Kaiserliche Macht Die Todesmaschine

Das Kolosseum, in dem Tiere und Menschen zu Zehntausenden starben, sollte die Volksnähe der Kaiser symbolisieren. Der Bau von bestechender Funktionstüchtigkeit ist bis heute unübertroffen.

Von Georg Bönisch


Der Spruch ist sehr alt, wohl über 1300 Jahre - und doch besitzt er durchaus sinnreiche Aktualität. Ein grundgelehrter Mönch soll ihn geprägt haben in einem angelsächsischen Kloster. Wie eine Formel klingt es, was Beda, genannt der Ehrwürdige, da sagte: "Solange das Kolosseum steht, besteht auch Rom. Fällt das Kolosseum, fällt auch Rom. Und fällt Rom, so fällt auch die Welt."

Nun, das Kolosseum steht - nicht zuletzt deshalb, weil es eine der größten technischen und handwerklichen Meisterleistungen des Altertums war: beste Planung, bestes Material, beste Leute, alles kombiniert mit einer überaus genialen Logistik, die dafür bürgte, dass dieser Superbau in kaum zehn Jahren hochgezogen wurde.

Es war ein Superbau, der Symbol einer neuen Zeit werden sollte: Roms Kaiser im Bund mit dem Volk, dies war hier in steinerner Größe verewigt. "Jegliche Leistung verschwindet vor Caesars Amphitheater", jubelte der Dichter Martial, "ein Werk feiert allein künftig statt aller der Ruhm." Erst dann und mit weitem Abstand, rechnete der Meister des lateinischen Epigramms vor, seien die Pyramiden aufzulisten oder jenes Mausoleum in Halikarnassos, das ebenso zu den sieben Weltwundern zählte, oder der Turm in Babylon.

Aber es war auch ein Superbau, der eigentlich nur als Hort des Verderbens konzipiert war. Hier, vor der gewaltigen Kulisse von über 50.000 Menschen, kämpften Gladiatoren gegeneinander bis zum letzten Blutstropfen. Hatte der Verlierer sich tapfer gewehrt, schwenkten die Zuschauer Tücher oder einen Togazipfel und schrien: "Mitte!", lass ihn gehen! Sonst hieß es: "Iugula!", stich ihn ab!, und die Daumen wendeten sich nach unten.

An manchen Tagen lagen so viele Tote im Sand und in den Kellerräumen, dass die ordnungsgemäße Entsorgung der Leichen zum Problem geriet. Wie viele hier ihr Leben aushauchten, ist nur annähernd zu beziffern - 300.000 könnten es gewesen sein. Sicher ist nur, dass nirgendwo sonst auf solch kleinem Raum über die Jahrhunderte hinweg so viele Menschen starben. Tod war pure Unterhaltung - und Unterhaltung ein Mittel der Politik.

Hier zerfleischten wilde Tiere unter dem Gejohle der Massen (und oft genug den Augen gebildeter, philosophisch geprägter Herrscher) verurteilte Verbrecher - diese schreckliche damnatio ad bestias galt als legitime Form der Hinrichtung.

Hier traten Männer, später auch Frauen, gegen Löwen, Tiger oder Bären an, aber auch gegen eigentlich sanfte Tiere wie Zebras, Elefanten oder Giraffen. Unmöglich, auch nur annähernd die Zahl verendeter Tiere zu benennen. Es müssen Millionen gewesen sein.

Als der Botaniker Richard Deakin im Jahr 1855 die Flora im Kolosseum untersuchte, entdeckte er auf den Tribünen, in der Arena und den unterirdischen Gängen über 400 Pflanzenarten, etliche von ihnen wuchsen nur weit entfernt von Rom. Lange rätselte der Spezialist, bis ihm klar zu werden schien: Die Samen mussten im Fell der Tiere gesteckt haben - am Ort des Todes hatte sich Leben entwickelt, ein faszinierender Kreislauf.

Wer die Geschichte des Kolosseums betrachtet, darf nicht erst bei Planung und Grundsteinlegung beginnen, sondern muss einige Jahre zurückgehen. 64 n. Chr., unter Nero, hatte ein schwerer Brand das zentral gelegene Viertel am Südhang des Esquilin nahe dem Forum zerstört. Der Herrscher ordnete an, das vormalige Wohngebiet zu konfiszieren und mitten im engen Rom Platz zu schaffen für eine Palastanlage von überwältigender Üppigkeit: die Domus Aurea. Dort stand eine gewaltige Bronzefigur des Kaisers, der Colossus Neronis, und in den weitläufigen Gärten hatte er ein riesiges Wasserbassin, einen künstlichen See, anlegen lassen.

Als die Prätorianer ihn im Jahr 68 fallenließen und der Senat ihn ächtete, floh Nero und beging Selbstmord. Sein Nachfolger Vespasian, der erste Flavier, entwickelte schnell die wohlkalkulierte Idee, genau auf dem Terrain jener Domus Aurea ein Amphitheater nie gekannter Dimension errichten zu lassen - ausgerechnet Vespasian, der sonst sparsam bis geizig war, ja selbst öffentliche Latrinen mit einer Steuer belegte.

Seinem Sohn Titus, der eine solche Fiskalmaßnahme mit der Würde des Staates unvereinbar hielt, soll er eine Handvoll Münzen hingehalten und gesagt haben: "Pecunia non olet", Geld stinkt doch nicht. Gewiss auch nicht das Gold, das römische Soldaten während des Jüdischen Krieges im Tempel von Jerusalem erbeutet hatten: Dieser Schatz wurde zur Finanzierung des ehrgeizigen Projekts eingesetzt.

Klar, Vespasian verfolgte eine politische Absicht, und deshalb besaß genau dieser Bauplatz enorme Symbolkraft. "Wo sich zuvor eine Einzelperson ergötzte", schreibt der Historiker Ulrich Sinn, da "sollten nun Zehntausende ihr Vergnügen finden" - und über ihren Kaiser nur Gutes reden und natürlich von ihm nur Gutes denken.

Anfang der siebziger Jahre begannen die Arbeiten. Zuerst musste das Gelände um den Kunstsee ausgehoben werden, wohl 30.000 Tonnen Erdreich wurden abtransportiert. Teils konnte als Fundament die Bodenplatte des Bassins genutzt werden, teils legten Arbeiter ein neues Fundament an, es war bis zu vier Meter dick. Die Baustelle war in vier Zonen unterteilt, und jeweils vier Kolonnen begannen gleichzeitig damit, Pfeiler und Mauern hochzuziehen. Ein raffinierter Plan sorgte dafür, dass in jedem Segment immer die Materialien auf Lager waren, die gerade benötigt wurden.

Weil die Arbeiter meist seit Jahren schon in ein und derselben Truppe ihre Sesterzen verdienten, waren sie hervorragend eingespielt. Es war gang und gäbe, komplette Teams quasi zu vermieten - eine Struktur, die die Römer von den Griechen übernommen hatten und die bis heute gängig ist. Arbeitskräftehändler gehörten zu den Großverdienern; so mancher reiche Römer legte sein Geld in deren Firmen an.



© SPIEGEL Geschichte 1/2009
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