Religiöse Ursprünge "Unser Herz schlägt hier"

Geheime Tunnel, meterdicke Mauern, 3000 Jahre alte Siegel: Archäologen suchen nach dem Ursprung Jerusalems und wollen König Davids Palast entdeckt haben - aber unter einem arabischen Viertel.

Von Clemens Höges


Das Rauchen hat sich Jawad Siyam angewöhnt, als die Israelis ihn mal wieder eingesperrt hatten. Er war so oft im Gefängnis, dass er nicht mehr genau weiß, wann. Siyam steckt sich eine Gauloises an, schiebt die Sonnenbrille wie immer ins Stoppelhaar und blinzelt ins gleißende Mittagslicht.


Der Palästinenser schaut die Straße hoch, auf Jerusalems Tempelberg, rund 300 Meter weit weg von seinem eigenen Haus. Er schaut die Straße hinunter, dort haben Archäologen Gruben zwischen die Grundstücke der Palästinenser gegraben. Israelische Flaggen wehen über Gittern, auf Hausdächern patrouillieren Männer mit Gewehren. Sie würden auf ihn schießen, wenn er einen Fehler macht. Siyam macht aber keine Fehler, nicht mehr: "Wir wollen keine Gewalt", sagt er, doch "dieses Land hier ist uns heilig."

Keine hundert Meter weiter blickt etwas später Doron Spielman durch ein Stahlgitter, das seine Arbeiter über uralten Mauern errichtet haben. Man kennt das Gesicht des Israelis weltweit aus den Fernsehnachrichten: Jüngst beim Feldzug gegen Gaza redete Captain Doron Spielman meist vor der brennenden Palästinenserstadt. Als Armeesprecher versuchte er, der Welt zu erklären, warum Israel schießen müsse.

Spielman wirkt gut im Fernsehen, entschlossen, smart, ziemlich amerikanisch. Er spricht Englisch mit dem Sound des Mittleren Westens, er stammt aus Detroit, zum Israeli wurde er erst vor wenigen Jahren. Für Israel kämpfen, das ist seither sein Leben, egal an welcher Front.

"Dies hier ist der Ort, an dem alles begann", sagt Spielman, er meint die Ruinen unter seinen Füßen. Wohin auch immer es Juden verschlage - "unser Herz schlägt hier". Wenn ihn die Armee nicht braucht, befehligt er als Direktor einer Organisation namens "Ir David" eine Schar von Arbeitern und Archäologen.

Was sie ausgraben, glauben manche, soll der Palast des ersten jüdischen Königs David sein, 3000 Jahre alt. Gesucht wird also Davids Stadt: "Ir David" eben - das erste Jerusalem, älter noch als die sogenannte Altstadt.

Siyam, der Palästinenser, und Spielman, der Israeli, reden nicht miteinander. Sie kennen sich aber, sie beobachten sich. Denn auch wenn nicht geschossen wird, kämpfen diese beiden Männer - einen Kampf, der vor 3000 Jahren begann.

Es geht nicht nur um die Anfänge der Heiligen Stadt dreier Religionen. Es geht um die jüdische Identität und Beweise, die Archäologen herbeischaffen sollen. Es geht um die Macht in Jerusalem, in Israel, um einen eigenen Palästinenserstaat und um die Weltpolitik. Deshalb streitet die neue amerikanische Außenministerin Hillary Clinton mit der neuen israelischen Regierung um genau die Häuser, für die Jawad Siyam kämpft. Und auch die Europäische Union warnte vor wenigen Wochen, was da passiere, sei eine "akute Gefahr" für den Friedensprozess.

Denn Spielman und seine Archäologen wollen das Jerusalem des Alten Testaments ausgerechnet unter dem Stadtteil Silwan entdeckt haben - im palästinensischen Osten der Stadt. Silwan soll irgendwann Teil der Hauptstadt Palästinas werden, so ergibt es sich aus vielen Papieren, die nach internationalen Verhandlungen verfasst wurden.

Aber jetzt vertreiben konservative Israelis die Palästinenser, eine Familie nach der anderen. Wohnhäuser werden abgerissen, durchs Viertel auf dem Hügel neben dem Tempelberg wühlen sich Archäologen. Geplant ist ein Bibel-Disneyland für 100 Millionen Dollar - Israel wird Davids Stadt nie wieder hergeben, die Palästinenser werden nie auf Silwan verzichten. Und so verhindert der König von damals den Frieden von morgen.

Denn die Zeit vergeht nicht in Jerusalem, nicht so wie an anderen Orten. Alles ist Gegenwart. Was vor Jahrtausenden passierte genauso wie das, was vor Jahrzehnten geschah. Nichts wird vergeben, schon gar nichts vergessen. Die Menschen von heute verstricken sich heillos in den Kämpfen ihrer Vorfahren.

Das jüngste Gefecht begann 1993. Bis dahin galt König David als mythische Gestalt. Er war der Hirtenjunge, der nach der Zeitrechnung der Bibel um 1000 v. Chr. den Riesen Goliath tötete, er war der Diplomat und der Trickser, der mit Ränkespielen herumziehende Stämme zu einem Volk einte. Er war aber auch der König, der Psalmen dichtete, und der Krieger, der dem neuen Volk eine Hauptstadt eroberte: Jerusalem. "Jeder kleine Junge in Israel will König David sein", sagt Spielman.



© SPIEGEL Geschichte 3/2009
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