Essay Vorreiter der Moderne

Von Dan Diner

3. Teil: Kreuzzug für die Freiheit



Der amerikanische Bürgerkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts wiederum steht wie kaum ein anderer für das Ringen der Nation um gleiches Recht für alle. Und der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg sollte nach den Worten von Woodrow Wilson "die Welt für die Demokratie sicher machen". Als "Kreuzzug für die Freiheit" galt den Amerikanern dann der Zweite Weltkrieg.


Der amerikanischen Politik ist so etwas wie ein Missionsgedanke eingeschrieben. Es gilt, die Menschheit mit den Werten von Demokratie und Freiheit zu beglücken - eine Tradition, die andere als Ansinnen empfinden. So sind die Amerikaner schnell dabei, ihnen als unbotmäßig erachtete Regierungen zu stürzen, und dies meist nicht zum Schaden eigener Wirtschaftsinteressen. Vor allem die, wenn auch schon etwas weiter zurückliegenden Interventionen im "Hinterhof" ihres Halbkontinents, besonders in Mittelamerika, sind ihrem Ruf nicht gut bekommen. Dazu kam, dass Washington in der Zeit des Kalten Kriegs geflissentlich ignorierte, ob ein Regime den Maßgaben von Demokratie und Menschenrechten folgte. Wichtig war allein, ob es sich auf der richtigen Seite der neuen Front einfand.

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind wenig gelitten. Ob die ihnen inständig entgegengebrachte Abneigung Folge ihres Handelns oder Ausdruck ihres Seins ist, lässt sich nur schwer ausmachen. Vieles spricht dafür, dass ihre bloße Existenz Antipathien hervorruft. Ob es sich - wie im 19. Jahrhundert gang und gäbe - um einen tief im bürgerlichen Milieu verankerten aristokratischen Widerwillen gegenüber den "Gleichheitsflegeln" (Heinrich Heine) handelte oder um die Identifizierung Amerikas als Ursprungsland von Geldherrschaft und Kapitalismus - alles weist darauf hin, dass das Land für die dunkle Seite der Moderne haftet. Denn auffällig ist, dass eine chronische Feindseligkeit der Moderne gegenüber sich mit einer Feindschaft Amerika gegenüber verbindet. Und je später die Moderne mit ihrer Kultur der Beschleunigung auf von ihr bislang noch wenig durchdrungene Traditionsgesellschaften trifft, umso dramatischer sind die Reaktionen.

In der Tat wurde über lange Zeit Modernisierung mit Amerikanisierung gleichgesetzt - im Guten wie im Schlechten. Heute gilt Ähnliches für das Phänomen der Globalisierung. Auch hier wird das wenig verstandene Walten der "unsichtbaren Hand" mit dem Wirken Amerikas identifiziert. Die Wurzeln dieses Prozesses der Moderne lassen sich in der Ideenwelt der schottischen Aufklärung ausmachen. Es waren vornehmlich die schottische Aufklärung und ihre calvinistisch-presbyterianischen Ursprünge, aus denen heraus die Tradition des gesunden Menschenverstands und des Strebens nach Glück erwuchsen und in die Neue Welt übertragen wurden.

Heute, nach dem Ende des ideologischen Gegensatzes zwischen westlichem Liberalismus und östlichem Kommunismus, zwischen Freiheit und wortwörtlich verstandener Gleichheit, zeigen sich innerhalb der westlichen Demokratien - zwischen Europa und Amerika - zunehmend markante Unterschiede: bei der Bereitschaft zur Gewaltanwendung nach außen, im wirtschaftlichen Gebaren, bei der politischen Partizipation. Vor allem aber in Fragen der sozialen Sicherung und in dem Verständnis von Arbeit und Arbeitsbedingungen. Während in Europa die Verknüpfung von Nationalstaat und Sozialstaat über lange Dauer gewachsene Anwartschaften verbürgte, kennt Amerika als ein sich beständig neu erfindendes Einwanderungsland solch weitreichende Garantien nicht. Ein strukturell sich der Einwanderung öffnendes Europa indes dürfte sich auf Dauer veranlasst sehen, Abstriche an seinem gewachsenen sozialen Sicherungssystem hinzunehmen.

In Gemeinwesen vornehmlich kontinentaler Tradition ist die Gesellschaft dem sie voraussetzenden Staat erwachsen. Amerika hingegen ist - wie Hegel beobachtete - im Prinzip eine bürgerliche Gesellschaft ohne Staat. Selbstredend nicht gänzlich ohne Staat, aber mit bei weitem weniger Staat als in Europa. Dass die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahrhundert zweimal in die europäischen Querelen eingriffen und den alten Kontinent und vor allem sein deutsches Herzland "amerikanisierten", ist der Alten Welt nicht schlecht bekommen. Nach der Epochenwende von 1989/91 setzte sich dieser Prozess weiter nach Osten fort.

All dies lässt sich als zivilisatorischer Ausläufer der "Atlantischen Revolution" verstehen: des historischen Prozesses der Individualisierung und der gesellschaftlichen Beschleunigung, der das Antlitz der Welt rapide verwandelt. Amerika mit dieser Entwicklung in eins zu setzen - so, als sei es sein Verursacher und nicht sein erstes und deshalb auch am weitesten fortgeschrittenes Produkt -, ist ein weitverbreiteter Irrtum.

Dass Amerika "im Anfang" (Locke) dieser Entwicklung war, ist jener ungewöhnlichen kolonialen Konstellation geschuldet, aus der es erwachsen ist. Es konnte als eine Kopfgeburt der Aufklärung gleichsam aus sich heraus die Menschheit erfinden. Damit ist nicht angezeigt, Amerika sei die Menschheit - bei weitem nicht. Aber die Vereinigten Staaten von Amerika kommen dem Konzept der Menschheit näher als jedes andere real existierende Gemeinwesen.

Genau das klang in jener Rede Barack Obamas in Philadelphia an, als der Kandidat der Demokraten ausrief, in seiner Person inkarniere sich eine Lebensgeschichte, die in keinem anderen Land der Erde möglich gewesen wäre.



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Religionen 02.11.2008
1. Freiheit für das Volk
Zitat von sysopWarum sind die Vereinigten Staaten vielen Menschen so suspekt? http://www.spiegel.de/spiegelspecialgeschichte/0,1518,585317,00.html
Die USA erachte auch ich als Gründer von Freiheit und Demokratie. Auch heute hat die Regierung keine Angst vor seinem Volk: Jeder Mensch hat das Recht auf Waffenbesitz wie bei Hitler. Das hat Vor- und Nachteile für das Volk. Attentate sind leichter und schneller möglich. Andererseits muß jeder Einbrecher damit rechnen, einer bewaffneten Frau zu begegnen. Das schreckt wirksam ab, Amen.
EdenIsLost, 02.11.2008
2. Einfach mal so
Ich fand den Artikel schlecht und finde, dass der Spiegel seit einigen Jahren immer unkritischer proamerikanisch wird. Bekommt ihr irgendwie Kohle von da?
coolcalmcollected 02.11.2008
3. Ein zynisches Verständnis von "Moderne"
Ich findes es eine interessante Auffassung, wenn ein Staat, der beispielsweise - in absoluten und relativen Zahlen mehr Bürger in Knästen einsperrt, als JEDES andere Land der Welt (derzeit deutlich mehr als 2,4 Millionen Menschen) - die Bevölkerung von fremden Ländern mit brutalen ("Shock and Awe")-Angriffskriegen überzieht und für den Tod von deutlich mehr als einer Million Menschen während der Amtszeit von nur einem Präsidenten verantwortlich ist - über den Kongress (siehe NED) Putschversuche gegen demokratische Regierungen der Nachbarländer unternimmt - Wahlweise Bestechung, Drohungen oder notfalls militärische Gewalt ausübt, um seinen Willen durchzusetzen - Viel von Demokratisierung und Selbstbestimmung redet, aber gleichzeitig ALLES unternimmt, um genau dies in seinem Einflussbereich zu verhindern (siehe Noam Chomsky: "What Uncle Sam Really Wants" als ein kleiner Einstieg) jetzt als "Vorreiter der Moderne" tituliert wird.
Dr. Klopek, 02.11.2008
4. tttt
Zitat von ReligionenDie USA erachte auch ich als Gründer von Freiheit und Demokratie. Auch heute hat die Regierung keine Angst vor seinem Volk: Jeder Mensch hat das Recht auf Waffenbesitz wie bei Hitler. Das hat Vor- und Nachteile für das Volk. Attentate sind leichter und schneller möglich. Andererseits muß jeder Einbrecher damit rechnen, einer bewaffneten Frau zu begegnen. Das schreckt wirksam ab, Amen.
zu 1. Informieren Sie sich doch bitte über das Thema Sklaverei und Rassendiskriminierung in den USA zu 2. Aus diesem Grund gibt es in den USA ja auch keine Kriminalität, oder?
Masado, 02.11.2008
5. zumindest
weist der Artikel sehr schön philosophisch, auf die Entstehungsgeschichte und das Selbstverständnis der USA hin. Das es sich um ein Volk von Sektierern handelt, das neben der Religion, einzig durch den Yankee-Dollar zusammengehalten wird und gerne missioniert, kommt aber zu kurz. Es ist ein großes Land, in dem es alles gibt, das die gemeinsame Klammer heute pervertiert ist, kann man an den Kreuzzügen eines G.W.Bush ebenso beobachten, wie an der Finanzkrise, die in den USA begann. Sie müssen sich wirklich wieder neu erfinden, die Amerikaner, es bleibt ihnen nichts anderes übrig.
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