Absturz nach dem Boom Das Ende der Ente

Von Jochen Bölsche

2. Teil: Ein Comic als Lehrbuch


Als lehrreich empfindet sogar ein CDU-Politiker wie Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust die Storys um den habgierigen Alten. Der bekennende Comic-Leser ("Ja, ich mag auch leichte Kost") schätzt an den Erzählungen aus Entenhausen, dass deren Sprechblasen "viel über die Schwierigkeiten des ungebremsten Marktes" verraten: "Immer wenn Dagobert Duck über die Stränge schlägt, scheitert er schließlich."

Das Beispiel des hanseatischen Christdemokraten zeigt, dass die Familie Duck das Amerikabild ganzer Generationen junger Deutscher geprägt hat. "Als ich das erste Mal in die USA kam, war mir alles sehr vertraut", offenbarte der deutsche Verleger Benedikt Taschen voriges Jahr der "Financial Times Deutschland": "Das war wie in den Donald-Duck-Geschichten" mit "dem großen Gewinner Dagobert, der den Geldspeicher irre voll hat, und dem ewigen Verlierer Donald" - halt "symptomatisch für den Kapitalismus".

Weit auseinander gehen allerdings die Ansichten, ob Disneys Comics diesen Kapitalismus auf sublime Weise propagieren, wie Soziologen befanden, oder ob sie ihn demaskieren, wie 68er glaubten, für die Dagobert der "Prototyp des Monopolkapitalisten" war und die Panzerknacker die "Jünger Maos" darstellten (SPIEGEL 43/1969) .

Neoliberale Ideologen wie der Marktradikale Gérard Bökenkamp wiederum argwöhnen heute, die Dagobert-Geschichten leisteten der "antikapitalistischen Phrase" Vorschub, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher würden - bis am Ende ein "steinreicher Magnat" à la Dagobert über alles Geld der Erde verfüge. Böckenkamp: "Viele Menschen behalten diese Vorstellung ihr Leben lang."

Uneins sind sich die Exegeten auch darüber, ob der Erzkapitalist Dagobert eine "Heuschrecke in Entengestalt" ist ("Westdeutsche Allgemeine") oder aber, weil er sein Geld lieber mit Bodenschätzen als mit Finanztransaktionen verdient, eher eine "Anti-Heuschrecke" ("Die Welt").

Vielleicht liegen all die Unsicherheiten darin begründet, dass die Kommentatoren ganz unterschiedliche Dagobert-Geschichten konsumiert haben. Denn seit der Multimilliardär zu Weihnachten 1947 erstmals in einer "Donald Duck"-Ausgabe aufgetaucht ist, hat sich sein Charakter radikal gewandelt.

Ein Fiesling und Bösewicht, der vor illegaler Geldbeschaffung nicht zurückschreckte - so trat der Ur-Dagobert Scrooge McDuck auf, der von seinem Erfinder, dem späteren Kultautor Carl Barks, nicht zufällig nach Ebenezer Scrooge benannt worden war, dem hartherzigen Menschenschinder aus Charles Dickens' "Weihnachtsgeschichte".

Später, nachdem Dagobert vom Comic-Komparsen zur Titelfigur einer eigenen Heftreihe aufgestiegen war, ließ Barks den skrupellosen, menschenverachtenden Großkapitalisten der Anfangsjahre allmählich zum lustigen Onkel und schließlich zum schrulligen, fast bemitleidenswerten Alten mutieren. Immer wieder mal fügte er nun in seine Storys Rückblenden ein, mit denen er Dagoberts dunkle Vergangenheit aufhellte.

"Ich ging zurück", gestand Barks einem Interviewer, "bis in die Tage, als er noch Blasen an den Händen und erfrorene Füße hatte, alles nur, um zu beweisen, dass er diesen unverschämten Reichtum wirklich verdient hat."

Ungewiss ist, ob die Image-Korrekturen auf Wunsch des Disney-Konzerns erfolgten. Belegbar ist nur, dass Barks Anweisung hatte, Daisy Duck und andere Entenhausenerinnen ohne Busen zu zeichnen. Barks: "Es gab bei meinen Enten keinen Sex - nur Eier."

Noch ein Stück weiter weg vom Kotzbrocken-Image verschob der Comic-Autor und -Zeichner Keno Don Rosa das Charakterbild des Protagonisten: In den neunziger Jahren weitete er Barks' Rückblickpassagen zu einer umfangreichen Lebensgeschichte Dagoberts aus, die den Zeitraum zwischen 1867 und 1947 umfaßt und statt eines knallharten Ausbeuters und Unterdrückers über weite Strecken einen sympathischen Abenteurer und Selfmademan zeigt. Als unlängst, mitten in der Krise, in Deutschland eine Neuausgabe der Rosa-Retrospektive erschien (Titel: "Onkel Dagobert - Sein Leben, seine Milliarden"), bewertete ein SPIEGEL-ONLINE-Rezensent den Prachtband als "Liebeserklärung an die Figur Dagobert" - und als "dringend notwendige Image-Kampagne für den Milliardär und Banker an sich".



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W. Robert 09.08.2009
1. Sam?
Natürlich darf der böse alte Geldsack, der in seiner Jugend so viel Unheil angerichtet hat nicht einmal als fiktive Gestalt existieren. Das wäre so, als ob Professor Brinckmann aus der Schwarzgeldklinik ein skrupelloser Pfuscher wäre, der den Klienten sauteuere nutzlose Medizin und dazu noch Rauschgift verkauft. Es gibt einfach Regeln in den Medien. Wer die verletzt wird nicht mal gesendet, so einfach geht das. Der Uncle Scrooge der 60er-Jahre war damals schon ein liebenswerter alter Herr, der dem armen Kleinbürger Donald eine glückliche Existenz mit einem Auto, einem Häuschen und den tollsten Spielzeugen ermöglicht. Er hüpfte in richtiges Geld. Um Geld geht es den echten Reichen aber nicht, es geht ihnen um Macht. Der echte Uncle Scrooge betreibt mit seinen Scheinfirmen die Zentralbank und kassiert dafür die sogenannte „Scrooge Steuer“ von den verdummten Steuerzahlern. Steuerzahler sind die, die im Donald Comic nicht wirklich auftreten. Sie haben austauschbare Gesichter, sind reine Statisten. Geld ist bekanntlich nur ein Mittel zur Weltherrschaft und kein Selbstzweck. Onkel Scrooge gehört das Entenhausener Tageblatt und so sind die Bürger fanatische Anhänger der Scrooge-Steuer. Natürlich ernennt Uncle Scrooge auch den Präsidenten und die Leitbilder aus der Traumfabrik. Forbes liegt völlig falsch, Uncle Scrooge rules, nicht Uncle Sam, diese fiktive Pappnase. Und wenn Gates in der Liste oben ist heißt das nur, dass er zuviel Cash rum liegen hat imho. Gegen die Scrooge-Dynastie ist Gates ein austauschbarer Parvenu.
Newspeak, 11.08.2009
2. ...
An dem ganzen Artikel hat mit besonders das Zitat gefallen, daß die Donaldisten und Dagobert-Duck-Fans "dadaistische Diskussionen auf hohem Niveau" führen. Genau das trifft den Punkt. Ich mag die Ducks auch, aber man sollte die Diskussion ihrer Marotten, die losgelöst von den Weltproblemen ja durchaus unterhaltsam sein kann, nicht zu sehr übertreiben. Letztlich ist es nämlich für die reale Welt ohne Belang, welchem Typ des Kapitalisten man Dagobert Duck zuordnet. Zumindest solange, wie echte Kapitalisten durch ihre kriminellen Machenschaften Menschen ins Unglück stürzen. Bisher ist keine echte Diskussion darüber entbrannt, wohl aber viele Scheindiskussionen an allen möglichen Fronten, Ablenkmanöver und vorgetäuschte Scharmützel. Viel eher, als mich die Frage nach dem in Entenhausen propagierten Kapitalismus umtreibt, interessiert mich die nach dem "real existierenden". Viel mehr, als an einer soziologischen Einordnung Dagobert Ducks, bin ich an einer Bestrafung der realen Kapitalisten interessiert.
hajoschneider 11.08.2009
3. Endlich wird mir klar, ...
Zitat von sysopIn der globalen Finanzkrise suchen Politiker und Professoren Rat bei Dagobert Duck, während Leitartikler darüber streiten, ob der Zillionär mit dem Zylinder eine "Heuschrecke in Entengestalt" ist. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,640630,00.html
... dass SPON nur die Online-Comic-Version des Spiegel ist.
AntiTaliban 11.08.2009
4. die literarische Herkunft der reichen Ente
Dagobert Duck heißt im Original "Uncle Scrooge". Das literarische Vorbild ist "Ebenezer Scrooge", der reiche Finsterling in Charles Dickens Novelle "A Christmas Carol" von 1843. Es gibt von Walt Disney eine Zeichentrickausgabe dieser Geschichte, in der die reichste Comic-Ente die Rolle des Ebenezer Scrooge spielt und Mickey Mouse die seines geplagten Angestellten, der auch am Weihnachtstag arbeiten soll. Allein die Verwendung des Namens Scrooge ist eine Übernahme der Kritik Dickens an rücksichtslosen Kapitalisten. Nur dass Dickens die Verhältnisse in England und Walt Disney die in den USA vor Augen hatte. Übrigens endet der Walt-Disney-Film damit, dass der reiche Scrooge zum guten Menschen bekehrt wird und versucht, seine Nächsten glücklich zu machen. Das wäre doch einmal ein Vorbild für die Raffkes unserer Zeit, anstatt Boni aus Steuergeldern auszuschütten.
Born to Boogie, 11.08.2009
5. Sie hören von meinem Anwalt.
.......................................Entenhausen,11.08.2009 Noch so einen Artikel und ich verklage Euch ! Ohne freundl. Gruss, Dagobert Duck .............................................................
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