Essay Vorreiter der Moderne

Von Dan Diner

2. Teil: Bürgerliche Gesellschaft ohne Staat



Hegel hat einmal gesagt, Nordamerika sei "bürgerliche Gesellschaft ohne Staat". Das war scharf beobachtet. Denn die bürgerliche Gesellschaft - oder in leichter Verschiebung in Zeit und Sinn: die Zivilgesellschaft - bedarf zu ihrer selbstbestimmten Regulierung der Tugenden gemeinsamen Handelns. Der Staat als eine die Gesellschaft regulierende Institution ist hingegen eher ein europäisches, genauer: ein kontinentaleuropäisches Phänomen. Der "civil society" steht er fremd gegenüber.


Alexander von Humboldt suchte das amerikanische Phänomen der Volksrepräsentation seinem obersten Dienstherrn, dem preußischen König, wie folgt zu erklären: "Eure Majestät, es ist eine Regierung, die niemand sieht und niemand fühlt, und doch ist sie viel mächtiger als die Regierung Eurer Majestät."

Den Amerikanern ist Staat an sich suspekt. Umso gewichtiger ist jene höhere Instanz, die der Einzelne in sich trägt. Die zivile Bedeutung der Religion in Amerika sorgt für den Zusammenhalt des Gemeinwesens - und sie lehrt, gleichsam intuitiv zwischen Richtig und Falsch, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. So beruft sich Amerika leichthin auf Gott - aber nicht auf einen bestimmten.

Der geradezu politische Glaube an die Transzendenz legt über die strikte Gewaltenteilung hinaus der demokratischen Allgewalt des Volkes als souveränem Gesetzgeber Kautelen auf. Sein Wille steht mithin unter Vorbehalt. So ist die Bindung an die Transzendenz paradoxerweise Bedingung selbstregulierten gesellschaftlichen Handelns. Dazu gehört das Selbstverständnis, dass Vereinbarungen das Zusammenleben regeln, und die Gewissheit, dass man sich auf diese Regularien verbindlich verlassen kann.

In einer berühmten Abhandlung begründet John Locke so die Geltung von Toleranz für alle Glaubensrichtungen. Davon sind die Atheisten freilich auszunehmen. Warum dies? Weil sie nicht eidesfähig sind. Der Schwur vor Gericht als öffentliche Anrufung der Transzendenz wird zur Voraussetzung von Teilhabe und Teilnahme an der bürgerlichen Gesellschaft ohne Staat. Deshalb heißt es auf der amerikanischen Dollar-Note unumwunden: In God We Trust.

Die Gottgefälligkeit der Amerikaner, aber auch andere von ihnen in Ehren gehaltene Tugenden wie Familiensinn und Patriotismus haben ihnen so manche Schelte eingetragen - vornehmlich die stets wiederkehrende Vorhaltung, sie seien stockkonservativ. Tatsächlich vermochten etwa sozialistische Ideen in Amerika keine Wurzeln zu schlagen.

Einer der Begründer der deutschen Sozialdemokratie, Wilhelm Liebknecht, hatte zum Ausgang des 19. Jahrhunderts auf derartig abfällige Reaktionen seiner Parteifreunde eine ebenso aufklärende wie verblüffende Antwort parat: Die Amerikaner seien zu Recht konservativ. Und sie seien es deshalb, weil sie etwas zu konservieren hätten - ihre Verfassung. Zudem, so führt er weiter aus, seien alle demokratischen Nationen konservativ - und dies im Unterschied zu despotisch regierten Völkern. Letztere hätten allen Grund, sich gegen die bestehenden Verhältnisse aufzulehnen.

Im 19. Jahrhundert waren die amerikanischen Werte den konservativen Häuptern in Europa ein Greuel. Als der amerikanische Präsident James Monroe im Jahre 1823 in seiner berühmten Rede zur Lage der Nation eine strikte Trennung zwischen den europäischen monarchischen Prinzipien der Heiligen Allianz auf der einen Seite und den republikanischen Prinzipien Amerikas auf der anderen Seite verkündete, sah Fürst Metternich darin nicht nur die Absicht, Macht gegen Macht zu setzen, sondern auch "Altar gegen Altar".

Der österreichische Kanzler verstand, dass es sich bei der in Monroes Doktrin aufgestellten transatlantischen Schlachtenordnung eigentlich um politische Glaubensfragen handelte. So identifizierte die europäische Reaktion die Vereinigten Staaten mit den Prinzipien des Liberalismus - also mit Demokratie und Republik. Da war es durchaus folgerichtig, dass Washington nach dem Ausbruch der Märzrevolution 1848 einen Botschafter nach Frankfurt am Main an die Paulskirchen-Versammlung entsandte.

Nachdem die Revolution gescheitert war und es mitteleuropäische Demokraten nach Amerika verschlagen hatte, versuchten sie von dort aus, ihre vormalige Heimat zu revolutionieren. Deutsche Emigranten forderten die Vereinigten Staaten 1853 in einem aufsehenerregenden Manifest auf, in Europa die Bekämpfung der Tyrannei zu unterstützen und dabei zu helfen, dass eine Weltdemokratie mit allgemeinem Stimmrecht und Volksbewaffnung etabliert werde.

An diese Haltung schließt die Tradition an, Kriege um Werte und Bürgerrechte für selbstverständlich zu halten. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg machte den Anfang. Die Aufständischen rebellierten gegen den englischen König. Ihr Ziel war die Verfassungsforderung: "No taxation without representation", keine Besteuerung ohne politische Vertretung.



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Religionen 02.11.2008
1. Freiheit für das Volk
Zitat von sysopWarum sind die Vereinigten Staaten vielen Menschen so suspekt? http://www.spiegel.de/spiegelspecialgeschichte/0,1518,585317,00.html
Die USA erachte auch ich als Gründer von Freiheit und Demokratie. Auch heute hat die Regierung keine Angst vor seinem Volk: Jeder Mensch hat das Recht auf Waffenbesitz wie bei Hitler. Das hat Vor- und Nachteile für das Volk. Attentate sind leichter und schneller möglich. Andererseits muß jeder Einbrecher damit rechnen, einer bewaffneten Frau zu begegnen. Das schreckt wirksam ab, Amen.
EdenIsLost, 02.11.2008
2. Einfach mal so
Ich fand den Artikel schlecht und finde, dass der Spiegel seit einigen Jahren immer unkritischer proamerikanisch wird. Bekommt ihr irgendwie Kohle von da?
coolcalmcollected 02.11.2008
3. Ein zynisches Verständnis von "Moderne"
Ich findes es eine interessante Auffassung, wenn ein Staat, der beispielsweise - in absoluten und relativen Zahlen mehr Bürger in Knästen einsperrt, als JEDES andere Land der Welt (derzeit deutlich mehr als 2,4 Millionen Menschen) - die Bevölkerung von fremden Ländern mit brutalen ("Shock and Awe")-Angriffskriegen überzieht und für den Tod von deutlich mehr als einer Million Menschen während der Amtszeit von nur einem Präsidenten verantwortlich ist - über den Kongress (siehe NED) Putschversuche gegen demokratische Regierungen der Nachbarländer unternimmt - Wahlweise Bestechung, Drohungen oder notfalls militärische Gewalt ausübt, um seinen Willen durchzusetzen - Viel von Demokratisierung und Selbstbestimmung redet, aber gleichzeitig ALLES unternimmt, um genau dies in seinem Einflussbereich zu verhindern (siehe Noam Chomsky: "What Uncle Sam Really Wants" als ein kleiner Einstieg) jetzt als "Vorreiter der Moderne" tituliert wird.
Dr. Klopek, 02.11.2008
4. tttt
Zitat von ReligionenDie USA erachte auch ich als Gründer von Freiheit und Demokratie. Auch heute hat die Regierung keine Angst vor seinem Volk: Jeder Mensch hat das Recht auf Waffenbesitz wie bei Hitler. Das hat Vor- und Nachteile für das Volk. Attentate sind leichter und schneller möglich. Andererseits muß jeder Einbrecher damit rechnen, einer bewaffneten Frau zu begegnen. Das schreckt wirksam ab, Amen.
zu 1. Informieren Sie sich doch bitte über das Thema Sklaverei und Rassendiskriminierung in den USA zu 2. Aus diesem Grund gibt es in den USA ja auch keine Kriminalität, oder?
Masado, 02.11.2008
5. zumindest
weist der Artikel sehr schön philosophisch, auf die Entstehungsgeschichte und das Selbstverständnis der USA hin. Das es sich um ein Volk von Sektierern handelt, das neben der Religion, einzig durch den Yankee-Dollar zusammengehalten wird und gerne missioniert, kommt aber zu kurz. Es ist ein großes Land, in dem es alles gibt, das die gemeinsame Klammer heute pervertiert ist, kann man an den Kreuzzügen eines G.W.Bush ebenso beobachten, wie an der Finanzkrise, die in den USA begann. Sie müssen sich wirklich wieder neu erfinden, die Amerikaner, es bleibt ihnen nichts anderes übrig.
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