Legenden Der heiligste Kasten der Welt

Von Clemens Höges

2. Teil: Gab es ihn je, diesen phantastischen Dreiklang, Salomo, die Königin von Saba und die Bundeslade?


Noch abenteuerlicher klingen die Geschichten, die bekannte Professoren verfechten. Der Londoner Hochschullehrer Tudor Parfitt etwa hat einen ziemlich guten Ruf zu verlieren. Trotzdem behauptet er, die Bundeslade sogar gesehen zu haben - oder das, was von ihr übrig ist.

Parfitt nimmt seine Spur in den achtziger Jahren auf, als er die seltsame Geschichte einer Volksgruppe in Südafrika erforscht, der Lemba. Die Lemba glauben seit Jahrhunderten, sie seien ein verlorener Stamm des Volkes Israel. Und irgendwann glaubt der Professor ihrer Überlieferung. Kollegen attackieren ihn, verlachen ihn. Bis 1999.

Dann ergibt die DNA-Analyse genetischer Marker, dass die Lemba wahrscheinlich mit den Israeliten verwandt sind. Genauer noch: Das Ypsilon-Chromosom zeigt Ähnlichkeiten sogar zu einem speziellen Stamm, dem der Kohanim, der Cohens - der einstigen Tempelpriester.

Also untersucht Parfitt einen besonders farbigen Strang der Lemba-Überlieferung genauer: die Legende vom "Ngoma Lungundu", einem göttlichen Kasten, der erst um 1940 verschwunden sei. Der Ngoma soll mit zwei Stangen getragen worden sein, er konnte angeblich Blitze aussenden, Menschen töten, er war zu heilig, um auf den Boden gestellt zu werden - alles so ähnlich wie bei der Bundeslade. Die Lemba behaupten, ihre Vorfahren hätten ihn aus Jerusalem mitgebracht. Kleiner Schönheitsfehler: Die Kiste ihrer Legende soll abgerundet sein, eher ein Fass also.

Der Professor verfolgt die Spur der Lemba trotzdem rückwärts, auch mit einem weiteren DNA-Abgleich. Die Suche führt ihn in eine Geisterstadt im Jemen, zu arabischen Dokumenten aus dem 9. Jahrhundert - und schließlich in das Lagerhaus eines Museums in Harare, Simbabwe. Dort findet Parfitt nach eigenen Angaben wohl den Ngoma Lungundu: zerstört, halb verbrannt, aber die Trageringe kann er noch erkennen, auch seltsame Reliefs.

Parfitt lässt einen Holzsplitter mit der C-14-Methode datieren. Das Material stammt aus dem 14. Jahrhundert, nach Christus - kann also nicht zu Moses Bundeslade gehört haben. Doch die Lemba-Legende erzählt, dass der Original-Ngoma vor ein paar Jahrhunderten zerstört wurde; auch aus Resten des alten sei ein neuer Schrein gebaut geworden. Parfitt sagt, der heilige Schrott aus Harare sei wohl "das letzte Ding auf dieser Welt, das direkt von Moses Bundeslade abstammt". Weitere Forschungen sind zurzeit nicht möglich, denn das, was Parfitt gesehen hat, verschwand im vergangenen Jahr aus dem Museum; dahinter, vermutet der Professor, stecke der Clan des greisen Diktators Robert Mugabe.

Parfitts Hamburger Kollege Helmut Ziegert verfolgt eine ganz andere Spur. Der inzwischen emiritierte Archäologieprofessor sucht seit Ende der neunziger Jahre nach Belegen für die zentrale Legende der äthiopischen Juden, von denen viele Christen wurden, vor rund 1500 Jahren schon.

Die Legende, erzählt in der Chronik "Kebra Negast", geht so: Menelik, Äthiopiens König in grauer Vorzeit, sei ein illegitimer Sohn König Salomos gewesen - gezeugt mit der Königin von Saba. Menelik habe seinen Vater besucht und danach die Bundeslade in sein Reich geschafft. Doch gab es ihn je, diesen phantastischen Dreiklang, Salomo, die Königin von Saba und die Bundeslade?

Ziegert fängt an zu graben, in Aksum, der alten Königsstadt Äthiopiens. Und schließlich stößt sein Team auf Mauern von zwei Prachtbauten, einen Altar und genug andere Hinweise, dass Ziegert seither die äußerst gewagte Theorie vertritt, dort hätten die Paläste von Menelik und seiner Mutter gestanden.

Und die Bundeslade, glaubt Ziegert, werde tatsächlich gleich nebenan in der Kapelle der Heiligen Maria von Zion gehütet - wie es die äthiopische Kirche seit Urzeiten behauptet.

Das Problem: Seit vielen Generationen schützt immer ein Mönch die angebliche Bundeslade, bis zu seinem Tod. Dann wird ein neuer ernannt. "Der Wächter", wie er nur heißt, verlässt die umzäunte Kapelle sein Leben lang nicht; aber außer ihm darf sie auch kein Mensch betreten. Niemand kann prüfen, ob er jene Kiste bewacht, die Mose bauen ließ - oder nur irgendeine Kiste.



© SPIEGEL Geschichte 3/2009
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