Die amerikanische Kultur Hollywood in der Revolte

So politisch engagiert wie zurzeit waren US-Filme lange nicht - Regisseure wie Steven Spielberg oder Ang Lee, Stars wie George Clooney oder Robert Redford besinnen sich zurück auf die rebellische Zeit der Traumfabrik: die sechziger und siebziger Jahre.

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Er hat viele Menschen getötet, erschossen und in die Luft gesprengt. Die meisten von ihnen waren verantwortlich für die Ermordung elf israelischer Sportler bei den Olympischen Spielen 1972. Nun, Jahre nach den Anschlägen von München, ist der Agent Avner (Eric Bana) des Tötens müde. Er hat die Opfer gerächt und die Täter zur Strecke gebracht, doch die Gewalt im Nahen Osten nimmt kein Ende.

Avner trifft sich mit seinem vorgesetzten Offizier Ephraim (Geoffrey Rush) in New York. Der blutige Kampf, der bloß zu noch mehr Toten geführt hat, ist für ihn nun zu Ende. Ephraim redet ihm ins Gewissen, will ihn umstimmen. Doch Avner verabschiedet sich nur und geht weg. Im Hintergrund sind die beiden Türme des World Trade Centers zu erkennen.

Dies ist die letzte Einstellung von Steven Spielbergs Thriller "München" (2005) - und sie hat zu hitzigen Debatten geführt. Manche interpretierten sie gar als Sinnbild für eine Kontinuität zwischen den israelischen Vergeltungsmorden an den Attentätern von München und den Anschlägen vom 11. September 2001.

Dass sich Spielberg, der Regisseur von Blockbustern wie "Der weiße Hai" (1975), "Jäger des verlorenen Schatzes" (1981) oder "Jurassic Park" (1993), so prononciert politisch gab und einen kühnen Bogen von den siebziger Jahren bis ins neue Jahrtausend schlug, war - trotz "Schindlers Liste" - überraschend. Kein Regisseur hat mit reinen Unterhaltungsfilmen so viel Geld verdient wie er, keiner schien so sehr darauf bedacht zu sein, es möglichst allen Zuschauern recht zu machen. Und nun das: Polit-Drama statt Popcornkino?

Spielbergs Terroristen-Thriller zeigt, wie stark die Anschläge vom 11. September, der Irak-Krieg und die Präsidentschaft von George W. Bush Hollywood politisiert haben. Plötzlich war den Studios kein Sujet mehr zu heikel, kein Eisen zu heiß. Die Studios inszenierten die Anschläge, die eine ganze Nation traumatisiert hatten, in "Flug 93" oder "World Trade Center" detailgenau nach, sie produzierten gleich mehrere Filme über den Irak-Krieg.

Thriller wie Stephen Gaghans "Syriana" (2005) erzählten auf einmal hochkomplexe Geschichten mit vielen Handlungssträngen und zahllosen Figuren, um dem Publikum den Zusammenhang zwischen dem islamistischen Terrorismus, den amerikanischen Öl-Interessen und den Aktivitäten der CIA zu vermitteln.

Mit Robert Redford, Meryl Streep und Tom Cruise traten drei der größten Stars der siebziger, achtziger und neunziger Jahre erstmals zusammen vor die Kamera, um ihre Zuschauer mit dem Lehrstück "Von Löwen und Lämmern" (2007) davon zu überzeugen, wie wichtig politisches Engagement ist.

Hast du eine Botschaft? Verschick sie mit der Post! So lautet eine der ältesten Grundregeln Hollywoods. Nun packen immer mehr Filmemacher ihre Botschaften auf die größte Postkarte der Welt, die Leinwand, um möglichst viele Adressaten zu erreichen.

Manchmal mit überwältigendem Erfolg: Sogar politische Dokumentarfilme, als vermeintlich sicheres Kassengift von Hollywood früher konsequent gemieden, wurden Blockbuster - rund eine Viertelmilliarde Dollar spielte Michael Moores "Fahrenheit 9/11" (2004) weltweit ein.

Eben lief in den USA Oliver Stones heißumstrittene Bush-Biografie "W." an - der erste Spielfilm über einen US-Präsidenten, der noch während dessen Amtszeit ins Kino kommt.

Hollywood ist zur Hauptstadt des Widerstands gegen Bushs Washington geworden und macht entschlossen Propaganda für ein anderes, liberales, friedliches, weltoffenes Amerika.

Dabei werden selbst die letzten Grundfesten des Konservativismus erschüttert, die im Hollywood-Kino noch Bestand hatten: Der Cowboy, George W. Bushs Leitbild, wurde schwul. "Brokeback Mountain", Ang Lees Oscar-Gewinner, führte 2005 die Männerliebe in den Western ein.

Solch eine Revolte hatte es in Hollywoods knapp hundertjähriger Geschichte zuvor nur einmal gegeben: in den sechziger Jahren, als die Protestkultur, die sich vor allem gegen den Vietnam-Krieg richtete, viele Filmschaffende radikalisierte. Die Demonstrationen auf Amerikas Straßen, die Rebellion der Jugendlichen gegen die Generation ihrer Eltern, die neue Dreifaltigkeit von Sex, Drugs and Rock'n'Roll führten auch in Hollywood zur Umwertung vieler Werte und zur Auflösung althergebrachter Strukturen.



© SPIEGEL special Geschichte 4/2008
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