Der Aufstieg des Kapitals "Wir brauchen neue Banken"

3. Teil: "Wir wissen etwa seit der Großen Depression, wie gefährlich Bankenkrisen sind"


SPIEGEL: Sie glauben also, dass wie in der Natur auch in der Finanzwelt nur der Stärkste und gleichzeitig Anpassungsfähigste überlebt?

Ferguson: Im Prinzip, ja. Die Akteure konkurrieren miteinander um begrenzte Ressourcen. Einige setzen sich mit ihren Innovationen durch, sie verhindern, dass sich eine Monokultur ausbildet.

SPIEGEL: Bundespräsident Horst Köhler sprach davon, dass sich "die Finanzmärkte zu einem Monster entwickelt haben, das in die Schranken verwiesen werden muss".

Ferguson: Das war eine törichte Bemerkung. Man könnte ebenso behaupten, die Demokratie sei ein Monster. Die Finanzmärkte sind doch nur der Spiegel unseres ökonomischen Handelns, und es ist nicht der Fehler des Spiegels, wenn er unsere Makel widergibt. Wir sollten die Finanzmärkte nicht dämonisieren. Wir erleben doch gerade, wie sich die Märkte bereinigen, wie das "Unangepasste und Lebensunfähige" verschwindet, so hat es der Ökonom Joseph Schumpeter einmal beschrieben.

SPIEGEL: Aber dieser Prozess ist überaus schmerzhaft. Hätte man nicht vorher durch schärfere staatliche Kontrollen die schlimmsten Auswüchse verhindern sollen? Ist also die Deregulierung schuld an der Finanzkrise?

Ferguson: Das ist ein populäres Argument, ich halte es für Quatsch. Der Prozess der Deregulierung begann schon in den frühen achtziger Jahren, seitdem hat die Weltwirtschaft einen enormen Aufschwung erlebt. Außerdem gab es Finanzprobleme schon in den Jahrzehnten zuvor, als die Märkte noch weitaus regulierter waren. Überhaupt gehören Banken zu den am stärksten kontrollierten Institutionen, doch gerade bei ihnen hatte die Krise ihren Ausgang genommen. Die Hypothekenbank Fannie Mae beispielsweise stand unter direkter Aufsicht des US-Kongresses. Es geht nicht um mehr Regulierung, sondern höchstens um bessere Regulierung.

SPIEGEL: Worauf sollte die Bankenaufsicht denn achten?

Ferguson: Sie muss der Liquiditätslage mehr Aufmerksamkeit schenken. Die Banken haben Geld langfristig verliehen, konnten es sich selbst aber immer nur kurzfristig besorgen. Viele Institute haben enorme Schulden angehäuft, teilweise bis zu 30- oder 40-mal mehr, als sie an Eigenkapital verfügen. Ein solches Verhalten führt, wenn der Geldfluss stockt, zum Kollaps. Außerdem darf die Aufsicht die Banken nicht zu groß werden lassen. Nun sind viele große Institute praktisch pleite, sie sind gleichsam Zombie-Banken: halb tot, aber auch halb lebendig dank staatlicher Hilfe. Wir müssen uns genau überlegen, wie lange wir uns das leisten wollen.

SPIEGEL: Soll der Staat denn die Problem-Banken einfach fallen lassen?

Ferguson: Dafür sind einige wohl zu groß. Man sollte sie kontrolliert abwickeln. Wenn sie dauerhaft im Genuss staatlicher Hilfe bleiben, behindert diese Subventionierung den Wettbewerb. Der Erfolg eines Finanzsystems bemisst sich an seiner Innovationsfähigkeit, wir brauchen neue Banken. Und wir müssen sehen, wie wir unsere Währungsordnung fortentwickeln können.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Ferguson: Derzeit ist das Schicksal vieler Volkswirtschaften an die Entwicklung des Dollar gekoppelt. Wenn die US-Währung an Wert verliert, was durchaus wahrscheinlich ist, spüren Japan oder Deutschland den Effekt besonders schmerzlich, weil sich ihre Exporte verteuern. Es sollte also gerade im deutschen Interesse liegen, dass sich die Währungsordnung verändert.

SPIEGEL: Und wie könnte diese neue Ordnung aussehen?

Ferguson: Vielleicht ähnlich wie im 19. Jahrhundert, als es mehrere Reservewährungen gab: das britische Pfund, den amerikanischen Dollar, die deutsche Mark, den französischen Franc. So könnte auch künftig die Dominanz des Dollar abnehmen, zugunsten von Euro, japanischem Yen und auch chinesischem Yuan.

SPIEGEL: Heißt das, die Menschheit kann aus der Geschichte der Finanzkrisen und des Geldes etwas lernen?

Ferguson: Natürlich können wir Lehren ziehen. Wir wissen etwa seit der Großen Depression, wie gefährlich Bankenkrisen sind. Wir können von Glück reden, dass mit Ben Bernanke jemand an der Spitze der US-Zentralbank steht, der über seine gesamte akademische Karriere hinweg die Weltwirtschaftskrise gründlich studiert hat. Deshalb wusste er genau, was zu tun ist, als diese Krise kam.

SPIEGEL: Über solches historisches Wissen verfügt aber nicht jeder Banker oder Manager.

Ferguson: In der Tat. In den Unternehmen sitzen Mathematiker, die Risiken auf der Basis von manchmal nur drei Jahren kalkulieren. Wenn die Modelle nicht einmal den Zeithorizont eines normalen Geschäftszyklus berücksichtigen und alle Akteure nur den Aktienkurs am Quartalsende im Auge haben, dann darf es niemanden wundern, wenn das Ergebnis der Rechnung lautet: Es gibt kein Risiko. Hier wurden auf allen Ebenen die historischen Lehren ignoriert.

SPIEGEL: Sollten die Unternehmen an Stelle von Mathematikern also mehr Historiker einstellen?

Ferguson: Das wäre bestimmt kein Fehler. Zumindest sollte Finanzgeschichte ein bedeutender Teil der Ausbildung an jeder Business-Schule sein. Das Wissen darüber ist zu wichtig, um es Spezialisten wie mir zu überlassen. Aber leider sind die typischen Leser finanzhistorischer Literatur pensionierte Banker. Es wäre besser gewesen, sie hätten diese Bücher früher gelesen.

SPIEGEL: Professor Ferguson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten Alexander Jung und Thomas Schulz.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
drexl 06.08.2009
1. Da fehlt was
Wie lautet SPIEGELs Bemerkung, die von Ferguson auf Seite 3 als "töricht" bezeichnet wird?
flowpower22 06.08.2009
2. Hier irrte Ferguson
---Zitat--- Ferguson: Das war eine törichte Bemerkung. Man könnte ebenso behaupten, die Demokratie sei ein Monster. Die Finanzmärkte sind doch nur der Spiegel unseres ökonomischen Handelns, und es ist nicht der Fehler des Spiegels, wenn er unsere Makel widergibt. Wir sollten die Finanzmärkte nicht dämonisieren. Wir erleben doch gerade, wie sich die Märkte bereinigen, wie das "Unangepasste und Lebensunfähige" verschwindet, so hat es der Ökonom Joseph Schumpeter einmal beschrieben. ---Zitatende--- Lieber Prof. Ferguson, dies ist reichlich naiv. Von Spiegel keine Spur, aber viel Monster, das es endlich zu erledigen gilt. HaLaLi!! Warum spricht man heute so häufig von der Realwirtschaft in Abgrenzung zu den virtuellen Transaktionen auf den Finanzmärkten, auf denen die Maserati Yuppies es krachen lassen? Realwirtschaft: Du gibst mir Deins und kriegst dafür Meins. Lass es uns mit Bareld, oder besser einer Bankanweisung handeln. Ein einfaches, gerechtes und befriedigendes Konzept. Finanzmärkte: Die Politik und Systembanken bestimmen über die Geldmengen und den Geldwert (zum Beispiel durch Wechselkurse). Das grosse Monopoly (Stichwort George Soros) geht nie an der politik vorbei. Dieses Investmentbanking ist in zweifacher Hinsicht fatal für die Wirtschaft. 1) Damit einige wenige richtig reich werden können, wird so lange herumjongliert bis es dann mal kracht und die Realwirtschaft mit badengeht. 2) Da dies für alle so wunderschön ist (ohne Risiko und Arbeit so richtig Asche machen) interessiert man sich natürlich nicht mehr für so dumme Geschäfte wie die Vergabe von Krediten an kleine Mittelständler - das sind Peanuts und auch einer Bank für Wiederaufbau oder einer Landesbank heute nicht mehr würdig.
Interessierter0815 06.08.2009
3. Neue Banken?
Zitat von sysopDer Harvard-Historiker Niall Ferguson über die wechselvolle Geschichte des Geldes, die Unausweichlichkeit von Finanzkrisen und den fatalen Einfluss der Mathematiker auf das monetäre System http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,639307,00.html
Neue Banken? Neues Finanzsystem - schluss mit leistungslosem Einkommen, ächtung des Zins! Gerade die Nutznießer dieses Kriegs- und Chaosbringenden Finanzsystem fasseln doch immer von "Chancengleichheit" - wenn Sie er ernst meinen, sollten Sie helfen dieses asoziale und korrumpierende Finanzsystem einzustampfen!
Deluminatus 06.08.2009
4. Das kann ja gar nicht gut gehen
Man sehe sich beliebige historische Charts an - man erkennt ein sehr langfristiges exponentielles Wachstum. Das Zinseszinssystem generiert ebenfalls exponentiellen Geldzuwachs. Als Naturwissenschaftler sind mir exponentiell wachsende Systeme zuwider, da sie unweigerlich zu einem Kollaps führen müssen. Nichts könnte also weniger überraschend sein als die Tatsache, dass ein monetäres System, das nicht an reale Werte (die ja niemals exponentiell wachsen können) gekoppelt ist, in einer Krise enden muss. Der Wert bedruckter Papierscheine ist virtuell. Finanzdienstleistungen (die man sich in Form von Zinsen bezahlen lässt) sind ebenfalls virtuelle Leistungen - an dieser Stelle findet eine totale Abkopplung von realen Werten statt, denn der Zinszahlung steht bestenfalls ein realer Wert gegenüber, der vielleicht in der Zukunft erzeugt wird - bis dahin sind aber schon wieder Zinseszinsen fällig. Ein derartiges System ist in seinen Grundfesten nicht auf Stabilität angelegt, sondern auf "kurzfristige" (das mögen Dekaden sein) Gewinne, die man möglicherweise zwischen zwei Krisen erreichen kann. Langfristiges Vertrauen in ein solches Finanzsystem ist pure Naivität.
normanstresskopf, 06.08.2009
5. der fatale Einfluss der Mathematiker auf das monetäre System
Schöne Überschrift: die Mathematiker (und -innen?) haben also die Finanzkrise verursacht. Auch Tacitus wußte bereits: "Mathematicis [...] genus hominum potentibus infidum, sperantibus fallax, quod in civitate nostra et vetabitur semper et retinebitur"
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