Religiöse Ursprünge "Unser Herz schlägt hier"

Von Clemens Höges

2. Teil: "Es geht auch um unsere Identität"


Doch lebte David einst tatsächlich, liegt hinter der Legende eine Wahrheit? Über tausendmal erwähnt die Bibel David, aber ansonsten gab es kein Indiz - bis Archäologen 1993 im Norden Israels eine Steintafel fanden mit zwei Inschriften. Eine erwähnt das "Haus Davids", und in der zweiten stehen die Wörter "König von Israel".

Jahrzehnte zuvor hatten Kollegen direkt südlich der heutigen Altstadt Jerusalems gewaltige Fundamente ausgegraben, unter ihnen lagen Eingänge zu Tunneln. Die Mauern gehörten wohl zu einer befestigten Stadt. Vielleicht 4000 Jebusiter lebten vor 3000 Jahren auf diesem Hügel, sie nannten ihre Burg "Zion".

DER SPIEGEL
David fand laut Bibel die Schwachstelle dieser Bergfestung, den "Tsinnor", einen geheimen Tunnel, durch den die Jebusiter bei einer Belagerung Wasser aus einer Quelle im Kidron-Tal holen konnten. Ein Stoßtrupp kletterte durch den Tunnel in die Stadt, Zion fiel - und Jerusalem war geboren. David begann sofort, die Stadt zu erweitern; als Erstes ließ er sich einen Palast bauen.

Wenn David tatsächlich gelebt hat und wenn diese Trümmer auf dem Hügel einst Zion waren, dann müsste sich die Spur des Königs dort finden lassen, dachte sich die Archäologin Eilat Mazar.

Sie war schon aufgewachsen mit Schaufeln, dem Staub der Grabungsstätten und der Bibel. Ihr Großvater galt als führender Archäologe des jungen Staates Israel. Eilat Mazar ist jetzt eine starke blonde Frau, ihre vier Kinder zieht sie allein groß, sie hat keine Zeit für Zweifel. Und sie glaubt an die Schrift: "Ich arbeite mit der Bibel in der einen Hand und den Werkzeugen in der anderen Hand."

1997 las sie im Buch Samuel über den Angriff der Philister auf die Stadt Davids. Und diesmal fiel Mazar ein Nebensatz auf: Direkt vor der Attacke sei David "herabgestiegen" in die Festung. "Herabgestiegen von wo?", fragte sich Mazar - der König könne ja wohl nur aus seinem Palast gekommen sein, der müsse also etwas höher gestanden haben.

1997 veröffentlichte sie ihre Theorie im Fachblatt "Biblical Archaeology Review", illustriert mit einem Plan der Jebusiter-Festung. In die Grafik zeichnete sie einen Pfeil, er zeigte auf einen Punkt südlich des heutigen Tempelbergs. Darunter stand: "Dort muss er sein."

Archäologie ist ein langwieriges Geschäft, aber 2005 konnte Mazar anfangen zu graben. Innerhalb von Monaten stieß sie auf Mauern eines gewaltigen Gebäudes, bis zu fünf Meter dick, sie fand Keramiken, Tunnel, Tonsiegel mit den Namen von Ministern, die in der Bibel stehen.

Archäologen nummerieren ihre Funde und die Fundstellen. Ein Kernstück von Mazars Theorie, dass vor 3000 Jahren hier der Mensch David lebte, ist "Locus 47", eine winzige Mauerlücke, man könnte sie mit einem Küchenhandtuch abdecken. Heute liegt auf Locus 47 ein zerdrückter Plastikbecher, Kraut wächst aus Steinritzen. Aber mit Hilfe von Tonscherben, die Mazar dort fand, und aufgrund der Bauweise glaubt sie, könne sie die Ruinen präzise datieren - auf das Jahr 1000 vor Christus. Dies sei eine erste Ecke von Davids Palast.

Andere Archäologen bezweifeln die Datierung, aber es gibt größere Probleme: Mazar und nach ihr Kollegen konnten bislang nur einen kleinen Teil der Stadt ausgraben. Denn schon König Davids Sohn Salomo verlegte das Zentrum auf den nächsten Hügel im Norden. Später brannten die Babylonier die Davidstadt nieder.

Mazar fand in einem verschütteten Tunnel intakte Öllampen, die vielleicht die letzten Juden des alten Jerusalem trugen, als sie versuchten, vor den Feinden zu fliehen. "Dort endete das Leben", sagt Spielman.

Jahrhundertelang lag der Hügel verlassen da, ein Müllabladeplatz, ein Olivenhain, eine Ziegenweide. Dann bauten Araber auf den Ruinen; ihr Stadtteil wuchs in die Täler rundum, sie nannten ihn Silwan. Heute leben dort vielleicht 50.000 Palästinenser. Und das alte Jerusalem liegt unter ihren Häusern. Wer es ausgraben will, muss die Menschen vertreiben. Das zweite Problem: Die israelische Altertumsbehörde kann die Arbeiten nicht bezahlen. Geld hat aber eine jüdische Siedlerorganisation namens Elad, sie steht hinter Spielmans Projekt Davidstadt. Die rechtsnationale Gruppe bezahlt die Archäologen der Behörde. Woher die Millionen stammen, verrät Spielman nicht. Aber Ehrengast bei der Einweihung des neuen Besucherzentrums war der russisch-jüdische Oligarch Roman Abramowitsch.

Spielmans Leute dringen immer weiter vor. Manche Häuser kaufen sie den Palästinensern ab, andere werden enteignet. Es gibt praktische Gesetze in Israel für so etwas, zum Beispiel jenes, nach dem Palästinenser enteignet werden können, wenn sie längere Zeit nicht da sind. Zudem bauten viele ihre Häuser formal illegal, weil Araber in Jerusalem so gut wie nie eine Baugenehmigung bekommen.



© SPIEGEL Geschichte 3/2009
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