Das Mullah-Regime "Willkommen im Imperium"

Der SPIEGEL-Korrespondent für Nahost reist als Tourist nach Iran - und entdeckt ein Land, das anders ist als alle Nachbarn im Nahen Osten.

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An alles habe ich gedacht, nur an die extra Passfotos nicht. Ein Fehler, der mir auf einer Dienstreise nie unterlaufen würde; Nahost-Korrespondenten reisen immer mit einem kleinen Stapel von Passbildern. Aber diesmal bin ich nicht auf Dienstreise, sondern mit meiner Familie unterwegs.

"Fotos?", fragt der Visabeamte am Flughafen Isfahan noch einmal und erhebt sich, um nach meiner Frau zu sehen und unseren drei Töchtern, die in der Ankunftshalle Fangen spielen.

"Sorry", sage ich.

Keine Antwort.

"Ana asif", reiche ich nach, gewohnheitsmäßig auf Arabisch, wenn ich auf Englisch nicht weiterkomme. "Es tut mir leid."

Keine Antwort.

"Affedersiniz", versuche ich es. Viele Iraner, das weiß ich von meinen früheren Reisen, sprechen Türkisch.

Keine Antwort.

Nun erst fällt mir "Bebachschid" ein, das persische Wort für "Entschuldigung". Doch dafür ist es jetzt zu spät. Wortlos und ohne aufzublicken, schreibt und stempelt der Beamte auf unseren Antragsformularen herum. Die Stille dauert und wird peinlich und verdächtig. Hat er ein Problem damit, dass ich Journalist bin? Sitzen wir gleich alle wieder in der Maschine, mit der wir eben aus Dubai gekommen sind? Der ganze Aufwand umsonst, weil ich die Passfotos vergessen habe?

Nach drei quälenden Minuten sammelt der Beamte die fünf Pässe von seinem Schreibtisch auf, reicht sie mir durch das Schalterfenster zu, schaut mir in die Augen und sagt, stolz, ernst, ohne die Spur eines Lächelns: "Willkommen im Imperium der Zand."

Seidenkopftuch und Sonnenbrille

Mein Familienname hat mit Iran nichts zu tun, doch ein Europäer namens Zand fällt in Schiras oder Isfahan etwa so auf, wie ein Iraner namens Bonaparte auf Korsika auffiele: Die Zands waren eine kurzlebige, aber bis heute hochangesehene persische Dynastie des 18. Jahrhunderts - eine der wenigen übrigens, deren Name nach der Revolution von 1979 nicht von den Monumenten und Straßenschildern der Islamischen Republik entfernt wurde.

Etwas ruppig, die iranische Gastfreundlichkeit, denke ich mir, doch tief empfunden. Wir sind entschlossen, uns zu fügen.

Das gilt vor allem für meine Frau.

Emine trägt, seit wir an Bord der IranAir-Maschine gegangen sind, ein seidenes Kopftuch und einen dunkelroten Manteau, den kurzen, für den nachrevolutionären Iran typischen Frauenmantel, den ich ihr von meinem letzten Besuch mitgebracht habe.

Ich finde, beides steht ihr ausgezeichnet, vor allem mit der Sonnenbrille; Emine aber widerstrebt die Maskerade. Nicht wegen des Kopftuchs, das sie auch trägt, wenn sie das Grab ihres Großvaters in der Türkei besucht. Sondern wegen der Hartnäckigkeit, mit der ich seit Jahren auf diese Familienreise gedrängt habe. Alles, habe ich ihr seit meinem ersten Besuch des Landes vorgeschwärmt, sei in Iran anders als sonst im Nahen Osten: die Straßen sauberer, die Menschen selbstbewusster, die Taxifahrer nicht so aufdringlich, die Fruchtsäfte frischer. Meine Frau findet, ich übertreibe es mit dem Enthusiasmus.

Aber zeigt unsere Ankunft nicht, wie recht ich hatte? Am Flughafen disziplinierte Schlangen statt des Gedränges, das wir aus Kairo gewohnt sind. Auf dem Weg in die Stadt herrliche, tief im Saft stehende Alleen von Platanen, wie wir sie uns in Dubai vergeblich wünschen. Und gleich am ersten Nachmittag am Tschahar-Bagh-Boulevard von Isfahan eine Szene, die in Luxor oder Istanbul undenkbar wäre: Wir betreten einen Laden für Kunsthandwerk, Alabaster, Kistchen mit kunstvoll gearbeiteten Intarsien. Unschlüssig stehen wir herum: Was eignet sich am besten als Geschenk?

Keine falsche Vertraulichkeit

Außer uns ist keine Kundschaft da, doch der Ladenbesitzer denkt gar nicht daran aufzustehen, geschweige denn uns seine Ware anzupreisen, wie es seine ägyptischen, türkischen, tunesischen Kollegen inzwischen längst getan hätten. "Wenn ihr glaubt", steht sinngemäß in sein Gesicht geschrieben, "dass ich mich erhebe, nur weil ihr mit euren Dollars und Euros winkt, dann habt ihr euch getäuscht."

Mir imponiert die Attitüde, sie begegnet uns immer wieder: keine falsche Vertraulichkeit, keine Unterwerfung unters Diktat des Welt-Tourismus, so spärlich er in Iran auch auftritt.

Doch sie wirkt schroff. Ist es Xenophobie, ist es Desinteresse?

Im Gegenteil. Als wir am Abend an der Si-o-se-Brücke, der schönsten und berühmtesten der elf Brücken über den Sajande-Fluss, ein Ruderboot mieten, winken die Jungs in den Nachbarbooten freundlich, drehen bei und suchen das Gespräch. Als die Kinder später im Teehaus an der Brücke ein Eis essen und ich eine Wasserpfeife rauche, steht ein älterer Herr auf, kommt an unseren Tisch und stellt sich förmlich vor. Sein Name sei Hossein, er spreche leider nur sehr schlechtes Englisch, doch sein Freund, Dr. Behsad, lasse fragen, ob ich zu einem Gespräch bereit sei.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
lenitas 12.04.2010
1. Mal anders
Vielen Dank für den Artikel. Ich hätte große Lust, als Tourist in den Iran zu reisen, traue mich aber noch nicht.
swappy 12.04.2010
2. Ganz schlecht
Das ist ein Artikel, der nicht würdig ist auf spiegel.de veröffentlicht zu werden. Der Spiegel ist bekannt für kritische Berichterstattung. Dieser Artikel ist nicht kritisch, er ist devot geschrieben und eine Katastrophe. Im Iran werden Menschen umgebracht, wenn Sie für Ihre Meinung auf die Straßen gehen. Das Regime manipuliert TV-Satelliten um kritische Berichterstattung zu vermeiden, das Regime manipuliert Wahlen, das Regime versucht mit aller Macht eine Atombombe zu bauen, das Regime ist für die Vernichtung von Israel und ein Spiegel-Journalist preist vorteilhafte Vergleiche gegenüber den Nachbarländern an anstatt objektiv seine Meinung zu sagen. Gute Nacht Spiegel.de!
Transmitter, 12.04.2010
3. Was soll uns der Artikel sagen?
Zitat von sysopDer SPIEGEL-Korrespondent für Nahost reist als Tourist nach Iran - und entdeckt ein Land, das anders ist als alle Nachbarn im Nahen Osten. http://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/0,1518,686974,00.html
Zitat: "Drei Tage später reisen wir ab. Ich hatte meiner Familie versprochen, es würde keine Korrespondentenreise sein: keine Recherchen, keine Interviews, keine großen Theorien - und keine Passfotos." Was soll uns dieser Reisebericht sagen? Das sich eine Familie, die völlig unauffällig, absolut angepasst, ja, mit einer nahezu einheimisch gekleideten Ehefrau, im Iran aufhält und allenthalben Lobhudeleien auf den Iran absondert, nicht eingesperrt wird? Ich verstehe den Artikel nicht. Echt nicht!
Faust007 12.04.2010
4. Danke
Danke für diese wohltuend andere Darstellung meiner alten Heimat. Die deduktive Wahrnehmung aufgrund der einseitigen Berichterstattungen wird hierdurch teilweise korrigiert.
Celegorm 12.04.2010
5. ...
Zitat von swappyDas ist ein Artikel, der nicht würdig ist auf spiegel.de veröffentlicht zu werden. Der Spiegel ist bekannt für kritische Berichterstattung. Dieser Artikel ist nicht kritisch, er ist devot geschrieben und eine Katastrophe. Im Iran werden Menschen umgebracht, wenn Sie für Ihre Meinung auf die Straßen gehen. Das Regime manipuliert TV-Satelliten um kritische Berichterstattung zu vermeiden, das Regime manipuliert Wahlen, das Regime versucht mit aller Macht eine Atombombe zu bauen, das Regime ist für die Vernichtung von Israel und ein Spiegel-Journalist preist vorteilhafte Vergleiche gegenüber den Nachbarländern an anstatt objektiv seine Meinung zu sagen. Gute Nacht Spiegel.de!
Nun, zumindest der Teil scheint doch ziemlich objektiv, gegenüber diversen Nachbarländern kann der Iran immerhin sicher bereist werden (und um einen Reisebericht ging es hier ja eigentlich). In Afghanistan, Pakistan oder dem Irak wäre das vielerorts momentan nicht zu empfehlen. Und was Menschenrechtsverletzungen angeht steht etwa auch die Türkei nicht viel besser da, erst recht nicht diverse andere Staaten in der Region. Verglichen mit beispielsweise Saudi-Arabien erscheint erschreckenderweise der Iran wirklich schon fast als Demokratie, selbst die Lieblingskinder des Westens wie die VAE pflegen einen bedenklichen Totalitarismus. Nicht einmal "die einzige Demokratie des Nahen Ostens" hat bekanntlich eine saubere Weste. Insofern ist die zitierte Feststellung so unsachlich nicht.. Ebenso ging es wie erwähnt halt um einen launigen Reisebericht frei von grosser Politik. Das ist zwar in der Tat heikel und auch nicht meine Sache. Allerdings ist es auch ein wenig bezeichnend, dass sowas an dieser Stelle Empörung auslöst, nur weil es um den Iran als designierten Bösewicht geht, ansonsten aber kaum je zur Kenntnis genommen wird. Zumindest vernimmt man derartige Kritik bei der üblichen Urlaubspropaganda kaum je, selbst wenn sie nicht weniger angezeigt wäre. Aber wenn hübsche Unterwasser-Fotostrecken aus Ägypten, den Malediven, Thailand und Co. locken dann vergisst man wohl gerne, was dort alles krumm läuft. Weshalb man das hier vielleicht sogar als bewusste Provokation betrachten kann, immerhin scheint es ja ein Tabu zu sein, über den Iran so zu schreiben wie es bei einem fröhlichen Ausflug nach Caracas oder Ankara ganz normal wäre..;)
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