch einen politischen Herrschaftsanspruch formulieren mit dem Hinweis aufs Mittelalter, in dem sich der Ursprung des Geschlechts um das Jahr 1000 verliert.

Schließlich hatten ihre Urahnen schon zu jenen Zeiten auf dem im Volksmund "Zollern" genannten Berg in einer Festung gehaust - wie die genau aussah, ist nicht überliefert. Erstmals wird die Burg 1267 in einer Schrift des Klosters Stetten bei Hechingen urkundlich erwähnt, und es scheint ein imposantes Bauwerk gewesen zu sein: "Das vesteste Hauss in teutschen Landen", heißt es in zeitgenössischen Quellen, die "Krone aller Burgen in Schwaben".

Nicht "vest" genug, um adligen Erbstreitigkeiten zu widerstehen: Im 15. Jahrhundert zankten sich die Brüder Friedrich XII. von Zollern (genannt "der Öttinger") und sein Bruder Eitel Friedrich I. derart heftig, dass von der Burg kaum mehr etwas übrig blieb.

Öttinger war ein wüster Marodeur, der plündernd und brandschatzend so lange durch die Region zog, bis sich eine gewaltige Militärkoalition gegen ihn in Stellung brachte. Der Übeltäter verbarrikadierte sich auf der Burg, doch nach zehn Monaten Belagerung gab er auf. Der damals zuständige König Sigismund hatte allerdings die Nase gründlich voll: Er gab den Befehl, die Festung zu schleifen, und verfügte, dass "zu ewigen tzeiten" nicht mehr auf dem Zollern gebaut und gesiedelt werden dürfe.

Schon 30 Jahre später war es vorbei mit dieser Ewigkeit. Öttingers Bruder Eitel Friedrich I. hatte sich beharrlich bemüht, das königliche Verdikt aufheben zu lassen, seinem Sohn gelang dies schließlich. Zur Grundsteinlegung der neuen Burg versammelte sich 1454 reichlich blaues Blut - der Adel sah in dem Projekt auch eine Demonstration gegen die politisch und wirtschaftlich immer stärker werdenden Städte.

In den folgenden Jahrhunderten nutzten wechselnde Burgherren die Festung vor allem als militärisch nur schwer einzunehmende Zufluchtsstätte. Der aus Kalkablagerungen des Jurameeres bestehende Bergkegel war zu jener Zeit noch gänzlich unbewaldet, Überraschungsangriffe so kaum möglich.

Nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges sicherte sich Österreich das Recht, die Burg zu nutzen, irgendwann jedoch verlor die Donaumonarchie das Interesse. Auch den Hohenzollern war das Anwesen nicht mehr wichtig - langsam verkam das Schloss zur Ruine.

"In den eingefallenen Zimmern hängen noch hie und da halbvermoderte Gemälde der Grafen von Hohenzollern und anderer Fürsten dieses Stammes", notierte 1809 der spätere Fürst von Pückler-Muskau, der zur Burg aufgestiegen war: "Verloschene Inschriften bedecken die Wände langer Gänge, die der Wind mit schauerlichem Geräusch durchsaust, und zerbrochene Möbel liegen auf den durchlöcherten Fußböden umher."

Dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm schlug dieser Anblick aufs Gemüt, als er 1819 das verfallene Gemäuer besichtigte. In den folgenden Jahren setzte er alles daran, die Burg neu aufzubauen.

Folterkeller und Verlies gibt es nicht

Als Architekten beauftragte er Friedrich August Stüler, einen Schüler des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel. Das Werk gelang, zumal viele Angehörige der hohenzollerschen Linien nach der gescheiterten Revolution von 1848/49 wieder enger zusammenrückten und so die Finanzierung ermöglichten. Die Einweihung der Burg 1867 erlebte der König indes nicht mehr - sechs Jahre zuvor war er in Sanssouci gestorben.

Sein eher romantisch geprägter Bezug zum Schloss war inzwischen politisch überlagert: Nun sollte das Bauwerk Aufstieg und Herkunft des Hauses Hohenzollern verkörpern, "von der mittelalterlichen Burg zum national-dynastischen Denkmal", wie der Kunsthistoriker Rolf Bothe sagt. Ziel sei gewesen, "die Bedeutung Preußens, seine Bindungen an das alte Reich und seinen Anspruch auf die Führung des neu zu schaffenden Reichs" zur Geltung zu bringen.

Die symbolische Bedeutung der Burg als Stammsitz des Kaisers nahm nach der Reichsgründung 1871 weiter zu, obwohl er selbst dort nicht residierte. Allerdings wuchs zugleich die Kritik an der eher exzentrischen Architektur.

Spott und Hohn entluden sich aber erst nach dem Ende der Monarchie in Deutschland über Erfinder und Eigentümer der Festung: "Wenn man glaubt, der Abstieg der Hohenzollern habe erst mit Wilhelm II. begonnen, so erscheint der letzte Kaiser hier nur als Vollender dieses auf ihrem Stammschlosse zu Stein gewordenen romantischen Größenwahns", notierte 1929 eine Berliner Zeitung.

Den Besuchern anno 2007 fällt derlei Fundamentalkritik kaum mehr ein. Sie schlurfen in Filzpantoffeln durch einige der nach dem Zweiten Weltkrieg mit viel Nippes und wertvollen Kunstgegenständen ausgestatteten 140 Räume der Burg, durch Bibliothek und Grafensaal, das Schlafzimmer der Königin oder den Blauen Salon. Sie drängen sich durch erst 2001 freigelegte Kellergänge und Kasematten, bestaunen Uniformrock und Tabakdose Friedrichs des Großen sowie eine mit Korallengriff gefertigte Kinderrassel Seiner Majestät Wilhelms II. und betreten andachtsvoll die Christus-Kapelle, in der nach dem Krieg die Särge mit den Gebeinen von Friedrich dem Großen und dessen Vater Friedrich Wilhelm I. lagerten, bevor sie 1991 nach Potsdam überführt wurden.

Was eine wirklich gruselige alte Burg ausmacht, fehlt indes: Folterkeller und Verlies gibt es nicht. Ist die Festung etwa eine Mogelpackung? "Nein", sagt Geschäftsführer Alisch, "die meisten wissen genau, was sie hier erwartet, je weiter die Anreise ist, desto besser sind die Leute informiert."

Gäste aus Nippon zum Beispiel. Ihnen bietet Alisch noch einen besonderen Service an: eine japanische Hochzeitszeremonie im festlichen Burgsaal. "Da erzähle ich dann von dicken Mauern als guter Grundlage einer Ehe, vom Kaiser und vom Tenno - das hören die Japaner immer gerne." Natürlich gibt's das nicht umsonst.

Verwalter Alisch muss im Auftrag des jetzigen Burginhabers und Chefs des Hauses Hohenzollern, Georg Friedrich Ferdinand Prinz von Preußen, 31, sehen, wie er den Laden am Laufen hält: "Unsere Hauptaufgabe ist es, dieses Bauwerk zu erhalten", sagt Alisch, "seit mehr als zehn Jahren schon schaffen wir das ganz ohne öffentliche Zuschüsse."

Mal gibt eine englische Theatergruppe im Burghof William Shakespeares "Hamlet" , mal spielt die Popgruppe Die Prinzen auf, um zusätzliche Besucher anzulocken, oder es werden mittelalterliche Feste oder Märchen-Wochenenden veranstaltet. Dazu kommen Falkner-Vorführungen und im Winter ein Weihnachtsmarkt. Und wer privat mal mit Freunden im hohenzollerschen Ambiente feiern möchte, kann Räumlichkeiten anmieten.

Alles friedlich also derzeit rund um den Zollern, wenn da nicht eine latente Bedrohung wäre. Die liegt in der Tiefe, etwa sechs bis sieben Kilometer direkt unter der Burg. Dort lauert seit Millionen Jahren ein tektonisches Monster: Die Reibung zwischen Afrikanischer Kontinental- und Eurasischer Platte hat hier eine Schwachstelle gefunden, aus der sich bisweilen Spannungen in Beben eruptiv entladen. Oben, auf der Burg, fallen dann Türme zusammen. Wie am 3. September 1978, als die Messgeräte eine Erdbebenstärke von 5,7 registrierten. Knapp sechs Millionen Euro kosteten die Renovierungsarbeiten. Das soll nicht noch einmal passieren, und deshalb sind rund um die Burg kleine, rote Vermessungspunkte angebracht, die untereinander und mit Satelliten im All in Kontakt stehen. "Jede kleinste Veränderung wird vermerkt", sagt Verwalter Alisch, "nun können wir sehen, wohin sich der Berg bewegt, und rechtzeitig baulich gegensteuern."

So scheint die Burg Hohenzollern - nicht nur bei Tiefnebel - ein wenig zwischen den Welten zu schweben.

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