Iran Laila unter der Lupe

Seit Jahrhunderten begeistert persische Miniaturmalerei Herrscher und Kunstfreunde. Noch heute wird die Handwerkstradition in eigenen Malschulen weitergegeben.

Claudia Stodte/DER SPIEGEL

Von Claudia Stodte


Der Tisch quillt über von Tuschkästen, Paletten und Papier. Drei junge Frauen zeichnen konzentriert, die Atmosphäre ist entspannt. Eine blonde Frau mit Kopftuch betritt den Raum, in ihren Händen mehrere Schachteln mit iranischen Süßigkeiten. Die Berlinerin Mila, 18, feiert heute ihren Ausstand; ihr zweiwöchiges Schulpraktikum in der Isfahaner Malerschmiede ist zu Ende.

Werkstatt und Geschäft des Miniaturmalers Hossein Fallahi, 72, liegen nur wenige Schritte von Isfahans großem Platz entfernt. Hier studierte Fallahi bis 1981 bei dem bekannten Maler Ali Sajjad, hier unterrichtet er seine insgesamt 15 Schüler in der Kunst der kleinen Bilder.

"Ich wünschte, ich hätte einen Großvater wie ihn", schwärmt Mila. "Er ist so ruhig und geduldig." Geduld ist wohl die wichtigste Eigenschaft, die ein Miniaturkünstler braucht, neben Inspiration, Zeichentalent und Farbgefühl. Viele Motive sind so klein, dass sie mit bloßem Auge kaum erkennbar sind. Fallahi zeichnet sie auf Papier, Holz, Leder und auf plattgepresste Kamelknochen. Über seinem Arbeitsplatz prangt eine große Lupe, die an einem Gelenk bewegt werden kann.

Die persische Miniaturmalerei ist mehr als 800 Jahre alt und begann als Buchkunst. Vermutlich entwickelte sie sich mit der Übersetzung griechischer Werke ins Arabische im 12. und 13. Jahrhundert in Bagdad, Kairo und Täbris. Die bunten Bilder machten die naturwissenschaftlichen Werke über Astronomie, Geografie, Zoologie und Heilkunde verständlicher.

Dekorative Symbiose aus Text, Bild und Schrift

Illustrationen literarischer Werke sind seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Diese Kunstform erlebte in Iran ihre höchste Blüte: Kein anderes islamisches Land kennt eine derart poetische und dekorative Symbiose von Text, Bild und Schrift.

Die frühen Miniaturen zeigen ein Potpourri verschiedener Stile: Erkennbar sind byzantinische, arabische, indische und chinesische Einflüsse. Durch die mongolische Eroberung Irans im 13. Jahrhundert verstärkte sich der ostasiatische Einfluss. Chinesisch inspiriert sind Motive wie Drachen, Phönixe und Wolkenkringel, aber auch die komplexere Komposition und die Qualität der Linienführung.

Wirklichkeitsnähe ist dabei zweitrangig. Die Bilder schaffen ein Ideal, streben nach der Harmonie von Raumgestaltung, Pinselstrich und Farbgebung. Flächige, zweidimensionale Darstellung und das Fehlen einer Zentralperspektive sind wohl auch auf die Bilderfeindlichkeit des Islam zurückzuführen: So mussten die Künstler weniger den Vorwurf fürchten, sie ahmten Gott, den Schöpfer, nach, indem sie selbst gleichsam Leben erschufen.

Alle Menschen auf den Bildern sind gleich groß. Frauen tragen oft ähnliche Kleidung wie Männer; manchmal unterscheiden sie sich nur durch ihre hellere Haut. Pferde haben kleinere Köpfe als in der Wirklichkeit - das liegt am Schönheitsideal der Zeit -, und ihre Augen wirken fast menschlich. Der "humane" Gesichtsausdruck von Tieren könnte ein Echo uralter indoiranischer Mythologie sein.

Als Inspiration diente vor allem das Schahname, das "Königsbuch" von Ferdausi. Fast jeder iranische König besaß ein individuell gestaltetes Exemplar; heute sind diese Prunkbände weltweit in Museen und Bibliotheken zu bewundern. Auch die Werke anderer Dichter wurden bebildert, wie Nizamis anrührende Liebesgeschichten "Laila und Madschnun" und "Chosrau und Schirin".



insgesamt 1 Beitrag
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Sheherazade, 02.05.2010
1. Frage an die Teilnehmer
Ich interessiere mich sehr für Malerei und zentralasiatische Kunst und male auch selbst, mich würde interessieren, was für Möglichkeiten es gibt, mich an dieser oder einer anderen ähnlichen Schule weiterzubilden, wenn zufällig jemand hier darüber Bescheid weiss und mir Tipps geben kann, würde ich mich sehr freuen!
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