Absturz nach dem Boom Das Ende der Ente

Von Jochen Bölsche

3. Teil: Wandlungen eines Erzkapitalisten


Der glühende Carl-Barks-Verehrer Don Rosa, der in seinen Geschichten die Widmung D.U.C.K. versteckt hat ("Dedicated to Uncle Carl from Keno") und der den Barks-Dagobert für die "größte Figur der Weltliteratur" hält, erklärt die Retusche am üblen Dagobert-Bild von einst damit, er habe "es nicht ertragen können, Geschichten zu schreiben über einen Typen, der ewig gierig ist".

Don Rosa zeichnet den Enterich aus verarmtem Schotten-Adel denn auch als eifrigen Knaben, der sich mit Schuhputzen seinen ersten Zehner verdient, und als emsigen Jüngling, der mit Uropas goldenem Gebiss im Gepäck nach Amerika auswandert und in Alaska einen Goldklumpen von der Größe eines Straußeneis findet, der den Grundstock seines Vermögens bildet.

Don Rosas Dagobert-Biografie hat niemand so gründlich analysiert wie jene Duck-Fans, die sich zur Deutschen Organisation Nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus (D.O.N.A.L.D.) zusammengetan haben. Gleichgesinnte unterhalten im Internet ein Speziallexikon namens Duckipedia.

Hier wie dort gehen Wissenschaftler und Pseudowissenschaftler in "dadaistischen Debatten auf hohem Niveau" ("taz") kniffligen Fragen nach - etwa, warum lediglich die weiblichen Ducks Schuhe tragen, warum Enten nur in Entenhausen Zähne haben und warum Dagobert an der Gedächtnisschwäche "Perduftia spiriti" leidet (in der US-Version "blinkus of the thinkus" genannt). Natürlich ist auch der Charakterwandel der lebenden Legende Dagobert Thema ausführlicher Erörterungen.

Der junge böse Dagobert hatte einst gar ein afrikanisches Dorf niederbrennen lassen, nur weil der Stamm sich weigerte, ihm das Land für einen halben Taler zu verkaufen. Die spätere Läuterung des üblen Imperialisten zu einer Art gefiedertem Indiana Jones führen die Dagobert-Forscher auf die allmähliche Entfremdung zwischen der Entenfamilie und dem amoralischen Enterich und die spätere Wiederversöhnung des "armen reichen Manns" mit seiner Verwandtschaft zurück, die ihn motiviert habe, "wieder aktiv zu handeln und neue Abenteuer zu erleben" (Duckipedia).

Dagoberts immenser Reichtum erscheint in Barks' Spätwerk wie in Rosas Reminiszenzen nicht mehr als Ausdruck asozialer Habgier. Seine heißgeliebten Taler schätzt der Erpel vielmehr als Erinnerungsstücke an vergangene Heldentaten. "Dagobert", so will ihn Don Rosa sehen, "ist ein Abenteurer, und Geld ist seine Trophäe."

Dem Charakterwandel des Billiardärs mit dem Bürzel haben auch Deutschlands Donaldisten Rechnung getragen, als ihr Präsident, genannt "PräsidEnte", 2005 erstmals einen Orden für Manager verlieh, die "ihre wirtschaftlichen Interessen frei von den Fesseln moralischer Bedenken" durchsetzen und "den Entenhausener Wirtschaftslenkern in nichts nachstehen". Der Preis, der an den Deutschbankier Josef Ackermann ging, war bemerkenswerterweise nicht nach Dagobert benannt, sondern nach dessen übler beleumdetem Gegenspieler MacMoneysac.

Ob ergaunert, ob erarbeitet - Dagoberts Nettovermögen hat sich selbst in der aktuellen Finanzkrise, jedenfalls laut "Forbes", dank emporschnellender Goldpreise weiter vermehrt. Dennoch rutschte er auf der jüngsten Liste der "Forbes Fictional 15" ab auf den zweiten Platz.

Deklassiert worden ist Dagobert weder von den Panzerknackern, die seit Jahrzehnten vergebens versuchen, seine Geldspeicher anzubohren, noch von seinem ewigen Rivalen MacMoneysac.

Auf Platz eins vorgeschoben hat sich kein Geringerer als Uncle Sam, die 200 Jahre alte Symbolfigur der US-Obrigkeit, die dem Geldjäger und -sammler Dagobert, so die Jury, in einem entscheidenden Punkt überlegen ist: "Dieser Kerl kann sein eigenes Geld drucken."

Mit einem Wort des Trostes bedachten die "Forbes"-Macher den Absteiger Dagobert und all die anderen Krisenopfer: "Dies sind harte Zeiten für jedermann - sogar für diejenigen, die nicht existieren." Schnief.



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W. Robert 09.08.2009
1. Sam?
Natürlich darf der böse alte Geldsack, der in seiner Jugend so viel Unheil angerichtet hat nicht einmal als fiktive Gestalt existieren. Das wäre so, als ob Professor Brinckmann aus der Schwarzgeldklinik ein skrupelloser Pfuscher wäre, der den Klienten sauteuere nutzlose Medizin und dazu noch Rauschgift verkauft. Es gibt einfach Regeln in den Medien. Wer die verletzt wird nicht mal gesendet, so einfach geht das. Der Uncle Scrooge der 60er-Jahre war damals schon ein liebenswerter alter Herr, der dem armen Kleinbürger Donald eine glückliche Existenz mit einem Auto, einem Häuschen und den tollsten Spielzeugen ermöglicht. Er hüpfte in richtiges Geld. Um Geld geht es den echten Reichen aber nicht, es geht ihnen um Macht. Der echte Uncle Scrooge betreibt mit seinen Scheinfirmen die Zentralbank und kassiert dafür die sogenannte „Scrooge Steuer“ von den verdummten Steuerzahlern. Steuerzahler sind die, die im Donald Comic nicht wirklich auftreten. Sie haben austauschbare Gesichter, sind reine Statisten. Geld ist bekanntlich nur ein Mittel zur Weltherrschaft und kein Selbstzweck. Onkel Scrooge gehört das Entenhausener Tageblatt und so sind die Bürger fanatische Anhänger der Scrooge-Steuer. Natürlich ernennt Uncle Scrooge auch den Präsidenten und die Leitbilder aus der Traumfabrik. Forbes liegt völlig falsch, Uncle Scrooge rules, nicht Uncle Sam, diese fiktive Pappnase. Und wenn Gates in der Liste oben ist heißt das nur, dass er zuviel Cash rum liegen hat imho. Gegen die Scrooge-Dynastie ist Gates ein austauschbarer Parvenu.
Newspeak, 11.08.2009
2. ...
An dem ganzen Artikel hat mit besonders das Zitat gefallen, daß die Donaldisten und Dagobert-Duck-Fans "dadaistische Diskussionen auf hohem Niveau" führen. Genau das trifft den Punkt. Ich mag die Ducks auch, aber man sollte die Diskussion ihrer Marotten, die losgelöst von den Weltproblemen ja durchaus unterhaltsam sein kann, nicht zu sehr übertreiben. Letztlich ist es nämlich für die reale Welt ohne Belang, welchem Typ des Kapitalisten man Dagobert Duck zuordnet. Zumindest solange, wie echte Kapitalisten durch ihre kriminellen Machenschaften Menschen ins Unglück stürzen. Bisher ist keine echte Diskussion darüber entbrannt, wohl aber viele Scheindiskussionen an allen möglichen Fronten, Ablenkmanöver und vorgetäuschte Scharmützel. Viel eher, als mich die Frage nach dem in Entenhausen propagierten Kapitalismus umtreibt, interessiert mich die nach dem "real existierenden". Viel mehr, als an einer soziologischen Einordnung Dagobert Ducks, bin ich an einer Bestrafung der realen Kapitalisten interessiert.
hajoschneider 11.08.2009
3. Endlich wird mir klar, ...
Zitat von sysopIn der globalen Finanzkrise suchen Politiker und Professoren Rat bei Dagobert Duck, während Leitartikler darüber streiten, ob der Zillionär mit dem Zylinder eine "Heuschrecke in Entengestalt" ist. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,640630,00.html
... dass SPON nur die Online-Comic-Version des Spiegel ist.
AntiTaliban 11.08.2009
4. die literarische Herkunft der reichen Ente
Dagobert Duck heißt im Original "Uncle Scrooge". Das literarische Vorbild ist "Ebenezer Scrooge", der reiche Finsterling in Charles Dickens Novelle "A Christmas Carol" von 1843. Es gibt von Walt Disney eine Zeichentrickausgabe dieser Geschichte, in der die reichste Comic-Ente die Rolle des Ebenezer Scrooge spielt und Mickey Mouse die seines geplagten Angestellten, der auch am Weihnachtstag arbeiten soll. Allein die Verwendung des Namens Scrooge ist eine Übernahme der Kritik Dickens an rücksichtslosen Kapitalisten. Nur dass Dickens die Verhältnisse in England und Walt Disney die in den USA vor Augen hatte. Übrigens endet der Walt-Disney-Film damit, dass der reiche Scrooge zum guten Menschen bekehrt wird und versucht, seine Nächsten glücklich zu machen. Das wäre doch einmal ein Vorbild für die Raffkes unserer Zeit, anstatt Boni aus Steuergeldern auszuschütten.
Born to Boogie, 11.08.2009
5. Sie hören von meinem Anwalt.
.......................................Entenhausen,11.08.2009 Noch so einen Artikel und ich verklage Euch ! Ohne freundl. Gruss, Dagobert Duck .............................................................
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