Imperium in der Krise Nasse Lebensadern

Die Versorgung der Städte mit Trinkwasser trieb die antiken Ingenieure zu Meisterleistungen. Aquädukte spielten eine Hauptrolle beim Aufstieg des Imperiums - teilweise funktionieren sie heute noch.

Von Sebastian Knauer


Als die Schauspielerin Anita Ekberg und ihr Filmpartner Marcello Mastroianni in eleganter Abendrobe für den Filmklassiker "La dolce vita" (1960) in die sprudelnde Fontana di Trevi stiegen, war das nur möglich dank der schier unverwüstlichen Wasserbaukunst der alten Römer.

Der innerstädtische Brunnen wird nämlich gespeist durch eine 21 Kilometer lange Zuführung aus Richtung der Sabiner Berge, die als "Aqua Virgo" 19 v. Chr. von Soldaten des Feldherrn Marcus Agrippa angelegt wurde. Eine Jungfrau ("Virgo") soll den Kriegern eine besonders reine Quelle gezeigt haben. Seit der Antike liefert die Aqua Virgo, vorwiegend unterirdisch geführt, Wasser in das Zentrum der Stadt.

Nach der akribischen Übersicht des Direktors der römischen Wasserwerke (Curator Aquarum) aus trajanischer Zeit, Sextus Julius Frontinus, flossen damals allein auf diesem Weg täglich geschätzte 26.000 Kubikmeter Wasser. Insgesamt versorgten in der Hochzeit elf große, unter- und oberirdisch geführte Aquädukte aus einem Umkreis von rund 50 Kilometern Wohnviertel, Thermen, und kaiserliche Paläste Roms mit täglich rund 500.000 Kubikmeter Wasser.

Für den antiken Naturkundler Plinius den Älteren gab es "auf der Welt nichts anderes, was größere Bewunderung verdient als die hoch aufgebauten Brückenbogen, die von Tunneln durchschnittenen Berge und die gleichmäßig überbrückten Talkessel". Sein patriotischer Zeitgenosse, Chef-Wasserwerker Frontinus, stellte das Aquäduktsystem noch über die bekannten Weltwunder wie die "ganz offensichtlich nutzlosen Pyramiden oder andere unnütze, von den Griechen errichtete Bauwerke, und mögen die Leute noch so viel davon reden!"

An vielen Orten in und um Rom sind Ruinen des erstaunlichen Netzwerks zu sehen. Speziell Interessierte gelangen mit der Metro Richtung Cinecittà und dann mit dem Bus 557 zum Parco degli Acquedotti. Dort kreuzen die Bogenreihen der bis zu 27 Meter hohen, auf mehreren Kilometern noch vorhandenen Doppelleitung Claudia und Anio Novus drei ältere Aquädukte. Die immer noch gut erhaltenen Mauerreste aus Natur- und Ziegelsteinen sowie einem speziellen römischen Beton ("Opus Caementitium") waren mit einer mehrfachen Putzschicht wasserdicht gemacht worden.

Da das Wasser zumeist nicht in Rohren, sondern in rechteckigen gemauerten Kanälen, sogenannten Freispiegelleitungen, floss, mussten die Baumeister genaueste Gefälleberechnungen anstellen. Entscheidendes Hilfsmittel beim Nivellieren war der Chorobat, eine Art riesige Wasserwaage in Tischform. Über Kimme und Korn wurde über eine mehrere Meter lange Holzrinne visiert und danach das Gefälle mit Messlatten im Gelände abschnittweise festgelegt.

Die Ergebnisse überraschen bis heute. So weist der Anio Novus nur ein Gefälle von 1,3 Promille oder 1,30 Meter auf einem Kilometer auf. Beim großen dreistöckigen Bauwerk des Pont du Gard nahe dem französischen Nîmes kamen die römischen Besatzer gar auf 50 Kilometer Gesamtlänge der Zuleitung mit 12,27 Meter Höhenunterschied aus, um ihre Kolonie zu versorgen - ganze 0,0248 Prozent Gefälle. Kein anderer Aquädukt verläuft so sanft wie der Wassertrog von Nîmes.

Die römischen Bautechniker scheuten vor keinem Gelände zurück. Einige der längsten ihrer Kunststücke finden sich gerade in grenznahen Provinzen, zum Beispiel ein rund 250 Kilometer langes Kanalsystem beim heutigen Istanbul oder die 132 Kilometer lange Wasserleitung nach Karthago, die Kaiser Hadrian mauern ließ. Auch aus dem heutigen Nettersheim in der Nordeifel führten die Römer im ersten Jahrhundert nach Christus über stolze 100 Kilometer frisches Trinkwasser in die Colonia Claudia Ara Agrippinensium, das heutige Köln. Der Eifel-Aquädukt gilt als drittgrößtes Wasserbauwerk des römischen Reiches. "Das ist eine der großen Ingenieurleistungen der Antike", urteilt Vermessungsingenieur Klaus Grewe vom Rheinischen Amt für Bodendenkmalpflege.



© SPIEGEL Geschichte 1/2009
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