Der Aufstieg des Kapitals "Wir brauchen neue Banken"

2. Teil: "Der Aufstieg verläuft nie gradlinig"


SPIEGEL: Das klingt so, als sei die Geschichte des Geldes in großen Teilen eine Geschichte der Kriegsfinanzierung?

Ferguson: Die Erfordernisse des Krieges spielten tatsächlich eine große Rolle. Wahrscheinlich begann der Staat überhaupt erst mit dem Schuldenmachen, als die Venezianer im 13. Jahrhundert entdeckten, dass sie auf diese Weise Kriege leichter finanziert bekommen: wenn sie sich nämlich das Geld von den Bürgern leihen, anstatt diese zu besteuern. Hier liegt der Ursprung des Rentenmarktes. Hinter jedem großen historischen Ereignis verbirgt sich ein finanzielles Geheimnis.

SPIEGEL: Aber es spielen doch für den Fortgang der Geschichte auch andere Einflüsse eine Rolle, technische Innovationen zum Beispiel. Geht von Geld oftmals nicht eine eher destruktive Kraft aus?

Ferguson: Ich glaube, man muss sich die Entwicklung der Geldordnung wie eine Gebirgskette vorstellen: Der Aufstieg verläuft nie gradlinig, es gibt sogar Abschnitte, wo das Gelände steil abfällt, doch auf lange Sicht geht die Richtung eindeutig nach oben. Selbst ein Deutscher, der die Große Inflation, die Deflation und die Währungsreform von 1948 durchlitten hat, lebte danach in größerem Wohlstand als Anfang des 20. Jahrhunderts.

SPIEGEL: Man könnte doch ebenso gut behaupten, die Geschichte des Geldes ist eine Abfolge von Katastrophen, von Staatsbankrotten und Wertverlust?

Ferguson: Dann nehmen Sie nur den krisenhaften Teil der Geschichte wahr. Das ist verständlich, weil Börsen-Crashs oder Währungsschnitte aufregend sind. Doch solche Ereignisse sind die Ausnahme, der Normalfall ist die Stabilität, zugegeben sind es die langweiligeren Jahre.

SPIEGEL: Aber das Leben jedes Bürgers wird doch vornehmlich durch einzelne Katastrophen geprägt, deren Ursache auch finanzieller Natur sein können. Sind solche Krisen unausweichlich?

Ferguson: Ein Finanzsystem, das nicht Gefahr läuft, irgendwann einmal zu kollabieren, ist kaum vorstellbar. Das liegt vor allem an der Natur des Menschen: Er stellt Vermutungen über die Zukunft an, die oft fehlerhaft sind. Das Gehirn ist nicht gerade eine Rechenmaschine auf dem Niveau des 21. Jahrhunderts; wir sind eher dazu geschaffen, wilde Tiere in der Serengeti zu jagen. Unsere Wahrnehmung ist sehr selektiv, Einstellungen ändern sich sprunghaft: In einem Moment regiert die Gier, in einem anderen die Furcht.

SPIEGEL: Und aufgrund dieses irrationalen Verhaltens werden Krisensymptome stets zu spät erkannt?

Ferguson: Meist jedenfalls. Die Instabilität gehört zum Finanzsystem, seit die alten Mesopotamier den Preis für Getreide danach kalkuliert haben, wie wohl die nächste Ernte ausfallen würde. Auch vor der aktuellen Krise haben die Fachleute bekanntlich die ökonomische Zukunft falsch eingeschätzt.

SPIEGEL: Was an dieser Finanzkrise ähnelt jenen der Vergangenheit?

Ferguson: Typisch ist der Ursprung der Krise: Sie begann mit einem Übermaß an billigem Geld, Kredite waren leicht zu bekommen, es entstand eine Blase, in diesem Fall am US-Immobilienmarkt, die dann platzte.

SPIEGEL: Hätte man diese Blase verhindern können?

Ferguson: Es ist sehr schwer zu sagen, wann eine Blase zu groß geworden ist. Manche Blasen platzen gar nicht, sondern dümpeln so dahin. Andere vergrößern sich noch lange und explodieren dann regelrecht. Der damalige US-Zentralbankchef Alan Greenspan warnte schon 1996 vor "irrationalen Übertreibungen", aber die Internet-Blase wuchs noch weitere vier Jahre.

SPIEGEL: Auch vor der US-Immobilienblase wurde schon jahrelang gewarnt. Kaum jemand aber hat geahnt, welche globalen Folgen daraus entstehen würden. Was macht das Besondere an dieser Krise aus?

Ferguson: Es ist zum einen die außergewöhnliche Rolle, die Derivate spielen, vor allem Forderungen aus Kreditbürgschaften. Zum anderen liegt bei den Rating-Agenturen ein bemerkenswerter Fall von Versagen vor: Sie haben nur wenige Unternehmen auf der höchsten Bonitätsstufe eingeordnet, aber gleichzeitig Tausende strukturierte Finanzprodukte mit dem Stempel der Unbedenklichkeit versehen, die sich dann als äußerst fragwürdig herausstellten.

SPIEGEL: Was wird nun aus dem Finanzsystem? Wie wird es sich verändern?

Ferguson: Nach meinem Verständnis ist die Finanzgeschichte im Wesentlichen das Ergebnis von natürlicher Auslese. Die Krise ist Teil dieses evolutionären Prozesses, die Marktauslese ihre treibende Kraft. Wenn sich die Umgebung verändert, können komplexe Systeme zusammenbrechen. Wie einst die Dinosaurier haben auch große Finanzinstitute nun Schwierigkeiten, mit der massiven Veränderung der Umgebung fertigzuwerden.



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Seite 1
drexl 06.08.2009
1. Da fehlt was
Wie lautet SPIEGELs Bemerkung, die von Ferguson auf Seite 3 als "töricht" bezeichnet wird?
flowpower22 06.08.2009
2. Hier irrte Ferguson
---Zitat--- Ferguson: Das war eine törichte Bemerkung. Man könnte ebenso behaupten, die Demokratie sei ein Monster. Die Finanzmärkte sind doch nur der Spiegel unseres ökonomischen Handelns, und es ist nicht der Fehler des Spiegels, wenn er unsere Makel widergibt. Wir sollten die Finanzmärkte nicht dämonisieren. Wir erleben doch gerade, wie sich die Märkte bereinigen, wie das "Unangepasste und Lebensunfähige" verschwindet, so hat es der Ökonom Joseph Schumpeter einmal beschrieben. ---Zitatende--- Lieber Prof. Ferguson, dies ist reichlich naiv. Von Spiegel keine Spur, aber viel Monster, das es endlich zu erledigen gilt. HaLaLi!! Warum spricht man heute so häufig von der Realwirtschaft in Abgrenzung zu den virtuellen Transaktionen auf den Finanzmärkten, auf denen die Maserati Yuppies es krachen lassen? Realwirtschaft: Du gibst mir Deins und kriegst dafür Meins. Lass es uns mit Bareld, oder besser einer Bankanweisung handeln. Ein einfaches, gerechtes und befriedigendes Konzept. Finanzmärkte: Die Politik und Systembanken bestimmen über die Geldmengen und den Geldwert (zum Beispiel durch Wechselkurse). Das grosse Monopoly (Stichwort George Soros) geht nie an der politik vorbei. Dieses Investmentbanking ist in zweifacher Hinsicht fatal für die Wirtschaft. 1) Damit einige wenige richtig reich werden können, wird so lange herumjongliert bis es dann mal kracht und die Realwirtschaft mit badengeht. 2) Da dies für alle so wunderschön ist (ohne Risiko und Arbeit so richtig Asche machen) interessiert man sich natürlich nicht mehr für so dumme Geschäfte wie die Vergabe von Krediten an kleine Mittelständler - das sind Peanuts und auch einer Bank für Wiederaufbau oder einer Landesbank heute nicht mehr würdig.
Interessierter0815 06.08.2009
3. Neue Banken?
Zitat von sysopDer Harvard-Historiker Niall Ferguson über die wechselvolle Geschichte des Geldes, die Unausweichlichkeit von Finanzkrisen und den fatalen Einfluss der Mathematiker auf das monetäre System http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,639307,00.html
Neue Banken? Neues Finanzsystem - schluss mit leistungslosem Einkommen, ächtung des Zins! Gerade die Nutznießer dieses Kriegs- und Chaosbringenden Finanzsystem fasseln doch immer von "Chancengleichheit" - wenn Sie er ernst meinen, sollten Sie helfen dieses asoziale und korrumpierende Finanzsystem einzustampfen!
Deluminatus 06.08.2009
4. Das kann ja gar nicht gut gehen
Man sehe sich beliebige historische Charts an - man erkennt ein sehr langfristiges exponentielles Wachstum. Das Zinseszinssystem generiert ebenfalls exponentiellen Geldzuwachs. Als Naturwissenschaftler sind mir exponentiell wachsende Systeme zuwider, da sie unweigerlich zu einem Kollaps führen müssen. Nichts könnte also weniger überraschend sein als die Tatsache, dass ein monetäres System, das nicht an reale Werte (die ja niemals exponentiell wachsen können) gekoppelt ist, in einer Krise enden muss. Der Wert bedruckter Papierscheine ist virtuell. Finanzdienstleistungen (die man sich in Form von Zinsen bezahlen lässt) sind ebenfalls virtuelle Leistungen - an dieser Stelle findet eine totale Abkopplung von realen Werten statt, denn der Zinszahlung steht bestenfalls ein realer Wert gegenüber, der vielleicht in der Zukunft erzeugt wird - bis dahin sind aber schon wieder Zinseszinsen fällig. Ein derartiges System ist in seinen Grundfesten nicht auf Stabilität angelegt, sondern auf "kurzfristige" (das mögen Dekaden sein) Gewinne, die man möglicherweise zwischen zwei Krisen erreichen kann. Langfristiges Vertrauen in ein solches Finanzsystem ist pure Naivität.
normanstresskopf, 06.08.2009
5. der fatale Einfluss der Mathematiker auf das monetäre System
Schöne Überschrift: die Mathematiker (und -innen?) haben also die Finanzkrise verursacht. Auch Tacitus wußte bereits: "Mathematicis [...] genus hominum potentibus infidum, sperantibus fallax, quod in civitate nostra et vetabitur semper et retinebitur"
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