Limes-Grenzwall Inszeniertes Altertum

Der Obergermanisch-Rätische Limes, einst Demarkationslinie gegen die "Barbaren", wirkt heute als Publikumsmagnet.

"Da, schauen Sie!", ruft Christian Schweizer und winkt den Fotografen heran. Wenn man vom Eckpfosten aus den Weidezaun ins Visier nimmt, bildet dieser mit dem Waldsaum in der Verlängerung und der daran anschließenden Ackergrenze eine schnurgerade Linie bis zum Horizont, querfeldein über Berg und Tal. Und wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man parallel zum Zaun eine flache Bodenwelle: links ein bisschen höher als die umgebende Fläche, rechts ein wenig tiefer.

Ohne den Fremdenführer würde der Besucher die sanfte Wölbung im Gelände kaum wahrnehmen. "Obwohl man nichts sieht", sagt Schweizer triumphierend, "ist das eine besondere Stelle." Hier, im Schwäbisch-Fränkischen Wald nördlich des Städtchens Murrhardt, ist noch ein Stück des Limes zu erahnen, jener gigantischen Grenzanlage, die vor fast 2000 Jahren die römischen Provinzen Obergermanien und Rätien von den germanischen Stämmen im Norden und Osten trennte. Die Delle in der Landschaft ist das Überbleibsel eines Grabens, der einst zwei Meter tief und sechs bis acht Meter breit war, sowie eines Walls, der aus dem Erdaushub aufgeschüttet worden war.

Andernorts gibt es bei der Wanderung etwas mehr zu sehen. Auf dem Heidenbühl etwa steht die Ruine eines ehemaligen römischen Wachturms. Dem Vorstellungsvermögen der Besucher hat man in jüngerer Zeit etwas nachgeholfen, indem die knapp mannshohe Grundmauer, die vom Original übrig geblieben ist, an einer Ecke mit alten Bruchsteinen auf sechs Meter aufgestockt wurde. Oder bei der Ortschaft Grab, wo ein ganzer Wachturm so rekonstruiert wurde, wie er dort einst gestanden haben könnte - nebst dem Schaustück einer Palisadenmauer vor Wall und Graben.

Der Limes ist ein Publikumsmagnet, auch wenn nur karge Reste zu besichtigen sind. Einst erstreckte er sich über 550 Kilometer, von Rheinbrohl bei Koblenz über Westerwald und Taunus zum Main, dann südwärts bis zum württembergischen Städtchen Lorch und von dort mit einem rechtwinkligen Knick nach Osten bis nach Eining nahe Regensburg, gesäumt von rund 120 Kastellen und knapp 900 Wachtürmen.

Der alte Grenzverlauf ist touristisch gut erschlossen: durch eine Deutsche Limesstraße, durch Rad- und Wanderwege, durch Museen und archäologische Parks, die jedes Jahr Hunderttausende anziehen. An vielen Orten entlang der einstigen Demarkationslinie finden "Römerfestspiele", "Römische Märkte" und Gladiatoren-Schaukämpfe statt. Die Darbietungen tragen bisweilen "karnevaleske Züge", wie Stephan Bender, der Leiter des Limesinformationszentrums Baden-Württemberg in Aalen, zu bedenken gibt.

Andererseits hilft der Mummenschanz, in breiten Bevölkerungsschichten das Interesse an römischer Geschichte wachzuhalten. Bender rechtfertigt auch die historisierenden Nachbauten als "eine Möglichkeit, den Limes erlebbar zu machen".

Seit 2005 ist der Obergermanisch-Rätische Limes Weltkulturerbe - gemeinsam mit dem Hadrianswall in Großbritannien, der schon seit 1987 auf der Liste der Unesco steht; 2008 kam auch der Antoninuswall, ebenfalls in Großbritannien, dazu. Dadurch, so Bender, sei die Chance erhöht, "Substanz und Authentizität des größten Bodendenkmals in Deutschland zu bewahren".

Nicht nur Laien, auch Fachleute sind beeindruckt von einer bau- und vermessungstechnischen Meisterleistung: Auf der gut 80 Kilometer langen Strecke zwischen Walldürn und Welzheim bauten die Römer ihren antigermanischen Schutzwall ohne Rücksicht auf steile Hügel und schroffe Abhänge völlig geradlinig durchs Gelände, als wollten sie beweisen, dass selbst die Natur ihrer Macht nicht im Wege stehen konnte.

Die Groma, das Messgerät der antiken Geometer, eine Kombination von Eisenloten und hölzernem Visierkreuz, reichte für die Projektierung wohl nicht aus. Wahrscheinlich wurden auf den bewaldeten Höhen in recht weitem Abstand große Holzgerüste mit Peilvorrichtungen aufgestellt, um den linearen Verlauf abzustecken.

Eine Unregelmäßigkeit gab es allerdings. An einer Stelle war es den römischen Soldaten beim Ausheben des Grabens offenbar zu anstrengend, das Erdreich immer hangaufwärts auf die römische Seite des Limes zu schaufeln, und so warfen sie den Wall auf der östlichen, der germanischen Limesseite auf. Die Nachlässigkeit ist angesichts des Geländes verständlich, "war aber sicherlich ein grober Verstoß gegen die Bauvorschriften", meint der Archäologe Andreas Thiel.

Murrhardt liegt direkt an der Limesgeraden. Zu Römerzeiten stand hier ein Kohortenkastell, in dessen Nähe sich auch eine zivile Siedlung ("vicus murrensis") befand. Einmal im Monat führt Christian Schweizer Limesfans auf die Spuren der Römer.

Schweizer ist ein "Cicerone". So nennen sich die zertifizierten Limesführer in Anspielung auf die Beredsamkeit des Philosophen Cicero. In Kursen eignen sie sich historisches Grundwissen an, sie üben freien Vortrag vor Gruppen und legen eine Prüfung ab. Rund 80 Limesenthusiasten sind Mitglieder im 2005 gegründeten Verband der Limes-Cicerones.

Christian Schweizer, 43, ist gelernter Tierpräparator und leitet in dritter Generation das Carl-Schweizer-Museum in Murrhardt, das sein Großvater 1931 gegründet hat. Es stellt neben einer naturkundlichen Sammlung ausgestopfter Vögel und Wildtiere sowie stadthistorischen Schaustücken auch allerlei römische Relikte aus der Region aus.

Ein Kleinod ist das Replikat einer Jupitersäule mit einem Relief der kapitolinischen Wölfin und der legendären Stadtgründer Romulus und Remus - eine Darstellung, wie sie bisher nirgendwo nördlich der Alpen entdeckt wurde. Der Originalstein liegt im Grab des 850 gestorbenen Benediktinerabts und Ortsheiligen Walterich - dort wurde das Bildnis kopfüber eingebaut, um zu demonstrieren, dass die Macht des heidnischen Römischen Reiches endgültig zerbrochen sei.

Antiker Alkopop - ein "mulsum" als Aperitif

Vom Museum führt Christian Schweizer die Gäste zur "Villa Franck" oberhalb des Städtchens. Das Salonmusiker-Ehepaar Brigitte Hofmann und Patrick Siben, auch er ein engagierter Cicerone, hat das stattliche Jugendstilgebäude des einstigen Malzkaffeefabrikanten Robert Franck zu einem "Kultur- und Banketthaus" umgewidmet. Den Limesfreunden wird in der Weinstube ein "pullus farsalis" (gefülltes Hähnchen) nach einem Rezept des römischen Feinschmeckers und Kochbuchautors Marcus Gavius Apicius serviert; als Aperitif wird "mulsum" gereicht, ein mit Bienenhonig vergorener und mit mediterranen Kräutern gewürzter Wein - quasi ein antiker Alcopop.

Der Spiritus mellitus regt die Phantasie der Ausflügler an, wenn sie dann auf den Pfaden römischer Grenzschützer wandeln und der Cicerone die Geschichte der frühzeitlichen Sperranlage erzählt. Rhein und Donau bildeten eine natürliche Barriere zwischen der römischen "Zivilisation" und den germanischen "Barbaren". Die beiden Flüsse formen jedoch ein spitzwinkliges Dreieck, das tief ins Imperium Romanum hineinragte: Um von der rätischen Provinzhauptstadt Augusta Vindelicum (Augsburg) nach Mogontiacum (Mainz), dem Verwaltungssitz Obergermaniens, zu gelangen, war ein gewaltiger Umweg über Augusta Raurica (Augst nahe Basel) erforderlich.

Schrittweise und ohne nennenswerten Widerstand dehnten die Römer im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt ihr Herrschaftsgebiet in das dünnbesiedelte Land aus. Lediglich die Chatten, Vorfahren der Hessen, wehrten sich gegen die neuen Nachbarn. Sie stellten sich jedoch nicht der offenen Schlacht, sondern überfielen die römischen Truppen in den unwegsamen Wäldern aus dem Hinterhalt.

Kaiser Domitian, der von 81 bis 96 regierte, ließ daher Schneisen ins Dickicht schlagen, die als "limites" (Plural von limes) bezeichnet wurden - Postenwege, auf denen regelmäßig Soldaten patrouillierten. Tacitus verwendete das Wort in seiner "Germania" erstmals im Sinn von Reichsgrenze, als er im Jahr 98 schrieb: "Bald zog man den Limes und schob Kastelle vor, so dass das Land als Vorsprung des Reiches und Teil der Provinz betrachtet wird."

Die am weitesten vorverlegte Grenzlinie war um 160 erreicht - auf ihr entstand der Obergermanisch-Rätische Limes. Entlang der Provinz Obergermanien wurden robuste Palisadenwände aus halbierten Eichenstämmen errichtet - sie waren wenigstens einen Meter tief ins Erdreich eingegraben, was darauf schließen lässt, dass die Palisade mindestens doppelt so hoch aufragte, vermutlich sogar bis zu drei Meter. Die rätische Grenze, die westlich von Schwäbisch Gmünd an die obergermanische anschloss, wurde mit einer wahrscheinlich ebenso hohen Steinmauer gesichert.

Die Grenzanlage war bald fast so perfektioniert wie eine andere innerdeutsche Grenze 1800 Jahre später. Im Vorfeld des Limes wurde der Wald abgeholzt, um freies Sichtfeld zu schaffen. Hinter den Trennwänden, auf römischer Seite, wurden Gräben ausgehoben, die an der tiefsten Stelle spitz zuliefen. Das Erdreich häufte man zu Wällen auf. Dahinter verliefen Patrouillenwege. Diese verbanden die Wachtürme, die in Sichtweite, je nach der Topografie im Abstand von 200 bis 1000 Metern, aneinandergereiht waren.

Die Wachtürme waren mindestens zweistöckig. Der Eingang befand sich sicherheitshalber im ersten Stock und konnte nur mit einer Leiter erklommen werden. Im Erdgeschoss, über eine Leiter im Turminneren erreichbar, lagerten Essensvorräte für die Grenzschützer, vor allem Getreide, aus dem "puls", ein mit Wasser aufgekochter Brei, zubereitet wurde.

Rings um das zweite Stockwerk verlief wahrscheinlich bei den meisten Türmen eine Galerie. War Gefahr im Verzug, konnte mit Feuerzeichen und Hornsignalen von Turm zu Turm Alarm gegeben werden. Aus den im Hinterland gelegenen Kastellen rückten dann Fußtruppen und Reitereinheiten den Grenzverletzern entgegen.

Der Limes war jedoch "kein Bollwerk gegen fremde Heere, sondern eher eine Wirtschaftsgrenze", betont Experte Bender. Die zahlreichen Grenzübergangsstellen legen nahe, dass ein Grenzverkehr bestand, der "zwar kontrolliert, aber nicht eingeschränkt werden sollte". Germanische Händler waren willkommen, aber nur, wenn sie Zölle entrichteten.

In Friedenszeiten waren daher am Limes offenbar höchstens 25.000 Soldaten stationiert: Legionen mit jeweils 5000 Mann, die alle das römische Bürgerrecht besaßen, und Hilfstruppen ("auxilia"), in denen "peregrini" aus den eroberten Provinzen dienten - wobei die misstrauischen Römer zumindest anfangs vermieden, die Leute in ihren Heimatprovinzen einzusetzen.

Ärger um die Ausgrabungen

Kriegerische Auseinandersetzungen am Limes gab es lediglich mit den Chatten (162) und den Markomannen (166 bis 180). Nachdem Kaiser Caracalla im Sommer 213 gegen die in Rätien und Obergermanien eingedrungenen Alemannen zu Felde gezogen war, herrschte für zwei Jahrzehnte noch einmal Ruhe an der Front.

Im Jahr 233 fielen die Alemannen jedoch erneut in Rätien ein, diesmal in großer Zahl. Sie nutzten eine Schwäche der römischen Grenzverteidigung aus: Kaiser Severus Alexander hatte starke Truppenkontingente aus Rätien und Obergermanien abgezogen, um die Perser im Osten des Reiches abzuwehren. Die am Limes verbliebene Auxiliarinfanterie konnte die germanischen Reiterscharen kaum aufhalten, die bis an den Rhein und in das Alpenvorland vorstießen. Der Kaiser sah sich genötigt, den Perserfeldzug abzubrechen und mit seinem Heer die Alemannen zu verjagen.

Die vielerorts zerstörten Grenzanlagen scheinen nur noch notdürftig repariert worden zu sein. Angesichts eines blutigen Bürgerkriegs im Römischen Reich, der zu jener Zeit auch in den Grenzprovinzen Obergermanien und Rätien wütete, hatte Kaiser Gallienus andere Sorgen, als sich um den Schutz der ohnehin verwüsteten Limesregion zu kümmern.

Germanische Siedler nahmen das Terrain allmählich in Besitz und begannen sich auf vormals römischem Boden politisch neu zu organisieren. 297 wurde der Zwickel zwischen Rhein und Donau erstmals "Alamannia" genannt.

Die Palisaden verfaulten, Wälle und Gräben wurden verweht oder eingeebnet. Die Ruinen der Wachtürme und Kastelle dienten über Jahrhunderte als billige Steinbrüche. Raubgrabungen zerstörten, was von der Denkmalsubstanz vorhanden war.

Wissenschaftliche Forschungen begannen erst Mitte des 18. Jahrhunderts, und gut hundert Jahre später musste der Berliner Althistoriker Theodor Mommsen (1817 bis 1903) konstatieren, "dass von den noch erhaltenen Zeugen dieser fernen Vergangenheit jeden Tag Weiteres abbröckelt".

Mommsen klagte: "Solange die Zufälligkeiten hier walten, solange man nur gräbt, wo zufällig Dilettanten und Geld sich dafür bereitfinden, und an anderen Stellen, wo es viel nötiger und aussichtsvoll wäre, die Zerstörungsarbeit ihren stillen Gang unaufhaltsam weitergeht, so lange bleibt diese Aufgabe der deutschen Geschichtsforschung ungelöst, und diese am wenigsten können wir späteren Generationen vermachen."

Der wilhelminische Zeitgeist, der die Limesforschung zur "nationalen Aufgabe" erklärte, kam Mommsen zu Hilfe. 1892 wurde die Reichs-Limeskommission gegründet, die aus 15 führenden Altertumsforschern bestand, Mommsen übernahm den Vorsitz.

"Mit der Entwicklung der Volks- und der Altertumskunde besannen sich die Staaten Mittel- und Nordeuropas auf ihre eigene Geschichte", erklärt der Heidelberger Archäologe Andreas Hensen. "Im Spannungsfeld zwischen der Bewunderung für die Leistungen der Antike und nationalistisch geprägten Phantasien vom Germanentum geriet auch der Limes in den Blick der Altertumsforscher - mal als Teil des beeindruckenden römischen Militärwesens, mal als Symbol des Freiheitskampfes der Altvordern."

Das Interesse Wilhelms II. am Limes entsprang auch persönlichen Neigungen. Schon als Kind hatte er seit 1870 die Sommerferien regelmäßig in der Kurstadt Bad Homburg im Taunus verbracht - in der Nähe eines längst verfallenen Römerkastells, der Saalburg. 1897 erteilte der Kaiser den Auftrag, auf den alten Fundamenten eine Befestigungsanlage zu errichten, wie man sich damals eine römische Kaserne vorstellte.

Der Monarch wollte seinen Untertanen ein Bild edlen römischen Soldatenlebens vermitteln. Egon Schallmayer, der heutige Direktor der Saalburg, spricht von einem Programm "inszenierter Geschichtlichkeit".

Das Freilichtmuseum lockt bis heute Massen an, jedes Jahr werden rund 160.000 Besucher gezählt. "Hier können Sie was erleben!", wirbt das antikisierende Disneyland für eine "Entdeckungsreise in eine vergangene Zeit", versprochen wird ein "Freizeiterlebnis mit Niveau".

"Das Faszinosum Rom wirkt fort", erklärt sich der Aalener Limesexperte Bender die Anziehungskraft der Ausgrabungsstätten, "jeder weiß etwas über die Römer - und sei es, dass das Wissen aus einem Hollywood-Schinken stammt."

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