Erfinder & Pioniere Der Mogeldoktor

DEFD

Von Hans-Ulrich Stoldt

2. Teil: "Ein bloßer Prahler und Narr"


Faust rühme sich also, die Schwarzen Künste zu beherrschen, aus Handlinien, Wolken, Nebel und Vogelzügen sowie Feuer, Wasser und Rauch weissagen zu können - das seien doch "Anzeichen des dümmsten und unsinnigsten Geistes, welcher zeigt, daergss er ein Narr und kein Philosoph ist!", wetterte der Abt.

"Ein Landstreicher, leerer Schwätzer und betrügerischer Strolch", fuhr er fort, "würdig ausgepeitscht zu werden, damit er nicht ferner mehr öffentlich verabscheuungswürdige und der heiligen Kirche feindliche Dinge zu lehren wage".

Selbst getroffen hatte Trithenius diesen Faust nicht, und so gab er vom Hörensagen weiter, wie derselbe in Würzburg gelästert habe, "dass die Wunder unseres Erlösers Christi nicht anstaunenswert seien" und er alles könne, "was Christus getan habe, so oft und wann er wolle".

Mit seinen Kenntnissen der Alchemie habe Faust bei anderer Gelegenheit in Kreuznach geprahlt, wo er auch eine Schulmeisterstelle besetzte - kurzfristig nur, denn er "begann mit Knaben die schändlichste Unzucht zu treiben und entfloh, als die Sache ans Licht kam, der ihm drohenden Strafe".

Indes: In der Kreuznacher Chronik ist nichts von einem Lehrer namens Faust zu lesen und folglich auch nichts von dessen angeblichen sexuellen Übergriffen.

So lässt sich nur darüber spekulieren, was den Abt trieb, Faust mit derartigem Furor zu bedenken.

Die Vermutung bietet sich an, dass der Geistliche von eigenen Verfehlungen ablenken wollte - stand er doch selbst unter dem Verdacht "schwarzer Magie" und war gerade zuvor von eigenen Mönchen aus seinem Kloster vertrieben worden.

Nicht abwegig auch, dass Trithenius einen lästigen Konkurrenten verunglimpfen wollte, der ihm möglicherweise das eine oder andere lukrative Geschäft in der Wahrsagerei abluchste.

Niemand weiß, ob sich der Hofastrologe Virdung nach dieser Empfehlung noch mit Faust getroffen hat, und niemand weiß, was der so Gemobbte in den kommenden Jahren trieb.

Vielleicht saß er im Experimentierstübchen, braute Essenzen und versuchte sich in der Goldgewinnung - dass dieses möglich wäre, galt seinerzeit als gesichert. Vielleicht lebte Faust auch während der vielen Jahre, aus denen nichts über ihn verbürgt ist, als Familienvater daheim, und nur, wenn das Geld ausging, zog er in die Fremde.

Das nächste Zeugnis seiner Existenz stammt aus dem Jahr 1513 und ist ebenfalls nicht sonderlich schmeichelhaft.

Der Bamberger Bischof entlohnte ihn fürstlich für ein Horoskop

"Vor acht Tagen kam ein Chiromant nach Erfurt, namens Georgius Faustus Helmitheus Hedelbergensis, ein bloßer Prahler und Narr", schrieb der Kleriker Mutianus Rufus an einen Klosterverwalter. "Seine Kunst, wie die aller Wahrsager, ist eitel", notierte der Geistliche weiter, "ich hörte ihn im Wirtshaus schwatzen."

Doch das Bild eines Mannes, der sich vornehmlich in Kneipen und auf Märkten produziert, ist so nicht vollständig: Faust hatte offenbar auch Zugang zu hohen politischen Kreisen und dort einen guten Ruf als Astrologe.

So stellte er dem einflussreichen Bamberger Fürstbischof Georg III. im Jahre 1520 das Geburtshoroskop. Und das war eine nicht geringe Anerkennung, denn der Bischof war einer der höchsten kirchlichen Würdenträger im deutschen Sprachraum.

Geburtshoroskope waren schwer in Mode, und wer die Konstellation der Gestirne zu definieren und interpretieren wusste, galt als kluger Mann.

"Item X gulden geben und geschenckt doctor faustus philosoph", vermerkte des Bischofs Kammermeister penibel in seinen Büchern. Zehn Gulden - das war ein fürstlicher Lohn.

Als Wetterkundler versuchte sich Faust ebenfalls, wie 1528 eine Notiz von Prior Kilian Leib belegt, dem Leiter des Klosters Rebdorf in Eichstätt. Bei ihm hatte sich "Georgius faustus" als "Kommendator einer kleinen Niederlassung der Johanniter im Grenzgebiet Kärntens" ausgegeben - klingt interessant, ist aber nicht belegbar und eher unwahr.

Derlei Gemogel und Amtsanmaßung mag sich herumgesprochen haben - vielleicht bis nach Ingolstadt, wo am 17. Juni 1528 laut Protokoll des Rates einer, "der sich genant Dr. Jörg Faustus von Heidelberg" der Stadt verwiesen wurde: "Dem Wahrsager soll befohlen werden, dass er zu der Stadt auszieh und seinen Pfennig anderswo verzehre."

Noch härter kam eine Verfügung des Nürnberger Rates aus dem Jahre 1532, der Faust einen "Sodomiten" schalt, was damals allerdings noch nicht Unzucht mit Tieren unterstellte, sondern ein gemeines Schimpfwort war. Die Nürnberger Würdenträger ließen den angeblich aus Fürth ("furr") stammenden Faust vor dem Stadttor stehen: "Doctor fausto, dem grossen Sodomitten und Nigromantico zu furr, glait ablainen."

Danach ist wieder auf Jahre nichts von Faust zu hören. Dass er in dieser Zeit weiter in der Region reiste und sich dabei auch als Mediziner ausgab, belegt eine Schrift von Philipp Begardi, dem Stadtphysikus von Worms.

1539 schrieb der studierte Mediziner in seinem Buch "Zeyger der Gesundheit" nieder, was er von seinen Möchtegern-Kollegen hält, von "dahergelaufenen" Kurpfuschern wie jenem "Faustus". Viele hätten sich beklagt, dass sie von ihm betrogen worden seien.

Voll des Lobes war indes 1540 Philipp von Hutten, ein Neffe des Humanisten Ulrich von Hutten. Philipp hatte sich Jahre zuvor einer Expedition nach Venezuela angeschlossen, der Faust zutreffend einen schlechten Verlauf prognostizierte - "dasz ich bekennen musz, dasz es der Philosophus Faustus schier troffen hat".

Mal als Weissager und Astrologe gelobt, mal als Betrüger und Aufschneider geschmäht - ob es sich dabei stets um eben jenen Mann aus Knittlingen gehandelt hat, weiß niemand. Denn es gab ja auch noch andere Menschen mit dem Namen Faust, oder so ähnlich.

Etwa jener Johannes Faust aus Simmern, der 1505 in Heidelberg ein Studium beginnt und es vier Jahre später mit Examen abschließt. Vielleicht verdankt der Knittlinger Faust dieser Namensgleichheit seinen Mogeldoktor.

Oder jener Johan Fust aus Mainz, einer der ersten Buchdrucker und zeitweiliger Kompagnon von Johannes Gutenberg, dem Faust vielleicht den Ruf als "Schwarzkünstler" verdankt. Denn so wurden nicht nur die Praktiker der "schwarzen Magie" genannt, sondern auch jene, die schwarz auf weiß etwas produzierten, nämlich druckten.



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PML, 04.10.2009
1. Zweifel
@SPON: ---Zitat--- Denn so viel sei klar, sagt Museumsleiterin Hamberger: "Hätte Faust hundert Jahre später gelebt, hätte kein Hahn nach ihm gekräht." ---Zitatende--- Das möchte ich bezweifeln. 100 Jahre später, das wäre vor bzw. während des 30-jährigen Krieges gewesen. Und da war mitnichten "das Alte gewichen" und es hatte sich auch mitnichten "das Neue etabliert". Vielmehr hatte sich der Konflikt zwischen beidem weiterhin verschärft. Von Mittelwegen keine Rede. Davon abgesehen stellten sich die Fragen nach dem Woher, Wohin und Wofür im beginnenden 16. Jahrhundert ebenso wie im beginnenden 17. Jahrhundert.
sitiwati 04.10.2009
2. Faust
da war ein Plakat :HEUTE ABEND FAUST! die leute kamen in guten Zwirn und erlebten ein Kasperltheater, der Vorführende erklärte den erstaunten Publkum: GOETHE hätte sich durch diese Puppenspiel zu seinem Faust inspirieren lassen!
gorge11, 04.10.2009
3. Man möge selber suchen
Im Deutschunterricht habe ich gelerent, dass Faust ein Produkt englischer Puppenspieler sei, die in England über Lanf zogen und sie dort erzählten. Irgend wann mal kam die Geschichte nach Deutschland. Mir fällt auf, dass der Spiegel(Online) in letzter Zeit immer wieder Dinge so darstellt, als seien sie alleiniges Deutsches Kulturgut, Deutschtümelei eben, die auch Intellektuelle und Kulturbeflissene annehmen könnten, weil sie sich dadurch erhabener und mehr- bis besserwisserisch fühlen.
amdo, 04.10.2009
4. Faust; Der Mogeldoktor
Zwar ist es durchaus wichtig und interessant, die Figur Faust in Erinnerung zu rufen. Denn deren literarischer Nachhall in Europa ist so mächtig wie bei kaum einer anderen. Doch historisch Neues vermag der Artikel nicht beizusteuern. Was dort dargestellt wird, war und ist schon seit 30 und mehr Jahren bekannt. Der Informationsgehalt also tendiert gegen Null. A.K.
Knisterbuch 04.10.2009
5. Sprache
Ich finde den Artikel schon wegen der neuen sprachlichen Horizonte spannend. "Seinen Pfennig anderswo verzehren" - was ist das für eine herrliche Redensart?! Das Mittelalter mit seinen obskuren, schwarzmagischen Auswüchsen hat noch heute seinen Reiz. Eine schöne Sonntagmorgen-Lektüre
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