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Religion und Wissenschaft: Der Niedergang des Morgenlands

Foto: Wally Santana/ AP

Am Scheideweg der Moderne Sturz in den Schatten

Der Islam erlebte sein Goldenes Zeitalter, während Europa im Mittelalter stagnierte. In der Neuzeit aber fiel das Morgenland weit hinter das Abendland zurück - eine schlüssige Erklärung dafür steht noch aus.
Von Rainer Traub

Der rapide weltgeschichtliche Aufstieg des Islam war nicht nur ein militärischer, sondern auch ein kultureller Siegeszug.

Als Mohammed um das Jahr 610 prophetisch zu wirken begann, war Roms Glanz und Gloria längst dahin, die Tiberstadt fast zum Provinznest herabgesunken. Mit dem allmählichen Niedergang des Imperium Romanum geriet auch das geistige Erbe der griechischen Welt weitgehend in Vergessenheit. Deren große Denker hatten Roms Zivilisation mitgeprägt und Philosophie, Naturwissenschaften und Medizin erst begründet. Aber es war schon mehrere Jahrhunderte her, dass jeder gebildete Römer Griechisch als Zweitsprache beherrschte. Im Jahr 529 hatte Kaiser Justinian sogar die einst von Plato gegründete Akademie in Athen schließen lassen. Im Namen des Seelenheils verpönte die christliche Spätantike die Quellen griechischer Kultur als heidnisch. Konstantinopel, die bevölkerungsreiche Hauptstadt des byzantinischen Reichs, genoss zwar anders als Rom einigen Wohlstand. Aber ihr intellektueller Horizont war christlich-orthodox beschränkt.

Viele der originellsten Geister griechischer Sprache lebten im frühen 7. Jahrhundert in Alexandria. Und diese Mittelmeerstadt kapitulierte schon 642 vor dem Ansturm der Muslime, nachdem die dem christlich-koptischen Patriarchen die freie Ausübung des angestammten Glaubens zugesichert hatten.

Die intellektuelle Neugier der Sieger wandte sich dem Werk des griechischen Philosophen Plotin zu; der hatte im 3. Jahrhundert n. Chr. in Alexandria studiert und wurde dort immer noch als großer Weltdeuter geschätzt. Sein Denken kreiste um das allumfassende Eine ("Hen"), dem als unkörperlicher Ursache alles Seienden das ganze Universum entströmt sei. "In dieser Vorstellung des Einen", so schreibt der Autor Tamim Ansary in seiner "Globalgeschichte aus islamischer Sicht", "fanden die Muslime eine faszinierende Parallele zu der apokalyptischen Vision Mohammeds und der Einheit Allahs." Vom Neuplatoniker Plotin ausgehend, entdeckten die Eroberer dessen Lehrer Platon und den Universalphilosophen Aristoteles.

Wie der Islam begann, den christlichen Kulturkreis zu überstrahlen

Gerade der radikale Monotheismus der jungen Religion ermöglichte ihr also paradoxerweise den Anschluss an die sehr diesseitige Sozial- und Naturphilosophie der griechischen Antike. Die "bedingungslose Toleranz und Aufgeschlossenheit" dieser frühen muslimischen Philosophie war, wie der deutsch-britische Altphilologe und Orientalist Richard Walzer schrieb, die wichtigste Voraussetzung für den kulturellen Aufstieg des Islam. Bald begann der, den christlichen Kulturkreis zu überstrahlen.

Nachdem in der Mitte des 8. Jahrhunderts die erste muslimische Erobererdynastie der Umajjaden von den Abbasiden gestürzt worden war, avancierte deren Hauptstadt Bagdad zum geistigen Zentrum der damaligen Welt. Von überall her strömten Übersetzer nach Bagdad, um Werke aus dem Griechischen, aber auch aus anderen Sprachen wie Persisch, Sanskrit und Chinesisch ins Arabische zu übersetzen. Die kosmopolitische Attraktivität Bagdads gründete nicht zuletzt darauf, dass auch Christen und Juden in der islamischen Metropole ihre Religionen ungehindert ausüben konnten. Die waren als Vorläufer des aus islamischer Sicht endgültigen Monotheismus der Muslime akzeptiert.

Hatten die Griechen die Geometrie und die Inder die Null als Zahl erfunden, so systematisierten und verschmolzen die Araber ihre Ideen und entwickelten neue. Mit der Algebra legten sie den Grund für die moderne Mathematik, Physik und Astronomie. Sie verglichen die persische und chinesische Kosmologie, sammelten medizinische Erkenntnisse verschiedener Kulturen und errichteten die besten Krankenhäuser der damaligen Welt. Allein Bagdad, für einige Historiker die erste Millionenstadt der Geschichte, soll rund hundert Kliniken besessen haben. Und während die allmächtige römische Kirche im europäischen Mittelalter die Erbsünde lehrte und Höllenangst vor Sinnesfreuden schürte, war dem Islam der Blütezeit solches Denken gänzlich fremd. Leibeslust galt ihm, wie alle anderen Genüsse des Diesseits, als Gabe des allmächtigen Gottes: Dessen Geschöpfe ehrten ihr Geschenk am besten durch Gebrauch und sorgsame Pflege.

Im 12. Jahrhundert begann sich das europäische Bild zu wandeln

Neben Schulen, Kliniken und Bibliotheken errichteten die Eroberer zahlreiche öffentliche Bäder und Schwitzräume. Andalusiens islamische Hauptstadt Co'rdoba (siehe Seite 78) war um 1000 noch vor Konstantinopel die größte Stadt Europas und konnte sich in Bezug auf die kulturelle Ausstrahlung mit Bagdad messen.

Noch mehr Glanz als die genannten Städte verbreitete nach der Jahrtausendwende vielleicht nur Kairo. Die schiitische Fatimidendynastie hatte die Stadt 969 n. Chr. gegründet. Strategisch günstig zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean gelegen, erlebte Kairo binnen wenigen Jahrzehnten einen phantastischen Aufschwung, genährt von der Kornkammer des Nildeltas und den Rohstoffen Nordafrikas. Nicht zufällig entstand hier lang vor Europas frühesten Hochschulen die bis heute bestehende al-Azhar Universität.

Die abendländische Christenheit und der Islam stellten also nicht nur zwei verschiedene Religionssysteme dar, wie der Oxforder Historiker Richard W. Southern seinerzeit betont hat: "Ihre Gesellschaften waren sich in fast jeder Hinsicht außerordentlich unähnlich. Die längste Zeit des Mittelalters hindurch und fast auf seinem gesamten Territorium brachte das Abendland eine in erster Linie agrarische, feudale und monastische Gesellschaft hervor, und zwar zu einer Zeit, als die Stärke des Islam gerade in seinen großen Städten, reichen Höfen und langen Verbindungswegen ins Hinterland lag. Den abendländischen Idealen, die im Wesentlichen auf Zölibat, Priestertum und Hierarchie ausgerichtet waren, setzte der Islam die Weltanschauung eines Laienstandes entgegen, der dem Wohlleben und der Sinnenfreude zugetan und im Prinzip egalitär war und sich einer beachtlichen Freiheit der Spekulation erfreute."

Wie sich der Orient im trügerischen Gefühl der Dominanz wiegte

Die islamische Welt samt ihren geistig-zivilisatorischen Leistungen war im christlichen Kulturkreis bis ins 12. Jahrhundert weitgehend unbekannt. Die erste Koranübersetzung ins Lateinische erschien im Jahr 1143. Und um die gleiche Zeit schockierte die scholastischen Gelehrten die Einsicht in den enormen Wissensvorsprung der Muslime. Den Orientalen dagegen galt das christliche Europa als ein recht uninteressantes Reich ahnungsloser Barbaren.

Doch just im 12. Jahrhundert begann sich das europäische Bild grundlegend zu wandeln. Der Aufschwung des Fernhandels, die Anfänge von Kapitalwirtschaft und modernen Banken in den italienischen Stadtstaaten und die Herausbildung eines kaufmännischen Bürgertums lösten einen Entwicklungsschub aus; im 15. Jahrhundert kam die Erfindung der Druckerpresse, die Entdeckung Amerikas und des Seewegs nach Indien hinzu. Die muslimischen Reiche im Nahen und Fernen Osten konnten europäische Seefahrer und Händler nun umschiffen - und sich selbst überlassen. Feudale Stagnation wich merkantiler und kapitalistischer Dynamik.

Unmerklich, aber unaufhaltsam verschob sich das Kräfteverhältnis zwischen Orient und Okzident. Die Aufklärung, die industrielle und die Französische Revolution beschleunigten den Auftrieb des Westens, während der Orient sich weiter im trügerischen Gefühl der Dominanz wiegte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde immer deutlicher, dass die zivilisatorische Überlegenheit definitiv die Seiten gewechselt hatte.

Vor allem Napoleons Ägypten-Feldzug von 1798 trug dazu bei. Es waren ja nicht etwa muslimische Armeen, die die "ungläubigen" Invasoren schließlich besiegten, sondern eine britische Armada unter Admiral Horatio Nelson. Dem heraufziehenden europäischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts hatte die islamische Welt militärisch, ökonomisch, technisch und wissenschaftlich nichts mehr entgegenzusetzen.

Die Frage, wie dieser Absturz möglich war, rührt bis heute an den Nerv muslimischer Identität.

Die Religion allein ist für den Niedergang nicht verantwortlich zu machen

Der britische Islamwissenschaftler Bernard Lewis hat dem Problem ein Buch gewidmet, dessen deutsche Ausgabe ihre Pointe schon im Titel setzt: "Der Untergang des Morgenlandes". Mit einer Fülle historischer Details illustriert er den zunehmenden Entwicklungsabstand zwischen Ost und West in der Neuzeit. Eine triftige Erklärung, die der Buchuntertitel zu verheißen scheint ("Warum die islamische Welt ihre Vormacht verlor"), findet sich aber nicht. Angesichts der vertrackten Vielschichtigkeit der Frage kann es einfache und eindeutige Antworten auch nicht geben.

Die Religion allein ist für den Niedergang jedenfalls nicht verantwortlich zu machen. Schließlich blühte in ihrem Zeichen ein Goldenes Zeitalter. Das bekräftigt auch Lewis: "Der Islam hatte im Hinblick auf die Künste und Wissenschaften das höchste kulturelle Niveau in der Geschichte der Menschheit erreicht."

Und doch scheint es, als wären im historischen Umbruch, der den Übergang in die Neuzeit markiert, gerade jene Eigenarten, die den frühen und klassischen Islam beflügelt hatten, zum Ballast geworden.

Hierzu gehört vor allem der Umstand, dass der militärisch-politische Blitzaufstieg der Muslime eine Trennung von Kirche und Staat, Religion und Welt erst gar nicht hatte entstehen lassen. Während das Christentum zunächst eine jahrhundertelange Untergrundexistenz führen musste, bildete die islamische Gesellschaft von Anfang an eine schlagkräftige Einheit von Religion und Staat, Herrscher und Untertanen. Eine überlieferte islamische Selbstbeschreibung fasst dies in einem einprägsamen Bild: "Der Islam, der Herrscher und die Menschen sind wie das Zelt, der Mast, die Stricke und die Pflöcke. Das Zelt ist der Islam, der Mast ist der Herrscher, die Stricke und Pflöcke sind die Menschen."

Von der inneren Stabilität zur selbstzufriedenen Immobilität

Der Islam der Blütezeit war sich seiner Geschlossenheit, seines Zusammenhalts und seiner Überlegenheit so sicher, dass er Berührung und Austausch mit anderen Gedanken und Glaubensrichtungen nicht als Risiko fürchtete, sondern als Chance suchte; noch in der kulturell-religiösen Pluralität im Osmanischen Reich spiegelte sich etwas davon.

Dann aber schlug die innere Stabilität der islamischen Gesellschaft in selbstzufriedene Immobilität um, während die westliche Welt infolge von Reformation und Säkularisierung, Industrialisierung und Welthandel, Kapitalismus und Individualisierung die Oberhand gewann. Autor Ansary führt ein verblüffendes Beispiel an: Lange vor der Konstruktion der ersten Dampfturbine in Europa gab es eine solche im Osmanischen Reich. Sie sei erfunden worden, "um beim Festbankett eines reichen Mannes einen Drehspieß anzutreiben und ein Schaf von allen Seiten knusprig braun zu grillen ... Nach dem Fest fiel niemandem eine weitere Verwendungsmöglichkeit für den Apparat ein, und er wurde wieder vergessen."

Alle gesellschaftlichen Voraussetzungen für eine Nutzung im Sinn der industriellen Revolution fehlten, wie Ansary darlegt. "Im Osmanischen Reich beispielsweise lag die Produktion in der Hand der Zünfte, die mit den Sufi-Orden verwoben waren, die wiederum eng mit dem Netzwerk des osmanischen Staates und der Gesellschaft verflochten waren. Die Gesellschaft zeichnete sich durch zahlreiche Stammes- und Gruppenzugehörigkeiten jedes Einzelnen aus und basierte auf der allgemein akzeptierten Aufteilung in einen öffentlichen Bereich, der allein den Männern vorbehalten war, und einen privaten Bereich, in dem die Frauen lebten und nicht mit Politik und Produktion in Berührung kamen."

Das ungelöste Rätsel des epochalen Abstiegs

Es half nichts, dass muslimische Gelehrte auch in anderen Fällen westlichen Erfindungen und Entdeckungen zuvorkamen, die zum Kernbestand der Neuzeit gezählt werden. So nimmt der syrische Astronom Ibn al-Schatir mit einem Modell des Mondumlaufs um die Erde aus dem Jahr 1375 jenes von Kopernikus exakt vorweg. Der in New York lehrende Wissenschaftshistoriker George Saliba hat es in seiner 2007 publizierten Studie "Islamic Science and the making of the European Renaissance" abgebildet. Nur eine Handvoll Forscher, so schreibt er, wüssten bislang, dass es eine direkte Verbindung zwischen Kopernikus und älteren arabischen Modellen gibt. Er folgert, die Wissensexplosion der Renaissance sei keineswegs eine Art abendländische Schöpfung aus dem Nichts gewesen.

Aber in den islamischen Gesellschaften fehlte es an den Bedingungen für die Anwendung des Wissens. Oder eine bornierte Obrigkeit würgte die Entwicklung ab - wie jener Sultan Murad III., der auf Rat seines Obermuftis 1580 das Istanbuler Observatorium des Universalgelehrten Takj al-Din von einer Reiterschwadron dem Erdboden gleichmachen ließ.

"Die Krankheit des Islam" heißt ein Buch, in dem der aus Tunesien gebürtige Autor Abdelwahab Meddeb nach den Anschlägen vom September 2001 der Frage nachgeht, "was vom einstigen Glanz zum heutigen Elend geführt hat". Meddeb, ein Kenner der gegenwärtigen islamischen Welt, unterzieht die eigene Kultur einer schonungslosen Analyse. Warum hat der Hass die Toleranz verdrängt? Wieso ist es nicht gelungen, Islam und Demokratie zu verbinden? Weshalb ist die islamische Gesellschaft von einer lebensfrohen, hedonistischen Tradition zu einer schamhaften Lebensweise voller Aggression gegen die Sinnlichkeit übergegangen? Wie ist das Versiegen der Kreativität zu erklären?

Der kluge Autor steckt seinen Lesern manches Licht auf. Und doch bleibt auch für Meddeb die Frage, warum dem historischen Aufstieg des Islam ein epochaler Abstieg folgte, ein ungelöstes Rätsel.

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