Absturz nach dem Boom Das Ende der Ente

In der globalen Finanzkrise suchen Politiker und Professoren Rat bei Dagobert Duck, während Leitartikler darüber streiten, ob der Zillionär mit dem Zylinder eine "Heuschrecke in Entengestalt" ist.
Von Jochen Bölsche

Abzuschätzen, wer der reichste Mensch der Welt ist, fällt auch den Experten des US-Wirtschaftsmagazins "Forbes" nicht immer leicht. Denn die Vermögen der Spitzenreiter unter den Superreichen schwanken. Bill Gates, zurzeit die Nummer eins, liegt auf der "Forbes"-Liste mit geschätzten 40 Milliarden Dollar relativ knapp vor dem US-Spekulanten Warren Buffett (37 Milliarden Dollar) und dem mexikanischen Telekom-Magnaten Carlos Slim (35 Milliarden Dollar); beide Verfolger hatten den Microsoft-Gründer im Vorjahr vorübergehend zu entthronen vermocht.

Wie viel übersichtlicher schienen da doch lange Zeit die Verhältnisse in der Welt der fiktiven Reichen - Thema einer weiteren, alle Jahre wieder zu Weihnachten veröffentlichten "Forbes"-Liste. Nachdem der "unermesslich reiche" Santa Claus nach Protest amerikanischer Kinder (Begründung: den Weihnachtsmann gebe es doch wirklich) aus der Liste getilgt worden war, rückte Dagobert Duck in die Spitze der "Forbes Fictional 15".

Zwar schwankt das Vermögen des Scrooge McDuck, wie die reichste Ente der Welt in Walt Disneys Originalversion heißt, ganz beträchtlich. In der US-Fassung besitzt der Krösus mit dem Bürzel mal "four fantasticatillion nine trillion dollars and sixteen cents", dann wieder "five billion quadroplatillion umtuplatillion multiplatillion fantasticatillion centrifugalillion dollars and sixteen cents".

Auch in der deutschen Comic-Version, die jahrzehntelang geprägt war vom Wortwitz und der Weltklugheit der unübertrefflichen Übersetzerin und Chefredakteurin Erika Fuchs (1906 bis 2005), differieren die Angaben erheblich - zwischen "50 Phantastilliarden" und "5 Pimpillionen 396 Tripstrillionen" Talern.

Und doch existiert neben dem telleräugigen Enterich mit dem großen Schnabel niemand sonst auf der Welt, kein Mensch und auch kein anderes anthropomorphes Tierwesen, dessen Vermögen zurzeit ähnlich häufig zitiert wird, wenn es gilt, die Dimensionen der Finanzkrise zu demonstrieren.

Wenn, so schreibt die "Frankfurter Allgemeine", Schätzungen zufolge weltweit ein Anlagevermögen von 50 Billionen Dollar vernichtet worden sei (in Ziffern: 50.000.000.000.000), dann scheine die "Phantastilliarden-Sphäre" des Onkel Dagobert "nicht mehr weit entfernt".

Auch Politiker und Professoren bemühen den Tycoon aus Entenhausen, wenn sie Gründe und Folgen des Finanzdesasters aufzeigen wollen. So greift etwa der prominente Würzburger Volkswirt Peter Bofinger gern auf den plattfüßigen Geizhals aus Entenhausen an der Gumpe zurück.

Die Ursache der Krise sieht der Wirtschaftsweise in "globalen Ungleichgewichten" zwischen zehn "Dagobert Ducks im Milliardenmaßstab", vornweg China und Deutschland, die "unglaublich viel gespart haben", und zehn anderen Ländern, "die unglaublich viel Geld rausgeschmissen haben", vor allem die USA. "Schluss mit dem Dagobert-Duck-Deutschland", lautet daher die Devise Bofingers, der dem Bund zur Überwindung der globalen Kluft Milliardeninvestitionen in die Bildung empfiehlt.

Laut "Süddeutscher Zeitung" ("SZ") wiederum rührt das derzeitige Übel womöglich daher, dass zunehmend mit fiktiven Werten gehandelt wird, denen ein Geldfetischist wie Dagobert Duck mit seinem geradezu erotischen Verhältnis zu Nuggets, Münzen und Scheinen nie etwas abgewonnen hätte; der Enterich schwimmt bekanntlich im Wortsinne im Geld und liebt es, "wie ein Seehund hineinzuspringen, wie ein Maulwurf darin herumzuwühlen und es in die Luft zu werfen", dass die Penunze ihm "auf die Glatze prasselt".

Am Beispiel Dagobert Duck zeigten sich jedenfalls, sinniert "SZ"-Kolumnist Axel Hacke, die Vorzüge eines "konkreten Verhältnisses zum Geld": "Kommt nicht das Unheil, das die Weltwirtschaft befallen hat, davon, dass man sich zu weit von dieser Realbeziehung entfernt hat?"

Mit Dagobert aus der Krise? Wohl kaum. Denn für viele Duck-Kenner symbolisiert der Zillionär mit dem Zylinder seit Jahrzehnten alle Übel des Kapitalismus. Insofern tauge der "Vorläufer des heutigen Finanzkapitalismus" geradezu als Lehrbeispiel, schreibt der Berliner "Tagesspiegel": "Hat uns irgendjemand, die Marx-Engels-Gesamtausgabe eingeschlossen, derart das Auge für das Wolfsgesetz des Kapitalismus geschärft?"

Ein Comic als Lehrbuch

Als lehrreich empfindet sogar ein CDU-Politiker wie Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust die Storys um den habgierigen Alten. Der bekennende Comic-Leser ("Ja, ich mag auch leichte Kost") schätzt an den Erzählungen aus Entenhausen, dass deren Sprechblasen "viel über die Schwierigkeiten des ungebremsten Marktes" verraten: "Immer wenn Dagobert Duck über die Stränge schlägt, scheitert er schließlich."

Das Beispiel des hanseatischen Christdemokraten zeigt, dass die Familie Duck das Amerikabild ganzer Generationen junger Deutscher geprägt hat. "Als ich das erste Mal in die USA kam, war mir alles sehr vertraut", offenbarte der deutsche Verleger Benedikt Taschen voriges Jahr der "Financial Times Deutschland": "Das war wie in den Donald-Duck-Geschichten" mit "dem großen Gewinner Dagobert, der den Geldspeicher irre voll hat, und dem ewigen Verlierer Donald" - halt "symptomatisch für den Kapitalismus".

Weit auseinander gehen allerdings die Ansichten, ob Disneys Comics diesen Kapitalismus auf sublime Weise propagieren, wie Soziologen befanden, oder ob sie ihn demaskieren, wie 68er glaubten, für die Dagobert der "Prototyp des Monopolkapitalisten" war und die Panzerknacker die "Jünger Maos" darstellten (SPIEGEL 43/1969)  .

Neoliberale Ideologen wie der Marktradikale Gérard Bökenkamp wiederum argwöhnen heute, die Dagobert-Geschichten leisteten der "antikapitalistischen Phrase" Vorschub, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher würden - bis am Ende ein "steinreicher Magnat" à la Dagobert über alles Geld der Erde verfüge. Böckenkamp: "Viele Menschen behalten diese Vorstellung ihr Leben lang."

Uneins sind sich die Exegeten auch darüber, ob der Erzkapitalist Dagobert eine "Heuschrecke in Entengestalt" ist ("Westdeutsche Allgemeine") oder aber, weil er sein Geld lieber mit Bodenschätzen als mit Finanztransaktionen verdient, eher eine "Anti-Heuschrecke" ("Die Welt").

Vielleicht liegen all die Unsicherheiten darin begründet, dass die Kommentatoren ganz unterschiedliche Dagobert-Geschichten konsumiert haben. Denn seit der Multimilliardär zu Weihnachten 1947 erstmals in einer "Donald Duck"-Ausgabe aufgetaucht ist, hat sich sein Charakter radikal gewandelt.

Ein Fiesling und Bösewicht, der vor illegaler Geldbeschaffung nicht zurückschreckte - so trat der Ur-Dagobert Scrooge McDuck auf, der von seinem Erfinder, dem späteren Kultautor Carl Barks, nicht zufällig nach Ebenezer Scrooge benannt worden war, dem hartherzigen Menschenschinder aus Charles Dickens' "Weihnachtsgeschichte".

Später, nachdem Dagobert vom Comic-Komparsen zur Titelfigur einer eigenen Heftreihe aufgestiegen war, ließ Barks den skrupellosen, menschenverachtenden Großkapitalisten der Anfangsjahre allmählich zum lustigen Onkel und schließlich zum schrulligen, fast bemitleidenswerten Alten mutieren. Immer wieder mal fügte er nun in seine Storys Rückblenden ein, mit denen er Dagoberts dunkle Vergangenheit aufhellte.

"Ich ging zurück", gestand Barks einem Interviewer, "bis in die Tage, als er noch Blasen an den Händen und erfrorene Füße hatte, alles nur, um zu beweisen, dass er diesen unverschämten Reichtum wirklich verdient hat."

Ungewiss ist, ob die Image-Korrekturen auf Wunsch des Disney-Konzerns erfolgten. Belegbar ist nur, dass Barks Anweisung hatte, Daisy Duck und andere Entenhausenerinnen ohne Busen zu zeichnen. Barks: "Es gab bei meinen Enten keinen Sex - nur Eier."

Noch ein Stück weiter weg vom Kotzbrocken-Image verschob der Comic-Autor und -Zeichner Keno Don Rosa das Charakterbild des Protagonisten: In den neunziger Jahren weitete er Barks' Rückblickpassagen zu einer umfangreichen Lebensgeschichte Dagoberts aus, die den Zeitraum zwischen 1867 und 1947 umfaßt und statt eines knallharten Ausbeuters und Unterdrückers über weite Strecken einen sympathischen Abenteurer und Selfmademan zeigt. Als unlängst, mitten in der Krise, in Deutschland eine Neuausgabe der Rosa-Retrospektive erschien (Titel: "Onkel Dagobert - Sein Leben, seine Milliarden"), bewertete ein SPIEGEL-ONLINE-Rezensent den Prachtband als "Liebeserklärung an die Figur Dagobert" - und als "dringend notwendige Image-Kampagne für den Milliardär und Banker an sich".

Wandlungen eines Erzkapitalisten

Der glühende Carl-Barks-Verehrer Don Rosa, der in seinen Geschichten die Widmung D.U.C.K. versteckt hat ("Dedicated to Uncle Carl from Keno") und der den Barks-Dagobert für die "größte Figur der Weltliteratur" hält, erklärt die Retusche am üblen Dagobert-Bild von einst damit, er habe "es nicht ertragen können, Geschichten zu schreiben über einen Typen, der ewig gierig ist".

Don Rosa zeichnet den Enterich aus verarmtem Schotten-Adel denn auch als eifrigen Knaben, der sich mit Schuhputzen seinen ersten Zehner verdient, und als emsigen Jüngling, der mit Uropas goldenem Gebiss im Gepäck nach Amerika auswandert und in Alaska einen Goldklumpen von der Größe eines Straußeneis findet, der den Grundstock seines Vermögens bildet.

Don Rosas Dagobert-Biografie hat niemand so gründlich analysiert wie jene Duck-Fans, die sich zur Deutschen Organisation Nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus (D.O.N.A.L.D.) zusammengetan haben. Gleichgesinnte unterhalten im Internet ein Speziallexikon namens Duckipedia.

Hier wie dort gehen Wissenschaftler und Pseudowissenschaftler in "dadaistischen Debatten auf hohem Niveau" ("taz") kniffligen Fragen nach - etwa, warum lediglich die weiblichen Ducks Schuhe tragen, warum Enten nur in Entenhausen Zähne haben und warum Dagobert an der Gedächtnisschwäche "Perduftia spiriti" leidet (in der US-Version "blinkus of the thinkus" genannt). Natürlich ist auch der Charakterwandel der lebenden Legende Dagobert Thema ausführlicher Erörterungen.

Der junge böse Dagobert hatte einst gar ein afrikanisches Dorf niederbrennen lassen, nur weil der Stamm sich weigerte, ihm das Land für einen halben Taler zu verkaufen. Die spätere Läuterung des üblen Imperialisten zu einer Art gefiedertem Indiana Jones führen die Dagobert-Forscher auf die allmähliche Entfremdung zwischen der Entenfamilie und dem amoralischen Enterich und die spätere Wiederversöhnung des "armen reichen Manns" mit seiner Verwandtschaft zurück, die ihn motiviert habe, "wieder aktiv zu handeln und neue Abenteuer zu erleben" (Duckipedia).

Dagoberts immenser Reichtum erscheint in Barks' Spätwerk wie in Rosas Reminiszenzen nicht mehr als Ausdruck asozialer Habgier. Seine heißgeliebten Taler schätzt der Erpel vielmehr als Erinnerungsstücke an vergangene Heldentaten. "Dagobert", so will ihn Don Rosa sehen, "ist ein Abenteurer, und Geld ist seine Trophäe."

Dem Charakterwandel des Billiardärs mit dem Bürzel haben auch Deutschlands Donaldisten Rechnung getragen, als ihr Präsident, genannt "PräsidEnte", 2005 erstmals einen Orden für Manager verlieh, die "ihre wirtschaftlichen Interessen frei von den Fesseln moralischer Bedenken" durchsetzen und "den Entenhausener Wirtschaftslenkern in nichts nachstehen". Der Preis, der an den Deutschbankier Josef Ackermann ging, war bemerkenswerterweise nicht nach Dagobert benannt, sondern nach dessen übler beleumdetem Gegenspieler MacMoneysac.

Ob ergaunert, ob erarbeitet - Dagoberts Nettovermögen hat sich selbst in der aktuellen Finanzkrise, jedenfalls laut "Forbes", dank emporschnellender Goldpreise weiter vermehrt. Dennoch rutschte er auf der jüngsten Liste der "Forbes Fictional 15" ab auf den zweiten Platz.

Deklassiert worden ist Dagobert weder von den Panzerknackern, die seit Jahrzehnten vergebens versuchen, seine Geldspeicher anzubohren, noch von seinem ewigen Rivalen MacMoneysac.

Auf Platz eins vorgeschoben hat sich kein Geringerer als Uncle Sam, die 200 Jahre alte Symbolfigur der US-Obrigkeit, die dem Geldjäger und -sammler Dagobert, so die Jury, in einem entscheidenden Punkt überlegen ist: "Dieser Kerl kann sein eigenes Geld drucken."

Mit einem Wort des Trostes bedachten die "Forbes"-Macher den Absteiger Dagobert und all die anderen Krisenopfer: "Dies sind harte Zeiten für jedermann - sogar für diejenigen, die nicht existieren." Schnief.

Verwandte Artikel