Kaiserliche Macht Die Todesmaschine

Von Georg Bönisch

2. Teil


Das Gestein für die Außenmauern und viele andere wichtige Teile war der nicht allzu harte Travertin. Er wurde nahe Tivoli gebrochen und schon vor Ort maßgerechnet in Quader geschnitten. Dafür benutzte man Metallsägen, die mit einem Gemisch aus Sand - äthiopischer galt als bester - und Wasser gekühlt beziehungsweise geschmiert wurden.

Großrädrige Karren schafften die Steine ins 40 Kilometer entfernte Rom, auf einer sechs Meter breiten Straße, die eigens angelegt worden war. Experten schätzen, dass auf diesem Weg mehr als 100.000 Tonnen Travertin heranrollten. Daneben kamen Tuff und direkt vor Ort gebrannte Ziegel zum Einsatz.

Freilich, Mauern war nicht alles. Ganze Blöcke des Gebäudes wurden gegossen. Die römischen Handwerker verwendeten Pozzolana, einen braunroten, fein pulverisierten Vulkansand, der mit Kalk gemischt und in speziellen Öfen gebrannt wurde. Das so gewonnene Bindemittel war derartig haltbar, dass erst der Portland-Zement im 19. Jahrhundert eine Verbesserung brachte.

Das gussbereite Gemisch wurde mit einer Masse (caementum) versetzt, die, je nach Erfordernissen der Statik, aus schweren Marmorstückchen oder leichtem Bims bestand. Heraus kamen spannungsfreie Brocken, mit denen besonders gut zu hantieren war.

Vespasian starb 79. Im Jahr danach ließ Sohn Titus das dreigeschossige Amphitheater (ein viertes Geschoss kam später hinzu) einweihen - mit 100-tägigen Spielen. Nach der Herrscherdynastie hieß es Amphitheatrum Flavium, manche nannten es Amphitheatrum Novum; der heute gängige Name Kolosseum stammt wohl aus der Zeit des klugen Mönches Beda. Eigentlich ein Treppenwitz der Geschichte, sollte dieser Mammutbau doch genau einem anderen Ziel dienen: die Ära des von den meisten für irre gehaltenen Nero zu überwinden.

Das fertige Amphitheater, 48 Meter hoch, 527 Meter im Umfang, war eine technische Sensation. Unterhalb der 86 mal 54 Meter großen Arena - ihre Ellipsenform sorgte dafür, dass die Zuschauer dichter am Geschehen sitzen konnten - lag ein weitläufiges Gewölbe, in dem sich nicht nur Kerker und die Räumlichkeiten für die Gladiatoren befanden, sondern auch eine komplizierte Bühnenmaschinerie. So konnten Winden und Flaschenzüge eine komplette Wald- oder Wüstenlandschaft aus dem Boden aufrichten, und wilde Tiere wurden mit Liften nach oben in die Kampfstätte transportiert.

Eine Zeitlang war es möglich, die Arena zu fluten, um ein Seegefecht zu simulieren. Riesige Sonnensegel, wohl insgesamt über 10.000 Quadratmeter groß und gehalten von 250 Masten auf dem oberen Gesims, sorgten bei Bedarf für Schatten auf den Rängen. War es zu heiß, dann konnte kühlendes Wasser über die Stufen gespült werden, oder ein duschenartiger Mechanismus versprühte über den Zuschauern Erfrischungen besonderer Art - etwa safrangeschwängertes Nass.

Nur 15 Minuten, und das in 3 Zonen (caveae) und 16 keilförmige Segmente (cunei) unterteilte Amphitheater war gefüllt; 80 Eingänge standen zur Verfügung. Das Billett, tessera genannt, beschrieb präzise den Sitzplatz; wem etwa Cun V, In(feriori gradu) decimo VIII zugewiesen wurde, der hockte im Segment 5, 10. Reihe unten, auf Platz 8.

Der Kaiser und sein Gefolge saßen natürlich in einer eigenen, luxuriös ausgestatteten Loge, über ihm die Senatoren und die Ritter und sonstige Größen der Gesellschaft. Fast alle Frauen, bis auf die hochverehrten Priesterinnen der Göttin Vesta, mussten auf dem obersten Rang Platz nehmen, also weit weg vom Geschehen. Vielleicht sollte so verhindert werden, spekuliert der niederländische Historiker Fik Meijer, dass die Gattinnen der Upper-class-Männer "Blickkontakt mit den Helden in der Arena aufnehmen konnten, die ja im Ruf standen, Herzensbrecher zu sein".

Innerhalb von nur fünf Minuten war das Gebäude mit seinem intelligenten Treppen- und Korridorsystem leer, selbst in den modernsten Fußballstadien Europas geht es kaum schneller. Vomitoria hieß die fixe Entladung, auf Deutsch etwa: Erbrechen.

Der kapitale Bau fand sofort überall im Römischen Reich seine Nachahmung, in Puteoli oder Verona, in Paris oder Arles und Nîmes, im istrischen Pula oder im tunesischen El Djem. Eine "beispiellose Bauexplosion" (Meijer) sorgte für mindestens 200 solcher Gebäude, die einen ausgelegt für 40.000 Zuschauer, andere für nur ein paar tausend.

Als Rom seine Macht verlor, war es auch vorbei mit den grausigen Ergötzungen. Letzte Hinweise auf einen Gladiatorenkampf stammen aus dem Jahr 434/5, eine Tierhatz wird noch 523 zur Zeit des oströmischen Kaisers Theoderich vermeldet. Über Jahrhunderte hinweg wurde das Riesengebäude ausgeschlachtet: Holz, Blei und Eisen verschwanden, Travertin und Marmor ließen sich zu Kalk verbrennen, der wiederum für neue Bauten genutzt wurde.

Nun war das Kolosseum fast eine Art Mini-Stadt; in der weitläufigen Ruine siedelten sich Handwerker an, aber auch Anwälte, Geldwechsler und Geistliche - die Bücher der Kirche Santa Maria Nuova, auf deren Grund die alte Lust- und Todesstätte stand, verzeichneten als Bewohner selbst Mitglieder der päpstlichen Kanzlei. Sogar Häuser wurden auf dem Areal gebaut, zweigeschossig, mit Höfen und Gärten.

Fast 2000 Jahre dauerte es, bis das Kolosseum wieder von der Politik vereinnahmt wurde: durch Benito Mussolini, den Hitler-Freund und Oberfaschisten. Il Duce verfügte, das Kolosseum solle in seiner Monumentalität an die Macht römischer Kaiser gemahnen, natürlich deshalb, weil er sich als deren legitimer Nachfolger wähnte.

Was der Tourist heute sieht, ist daher nur eine konstruierte Vergangenheit. Denn um den freien Blick auf dieses Symbol vermeintlich gleicher historischer Bedeutung zu garantieren, mussten - Nero lässt grüßen - ganze Wohnviertel abgerissen werden.



© SPIEGEL Geschichte 1/2009
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