Religiöse Ursprünge "Unser Herz schlägt hier"

Von Clemens Höges

3. Teil: "Ich will hier leben"


Die Stadt, der Staat und Elad arbeiten Hand in Hand, den Namen "Silwan" haben sie den Palästinensern schon genommen. Der Stadtteil heißt jetzt "Ir David", die Hauptstraße Wadi Hilwah Straße heißt "Ir David Aufstieg".

Auf jedem leeren Grundstück fangen sie an zu graben, in manche Häuser ziehen Elad-treue Siedler. Sie setzen Funkantennen auf die Dächer, falls Terroristen die Telefonleitungen zerschneiden, sie schrauben Kameras an Laternenpfähle. Sie tragen Sturmgewehre beim Sabbat-Spaziergang, und Gitter über Dach und Scheiben schützen ihre Geländewagen, wie Schildkröten sehen die klobigen Autos aus.


Es geht Spielman darum, zu zeigen, dass dies schon immer jüdisches Land war, dass nach David nichts kam, zumindest nichts, was eine Schaufel nicht schnell beiseiteschieben kann. Seine Archäologen haben kein einziges muslimisches Gebäude gesichert, sogar einen jahrhundertealten Friedhof baggerten sie mitsamt den Knochen einfach weg.

"Wir waren eine Nation ohne Ort. Wir haben auch heute kein Mekka oder Medina", sagt Spielman, "wir haben nur dieses kleine Stück Erde, Israel. Es ist eine fragile Existenz." Deshalb gehe es darum, so tief wie möglich zu wurzeln, am besten so tief, wie Wurzeln in 3000 Jahren wachsen können.

"Sie nutzen die Archäologie als Werkzeug für ihre Pläne", sagt der Archäologe Yoni Mizrachi. "Archäologen sollen eigentlich nach den Spuren alter Kulturen suchen. Sie aber suchen nach Belegen, dass ihnen das Land gehört."

Mizrachi trägt seine Haare im Pferdeschwanz, das erste Grau ist zu sehen, er kennt seine Gegner seit langem. Der Israeli hat schon mit Eilat Mazar zusammengearbeitet, "sie ist gut", sagt er, "aber sie folgt ihrer Agenda: Sie will die Bibel beweisen."

Er selbst hat lange für die Altertumsbehörde gegraben, auch auf Palästinenserland; Bodyguards mussten ihn schützen. "Als Archäologe änderst du nicht nur, was die Menschen sehen, sondern vor allem, wie sie es sehen. Das ist eine enorme Macht." Und oft werde sie missbraucht.

Deshalb hat Mizrachi seinen Job hingeworfen: "Man trifft seine Entscheidungen, und so ist das Leben dann." Er schreibt jetzt Essays, oder er führt Touristen durch die Ruinen der Davidstadt. Er sagt ihnen, welcher Stein welche Geschichte erzählt. Er sagt ihnen aber auch, wo die historische Wahrheit endet und die politische Fiktion beginnt. 1500 Menschen kamen im vergangenen Jahr mit Mizrachi und ein paar Kollegen, 500.000 aber ließen sich von Spielmans Führern die David-Theorie als Wahrheit verkaufen.

Ohne seinen Freund Jawad Siyam hätte Mizrachi wohl keine Chance. Siyam lebt ein kompliziertes Leben. Seine Frau ist eine christliche Serbin aus Bosnien mit deutschem Pass. Er selbst entstammt einem der großen Araber-Clans, doch studiert hat er unter anderem in Berlin. Er spricht fünf Sprachen, er hat seine Doktorarbeit (Amerikanistik) schon im Kopf. Aber er hat keinen Pass, sondern nur eine Karte, die ihn als Bewohner Jerusalems dritter Klasse ausweist: Er darf Steuern zahlen, wählen darf er nicht, und die Stadt lässt sein Viertel verfallen.

Siyam organisiert den Widerstand, er hat lange gelernt dafür. Als Jugendlicher warf er bei der Intifada Steine, dann bekämpfte er den Imperialismus, wie er sagt, als Mitglied der Fatah.

Er wirft keine Steine mehr, er hat jetzt Anwälte. Er hält Vorträge über den illegalen Vormarsch der Israelis, er gibt der "Washington Post" Interviews zur Nahost-Politik, er redet mit Reisegruppen. Siyam will, dass es Zeugen gibt. Und manche Israelis wünschen sich, er würde wieder Steine werfen, das wäre leichter.

Siyam hat mit Israelis und Palästinensern zusammen einen Verein gegründet, sie haben ein Haus gemietet. Moniereisen ragen in den Himmel, Geckos huschen über raue Wände, aber hier bringen Lehrer den Frauen Hebräisch bei, damit sie sich im Alltag besser zurechtfinden; sie machen eine Zeitung, Web-Seiten, und manchmal kommt ein Zirkus. "Wir wollen dem Leben in Silwan eine Bedeutung geben. Dies ist nicht eine Müllhalde, die man einfach abräumen kann."

Die Palästinenser kämpfen um jedes Haus, jeden Quadratmeter. Keine Familie soll freiwillig aufgeben, aber erst vor kurzem kam wieder ein Bulldozer, beschützt von Kommandosoldaten mit Gesichtsmasken. Polizisten zerrten eine Familie aus ihrem Haus, dann walzte der Caterpillar durch die Wände.

Immer wieder geht das so, und trotzdem kann Siyam nicht klein beigeben. "Ich will hier leben", sagt er: im Haus seines Vaters. Es steht wohl ziemlich genau mitten über Davids Stadt. "Es geht auch um unsere Identität", sagt Siyam. Wie soll es einen Kompromiss geben?

Jawad Siyam ist 39 Jahre alt; Doron Spielman von Elad ist 35, der Archäologe Yoni Mizrachi 38. Sie gehören zur selben Generation, und diese Generation wird die Zukunft im Nahen Osten bestimmen. Es sieht nicht so aus, als könnte sie Frieden schließen.



© SPIEGEL Geschichte 3/2009
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